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Karl Petric
01.09.01, 10:13
Die Bücherei

Rudi Fuchsenhof war Rentner. Seine Frau war schon vor vielen Jahren gestorben und seitdem hatte er sich zu Tode gelangweilt. Die freudigen Arbeitstage, die er so sehr vermißte, waren nur noch ein schöne Erinnerung, darum mußte er sich etwas anderes ausdenken.
Er besuchte die Bücherei. Sein größtes Interese galt nicht den Zeitschriften oder Büchern, sondern vor allem den Leuten und ihren Angewohnheiten. Diese schrieb er sich genau und gewissenhaft auf, zugleich aber tat er so, als ob er ein sehr interessantes Buch lese. Anfangs machte ihm das sehr viel Spaß, aber später stellte er fest, daß ihm etwas sehr Wichtiges fehlte. An einem sehr trübseligen, finsteren Tag ging er zum Puppentheater für Kinder, um sich eine Vorstellung anzusehen, die von einem Zauberer handelte, der das ganze Land verzaubert hatte. Während des Puppenspiels kam ihm wie vom Blitz getroffen der Gedanke, den er später auch akribisch in die Tat umsetzte. Zuhause gründete er sein eigenes Puppentheater, wo er sich als Puppenspieler und Zuschauer zugleich betätigte. Er kaufte sich eine fantastische Videokamera und fertigte sich kleine Puppen an, die den Angestellten und Besuchern der Bücherei ähnlich waren, wohin er fünfmal in der Woche hinging. Immer wenn er ein neues Gesicht sah, schaute er es sich genau, aber unauffällig an. Als er das Gefühl hatte, daß über eine bestimmte Person eine genügende Anzahl von Daten vorhanden waren, ging er nach Hause, wo er sich eine neue Puppe anfertigte. Mit dieser gestaltete er ein neues Spiel, das er mit der Videokamera aufnahm. Jeden Angestellten und Besucher der Bücherei verhöhnte er auf diese Weise und hatte damit viel Spaß. Auf eine komische Art und Weise fing er an zu glauben, daß er in Wirklichkeit die Leute verspottete. Alle Besucher der Bücherei kamen bei ihm an die Reihe, und zwar insbesonders diejenigen, die er nur flüchtig kannte.

Ansonsten war Rudi Fuchsenhof kein Spottvogel. Er war immer sehr höflich und hilfsbereit, halt ein Mensch dem man vertrauen konnte, aber wenn er bei sich zu Hause alleine war, dann entpuppte er sich als ein anderer Mensch. Aus allen Leuten, egal ob Angestellte oder Mitglieder der Bücherei, machte er sich lustig. Er lachte fast immer laut auf, so daß manchmal seine Nachbarin vor seine Tür angerannt kam und laut anklopfte.Rudi hörte sofort mit dem Lachen auf, öffnete die Tür, entschuldigte sich bei ihr und lud sie zu einer Tasse Kaffee ein. Sie war nie richtig böse auf ihn und vergab ihm deswegen immer weitherzig, denn nach ihrer Meinung war Herr Fuchsenhof ein gutmütiger Mensch. Er sagte dann zu ihr, daß er sich wieder einen Possenreißerfilm angesehen und darum so laut gelacht hatte. Aber der Nachbarin war nicht nach solchen Filmen zumute. Darum verschwand sie gewöhnlich auch sehr schnell. Und wenn sie nicht mehr bei ihm war, sprach er zu sich:
"Oh, du alter Waschlappen, warum bist du nicht ein Mitglied der Bücherei? Du würdest dann schon erleben, welche Ziegengebete du lernen müßtest!"
Man konnte sagen, daß Rudi ansonsten glücklich war, aber manchmal packte ihn große Angst angesichts der Möglichkeit, daß ihn jemand aufdecken könnte. Seine Steißbeinbeschwerden waren dagegen eine Kleinigkeit. Er wollte halt versteckt bleiben. Einige Tage nach dem letzten Besuch der Nachbarin ging er zu einer anderen Bücherei, denn die vorige hatte er schon vollständig bearbeitet und kam vorläufig nicht mehr in Betracht. Nach dem zweiten Besuch in der neuen Bibliothek geschah etwas Unvoraussehbares und Schockierendes. Wovor er sich am meisten gefürchtet hatte, drohte Wirklichkeit zu werden. Von einem der Büchereimitgliedern wurde er nämlich gerade dabei erwischt, als er einen Besucher genauer musterte und sich seine Beobachtungen notierte. Der Besucher, ansonsten noch jung, streifte ihn mit einem spöttischen Blick, danach zwinkerte er ihm demütigend zu. Rudi war beleidigt und voller Ärger, vor allem aber fühlte er in seinem Inneren große Schande. Er war bloßgestellt. Und in diesem Moment ging all seine Kraft verloren in die er so geglaubt hatte. Sofort begab er sich, ohne noch einen Funken Lebensfreude in sich zu tragen auf den Heimweg. In seiner Wohnung verdunkelte er alle seine Fenster und ließ sich nicht mehr auf der Straße blicken. Das dauerte ungefähr 14 Tage.

Als ihm der Vorrat an Lebensmitteln und Getränken ausging, sah er sich gezwungen, in das Delikatessengeschäft zu gehen. Zu seinem Schrecken lief ihm doch noch dieser unverschämte Jüngling über den Weg. Herr Fuchsenhof durchbohrte ihn mit seinen Blicken, bis dieser es schließlich merkte. Ganz ausdruckslos sah ihm der Jüngling ins Gesicht, aber gleich darauf wandte er seinen Blick in Richtung Kasse. Rudi Fuchsenhof atmete leicht auf, denn es war für ihn ein Zeichen Gottes, daß ihn dieser Junge nicht wiedererkannt hatte. In seinem Leben schien sozusagen wieder die Sonne.


Noch am gleichen Tag ging er in die Bücherei, wo er sich fuchsartig verstellte, als ob er ein interessantes Buch lesen würde. Aber in Wirklichkeit musterte er sein neues Opfer, dessen Gesten, Wörter und Minenspiel er sich in sein Notizbuch eintrug. Als er nach Hause kam, machte er sich eine neue Puppe und lachte so donnernd auf, daß seine Nachbarin energisch an seiner Tür anklopfte. Aber diesmal machte er ihr nicht auf, weil er keine Zeit hatte. Er mußte nämlich noch viel aufholen, den er war schon ganze vierzehn Tage im Rückstand.




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uisgeovid
01.09.01, 11:16
Lieber Karl,
Du beschreibst hier mehr als Du erzählst. Langeweile aber kann man nicht beschreiben, man muss sie wohl erzählen, sich zäh ausbreiten lassen. Nach einer solchen Vorbereitung würden dem Publikum dann Rudis Büchereibesuche sinnvoller erscheinen. Auch wird nicht ganz klar, inwieweit der Besuch des Puppentheaters die Idee mit den Videos hervorbringt. Hier verschenkst Du erzählerisches Ausgestalten und reportierst raffend. Auch das, was er mit den Puppen im Film so anstellt, lässt Du leer, wir aber wollen zumindest einen Anhaltspunkt für sein Lachen, das die Nachbarin misstrauisch macht. Ist es das Lachen eines Voodoo-Zauberers, das Lachen eines Irren, oder produziert er sich ein Stück Ersatz-Familienleben?
Der Gedanke mit den Puppen ist schon faszinierend, und das nicht erst seit Goethe. Was aber willst Du mit Deinem Text beweisen? Er kommt zu hybrid daher, hat sich ein Berichten aufgehalst und will doch erzählen.
Diese Idee scheint mir mehr wert zu sein und ausbaufähig.
herlichst uis

Karl Petric
01.09.01, 18:34
Hallo Uisgeovid,
Mit dieser Kurzgeschichte wollte ich eigentlich in ganzer kürze einen ganz gewöhnlichen Menschen beschreiben, der aber wenn man ihn genauer betrachtet auch etwas besonderes in sich trägt. Gerade diese beseondere Eigenschaft möchte er der Gesellschaft nicht preisgeben. Also Rudi ist kein Irrer, Zyniker, usw., sondern ein Mensch der sich so wie viele andere Leute auch manchmal langweilt, denn er versucht die Monotonie und die Enttäuschungen des Alltages mit einer besonderen Tätigkeit zu neutralisieren, was ihm auch sehr vortrefflich gelingt. Er stört niemanden und solange sein Geheimnis ein Geheimnis bleibt fühlt er sich auch nicht gestört.
Es ist eine Kurzgeschichte, man könnte sie aber aubauen und erweitern, aber dann wäre es vieleicht keine Kurzgeschichte mehr (Nowelle?!)?!
Ansonsten bin ich ganz und gar deiner Meinung, darum werde ich diese Kurzgeschichte in eine Nowelle transformieren.
Es lohnt sich jedenfalls eine konstruktive Kritik zu bekommen und darum bedanke ich mich herzlichst für dein Interesse, sowie auch für deine Aufmerksamkeit.
Ein schöner Gruß, Karl

aerolith
03.10.17, 08:31
Es ist eine Kurzgeschichte, man könnte sie aber aubauen und erweitern, aber dann wäre es vieleicht keine Kurzgeschichte mehr (Nowelle?!)?!
Uis meinte wohl eher Strukturschwächen Deines Textes, nicht so sehr die Textsorte. Du mußt hier stärker motivieren und nicht so viel explizieren, also Handlungen in ihrer psychologischen Grundierung dem Leser transparent machen. Ob es dann zu einer Novelle reicht, muß man sehen. Für eine Kurzgeschichte ist der Plot hinlänglich ausreichend.

Ach ja, und eines fiel mir dann doch noch dazu ein: Langeweile (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=langeweile)tötet!


https://www.youtube.com/watch?v=4Uly7baW_qs