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aerolith
24.05.15, 17:49
Im Unterschied zu den deutschen vertraten die französischen Stände (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=stand)in der Generalversammlung (vergleichbar dem Reichstag (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=reichstag)) die Interessen ihrer Landschaften, nicht die ihres Standes. Die Gebietskörperschaften nannten sich Parlamente (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=parlament)und besaßen eine hohe Unabhängigkeit gegenüber dem zentralistisch agierenden König, denn sie durften die erlassenen Gesetze prüfen, ob sie für ihren Distrikt anwendbar waren. Ferner dienten die Gebietskörperschaften und die Generalversammlung der Geldbeschaffung für den König. Seit 1516 hatte der französische König zudem die französische Kirche (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=kirche)unter seine Herrschaft gebracht, v.a. die Möglichkeit (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=möglichkeit), kirchliche Herrschaftsgebiete seinen Vertrauten und Freunden zu geben.
Auch in Frankreich gab es viele Anhänger und Befürworter Luthers (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=luther). Allerdings fand in Frankreich keine Einsetzung einer lutherischen Kirche statt. Man wählte Konsistorien beziehungsweise Presbyterien, d.s. die Kirchenvorstände, die sich streng an die Regeln Calvins (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=calvin) hielten. Man pflegte diese Anhänger der Kirchenerneuerung in Frankreich „Hugenotten“ zu nennen. Der Begriff „Hugenotte“ ist auf den schweizer Calvinisten Hugues (starb 1532) zurückzuführen, der in Frankreich die ersten Gemeinden nach eidgenössischem Vorbild gründete.
Aber den Hugenotten sollte in Frankreich keine glückliche Zukunft (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=zukunft)winken. Ein Grund dafür liegt nicht in gegenreformatorischen (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=gegenreformation) Bestrebungen, sondern in einem Prinzip (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=prinzip)der französischen Innenpolitik. Wer als Ketzer (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=ketzer)erkannt und bestraft wurde, der verlor sein Vermögen, das der Denunziant erhielt. Diese Verfolgung innenpolitischer und konfessioneller Gegner der Mehrheit (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=mehrheit)koordinierte die pariser Universität, zu Zeiten Heinrich II. besonders intensiv. 1559. Diese Politik (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=politik)wurde noch wegen der familiären Verbindung Heinrichs mit dem spanischen Thron bestärkt. Der spanische König Philipp heiratete eine Tochter Heinrichs, was Heinrich zum Großvater des spanischen Thronfolgers Don Karlos machte. Erst nach Heinrich II. Tod gab es eine Beruhigung der Ketzerverfolgung. Sein Nachfolger Franz II. wurde mit einer schottischen Prinzessin, Maria Stuart, verheiratet, die Anspruch auf den englischen Thron hatte. Damit verklammerte sich Frankreich in Westeuropa, was einerseits die Kriegsgefahr verringerte, andererseits aber den Kräften Auftrieb gab, die alle Nichtkatholiken ausrotten wollten.
Die Hugenotten erkannten die Gefahr. Einige hugenottische Edelleute verschworen sich gegen den französischen König. Man entdeckte sie. Viele wurden hingerichtet. Da starb der inzwischen 19jährige Franz II.. Nachfolger wurde sein zehnjähriger Bruder Karl als Karl IX. mit seiner Mutter Katharina von Medici als Vormund. Die Protestanten atmeten auf, da Karl IX. nicht als religiöser Eiferer in Erscheinung trat und Katharina von Medici Hausmachtpolitik über alles stellte und diesbezüglich beschäftigt war.
In den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts wuchs ihre Zahl wieder bis auf ca. 5% der französischen Bevölkerung. Das zentralistisch ausgerichtete französische Königtum mußte auch auf dem innenpolitisch-säkularisierten Felde zum Feind werden und wurde in Frage gestellt: die Hugenotten bevorzugten eine Aristokratie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=aristokratie)statt einer Monarchie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=monarchie)und außerdem wollten sie ein höheres Maß an kommunaler Selbstverwaltung, mehr Freiheit in religiöser und wirtschaftlicher Hinsicht. 1561 fand eine allgemeine Ständeversammlung in der Provinzstadt Pontoise statt. Ein Vorspiel. Die Forderungen der Hugenotten lauteten:



Wahl (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=wahl)der Beamten statt königliche Ernennung;
regelmäßige Sitzungen der Stände;
Säkularisation der kirchlichen Güter;
Reform (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=reformation)der Kirche nach protestantischem Vorbild;
Gemeindewahl der Geistlichen.


1562 erreichten die Hugenotten die Formulierung eines Toleranzedikts, das ihnen die Ausübung ihrer Religion gestattete. Allerdings hielten sich nicht alle daran. Herzog Franz überfiel einen hugenottischen Gottesdienst und metzelte alle nieder. Das bedeutete Bürgerkrieg (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=bürgerkrieg). Die Hugenotten griffen landesweit zu den Waffen. Berühmt wurden Namen wie Bourbon, Coligny, Rochefoucauld, Rohan oder Bouillon. In Frankreich mußte sich entscheiden, ob das protestantische Libertätsprinzip (wie in Deutschland) oder das zentralistische Monarchieprinzip vorherrschen sollte. Die Hugenotten waren in der Unterzahl, aber sie hatten den Willen zur Macht und besaßen viele Freunde im Ausland. Gegen sie stand der Absolutismusgedanke der zentralen Königsmacht, die seinerzeit modernste Form des Staatsgedankens.

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Es gelang den Hugenotten durch einen Mordanschlag, die Führung der katholischen Seite zu beseitigen. Katharina von Medici sah sich zu Verhandlungen genötigt. Man erneuerte das Toleranzedikt, schränkte die Glaubensfreiheit jedoch örtlich ein: So sollte es Ortschaften geben, in denen die Hugenotten ihrem Glauben nachgehen durften, in anderen war es strikt verboten, z.B. in Paris. 1563. 1565 zog der spanische Herzog Alba in die Niederlande, um diese der spanischen Krone zu erhalten. Dabei machte Alba wenig Federlesens mit den Protestanten. Das machte die mißtrauisch, zumal Alba und Katharina von Medici einander trafen und zu vertrauen schienen. Die Spanier, mit deren Hilfe Katharina von Medici die Hugenotten besiegt hatte, verfolgten den ehrgeizigen Plan, England zu rekatholisieren, wozu sie die Hilfe Maria Stuarts benötigten. Katharina schloß darum mit den Hugenotten Frieden. 1570. Plötzlich wechselten die Franzosen die Seite und unterstützten den Kampf der holländischen Bürger gegen die Spanier. [1] Auch Elisabeth sah ihre Chance, der spanischen Umklammerung zu entgehen, und schickte den Holländern Unterstützung. Die Koordination dieser französischen Einfälle in die Niederlande nahm der Berater der Königin, Coligny, vor, ein Hugenotte, der diese Möglichkeit nutzte, eigene Machtpositionen auszubauen. Katharina erkannte das. Ihr Sohn Karl IX., König von Frankreich, lud nach Paris zur Hochzeit ein. Das Bündnis zwischen dem katholischen Königshaus und der führenden Hugenottenfamilie sollte besiegelt werden: Heinrich von Bourbon und Prinzessin Margarethe von Medici. Katholische Berater erklärten Katharina, daß dies vor allem die Macht der Hugenotten stärken und früher oder später zu einem erneuten Bürgerkrieg führen würde. Der Rat war: Tötet die Hugenotten! Die Tore der Stadt wurden geschlossen, den Parisern erklärt, daß die Hugenotten einen erneuten Mordanschlag auf den König vorgenommen hätten, die Sturmglocken riefen alle zu den Waffen und die Pariser massakrierten alle mutmaßlichen Hugenotten... 24. August 1572 – Bartholomäusnacht.
Karl IX. starb zwei Jahre später, von Dämonen (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=dämon)verfolgt, ein gebrochener Mann, den sein Gewissen (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=gewissen)verfolgte; vielleicht aber war es auch Syphilis, die viele Sprößlinge Katharinas ereilte. Katharina lebte noch bis ins Jahr 1589, hatte auch ihren dritten Sohn auf den Thron gebracht, erlebte mit einiger Freude den Untergang der spanischen Armada vor England und mußte erleben, wie auch ihr dritter Sohn ohne Nachkommen starb. Das brachte ihren Schwiegersohn Heinrich von Bourbon auf den Thron. Also doch!
Die Religionskämpfe in Frankreich endeten vorerst 1598 mit dem Edikt von Nantes. Dieses war möglich geworden, nachdem der gewiefte französische König Heinrich IV. (eben jener einstige Führer der Hugenotten namens Heinrich von Bourbon), der die Bluthochzeit wundersamerweise überlebt hatte, zum Katholizismus übergetreten war und nunmehr besonders vehement seine einstigen Glaubensbrüder bekämpfte. Berühmt wurde seine Bemerkung: „Paris ist eine Messe wert.“ (Paris vaut une messe.) [2] Er verbannte die Träger des Gedankens einer Nationalkirche, die Jesuiten (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=jesuit), aus Frankreich. Dadurch wurde er in seinen Entscheidungen freier und gewann bei den damals sehr engstirnigen katholischen Franzosen die Achtung, die er zur Durchsetzung seiner Pläne brauchte. Er trennte sich von Margarethe von Medici, die ihm keinen Sohn geboren hatte und ehelichte eine Verwandte, Maria von Medici, die ihm auch flugs einen Sohn schenkte. Damit war die Thronfolge gesichert und Frankreich beruhigt. Jetzt ging er daran, in einem Edikt die zerstrittenen Parteien zu beruhigen. Fortan blieben die Hugenotten eine organisierte bürgerliche Partei (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=partei)mit acht in Frankreich zugewiesenen Sammlungsplätzen, besaßen die Gleichberechtigung gegenüber katholischen Franzosen, durften ihre Religion frei ausüben, doch auch hier wieder auf bestimmte Städte beschränkt. Dennoch verließen die Hugenotten in großer Zahl Frankreich, was ihnen auch nicht zu verdenken war.


Aufgaben:



Vergleiche die Ereignisse um das Auftreten des Protestantismus in Frankreich und Deutschland! Erkläre die Unterschiede des Erfolges! (II)
Erörtere folgende These: „Die Bartholomäusnacht war der politisch-motivierte Massenmord an innenpolitischen Gegnern!“ (III)



[1] „Philipp II., in dessen Regierungszeit die Gabelung der niederländischen Kultur erfolgte, war ein progressiver Herrscher, der die Errungenschaften des Absolutismus, das System (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=system)des zentralisierten Staates und den Rationalismus (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=rationalismus)[die innere Voraussetzung für die auf Staatsräson basierende Politik absolutistischer Staaten] eines planvoll geführten Staatshaushaltes, auch in den Niederlanden einführen wollte. Das Land empörte sich dagegen: der Norden mit Erfolg, der Süden erfolglos. Die ‚katholischen‘ südlichen Provinzen [Belgien] lehnten sich gegen die neuen Geldopfer, die die zentralistische Staatsverwaltung von den Bürgern forderte, ebenso erbittert auf wie der ‚protestantische‘ Norden. Das Bürgertum verhielt sich gegenüber Spanien im Anfang überall gleich; und es war diese zünftlerisch und dezentralistisch eingestellte Schicht, die konservativ dachte und fühlte, nicht der in dem Ideenkreis der Staatsraison und des Merkantilismus (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=merkantilismus)eingestellte Monarch. Die Bürger wollten die städtische Autonomie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=autonomie)und die damit verbundenen Privilegien bewahren, und darin waren sie im ganzen Land einig. Die Geschichte von den protestantischen und republikanischen Holländern, die sich gegen den katholischen Despoten mit der unbarmherzigen Inquisition und der ruchlosen Soldateska hinter dem Rücken empörten, ist nichts als eine schöne Legende.“ (Arnold Hauser: Sozialgeschichte der Kunst und Literatur. Dresden 1987. S. 415.)

[2] Dieser Ausspruch ist umstritten, weil nicht verbürgt. Verbürgt ist er für den französischen Herzog von Sully, der 1606 gegenüber dem König bei einer Messe gesagt haben soll: "Sire, Sire, la couronne vaut bien une messe." Verschiedene Historiker aber bestreiten auch diesen Ausspruch von 1606, u.a. Chuquet. Bedeutsamer ist, daß nach dem Massaker der Bartholomäus-Nacht der französische König an Macht gewann, ihm das Massaker an den französischen Protestanten (Hugenotten) also nützte.



http://vg06.met.vgwort.de/na/9140abb7dfe2447fa767ec2e1045b404