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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Gedanken über egoistisches Handeln



Sophie
23.08.01, 15:12
Ich fahre durch eine Welt die mir dreckig scheint, verdürrt und ausgetrocknet. Alles existiert unter einer Dunsthaube, unterdrücktes Leben, zerdrücktes Leben.- Völlig überspannt, überladen.
Wo ist der Sicherungskasten? Ich glaube, da ist was durchgebrand. Kann das jemand reparieren? Irgendjemand wird das schon machen, wie immer irgendjemand ein Problem schon regelt. Ich verlasse mich darauf, wie wir uns immer auf andere verlassen - um unser Gewissen zu beruhigen.

aerolith
23.08.01, 18:19
Hallo Sophie! Das Gewissen ist aber nicht beruhigt. Die großen Fragen! Ja ja. Wer glaubt, sich darum bekümmern zu müssen, muß wohl ein Narr sein. Ich hab eine dem ersten Anschein nach einfache Lösung für mich gefunden: Ich kümmre mich um Dinge, von denen ich etwas verstehe. Oder zu verstehen glaube, was beinahe dasselbe sein dürfte. Ich reiße mein Maul nur auf, wenn ich etwas zu sagen habe. Dann hab ich aber auch etwas zu sagen. Mein Wesen ist demnach Schweigen.
Wenn ich aber daran denke, wieviel Elend es gibt, dann dürfte ich so nicht handeln, oder? Müßte ich Deiner Meinung nach anders leben?

Sophie
23.08.01, 20:39
Ja, das ist die große Frage. Oder ist die Frage, kann ich den überhaupt anders leben? Unsere Welt ist so riesig und so komplex gestaltet, dass man sich gezwungenermaßen oft auf andere erlassen muss. Sich um etwas kümmern, seine Meinung zu etwas sagen von dem man Ahnung hat, ist denke ich schon mal der richtige Weg. Manchmal ist man so träge sich überhaupt erst Wissen anzueignen.
Zusammengefasst lehrt uns unsere Struktur leider den Egoismus. Wir kümmern uns ungern um anderes, geben wir es doch zu. Ich habe schon Hemmungen einem Blinden im Bus den Platz anzubieten. Ich frage mich wo das nur hinführen soll. Man weiß überhaupt nicht wo man anfangen soll anders zu sein, besser zu handeln.
Geht es dir auch so?

hagen
24.08.01, 00:33
Ich stelle mir andauern nur die Frage, warum der Mensch nicht so konstruiert ist, daß er sich mit seinem eigenen Harnstrahl gleich die Haare waschen kann.

[Diese Nachricht wurde von hagen am 24. August 2001 editiert.]

rodbertus
24.08.01, 19:45
Nein, Sophie, mir geht es nicht so. Ich habe keine Hemmungen, jedenfalls nicht in solchen Situationen im Bus. Das mag daran liegen, daß ich sehr selten Bus fahre, aber gegebenenfalls würde ich wohl Platz bieten. Ich kann mich erinnern, daß ich mal jemanden anschnauzte, weil er dasaß, statt zu stehen. Aber das sind Ausnahmen.
Dein Fragen berührt einen tieferen Grund unseres Daseins. Wir hatten schon einmal versucht, uns miteinander zu verständigen; vielleicht ist es uns damals gelungen, vielleicht zählt schon der Wille, sich auf den anderen einzulassen. Ich möchte es wagen. Ich wage es immer. Schon aus Neugier.

Letzte Woche schämte ich mich in meiner Kneipe. Auf meinem Stammplatz am Tresen saß eine besoffne Sau. Ein Mann, ca. 50, hatte diesen glasigen Blick in den Augen und stammelte Unverständliches. Ich ging auf ihn zu und begrüßte ihn. Schließlich hatten wir eine Gemeinsamkeit, von der er nichts wußte, meinen Stammplatz. Also wollte ich mit ihm reden. Mein Freund stiefelte aber schnurstracks auf einen freien Tisch zu; ihm war die Situation peinlich. Dieser Besoffne! Wenn man besoffen ist, dann doch nicht so selbstvergessen! Na ja, was soll ich Dir sagen, Sophie? ich stand auf und setzte mich zu meinem Freund, obwohl ich im nämlichen Augenblick den Eindruck hatte, daß ich hätte zuhören müssen. Und die Quittung: Der Abend machte mir keinen Spaß. Ich hatte keinen Spaß an diesem Abend.

Sophie
25.08.01, 11:56
Dem Blinden bot ich natürlich auch den Platz an. Und in der Situation wäre ich wohl gleich zum freien Tisch gelaufen und hätte erst gar nicht mit diesem Typen am Stammplatz geredet. Wir haben wahrscheinlich zu viele eingebrannte Stereotypen. Das Lebenzeigt uns, wer welche Rolle einnimmt. Ein Besoffener ist in unserem Kopf schon im vorhinein einer bestimmten Rolle zugeordnet. Dreckig, assozial, dumm, affektiv,... Ohne dass wir die Menschen kennen, machen wir uns ein Bild von ihnen und das hält uns schon im voraus davon ab in wirklichen Kontakt zu treten. Deshalb sind wir uns im Grunde genommen alle so fremd, wollen nichts miteinander zu tun haben, man weiß ja schon, was einen erwartet. Es ist traurig, dass zu verstehen. Richtig traurig.
Liebe Grüße.

aerolith
27.08.01, 23:12
Noch ist Hopfen und Malz nicht verloren. - Ich weiß, daß ich falsch handelte. Nächstmals werde ich es anders machen; vielleicht gibt es eine Enttäuschung; wer weiß das schon? (Das Wesen der Enttäuschung ist Täuschung. Täuschung selbst kommt von ganz oben, vom Deus malignus. Der große Täuscher gaukelt uns Erkennen vor, das unserer eigenen Not und das anderer. Und wir tappen.) Vielleicht werde ich enttäuscht und der vordergründig Asoziale entpuppt sich als Asozialer? Das wäre die doppelte Optik, die's den Vorurteilenden, den Präsumptiven (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=praesumption)gar recht machte.
Aber aber. Ich strebe nach dem Licht. Und Du, Sophie, willst wohl auch ein wenig streben, etwas besser machen, etwas Neues auf den Weg bringen, eine Freude im Miteinander artikulieren und ausleben. Laß uns zusammen einen Platz finden, den wir anbieten können!

Hannemann
28.08.01, 00:43
Robert, was wäre wenn wirklich...oder, wie wird Mann asozial? Ursache Entäuschung, Wirkung Scheitern. Wer Sorgen hat, hat auch Likör. Rede trotzdem mit ihm, Du triffst auf Erfahrung, auf Leben. Er stinkt vielleicht, aber beißt nicht. Asozial - von welchem Standpunkt aus gesehen?- ist noch lange nicht kriminell. Könnte durchaus sein, ER gibt Dir einen aus. Rede mit ihm, und 15000 Jahre Fegefeuer sind Dir gestrichen für das, was Du oft mit uns machst.

Sophie
29.08.01, 20:13
ich versuche ja besser zu handeln, die alten werte beizubehalten. helfe menschen ihre taschen tragen, versuche immer freundlich und nett zu sein, bin als streitschlichter bekannt und habe auch schon überlegt, ob ich unterschriften sammle gegen den bau der autobahn durch ein grüngebiet, aber dabei kam ich mir dann doch ein bisschen doof vor. man wird ja schon komisch angeschaut, wenn man für mülltrennung ist und gegen kriege.
robert, meinst du mit deiner definition von enttäuschung, in unserem fall, dass wir es gar nicht besser machen können, dass wir, die meinen es durchschaut zu haben, es eigentlich nicht durchschaut haben und die eigentlichen "bösen" sind? kann ich mir nicht vorstellen.

aerolith
31.08.01, 10:31
Hannemann: Um ins Fegefeuer zu kommen, müßte daran geglaubt werden. Du weißt doch, daß nur ist, was vorgestellt werden kann. Ich stell Dir meine Vorstellung des Fegefeuers mal vor, demnächst, also eines Seienden, was nicht ist, weil's nur vorgestellt ist. Wie sollte ich mich anders als literarisch dahinein verirren können?

Liebe Sophie! Ich bin wirklich kein Gutmensch. Ich trage Werte nicht spazieren, eine Reflexion darüber verbietet sich. Jedenfalls eine Reflexion, die darauf abzielt, auch nur auf irgend eine Änderung im Verhalten abzuzielen. Ich mag also dieses vernunftgeleitete Verhalten gar nicht. Verhalten kommt aus der Seele, aus dem Unbewußten (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=unbewusst), aus dem Bauch, ist vom Blutzuckerspiegel abhängig und von den Ausstrahlungen der umgegebenen Mitmenschen. Dieses ganze Gequarre um synästhetische, symmetrische und komplementäre, um ubivoque und weißdergeier Verhaltensnormen im gesellschaftlichen Miteinander mag ich nicht; sie führen bestenfalls zu einer Bussiehbussieh-Mentalität, die so falsch wie nutzlos ist. Andererseits möchte ich mein Verhalten amoralisch nennen, weil ich nicht wollen kann, daß jeder solch eine Maxime sich zueignet. Aber das ist mir beinahe gleichgültig. Ich kann nicht für alle Menschen sprechen, nur für mich. Und Du mußt wissen, daß ich einem Verdikt wie dem von der Gleichheit aller Menschen nicht zustimmen kann. Eben weil der Mensch frei ist, kann er sich entscheiden, so oder so zu sein. Man muß ihn gerecht behandeln, aber nicht gleich.
So, bevor Du jetzt einschläfst, hier noch mal meine Lösung: kleine Kreise,



das enthebt mich vieler kleiner Enttäuschungen, bereitet aber manchmal große;
das läßt mir den Überblick und eine diesbezügliche Verantwortung und
dadurch bin ich eingebunden. (Ein Mensch wie ich braucht eine lange Longe, aber diese Longe braucht er.)

Sophie
31.08.01, 14:20
also robert, wenn ich dich jetzt richtig verstanden habe, würdest du dein verhalten gar nicht ändern wollen, und wenn doch, dann nur in richtung innerer kraft, stärke, durchsetzungsvermögen. aber klingt das nicht ein bisschen egoistisch (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=egoismus)?
na gut, vielleicht hörte sich das bei mir so an, dass ich vor anderen besser dastehen will, dass ich es wegen der anderen täte. doch ich tue es für mich, um vor mir besser dazustehen. ich träume ja nun nicht gerade von einer großen, sich liebenden gemeinschaft...ein grauenvoller gedanke. vielleicht war das wort "werte" auch nicht so ansehnlich gewählt, ehrlich gesagt hört es sich ziemlich schnulzig an. wenn man mal versucht sich auf das anfangsproblem zu konzentrieren, würde ich sagen, uns fehlt einfach der objektive blick, gedanke.

aerolith
02.10.17, 12:52
Hier bin ich noch eine Antwort schuldig geblieben. Wird itzt nachgeholt:

Der Vorwurf, egozentriert zu handeln, ist für mich nicht neu. Ich höre ihn seit vierzig Jahren. Zuerst einmal ist egozentriertes Handeln gesund. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Jeder handelt so, wie er es für richtig hält. Entscheidend ist das, was er für richtig hält. Zu etwa einem Dritteil besteht das, was wir unser Ich nennen (woraus sich dann das Ego und die Persönlichkeit (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=persoenlichkeitsprofil)ergeben), aus dem, was wir genetisch mitbekommen haben, ein Dritteil dürfte in dem liegen, was wir gemeiniglich Umwelteinflüsse nennen können (Erziehung, politisches System, wirtschaftliche Zwänge...), Milieu und dergleichen, das wichtigste Dritteil aber, das im Laufe unseres Lebens immer wichtiger wird, ist das, was ich den freien Willen nennen möchte. Die ersten Jahre unseres Lebens sind wir zu übergroßen teilen das Ergebnis unserer Eltern udn Umwelt. Wer das mit 30 aber immer noch ist, hat etwas falsch gemacht. Spätestens mit 30 sollte man im Gleichgewicht der drei Teile seine Handlungen affizieren.
Das andere ist etwas, was mit dem Gleichnis von Herakles (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=herakles)am Scheideweg bereits in antiker Zeit ein entwicklungspsychologischer Tatbestand beschrieben worden ist. Früher oder später nämlich muß jeder Mensch eine Grundsatzentscheidung fällen, die da lautet, ob er sich oder andere in den Mittelpunkt seines Strebens stellen soll. Die meisten Menschen wählen sich selber. Die antithetische Verschränkung, die Kompensation für diese Fehlentscheidung, bilden dann Gutmenschenaktionen, im politischen Sinne das Modell Deutschland (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=modell), dieses widerwärtige Handeln zum (scheinbaren) Wohle anderer, aber das ist das Feigenblatt, während im Grunde sie doch nur an eigene Vorteile denken: politisch, moralisch, finanziell... Im persönlichen Bereich sind das die Menschen, die mit dem Finger auf andere zeigen, andere darüber belehren, wie sie sich zu verhalten hätten, die sich immer und überall mit ihrem Gemache und Gedöns einhängen und zu deren äußerem Erscheinungsbild zwar NICHT MEHR der erhobene Zeigefinger gehört, wohl aber die vernunftgeleitete Argumentation.

Wir freien Menschen haben dergleichen nicht nötig. Wir haben uns am Scheideweg für den Weg der Tugend entschieden, was bedeutet, daß wir NICHT unsere persönliche Karriere in den Mittelpunkt stellen, daß wir nicht Gelderwerb oder das Wohl einer Firma oder einer Partei über das der Gesamtheit stellen, wir kennen nur Menschen und fragen uns nicht, ob sie uns etwas bringen können... Du verstehst? Das macht uns in unserem Handeln unendlich frei. Wir sagen, was wir denken und wir handeln, wie es uns behagt. Fegefeuer und dergleichen sind für uns inadäquate Paraphrasen. Wir gehören nicht zu den Minderwertigen, wie Edgar Jung (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=jung#edgar_jung) das nannte, sondern zu den Höherwertigen, weil uns Gemeinwohl vor Individualwohl geht, weil uns die Menschen, die wir lieben, enger, für die wir verantwortlich sind, weiter, über unser eigenes Leben gehen und v.a., weil wir das Leben NICHT als höchstes Gut begreifen, sondern lediglich als eine Möglichkeit, den Weg der Menschheit voranzutreiben. Wir leben nämlich ewig, was uns eventuelle Entscheidungen auch leichter macht.

War ich verständlich?