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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ahasverus I.



Hannemann
25.09.01, 12:55
Auch ich habe etwas Langes... nicht das... obwohl... das auch. Nein... doch... Quatsch, ich habe ebenfalls eine längere Geschichte. Wenn nur ein einziger Leser dies wünscht, werde ich unbarmherzig fortsetzen.


Er räkelte sich wohlig in seiner engen Kabine. Eigentlich hätten sie das Scheißding, die wichtigste Rakete in der Geschichte der bemannten Raumfahrt, schon ein bisschen größer und damit komfortabler für eine Reise bauen können, die immerhin ein paar Millionen Jahre dauern konnte. Trotzdem, Ahasver war mit den Gegebenheiten zufrieden; er hatte sein Ziel erreicht. Er ließ endgültig diese Welt und damit Seinen Fluch und Seinen Einflussbereich hinter sich zurück. Ausgetrickst hatte er Ihn und damit aufgezeigt, dass Er in Wahrheit nicht Alles wusste. Zum endgültigen Beweis wollte er sterben. Doch das war durch die letzten Jahrhunderte immer seine Hoffnung, seine Absicht gewesen.
Er dachte an den Tag zurück, an dem er erkannt hatte, dass die Zeit und das Interesse, die Aufgabe und die Möglichkeiten gekommen waren, um eine Lösung zu versuchen. Er schlug seine Beine übereinander, stieß wie gewöhnlich sein Knie an einem nutzlosen Feuerlöscher - Nutzlos-aber-Vorschrift-Idioten - und badete genüßlich in seinen Erinnerungen. Etwas anderes hatte er ja nicht zu tun. Er musste sich schließlich nicht um sich sorgen, das war ausschließlich Seine Pflicht, Sein Versprechen. Ein Versprechen, geboren aus dem Fluch, den gewisse Kräfte, die Angst um ihr Image hatten, immer verneint hatten und immer verneinen würden.
Bis Er nicht beschloss, sich endgültig von dieser Erde zu trennen - doch daran glaubte Ahasver nicht, denn die wuseligen Bemühungen ihrer Bewohner erzielten bei Ihm immer wieder ungeahnte Heiterkeitsausbrüche und wer trennt sich schon gerne von einem Quell ständiger Belustigung - solange würde man sich um den Schuster kümmern. Denn das Raumschiff war aus Erde - besser gedacht aus den Quellen der Erde - und solange nur ein winziges Staubkörnchen dieser Erde an seinem Körper haftete, so lange galt auch das Bündnis zwischen Ihm und ihm.
Vielleicht war Er damals von Schmerzen, von Seiner Pein Seines Kreuzweges, so überwältigt gewesen - schließlich war er damals auch nur ein Mensch - dass Er einen winzigen Augenblick nicht an die weitreichenden Folgen gedacht hatte. „ICH werde bleiben und DU wirst gehen!“ Herausgekeucht nach einer Schweigesekunde, dauernde Gültigkeit für ewige Schweigejahrtausende. Doch abgemacht ist abgemacht und noch nie hatte Er Sein Gesetz gebrochen.
Ahasverus dachte zurück an den Abend des Tages, nachdem er das Buch gelesen hatte. Er hatte zum Telefon gegriffen.

„Enterich!“
„Grüß Gott, Herr Professor. Mein Name ist Ahasver. Ich...“
„Woher haben Sie diese Nummer? Dies ist ein Geheimanschluss!“ Sollte er kichern?
„Entschuldigen Sie, Herr Professor, aber das ist wahrhaft kein Problem für mich. Mir gehört nämlich die Telefongesellschaft!“
„Die Telefongesellschaft? Das ist völliger Blödsinn!“
„Bitte, Herr Professor, legen Sie nicht auf. Mir gehört vieles, aber die Menschen wissen es nicht. Eigentlich gehört mir fast alles und daher besitze ich auch die Möglichkeiten.“
Zögern. Rede weiter, Mann!
„Wie war doch gleich Ihr Name?“
„Ahasver oder Ahasverus, ganz wie es Ihnen beliebt. Ein Mann Ihrer Bildung sollte mich eigentlich kennen.“ Das musste wirken
„Ahasver? Sie meinen doch nicht d e n Ahasver? Das ist ganz und gar unmöglich! Den gibt es nicht, der ist nur ein Märchen durch die Zeiten. Ich erkläre jetzt dieses Gespräch für beendet!“
Um Gottes Willen! Nein, nicht Der schon wieder, bitte nicht! „Herr Professor Enterich, geben Sie mir nur noch eine Minute, dann können Sie sich entscheiden. Ich kann Ihnen jederzeit den Beweis antreten, dass ich, sagen wir es einmal so, eine Realität bin.“
Enterich hatte tief eingeatmet und er hatte die Zeit genutzt. „Ich weiß,“ sagte Ahasver, „dass Sie mit der Kirche nichts am Hut haben, genauso wenig wie ich übrigens auch, obwohl es mir immer wieder angedichtet wird. Aber was würden Sie sagen, wenn ich veranlassen könnte, dass der Papst Sie persönlich anruft? Der wäre doch ein glaubwürdiger Zeuge meiner Existenz, denn ich bin schließlich eines seiner größten und peinlichsten Geheimnisse.“ Das musste wirken.
„Hm, angenommen es stimmt, dass Sie ein so großes Geheimnis des Vatikans sind, warum sollte dann ausgerechnet der Papst mich anrufen, um Sie irgendwie zu bestätigen?“
Diese Frage war logisch. „Weil Sie ihm und mir helfen können, mich endgültig aus diesem Planetensystem zu schaffen.“
„Was soll ich tun? Das ist völlig verrückt, das ist jetzt aber wirklich gänzlich unmöglich. Ich...“
Schnell dazwischen: „Herr Professor, es wäre möglich, wenn Sie mir die Gelegenheit geben würden, Ihnen meine Überlegungen vorzutragen. Und aus diesem Grund rufe ich Sie eigentlich an.“
Und jetzt der Schusterhammer: „Mein Vorschlag wäre, Sie gewähren mir ein persönliches Treffen an einem Ort Ihrer Wahl, selbstverständlich nachdem der Papst mit Ihnen gesprochen hat, und entscheiden dann, ob Sie Ihren Einfluss geltend machen, um mein Vorhaben zu ermöglichen.“
Es hatte eine Weile gedauert, aber der Wanderer hatte gespürt, dass Enterich neugierig geworden war. Er musste sich also nicht an die Russen wenden, deren verrotteter Technik er gründlich misstraute. Dann war die Antwort gekommen: „Also in Gottes Namen, der Papst soll mich anrufen.“
„In Gottes Namen? Das wird er gerne hören.“

Klingeling! „Urbi et orbi, guten Morgen! Äh..., geliebter Bruder Enterich, nehmen Wir mal an. Gut, also geliebter Bruder Enterich, es hat da ein gewisses Gespräch mit einer gewissen Person gegeben. Nun, äh, Wir möchten, in gewissen Grenzen natürlich, bestätigen, dass Wir...“
„Wer zum Teufel spricht? Und wer ist Wir?“
„Bitte nicht d i e s e Anrufung! Nun, äh, Mann nennt Mich auch den obersten Hirten oder Stellvertreter Gottes auf Erden, in aller Bescheidenheit natürlich, und mit ‚Wir‘ meinen Wir selbstredend Meine Heiligkeit und Mich.“
„Also wirklich der Papst?“ Enterich hatte nicht schlecht gestaunt.
„In gewisser Weise, aber können Wir jetzt dieses, äääh, etwas unangenehme Thema zu einem gewissen Ende bringen?“
„Gewiss doch. Wir, also nicht Sie allein, sondern wir Beide?“
„Bitte? Ach so, ja. äääh, also Wir bestätigen, dass Uns Kenntnis von dieser gewissen Person vorliegt und dass es für Uns von einem gewissen Interesse wäre, dieses gewisse Thema aus der Welt zu schaffen; durchaus auch im gewissen wörtlichen Sinne. Du, Bruder Enterich, wirst schon begreifen, war Wir damit meinen. Gut, äääh, Wir verbleiben dann mit einem nochmaligen urbi et orbi!“
Im Vatikan hatte die Unfehlbarkeit aufgelegt.

Sie hatten sich in einem Raum an einem Ort dieser Erde getroffen, der eigentlich niemanden etwas anging. Ihre Begrüßung, ihr gegenseitiges Beschnuppern war noch etwas förmlich gewesen.
„Darf ich Ihnen Ihren Stab abnehmen?“
„Nein, danke, keine Mühe bitte, es geht schon.“
„Herr Ahasver, gestatten Sie mir nur eine Frage, bevor Sie sich legitimieren. Im entferntesten angenommen, Ihre Identität würde stimmen, wovon ich immer noch zu überzeugen wäre, wie und warum sind Sie ausgerechnet auf mich gekommen?“
„Nun, ich habe über Sie gelesen, über Sie als eine der bedeutendsten Kapazitäten für Astronomie und Astrophysik, über ihre Arbeiten an dem größten irdischen Radioteleskop und über Ihre Theorie von der Anwesenheit intelligenten Lebens dort draußen.“
Er hatte damals eine kleine wirkungsvolle Pause gemacht. Er erinnerte sich daran, wie er sich an alles erinnerte.
„Ich kenne Ihre unwiderlegbare Gleichung zum Beweis dieser Behauptung: N = R Fp Ne Fl Fi Fc L und Ihre rechnerischen Gedankenspiele, die N gleich L setzen. Ich glaube auch, dass ich Sie verstanden habe und gehe mit dem Ergebnis konform.“
„Sie haben die Gleichung verstanden?“
Enterich war ziemlich skeptisch gewesen. Er hatte den Beweis gebraucht.
„Die Anzahl N der entdeckbaren Zivilisationen im Weltraum ist gleich der Summe R von Sterneninformationen mal den Bruchteil Fp der Sterne die Planten bilden, mal der Anzahl Ne bewohnbarer Planeten, mal den Bruchteil Fl der Planeten, auf denen das Leben tatsächlich entsteht, mal den Bruchteil Fe der Planeten mit intelligenten Wesen, die eine interstellare Kommunikation führen können, mal der Zeit L, während der eine solche Zivilisation entdeckbar bleibt.“ Er hatte nach Luft geschöpft.
„In Ihren weiteren Berechnungen kamen Sie darauf, dass alle Werte, natürlich außer L, die Sie in die Gleichung eingesetzt hatten, entweder 1 ergaben oder sich gegenseitig aufhoben, der Wert von N somit ausschließlich von L abhängt. N war also ganz einfach L und Sie schätzten L auf ungefähr zwischen 1000 und 100 Millionen höher entwickelter, außerirdischer Zivilisationen in der Milchstraße.“ Jetzt der Beweis: „Eine Frage in diesem Zusammenhang: Warum haben Sie ein solches Brimborium um diese Gleichung gemacht und nicht gleich ein paar zehntausend bewohnte Welten angenommen, so wie Sie es schon früher einmal gemacht haben?“ „Herr Ahasver, ich glaube und muss sagen, ich freue mich darauf, dass dieses ein sehr langes Gespräch wird. Ich denke, Sie sollten Frank zu mir sagen.“
„Und Sie, Frank, können mich Ashi nennen!“
„Also Ashi, Sie behaupten allen Ernstes jener Schuster zu sein, der Ihm auf Seinem Kreuzweg vor knapp zweitausend Jahren an seiner Türschwelle eine Ruhepause verweigert hat und daraufhin von Ihm zu einem ewigen Leben verflucht wurde; oder jedenfalls solange, bis Er wieder erscheint.“
„Das behaupte ich nicht nur, ich bin es auch und ich stand damals unter ziemlichen Stress. Es war viel Gesindel in der Stadt. Mann musste schauen, wie Mann sein Eigentum schützte und die Römer standen auch schon kurz vor dem Durchdrehen.“
Er war eindringlich geworden. „Frank, überlegen Sie mal, wie Sie an meiner Stelle gehandelt hätten. Aufruhr, Plünderung, Töten lag in der Luft und da schickten diese Esel ausgerechnet die schlimmsten Gauner an meinem Haus vorbei. Gewiss, man hatte Gerüchte gehört, Revolution oder so, ein neuer Führer. Aber Genaues hat niemand gewusst. Hätten Sie da einen von diesen Verbrechern freundlich hereingebeten?“
Ein kleines Späßchen war angebracht: „Na, was ist Herr Jack the Ripper, wollen Sie nicht auf ein Päuschen herein kommen? Vielleicht einen kleinen Bourbon on the rocks bevor es weiter geht?“ Und dann die richtige Antwort: „Einen Scheißdreck, Frank, hätten Sie gemacht, genauso wie ich auch. Klar war der Typ sauer und hat mich verflucht. Was haben Sie denn erwartet? Aber es war mir wurscht. Ich habe nichts, überhaupt nichts und noch dazu mit gutem Gewissen, darauf gegeben. Wer konnte denn schon wissen, dass das solche Folgen haben sollte? Und ich will Ihnen etwas verraten, Frank, ich habe die Folgen genossen!“
Enterich war verblüfft gewesen. „Sie haben Ihre Verfluchung genossen?“
„Nicht die Verfluchung, nur die Folgen, Frank, nur die Folgen. Sehen Sie her, möchte nicht fast jeder der Menschen, die Sie kennen, das ewige Leben? Und wie viele Leute leben sehr gut davon, die Kirche eingeschlossen, Ihnen ein solches zu versprechen?“ Er hatte überlegen gelächelt.
„Nun, ich habe es bekommen und ich kann bestätigen, dass es sehr gut auszuhalten ist. Selbstverständlich nur, wenn Sie auch bereit sind, alle Konsequenzen und alle widrigen Umstände willig auf sich zu nehmen, die so eine lange Zeit zwangsläufig mit sich bringt. Sie sind nämlich nur unsterblich, keineswegs unverwundbar oder von Schmerzen ausgeschlossen.“ Neugierde schüren, Vertrauen gewinnen.
„Stellen Sie sich nur einmal vor, wie so ein harmloser chirurgischer Eingriff zur Entfernung eines entzündeten Appendix noch vor einhundertfünfzig Jahren ausgesehen hat. Aber lassen Sie mich von Anfang an berichten, ich sehe doch, dass Sie mehr als neugierig sind zu erfahren, wie und wann ich gemerkt habe, dass ich unsterblich bin.“
„Das interessiert mich in der Tat sogar brennend und außerdem noch, wie Sie das beweisen wollen, Ashi.“
„Nichts leichter als das, Frank. Allerdings habe ich keine Waffe dabei, mit der Sie versuchen könnten, mich auf der Stelle umzubringen. Ich dachte mir, Sie würden mich gleich für einen Verrückten halten, wenn ich mit so einem Ding hier hereinspaziert wäre. Lassen Sie mich meine Erzählung beenden und dann können Sie es meinetwegen testen. Sozusagen rein wissenschaftlich und nach Ihren Bedingungen, obwohl ich glaube, dass dieser Test schon vorgegeben ist, wenn Sie erst einmal mein Anliegen kennen.“ Er hatte damals den Schock genossen und es freute ihn noch heute, wann immer das auch war, ist oder sein wird. Er hatte weiter geredet, Plauderton.
„Also, sofort nach dieser Freveltat, obwohl ich mir wirklich keiner Schuld bewusst war, verspürte ich diesen Drang. Diesen Drang, dem ich auch nicht das Geringste entgegensetzen konnte, unwiderstehlich folgen musste, diesen Drang zu wandern, und ich gehorchte äußerst gern.
Verständlich, denn fünfundzwanzig Jahre mit der selben Schlampe verheiratet zu sein erklärt nur zu glaubhaft diesen Drang. Sie hatte zwar sechs Bälger in die Welt gesetzt, wenn auch nicht immer mit meiner zeugerischen Mithilfe. Da bin ich mir sicher, denn eines war schwarz. Ansonsten aber war sie mehr als Schleuder dreckiger Verleumdungen tätig, als in der vornehmen Mühe, einen anständigen, schwer arbeitenden Schustermeister zu umsorgen. Verstehen Sie jetzt meine Erleichterung?“
Frank hatte leicht betäubt genickt.
„Ich zog also guten Mutes los, froh, eine Last weniger auf dem Buckel zu haben. Ich kam nicht weit. Er hatte schon damals, wie heute übrigens auch, so eine unangenehme fanatische Anhängerschaft, die jenen lächerlichen Vorfall in die falsche Kehle gekriegt haben musste.
Drei dunkle Straßenecken weiter lauerten sie mir auf. Sie trieben alles mit mir, was gute Christen in Seinem Namen so treiben. Sie steinigten mich ein wenig, prügelten, sengten und folterten mich, jemand stieß mit einem Messer, ein anderer riss mir die Arme aus und ein dritter warf eine Bombe. Halt, das mit der Bombe war später, Irland, glaube ich. Siedendes Öl, das war‘s damals. Das Gedächtnis, Frank, die Einzelheiten. Sie wissen schon!“ Eine entschuldigende Hand.
„Jedenfalls, als die guten Katholiken das Ergebnis ihrer Anstrengung für würdig befanden und mich endlich als erlöst betrachteten, warfen sie mich einfach über die Klagemauer, die an dieser Stelle immerhin neun Meter hoch war und zogen alsbald in heiliger Euphorie von dannen.
Kaum war ich auf dem knochentrockenen Lehm aufgeschlagen, da stand ich schon wieder auf, sammelte meine Arme und meine Gebeine und wanderte weiter. Denn meine Bestimmung ist: Nicht zu stehen, sondern zu gehen. Und irgendwie dachte ich schon damals bei mir: Öha, Ashi, mit dir stimmt etwas nicht.“ Frank hatte ein bisschen gelächelt.
„Im Laufe der Zeit machte ich so meine Erfahrungen und begann, es regelrecht herauszufordern. Sie können sich gar nicht vorstellen, was für ein großartiges Gefühl es ist, einen Löwen vor hunderttausend begeisterten Zuschauern am Schwanz zu ziehen, sich zerfleischen zu lassen, wieder aufzustehen, die sprachlose Menge zu grüßen und von dannen zu gehen, als ob nichts geschehen wäre. Oft musste ich Zugaben geben.
Ich perfektionierte. Ich sprang in den brodelnden Krater des Ätna, vertraute auf die Wolke, die unweigerlich erscheinen würde, um mich heil davon zu tragen. Ich surfte auf den Lavawogen des Vesuvs nach Pompeji...“
„Moment, Moment, jetzt warten Sie mal Ashi! Finden Sie nicht, dass Sie ein wenig übertreiben?“
„Das ist richtig. Ich habe es übertrieben und irgendwann wurde es langweilig. Wie sagen Sie? Action nur für die Action, da beginnt der Reiz eines unwägbaren Endes zu fehlen und ständige Sicherheit macht träge. Das war damals wirklich die einzige Zeit, in der ich mich etwas gelangweilt habe. Aber die zweihundert, dreihundert Jahre, die das gedauert hatte, weckten allmählich auch den Wunsch in mir, mich und mein bisheriges Leben zu verändern.“ Er hatte leicht den Arm gehoben, Aufmerksamkeit verlangt.
„Meine Wanderungen bis zu diesem Punkt der Erkenntnis hatten durch die Niederungen des menschlichen Lebens geführt, durch die Gassen, wo die Spelunken und wilden Bordelle der Gesellschaft zu Hause waren. Gelebt habe ich von Hilfsarbeiten, die am Rande der Gesellschaft angesiedelt waren. Ich war Abdecker, Henkersknecht, Leichenwäscher und Totengräber und trotzdem oder vielleicht auch deswegen habe ich von den Spielregeln menschlichen Zusammenlebens viel mitbekommen. Der Metzger befehligt dem Abfledderer und der Henker seinem Knecht. Und warum? Weil er mehr weiß, und sei es nur, aus welchem Hanf der Strick sein müsste, um letztendlich die ganze Menschheit zu erhängen.“ Sein Zeigefinger hatte auf den Professor gedeutet.
„Ich habe erkannt, dass Wissen reale Macht bedeutet und weiterhin habe ich erkannt, dass Wissen, gepaart mit der unermesslichen Zeit, die mir zur Verfügung steht, ungeahnte Macht bedeuten kann!“ Kleine Pause, der Erpel schien beeindruckt.
„Ich beschloss, meine Augen offen zu halten, mich zu bilden und reich zu werden!“
„Und allem Anschein nach sind Sie es geworden.“
„Ja, das kann man so sagen und es war ziemlich einfach. Doch bevor ich Ihnen, vielleicht an einem anderen Tag weitere Einzelheiten von mir verrate, Frank, brauche ich meinerseits ein Zeichen des Vertrauens von Ihnen. Was also können Sie mir anbieten?“

uisgeovid
25.09.01, 15:59
Tja, Hannemann, was soll's werden, wenn es fertig ist? Eine geballte Ladung Hannemannschen Abrechnens mit der Welt und dem Christentum? Ideologiekritik? Philosophiekritik? Ich habe nur Angst vor Klitterung an sich, vor Vereinfachungen und Grobschlechtereien. Den Ahasver-Stoff neuzeitlich im 20. Jh. hat Stefan Heym sehr gut, sehr witzig, hintersinnig und intellektuell ansprechend und anspruchsvoll besetzt.
herzlichst uis

Hannemann
25.09.01, 16:58
Selbstverständlich kenne ich den Ahasver von Heym...und noch weitere Schuster. Anspruch? Es soll eine unterhaltsame Geschichte werden. Mehr nicht.

aerolith
25.09.01, 17:13
Eine Sache war gut: Mir gehört die Telephongesellschaft.

Prinzipiell würde ich immer von Geschichten/Stoffen abraten wollen, die große Namen benutzen. Da trägt sich für den Leser zuviel an, er müßte alles mitdenken. Der Gang zur Verballhornung ist dann naheliegend, aber nicht jedermanns Sache. Ich muß einen in der Krone haben oder gerade gepempert haben, um an Ahasvers schnurriger Art Gefallen zu finden.

Ich halte mich an Deine ernsthafteren Texte, die lustigen sind mein Ding (zumeist) nicht. Vielleicht müssen wir hier einen Spagat bringen, einen Bogen schlagen und zeitgleich auf einem Bein stehen.

Willst Du jetzt (etwa) Textarbeit?

Hannemann
25.09.01, 17:21
Nööö, außerdem heißt das PIMPERN!

Klammer
26.09.01, 09:27
Hallo Hannemann!

Es ist schön, in diesem Forum nach all der Betroffenheit und einer Gedichteschwemme (deren Qualität mit wenigen Ausnahmen auch schon besser war) mal wieder auf einen Erzähltext zu stoßen. Das allein ist lobenswert. Bemerkenswert ist auch dein Mut, hier einen längeren Text zu beginnen.(Ich weiß nämlich nicht, ob ich mich noch einmal trauen soll, solch ein Experiment zu wagen.) Also, ich bin der eine, der auf die Fortsetzung wartet...

Zum Text selbst: Zu allererst ist es angenehm, dass Ahasverus hier endlich mal seine Bedeutungsschwere verloren hat, die er ja beim erwähnten Heym-Roman trotz aller Satire noch immer besitzt. All dieser mytische und antisemitische Ballast um den "ewigen Juden", gramgebeugt durch die eigene Schuld, dieses (spätestens seit Goethe) "Symbol des Weltschmerzes", diese Horrorgestalt (Sue), die ja trotz anderslautender Gerüchte in der Bibel nicht vorkommt, sondern nur Protagonist einer Legende aus dem Hochmittelalter ist, wird beiseite geräumt und höchstens als augenzwinkerndes Zitat angeboten. Gut so! Zu einer modernen Welt passt auch ein moderner Ahasver, mondän mit besten Verbindungen, dessen geschäftige weltgewandte Umtriebigkeit heute nicht mehr als Fluch sondern als positives Element des "Business" dargestellt wird. Davon hätte ich gerne noch mehr erfahren.
Der Einstieg ist allerdings etwas schwerfällig. Ein mächtiger Mann wie Ahasver telefoniert nicht, dafür hat er Angestellte. Er bestellt die Leute, auch den Papst, der ja selbst eine Art von "Ewiger Pole" ist, zu sich. Der Anfang wäre interessanter, würde der "Ewige Jude" nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und sein Geheimnis noch ein wenig für sich behalten. Ich würde deshalb am Beginn stärker aus der Sicht des Wissenschaftlers Enterich (Daniel Düsentrieb?) erzählen. Ich würde aus seinem Mund auch gerne mehr Wissenschaftler-"Bapppbel" vernehmen. Ahasvers Selbstoffenbarung am Ende des Textes schwebt leider unentschlossen irgendwo zwischen dem Beauvoir'schen Fosca und dem Highlander (Es kann nur einen geben!). Ich hatte das Gefühl, das Ganze schon einmal gelesen zu haben. Der Anfang versprach eine völlig neue Ahasverus-Geschichte, erzähle mir dann hier doch bitte auch eine Neue. (Vielleicht war Ahasver ja Nero, das würde seine Übergriffe auf die Christen erklären und den Mythos um sein Ende. Vielleicht ist er nach Amerika gereist und hat dort das Buch Mormon verbuddelt. Irgendetwas in der Art, du verstehst schon. - Und lass ihn das nicht selbst erzählen, lass ihn (und mich) das erleben, vielleicht als Erinnerung. Deine Stärke ist die Beschreibung einer Handlung und nicht der Dialog.

Bis bald, Klammer

P.S.: Die Flussbuch-"Vernissage" findet, wie ich lese, am Samstag, den 03. November statt. Schade, dass meine Hotelreservierung am Freitag endet. Sollten wir, falls das noch m?glich ist, meinen Besuch um zwei Tage nach hinten rutschen? (Vom 29. 10. bis zum 04.11.) Ich könnte auch aus eigener Kasse noch einen Tag anhängen. Was meinst du?

Hannemann
26.09.01, 12:27
Habe die Ehre, Klammer!

Meinen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Genau das wollte ich hören. Der Schuster lässt mich seit meiner Jugend nicht mehr los, und mein Erblühen liegt einige Jährchen zurück. Immer wieder taucht Ahasver zwischen den Zeilen der Bücher auf, die ich lese. Folglich habe ich vor geraumer Zeit darüber nachgedacht, welche Möglichkeiten der Verfluchte heutzutage hätte, wenn er denn...
Enterich ist die Übersetzung von Drake, Professer Frank Drake, und den gibt es tatsächlich. Ich bewuzelte sein Buch: Signale aus anderen Welten, mit dem Nasa-Seti-Projekt auf der Suche nach fremden Intelligenzen. Das war der Auslöser. Die Verknüpfung von Raumfahrt und fast ewigem Leben.
In letzter Zeit beschlich mich die Unsicherheit wegen meiner Story. Mit Deinen längeren Erzählungen hast Du mich darauf gestoßen, mich auch einmal umzuhören, ob Potential in meinem Geschreibsel steckt. Also werde ich auch noch den Rest zur Diskussion stellen, und wenn das Wetter weiter so besch.... ist, mich noch einmal an das Thema wagen. Der Typ fasziniert. Ahasverus.

Die Reservierung habe ich entsprechend Deinen Wünschen ge?ndert. 29.10.-04.11. Ich habe gehofft, daß Du bei der Buchvorstellung dabei bist, möglichst noch den schwäbischen Clan mitbringst. Wenn Du damit einverstanden bist, gib mir kurz Nachricht, und ich bestätige.
Der Inn wartet auf Dich, Hannemann