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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : An der Biegung vom Fluß (Flußspaziergang)



uisgeovid
21.08.01, 16:54
An der Biegung des Flusses

Die beiden Männer waren schon eine Weile gegangen. Schweigend erreichten sie die Biegung des Flusses.
„Ist es hier? Wollen Sie diese Stelle wählen?“
Der Alte schaute nicht in das Gesicht des Begleiters, hob nur kurz den Kopf und nickte in seine Richtung. Lange hatte er sich auf den Tag mit dem Begleiter vorbereitet, nun konnte er in Ruhe und Gelassenheit ertragen, was bestimmt worden war.
Ein leichter Windhauch trug den sanften Geruch des Wassers, der Alte atmete tief und öffnete seine Augen weit. Seine Lungen füllten sich noch einmal mit all dem Leben des Wassers und der Winde. Der vertraute Anblick der Flussbiegung, die alten Weiden an dieser Uferseite, die flache, rasenartige und leicht sich wölbende Böschung gegenüber, wie oft war er hierher gekommen - früher - und hatte nicht gedacht damals, dass es so einen Tag wie heute geben könnte. Tief in Gedanken hinter seiner sonnengegerbten Stirn vernahm er kaum das sachlich-geschäftige Hantieren des Begleiters, der die Pritsche schon aufgebaut hatte. Grad wollte der etwas sagen, hielt sich dann aber doch zurück.
„Ich möchte noch einmal an das Ufer gehen, haben wir noch soviel Zeit?“
„Alle Zeit der Welt, Ihrer Welt, hier.“
Es gehörte sicher auch zu den Aufgaben des Begleiters, gerade diese Ruhe und Sicherheit zu vermitteln, was der Alte entfernt schon wieder bemerkte. Er ging langsam zum Ufer. Das Gras wurde höher hier, reichte bis zu seinen Knien schon, als er die Weide umfasste. Die Hand lag ruhig auf der Baumhaut, er blickte jetzt auf die sich kräuselnden Wellen seines Flusses. Es war sein Fluss geworden, denn für heute hatte er ihn sich ausgesucht. Nun strömte Ruhe in ihn, er genoss die Luft und atmete die Feuchtigkeit, bis ihn ein leichtes Frösteln überkam. Mit seinen 82 Jahren hatte er jetzt lange genug ausgehalten und widerstanden. Da das Wehren zwecklos war, hatte er zugestimmt, hatte den heutigen Tag zum Tag für seinen Begleiter festgelegt. Entschlossen drehte er sich um und sah, was der Begleiter am Ufer inzwischen errichtet hatte. Da stand die Pritsche, daneben ein kleines Tischchen mit einem Hocker, auf dem dieser junge Verwaltungsbeamte der Gesundheitsbehörde saß. Korrekt war er gekleidet, dezent und verständnisvoll blickte er zu ihm herunter, sah kurz auf seine Uhr.
Ja, dachte der Alte, es wird Zeit für mich, und stapfte zurück.
„Legen Sie sich auf die Pritsche, wenn Sie bereit sind.“
Wieder dieser sachliche, doch keinesfalls bedrohliche Ton. Die Atmosphäre am Fluss tat ein übriges. Von weitem war ein leises Rauschen zu hören, einige Vogelstimmen dazu und Wind in den Weiden.
So legte sich der Alte hin.
„Sie wissen sicherlich, dass wir Ihnen dieses Privileg einräumen, hier in der freien Natur... Es liegt nicht nur an Ihren Verdiensten, nein, Sie haben auch unser Gesundheitssystem im Laufe Ihres Lebens nicht übermäßig belastet.“
Der Begleiter öffnete bei diesen Worten ein kleine Handakte, blätterte sie durch und schien sie aufmerksam zu studieren.
„Wir konnten Ihrem Wunsch für eine Freiluftbegleitung deshalb noch nachkommen, obwohl das heute nicht mehr üblich ist. Ich muss Sie jetzt fragen, ob Sie die vorbereitete Musik hören möchten oder nicht.“
Der Alte gab mit einem stummen Kopfnicken zu verstehen, dass er auch dazu bereit war, nahm die Kopfhörer entgegen und wartete.
Aus dem Aktendeckel nahm der Begleiter nun ein vorbereitetes Schreiben.
„Den Inhalt kennen Sie ja schon...wenn Sie hier unterschreiben wollen, damit ich beginnen kann, bitte.“
Der Alte überflog das Schriftstück oberflächlich, las etwas über die Bestimmungen der Begleitung, die Freiwilligkeit, das modifizierte Gesetz aus dem Jahre 2030 undsoweiter. Erstaunlich ruhig führte er seine Hand bei seiner letzten Unterschrift und bemerkte, wie der Begleiter nahezu gleichzeitig die Injektionsflüssigkeit sorgfältig aufzog.
Der Alte setzte sich die Kopfhörer auf und hörte noch seinen Begleiter sagen „Ihren Arm, bitte...,“ als auch schon die Musik einsetzte. Natürlich hatte er sich die Moldau ausgesucht und so spürte er den leichten Nadelstich, als die ersten Takte begannen, den Lauf des kleinen Bächleins zu beschreiben.
Sein Kopf war leicht erhöht auf einem Kissen, er sah auf den Fluss, blickte hinüber zum anderen Ufer und lauschte der Musik. War es das Plätschern der Wellen, der Wind oder die Musik? Er konnte es nicht auseinanderhalten, da kam Wärme auf ihn zu ganz sanft. Nein, nicht die Augen schließen jetzt, dachte er. Die Sonne brach durch die Wolken und spiegelte sich auf der Wasseroberfläche, ihm wurde warm, die Moldau durchströmte ihn, umgab seine Gedanken mit zarter Musik. Das Licht gleißte, seine Lider wurden schwerer, Duft von Rosen, ja, er spürte in seiner Nase ein angenehmes Kribbeln. Waren seine Augen geschlossen jetzt? Sah er nicht mehr das Licht der Sonne auf dem Fluss? Er erhob sich, ging leichten Fußes davon, schwebend gar am Ufer entlang, noch einmal an der Weide vorbei, auf das Wasser zu, über das Wasser, getragen von der Moldau, die jetzt heftiger in seinem Kopf flutete, so groß geworden war inzwischen wie sein Fluss hier. Er war auf seinem Fluss jetzt, schwebte, wurde nicht nass, atmete den Duft der Rosen und glitt in das wärmende Licht... Euthanos.

uisgeovid
21.08.01, 16:56
...könnte ja sein, dass Ihr meint, diese Geschichte hätte noch Platz in unserem Büchlein... better late than never dachte ich mir

aerolith
21.08.01, 18:52
Platz ist in der kleinsten Hütte.
Ich bin mir aber hinsichtlich der Qualität und des dramatischen Aufbaus nicht so sicher, ob Du in ein, zwei Jahren nicht froh wärest, mit dieser Geschichte nicht verewigt worden zu sein. Sie hinkt und hangelt sich von Wort zu Wort, ist so gar nicht straff, hat keinen Höhepunkt. Ich weiß nicht. Sie gefällt mir einfach nicht.
Schreib eine andere!
Andererseits: Wenn sich hier in diesem Ordner Lob einfinden wollte, dann nähme ich sie. Keine Frage.

P.S. Ich glaube, Du kannst das viel besser.

traumtänzer
21.08.01, 22:34
hallo,

also, ich find sie gut (weiß nicht, ob gut genug für ein buch, aus erfahrungsmangel), wenn nicht dieses letzte wort wäre, welches ich nicht verstehe. ist das ne kurzform von euthanasie??? wenn ja, wärs m. e. überflüssig.

cu
tt

uisgeovid
21.08.01, 22:43
"Euthanos" aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie "der gl?ükliche Tod"

hagen
22.08.01, 09:54
Ich bin jetzt ganz verwirrt. Seit wann gibt es für unsere Flußgeschichten Bewertungskriterien? Nein, natürlich muß Uis selbst wissen, ob er seinen Kriterien genügt, das kann ich nicht beurteilen. Jedoch: Ich halte die Geschichte über dem Niveau des Durchschnittes. Warum? Sie ist sprachlich durchdacht, vielleicht gibt es an der einen oder anderen Stelle noch fast ins kitschige Ableitendes, aber das gehört vielleicht schon wieder zum Duktus der Geschichte. Was mir außerdem gefällt, ist ihr antagonistischer Grundzug Tod und Natur und sie spiegelt einen in der Zukunft (2035!, der fehlt bei vielen Geschichten unseres Büchleins) möglichen Entwurf. Dieses Szenario lebt von feinsinnigen Andeutungen, die Geschichte schwingt in der Luft des Todes, des eben gewählten oder notwendigen Todes. Nein, hier wird auch offen gearbeitet, so daß man zum Denken, zum Interpretieren angeregt wird. Wenn Robert seine Unsicherheit über den dramatischen Aufbau äußert, kann ich erwidern, daß ich der Ansicht bin, daß ich ihn sehr wohl für gelungen halte. Begriffe wie Injektionsflüssigkeit stechen direkt in den Text, der mit fast romantischen Anzügen die Landschaft beschreibt, hier kommt Spannung und Gegensätzlichkeit auf. Auch die Technik (Musik aus der Konserve, warum spielt kein Quartett?) ist ein Kontrapunkt zur Naturbeschreibung und dem Tod. Ich jedenfalls halte die Geschichte für gelungen. Ob Uis mehr kann, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube sie wäre eine Bereicherung.
Gruß hagen


[Diese Nachricht wurde von hagen am 22. August 2001 editiert.]

uisgeovid
22.08.01, 11:12
Vielen Dank erstmal für Kritik und Lob.
Das Leitmotiv der Geschichte hatte ich schon lange im Kopf, ob ich es besser könnte, weiß ich nicht. Im Moment kann ich das nicht gut beurteilen, weil ich mich zu sehr auf das Analysieren hier im Forum kapriziert habe, es macht den Kopf doch voll. Dennoch freut mich Roberts Lob, dass ich es besser könnte. Hagen, Du weist Stellen nach, die mir so nicht bewusst waren beim Schreiben, die aber wohl unterbewusst beabsichtigt waren in jedem Fall.