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Karl Petric
02.09.01, 10:36
Der Enigmatiker

Es gibt Menschen, die sich sehr gerne mit dem Lösen von Kreuzworträtseln, Anagrammen, Rebussen und anderen Rätselarten beschäftigen. Sie können von dem wie besessen sein. Auch Werner gehörte zu diesen Menschen, bis er sich eines Tages gezwungen sah, sein langjähriges Hobby aufzugeben. Selbst die schönsten und schwierigsten Rätsel konnten seinen Seelenhunger nicht mehr stillen, da er hinsichtlich seiner Erwartungen immer wählerischer wurde. Als er eines Tages ganz einsam in einem Kafeehaus saß, dort seinen verlängerten Kafee schlürfte und dabei die Leute um sich herum beobachtete, durchzuckte ihn eine ungewöhnliche Idee. Er began sich zu fragen, warum man sich denn nicht mit dem Lösen von Menschenrätseln beschäftigen sollte. Jeder Mensch hat in seinem Leben bestimmte Neigungen, die er durch Gesten, Mienenspiel, Rede, Gesang, Schrift und sogar mit dem Abführen von Müll ausdrücken kann. Jedermann ist ein besonderes und einzigartiges Rätsel der Schöpfung, das es verdient, gelöst zu werden.
Ganz und gar widmete er sich nun seiner neuen Tätigkeit. Er kaufte sich Bücher über Psychoanalyse, Soziologie, Physik, Matematik, Anatomie und in einigen Jahren hatte er die meisten durchgelesen. Außerdem beobachtete er verschiedene Typen von Leuten und versuchte sie, zu begreifen. Alle Beobachtungen schrieb er sich sorgfältig auf. Nach vieljährigen Erfahrungen auf diesem Gebiet war er fast unfehlbahr. Sehr oft konnte er sogar Dinge voraussagen, die nicht einmal denjenigen bekannt war, die beobachtet wurden. Aber später stellte sich heraus, daß er recht hatte. Für jeden Menschen, dessen Lebensrätsel er lösen wollte, entwarf er ein spezielles Schema, das in verschiedene Bereiche aufgeteilt war. Das waren allgemeine Eigenschaften oder aber auch solche für bestimmte Menschenscharaktere. Werner beobachtete die Menschen nur und trat mit ihnen niemals persönlich in Verbindung bis zu jenem Zeitpunkt, als ihr Rätsel endlich gelöst war.
In solchen Augenblicken band er sich die schönste Krawatte um, holte aus dem Schrank seinen Festtagsanzug und machte sich sorgfältig zurecht. Gewöhnlich besuchte er nämlich seine lebenden Rätsel. Er stellte sich würdevoll vor und erklärte ihnen den Grund seines Hausbesuchs. Einige Leute wollten ihm gar sofort die Tür vor seiner Nase zuschlagen, aber nachdem sie die Bedeutung seiner Nachricht begriffen hatten, blieben manche entsetzt stehen, andere wiederum machten höllische Glotzaugen. Werner war halt unübertrefflich. Die Leute sprachen mit Ehrfurcht über ihn und hielten ihn für einen Menschen mit übermenschlichen Kräften. Immer wieder schüttelte er den Kopf und lachte milde über solche Vermutungen. Als er ihnen entgegenkommend den Verlauf seiner Gedanken erklären wollte, verstand ihn niemand. Werner genoß sein unzugängliches geheimnisvolles Wissen. Auch so manchen Gerüchten, wie z.B. daß er von einem anderen Stern gekommen sei, lauschte er voller Wollust. Für ihn gab es nichts Schöneres, als aus den Mündern von gewöhnlichen Sterblichen über sich Worte des Schreckens, der Verwunderung und Bewunderung zu vernehmen. Aber der Unfehlbare hatte keine Zeit zu verlieren, obwohl es manchmal ganz amüsant war, sich diese Torheiten anzuhören. Auf seinem Zeichenbrett hatte er schon einen neuen Fall, für den er drei Wochen Urlaub nehmen mußte. Seine Opfer wählte er sich meistens zufällig aus. Gewöhnlich ging er in die Stadt und mischte sich unter die Leute, bis er dann jemanden fand, der seine Aufmerksamkeit erregte. Auch diesmal hatte er den Eindruck, daß es keine größeren Schwierigkeiten geben dürfte. Sein Auserwählter war anscheinend ein Künstler, möglicherweise ein Maler. Viele Leute würden wohl meinen, daß Künstler, insbesonders Maler, zu den allerkompliziertesten Menschen gehören. Aber Werner war nicht ihrer Meinung, denn aufrichtige Künstler sagen viel über die Gesellschaft und sich selbst. Für ihn waren Künstler die leichtesten Fälle. Sein Forschungsobjekt war ziemlich groß, so ungefähr 1,95 m, schmal gebaut und hatte verträumte Augen. Die blaue Barettkappe auf seinem Kopf war so sehr charakteristisch, daß es schon unglaublich dumm und langweilig gewesen wäre, dieser Sache exakter nachzugehen. Sein schwarzer Mantel in Kombination mit dem rotem Schal war ein Merkmal, das dem Maler eigentlich auf die Stirn geschrieben ist.

Zunächst verfolgte er diesen Menschen unauffällig bis nach Hause und versuchte, dessen Namen herauszufinden. Nachdem sich diese Kleinigkeit erledigt hatte, schaute er sich die Wohnung des Künstlers von außen genau an. Dann machte er mit dessen Nachbarn Bekanntschaft und versuchte von ihnen noch etwas über die auserwählte Person zu erfahren. Auf eine solche Art und Weise sammelte er viele Informationen, die er dann bei späteren Analysen gut gebrauchen konnte. Wenn jedoch manche Informationen nicht der Wirklichkeit entsprachen, versuchte er sie, wenn es möglich war, miteinander zu verbinden. Das bedeutete, daß für Werner alle Informationen wertvoll waren. Sein Künstler, den er drei Wochen beobachtet hatte, schlief gewöhnlich bis zehn Uhr morgens. Danach verließ er seine Wohnung. Jeden Tag hatte er die gleichen Klamotten an, nur die T- Shirts unterschieden sich in Farbe und Muster. Immer ging er den gleichen Weg und hielt bei dem gleichen Schaufenster an, wo verschiedenste Möbelstücke ausgestellt waren. Der Maler betrachtete jeden Tag mit größter Genauigkeit das zusammenklappbare Bett, an dessen Seite ein stillstehender Ventilator stand. Er tat einige Schritte nach vorne, rückte seine Barettkappe zurecht von der linken nach der rechten Seite und blieb dort eine kurze Weile stehen. Sein Blick streifte zärtlich den Himmel und dann bog er in eine schmale Gasse ein. Am Ende dieser stand ein Lokal, mit dem Namen „Nordseewind“, in das er hineinging und sich sein Frühstück bestellte. Er trank einen doppelten Kaffee, aß zwei Brote mit Marmelade, rauchte zwei Zigaretten und danach machte er sich wieder auf den Weg. Er ging von einer Gallerie zur Anderen und schaute sich die Gemälde von einheimischen und ausländischen Künstlern an - jedoch viel zu schnell für einen Künstler. Werner konnte beim Beobachten das Gefühl nicht loswerden, daß dieser Mann nach etwas Bestimmtem suchte. Als es schon dunkel wurde, ging der Künstler nach Hause. Ungefähr um zehn Uhr abends legte er sich zur Ruhe. Werner fiel etwas Interessantes auf: in all den drei Wochen der Beobachtungszeit machte sein Maler nicht einen einzigen Pinselstrich. Ihm schien so, als wäre sein Augenblicksliebling ein Maler in der schöpferischen Krise oder ein Schwindler, der sich in aller Dynamik seiner lügnerischen Tugend nur so benimmt. Mit diesen Gedanken machte Werner sich auf den Weg nach Hause, aber ein innerer unerklärlicher Drang trieb ihn zum Friedhof. Schon lange war er nicht mehr dort gewesen und gerade an diesem Tag hatte er ungewöhnlichen Spaß an der grauenhaften Stille und an den bunten Kerzen, die ihr herrliches Licht in Richtung Himmel schickten. Er bewunderte die Grabsteine und berührte jeden mit seiner rechten Hand. Dann aber schaute er in den klaren sternenreichen Himmel. Er war so sehr in Gedanken versunken, wie schon lange nicht mehr, aber trotzdem konnte er die genaue Bedeutung der Gedanken nicht entschlüsseln, den alles war zu sehr Ausdrucksvoll und unheimlich zugleich. In dieser Nacht war ihm nicht dazu zumute, nach Hause zu gehen, darum übernachtete er einfach auf dem Friedhof in der Nähe der Kapelle. Vor dem Friedhof empfand er ansonsten große Furcht, aber diesmal schwiegen diese Gedankenimpulse ganz und gar. Am nächsten Morgen, als die Sonne aufging, wachte er auf. Er wollte schon nach Hause gehen, aber da erblickte er unerwarteter Weise seinen Künstler und blieb verblüfft stehen. Der Künstler hockte sich in der Nähe eines anderen Grabsteines hin, nahm einen Blumenstrauß in die Hand und begann an zu sprechen:
„Diese Blumen sind überall vom Tode umarmt, aber sie duften überhaupt nicht nach ihm. Sie sind frisch, leben und trotzen der Vergänglichkeit!“
Werner lauschte diesen ungewöhnlichen Worten, ging zu ihm und sprach ihn an:
„Entschuldigen Sie bitte meine Störung! Ich denke, daß sie bald Selbstmord begehen werden!“ Der Künstler veränderte seine Haltung nicht, beinahe unmerklich hob er seinen Kopf und entgegnete äußerst gelassen:
„Mein Lieber, so wie sie!“
„So wie ich?! Wie meinen Sie das?!“ schrie Werner beinahe auf.
„Manchmal beobachtet einer den anderen ganz instinktiv, weil er in ihm seine Zukunft sieht!“

uisgeovid
02.09.01, 11:49
Lieber Karl,
hier ist aber auch alles drin, und zu viel kann auch zu wenig sein, weil es sich verzettelt und nicht trägt, den Atem einer Länge keucht, dann zum Schluss ohne Luft da steht.
Einen ausladenden Anfang hast Du gewählt, in dem Du raffst, nicht immer so sehr logisch nachvollziehbar, aber man macht es ja grad noch mit. Dann wirst Du genauer in einem Ungenauen. Worauf läuft das Ganze hinaus? Aha, am Ende weiß ich's: eine Sentenz, eine parabelhafte Moral, eine Spiegelung, ein Vexierspiel, eine Charade. Und siehst Du, Karl, dafür war mir das Vorher ein Zuviel an Einleitung an Drumherum. Das Motiv, das Du entfaltest, die Mathematisierung des Zufalls, hättest Du mehr und ausführlicher, epischer zur Geltung kommen lassen können, dann wiederum hättest Du aber nicht mit epigrammatischem Ende aufhören dürfen. Was bleibt, ist eine Idee, mehr nicht.
herzlichst uis

Karl Petric
04.09.01, 17:38
Hallo Uisgeovid,
Eine gute Idee bedeutet 90 % von allem. Vielen Dank fuer dein Kompliment.
Schoener Gruss,
Karl