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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Der Dreißigjährige Krieg (I)



aerolith
24.05.15, 18:15
Nach dem Augsburger Religionsfrieden (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=augsburger_religionsfrieden) setzte im Reich eine lange Friedensperiode ein. Daneben ist ein Prozeß (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=prozeß)an den Peripherien des Reiches (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=reich)zu beobachten, Selektion. Im Nordwesten des Reiches, in Holland, hatte die brutale spanische Herrschaft zu einem Solidaritätsgefühl unter den Bewohnern der spanischen Provinzen geführt. Nach dem ohne Hilfe aus dem übrigen Reich geglückten Sieg um 1590 setzte sich zunehmend ein Bewußtsein (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=bewußtsein)durch, daß eine politische Vereinheitlichung der spanischen Provinzen im Nordwesten des Reiches zu einem eigenen Staatsgebilde ins Auge faßte. Im Osten des Reiches, in Böhmen, hatten die Habsburger (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=habsburg)entweder die Möglichkeit (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=möglichkeit), sich gegen durchweg protestantische Stände (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=stand)zur Wehr zu setzen oder mit ihnen das Land vollends zu reformieren. Während in Holland die kaiserliche Macht nach der Niederlage schwach blieb, sich also die protestantischen Stände durchsetzten, siegten im Osten die katholischen, kaiserlichen Kräfte.
Über allem schwebte die Türkengefahr.
Der Zersetzungsprozeß der Reichsautorität ging auch in Mitteldeutschland weiter, denn die protestantischen Kräfte hatten hier eindeutig die Oberhand und gestalteten unabhängig von der Reichsautorität die Städte und Gemeinden. Das Reich hatte hier nur punktuell in Gestalt der Reichsstädte Einfluß auf die Innenpolitik. Wenn man also deutsche und resteuropäische Innenpolitik vergleicht, so ist festzustellen, daß in vergleichbar bedeutenden Ländern wie England, Spanien, Frankreich oder Rußland ein Zentralisierungsprozeß zu mehr königlicher Macht führte, währenddessen im Reich ein Gleichgewicht der Kräfte waltete. Das mußte unweigerlich zu einem Krieg der stärker werdenden Peripherien gegen das schwächelnde Zentrum führen; anders und europäisch-kontextuell betrachtet: die Ränder bedienten sich beim Zentrum und verleibten es dem eigenen und wachsenden Staat ein.

Betrachten wir die Ereignisse um 1610:
Kaiser Rudolf II. stellte 1609 Majestätsbriefe für die böhmischen Stände aus, in denen er ihnen Religionsfreiheit zusicherte. Sein Bruder Matthias hingegen wollte mit Hilfe seines Kanzlers nach Rudolfs II. Tod 1612 die Prinzipien der Gegenreformation (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=gegenreformation)in Böhmen durchsetzen, fand aber zu starken Widerstand. So fiel das habsburgische Erbe auf Vetter Ferdinand von Steiermark, den Matthias 1617 gegen Widerstände zum König von Böhmen krönen ließ. Die Widerstände kamen vor allem von den protestantischen böhmischen Ständen, die wußten, daß Ferdinand im Gegensatz (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=gegensatz)zu seinen Vorgängern ein starrköpfiger Katholik war. Die protestantischen Stände machten auch politische Gründe geltend, denn Böhmen war ihrer Meinung nach kein Erbanfall für habsburgische Prinzen, sondern Wahlkönigtum der böhmischen Stände. Sie erklärten, um einen Krieg zu vermeiden, daß Ferdinand von den Ständen angenommen sei. Die Situation in Böhmen eskalierte, als katholische Kirchenvorsteher zur Zerstörung protestantischer Kirchen aufriefen. 1618 zogen 200 Vertreter protestantischer böhmischer Stände unter Führung von Thurns zur Prager Burg, improvisierten eine Gerichtsverhandlung gegen die kaiserlichen (katholischen) Statthalter Martinitz und Slavata und warfen sie in guter böhmischer Tradition (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=tradition)nach einem Schuldspruch aus dem Fenster ihrer Amtszimmer. Die Geworfenen überlebten den siebzehn Meter tiefen Fall und konnten fliehen. Wunderlich genug. Das war eine Kriegserklärung an den Kaiser. Der starb bald darauf, ohne etwas unternommen zu haben, und wurde durch Ferdinand ersetzt, der sehr wohl etwas unternehmen wollte, vor allem auch dadurch, daß die böhmischen Stände ihn als König einfach absetzten und statt dessen den Pfalzgraf von Rhein zu ihrem König bestimmten. Dieser Pfalzgraf hatte wegen seiner Heirat mit einer englischen Prinzessin gute Beziehungen zum englischen Königshof, auch gehörte er der protestantischen Union an. Damit wurde die böhmische Angelegenheit zu einer europäischen Ausmaßes, denn das Kräfteverhältnis im Reich drohte zugunsten der Protestanten zu kippen. Abgesehen davon war dieser Vorgang nicht mit den Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens koordinabel. Die Katholiken bündelten ihre Kräfte und sandten ein Heer nach Böhmen, meist Bayern, aber auch Spanier und Polen.
Das schnelle Handeln des Kaisers schickierte die Protestanten. König Friedrich in Böhmen hatte die neue Situation offenbar nicht reflektiert. Er überließ das Handeln dem kriegserfahrenen Christian von Anhalt, der auch die Wahl Friedrichs zum böhmischen König durchgesetzt hatte und die Truppen der Union nach Prag führte. Am 8. November 1620 kam es westlich von Prag zur Schlacht am Weißen Berge. Die katholischen Truppen waren überlegen. Dennoch zögerte der kaiserliche Feldherr Bouquoi mit dem Angriff, denn die Protestanten hatten sich auf einem Hügel eingeigelt, wenngleich recht stümperhaft, zu locker, wie Militärstrategen das nannten. Sie standen schlecht gestaffelt und waren nicht in der Lage, aus einer Verteidigungshaltung zum Angriff überzugehen. Der kaiserliche Unterfeldherr Tilly (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=tilly)erkannte das und griff ohne Befehl seines Oberfeldherrn die noch mit der Verschanzung befaßten protestantischen Truppen an. Sein Sieg war vollständig. Was nicht floh, wurde erschlagen. Nach der Schlacht wurden 27 böhmische Adlige auf dem Marktplatz von Prag enthauptet, ihr Besitz konfisziert und alle Protestanten aus dem Lande verwiesen. Die erste böhmische Vertreibung. Es folgte Rekatholisierung, keine Gegenreformation. Zeitgleich zog von den spanischen Niederlanden (Belgien) aus ein Söldnerheer Richtung Pfalz und besetzte sie. Der Pfalzgraf verlor seine Churwürde, die mit Einverständnis der protestantischen Churfürsten (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=churfürst)dem bayrischen Herzog übertragen wurde. Der Sieg der katholischen Liga wäre damit beinahe vollkommen gewesen, aber sie war nicht in der Lage, versprengte protestantische Verbände zu stellen und aufzureiben. So entstanden innerhalb des Reiches mehrere Söldnerhaufen, die ihr Auskommen fanden: Requirierung und Spenden aus dem Ausland (Subsidien). Söldnerführer machten in diesen Zeiten ihr Glück:



Graf Mansfeld, der v.a. die Reste des böhmischen Heeres um sich scharte;
Markgraf Friedrich von Baden, der französisches Geld erhielt, um die Kaisermacht zu schwächen und
Christian von Braunschweig, der den Krieg um des Krieges willen liebte.


Tilly setzte den Siegeszug der katholischen Liga fort; ihm folgte die Rekatholisierung resp. Restitution, so in der Pfalz oder auch in mitteldeutschen Gebieten. Das fand nicht ohne Gegenwehr der protestantischen Reichsstände statt. Gegen die katholische Neu-Besetzung des Halberstädter Erzbischofsstuhls erhoben die Fürsten des niedersächsischen Reichskreises, zu dem Halberstadt gehörte, Einspruch. Sie gingen sogar über den Einspruch hinaus und ernannten Christian IV. von Dänemark zum halberstädter Bischof. Der sagte zu, womit er die Dänen in den Krieg zog. Der Kaiser schickte zwei Heere in den Norden, die die dänischen Kontingente schlugen und bis nach Dänemark zurücktrieben: Tilly und ein neues kaiserliches Heer unter dem böhmischen General Wallenstein (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=wallenstein)teilten sich hierbei die Arbeit. Der Letztgenannte okkupierte Mecklenburg, setzte den protestantischen Herzog ab und sich als neuen katholischen ein. Der kaiserlichen Macht drohte nur noch Schweden. Wallenstein ließ sich zum Admiral der kaiserlichen Flotte in der Ostsee bestimmen, aber Stralsund, das Tor zur Ostsee, konnte er nicht erobern. 1628. Dennoch war die Lage 1629 so, daß der Protestantismus (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=protestantismus)in den letzten Zügen zu liegen schien.
Die Restitutionspolitik (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=restitution), das Wiedereinsetzen katholischer Würdenträger in bereits reformierten Gegenden, konnte ungehindert fortgeführt werden. Besonders feige war die Politik des brandenburgischen Churfürsten, der, obwohl reformiert, überhaupt keine Anstalten machte, dieser Restitution entgegenzuwirken und augenscheinlich glaubte, daß er seinen Churfürstenhut behalten würde, wenn er sich still verhielte. Der Kaiser trieb weiter an, von päpstlichen Legaten unter Druck gesetzt. Am 3.3.1629 erschien das Restitutionsedikt (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=restitutionsedikt), der Befehl zur Rückgabe geistlicher Herrschaften an gute Katholiken. Der Dom von Magdeburg (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=magdeburg), der wichtigste protestantische Bischofsstuhl, wurde wieder katholisch.
Kaiser Ferdinand war mit dem Kriegsverlauf zufrieden, doch innerhalb der katholischen Liga drängte man danach, nach französischem Vorbild aus dem Reich eine Monarchie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=monarchie)zu machen und wollte zugleich die wichtigsten Posten im Reich untereinander aufteilen, sich bei den scheinbar besiegten protestantischen Ständen bedienen, wobei nur ein Störfeuer von den Arrivierten des Reiches ausgemacht wurde: der Emporkömmling Eusebius von Waldstein, General in kaiserlichen Diensten. Ferdinand mußte sich entscheiden, ob er die Machtverhältnisse so gestalten wollte, wie sie quasi vor den kriegerischen Auseinandersetzungen gewesen waren, wohl aber mit ein wenig mehr Macht der katholischen Seite – dazu müßte er Wallenstein entlassen und die katholische Restitution vollständig durchführen – oder ob er mit Wallenstein eine straffe Kaiserpolitik durchführen wollte – das liefe (auf Kosten der Reichsfürsten) auf eine stärkere Position Wallensteins im Reichsverband hinaus. Ferdinand entschied sich für die übersichtlichere Variante, er gab dem Drängen der Fürsten nach. Im August 1630 wurde Wallenstein entlassen, Tilly bekam den Oberbefehl über das kaiserliche Heer.


Aufgaben:



Fasse die zwischenstaatlichen Probleme vor dem Krieg in einer Übersicht zusammen! (II)
Erläutere die Restitutionspolitik des Kaisers in Hinblick auf dessen Kriegsziele und die Wahrscheinlichkeit eines längeren Krieges! (III)


http://vg06.met.vgwort.de/na/9ee2124ae5a547bab4375b1629fde417
Fortsetzung hier (http://www.vonwolkenstein.de/forum/showthread.php?121-Der-Drei%C3%9Figj%C3%A4hrige-Krieg-(II))