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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Für Karl-Ludwig



kls
29.09.01, 13:55
Wenn einer anfängt zu lieben, sich einzulassen, will er das Universum in eine Tüte packen. Er ist bereit, vor lauter Leben zu sterben. Er will Ekstase und Wahrheit und dann schon gleich die Ewigkeit. Er will eindringen und durchdrungen werden. Wenn einer anfängt zu lieben, will er alle Grenzen überschreiten und durch sämtliche Tore, die zum Leben führen. Und er weiss noch nicht, daß er dafür bezahlen muss. Mit sich selbst. Mit Scham. Mit Fremde, Wut, Einsamkeit, Trauer und Schmerzen, doch vor allem aber mit dem Eingeständnis seiner eigenen Unzulänglichkeit.

Es gab da mal einen Jungen, der zu dumm zum Lügen war. Er war noch nicht einmal in der Lage, sich selber zu belügen und wie wir alle wissen sollten, ist dieses Talent ein Massstab für Intelligenz.

Aber vielleicht war er ja gar nicht dumm, sondern krank. Vielleicht hatte er nur eine Drüsenüberfunktion und nahm deswegen alles wörtlich.

Vielleicht hatte er sogar mehr von Ihnen und mir in sich, als uns lieb sein darf.

Wie dem auch sei, er war jedenfalls nicht allein! Er hatte Brüder im Herzen und im Geist. Simplizissimus, Cyrano de Bergarac, Don Quijote, Sancho Pansa, Rosiante oder die Windmühlen oder was weiss ich denn...

Eines schönen Tages, falls Sie überhaupt Wert auf solche Einzelheiten legen sollten, eines schönen Tages also klingelte es stürmisch an seiner Tür und als er diese endlich geöffnet, stand da natürlich kein Heimatfilmer oder wenigstens ein Killerkommando, nein, es war nur eine Vertreterin, welche mit Prospekten, Broschüren und Katalogen herumfuchtelte.

"Bitte, hier, sehen sie mal, in Dolby-Stereo, eine Reise ins Glück. Ein Traumland! Kostet nur etwas Hirn und das werden Sie dort kaum vermissen. Oder vielleicht lieber dieses hier, ein Sonderangebot für zwei Personen. Nach Süden, ZUR SONNE, traute Zweisamkeit, mit Fransen dran und wieder aufziehbar. Kostet nur Ihre Würde, doch auch an ein würdeloses Leben können Sie sich schnell gewöhnen."

"Aber...", stammelte der Junge, als die Vertreterin Luft holen musste und Anstalten traf, den mitgebrachten grossen Koffer zu öffnen, "Aber mir fehlt nichts, ich habe alles was ich brauche."

Schon war die Dame an ihm vorbei gewieselt und deutete anklagend auf eine leere Batterie Alkoholika, den Abwasch, die Schmutzwäsche, Pornosammlung und überquellende Aschenbecher.

"So kann man doch nicht zufrieden sein!"

"Ich will gar nicht zufrieden sein", stotterte der Junge, "Ich will Wahrheit!" und nahm seine Gitarre in den Arm.

„Sehen Sie, Wahrheit, genau, deswegen bin ich doch hier, Wahrheit, ja, ja, das verstehe ich. Da habe ich auch gleich das Passende für Sie: Ein Survival-Trip. Nur für Überlebenstypen.

(Wuchtig) ECHTE LIEBE!!! Vakuumverpackt, abwaschbar, hoher Wiederverkaufswert, ohne Verfallsdatum und in Technicolor.

Natürlich, billig ist das nicht, was ist denn schon umsonst, ha, ha, kostet, Moment mal...

...kostet...kostet Sie...äh, ach da...kostet Sie...

...ALLES!

Dafür aber mit Vollpension, Glück, trauter Zweisamkeit, SEX? - sie blickte vielsagend auf die Pornosammlung und öffnete den obersten Knopf ihres Kostüms, „inklusive perforierten Bonuskarten zum Abreissen für den Nachwuchs!“

Dem Jungen wurde schlecht und er musste sich übergeben.

Kühle Finger fuhren über seine Stirn, massierten sanft und verständnisvoll seine Schläfen.

„Sehen Sie, so kann es doch nicht weiter gehen.“

„N..n..nein?“

„NEIN!“

Sie zog ihr Jackett und den Rock aus. Der Knabe sank auf seine Knie. Die Vertreterin entledigte sich des Höschens, setzte sich mit weit gespreizten Beinen aufs Sofa und begann sich selber zu streicheln.

„Jaaah..“, stöhnte der Junge und rutschte näher.

„Wollen Sie eine Anzahlung leisten?“, schmeichelte die Vertreterin.

Eine Gitarre fiel um und winselte leise dabei, aber da war niemand mehr, der das hören wollte.

Bereitwillig öffnete der Junge seine Schädeldecke.

„Ich liebe Sie...“

„Ich liebe SIE...“

Die Vertreterin zauberte ein kleines silbernes Löffelchen von irgendwo her, entnahm dem knienden Kind etwas Hirn und schnupfte genussvoll, während sie im Geist einen Vermerk für das Archiv machte.

„Natürlich haben Sie die Vertragsbedingungen auf der Rückseite gelesen.“

„Nein...“

Der Junge war beschäftigt.

„Gut.“

Sie verschwand im Badezimmer. Ein seltsamer Glanz lag auf seinem Gesicht. Ein unbeteiligter Beobachter hätte vielleicht von einem blöden Grinsen gesprochen, aber es gibt keine unbeteiligten Beobachter. Auch ich bin nicht unbeteiligt...

„Sie LIEBT mich, hat sie gesagt“, dachte der Junge und registrierte verträumt, daß die Vertreterin gegangen war. Es klingelte stürmisch an der Nachbartür...

„...ach, so ein bisschen Hirn...“, dachte er noch mit dem Rest.

kassandra
29.09.01, 15:41
gefällt mir gut, bis auf einige Kleinigkeiten wie:

"Der Knabe sank auf seine Knie."
Auf wessen Knie denn sonst?

Gruß
K.

uisgeovid
30.09.01, 11:03
So, lieber kls, und jetzt müsstest Du Dir dann mal überlegen, ob es stilistisch nicht noch andere Möglichkeiten gibt, als immer nur in diesem lockeren, flappsigen Ton zu schreiben. Deinen Hippie-Anarcho-Märchen steht er noch gut, anderen Texten und Themen ist er manchmal zu abträglich. Hier bei diesem Text hättest Du zumindest nach der Einleitung auch einen entsprechenden Schlussgedanken, von mir aus auch philosophisch angehaucht, folgen lassen können. Nur den Leser mit Überspitzung allein zu lassen, heißt, ihn im grellen Scheinwerferlicht der Witzigkeit stehen zu lassen. Du beherrscht aber auch die leisen Zwischentöne, manchmal, also mach hier langsam und gefühlvoll die Lichter wieder aus.
herzlichst uis

kls
30.09.01, 12:31
(...) also mach hier langsam und gefühlvoll die Lichter wieder aus.
herzlichst uis

Na, das nenne ich doch mal eine echte Handlungsanweisung...kls...