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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die Lichtung (Teil III)



Klammer
01.09.01, 12:56
Die Lichtung - Teil 3.

"Da ich mir mit Fichte in letzter Konsequenz nicht einmal sicher sein kann, ob das Kant'sche 'Ding an sich' außerhalb meiner Selbst existiert, mir also nurmehr das berühmte 'Cogito ergo sum' von Kartesius, vulgo allein die Existenz meines Geistes als Gewißheit bleibt, ist es mehr als nur arrogant, das 'substantielle Esse' desselben nicht nur in Zweifel zu ziehen, sondern völlig abzustreiten.
Wer so dumm ist, nicht an die Unsterblichkeit der Seele und an Geister zu glauben, kann auch nicht an die Existenz eines Naturgesetzes wie des Magnetismus oder des Stuhles, auf dem er sitzt, glauben, da zuerst der Geist und seine Energie sind, die die Materie, falls sie nicht nur, nie beweisbar, durch das Sichfremdwerden des Geistes existiert, erschaffen und bewegen.
Der Geist geht dem Sein voran: Hegel sagt ganz richtig, nur was in der Vernunft existiere, also vernünftig sei, existiere und was existiere, sei auch vernünftig, das heißt, Produkt des Geistes." las der Autor mit angenehmer und ruhiger Stimme aus der Einführung zu seinem neuen Buch.
Er hoffte, seine Ausführungen waren für sein Publikum nicht zu anspruchsvoll. Noch schlimmer wäre gewesen, wenn jemand unter seinen Zuhörern saß, der sich ein wenig mit Philosophie auskannte und damit den Unsinn bemerkte, den er geschrieben hatte. Doch die Wahrscheinlichkeit des zweiten Falles war verschwindend gering. In der Regel war das Publikum dumm. Es wollte Texte hören, die es mit ein wenig Stirnrunzeln halbwegs begreifen konnte, die aber dennoch einiges an Mysterium und bedeutenden Namen enthielten und Tiefe vorgaukelten. Pendell achtete aufmerksam auf die Aristoteleischen Rhetorikregeln, die ihm schon häufig gute Dienste erwiesen hatten. Er zitierte in diesem Zusammenhang auch gerne Nietzsche:"Wer uns umwirft, der ist stark; wer uns erhebt, der ist göttlich; wer uns ahnen macht, der ist tief."
Pendell blätterte in seinem Buch bis zur nächsten von ihm markierten Stelle. Nach seiner etwas dunklen Einleitung hatte nun eine handfeste Erfahrung zu folgen, die leicht verdaulich und allgemein nachvollziehbar war, zum Beispiel Erscheinungen aus der Psychologie wie Dejavu oder Vorahnungen, die er dazu benutzen konnte, seine These der durch den Geist lenkbaren kosmischen Energien zu untermauern.
Bevor er weiterlas, sah er auf. Pendell versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie er verärgert war. Es gelang ihm nicht völlig. Er warf einen strafenden Blick auf Emilio Parma, den glatzköpfigen Vertreter der VHS, der sich schuldbewusst in seinen Sitz duckte. Die Aula der Schule, an deren Stirnseite er an einem Lehrerpult saß, hatte ein Fassungsvermögen von etwa fünfhundert Personen; doch sein Publikum war nicht annähernd so groß. Pendells Blick rutschte über leere Stuhlreihen. Nicht einmal hundert Leute waren gekommen, ihn zu hören. Selbst wenn es anschließend noch einen guten Buchverkauf gab, lohnte die Lesung nicht, war sie verlorene Zeit.
Er beendete räuspernd seine Pause, während er unauffällig auf die Uhr, die im Hintergrund des Saales hing, blickte. Er hatte erst eine Viertelstunde gelesen, das war selbst für das kleine Publikum zu kurz.
"Wem von uns ist es noch nicht geschehen, dass er plötzlich an eine länger nicht gesehene Person denkt; will sagen, dass ihn dieser Gedanke wie hinterrücks und überraschend überfüllt? Im einen Augenblick ist man mit Alltäglichem beschäftigt, im nächsten steht der Gedanke an die Person greifbar vor den Augen, obwohl man diesen Menschen, der einem vielleicht ein-mal viel bedeutet hat, schon lange vergaß. Und wem ist es nicht geschehen, dass kein Tag, meist jedoch nicht einmal ein paar Minuten vergehen, dass er jener Person begegnet?
Oder, weitaus auffallender: Ich möchte einen Menschen anrufen, von dem ich längere Zeit nichts gehört habe, will bereits zum Telefon greifen, es klingelt, ich hebe ab und habe jene Person am Hörer, die im selben Moment wie ich der Idee verfiel, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Wenn das ab und an geschehen würde, wäre es vielleicht Zufall, aber jeder Einzelne von uns kann von solchen Fällen berichten. Diese millionenfache Anhäufung ist mit Sicherheit kein Zufall mehr, falls es ihn denn überhaupt gibt. Also muss es Gründe für diese Übereinkünfte geben. Die Psychologie macht es sich einfach und hält eine geradezu lächerlich simple Erklärung bereit: Sie behauptet, dass es ganz natürlich sei, dass zwei Personen je nach ihrer Nähe nach einer gewissen Dauer der Trennung aneinander denken und in Verbindung treten wollen. Wenn ich einem Menschen, den ich, sagen wir, alle zwei Wochen treffe, nach Ablauf dieser Frist nicht begegnet bin, wächst bei mir von Tag zu Tag der Wunsch, mich mit ihm in Verbindung zu setzen. Ihm geht es ebenso. So, und nur auf diese Weise, soll es nach der Psychologie zu jenen merkwürdigen Momenten kommen. Das klingt plausibel, aber es erklärt nicht die erstaunlichen zeitlichen Koinzidenzien, die etwas Unheimliches haben. Ich will das anhand zweier spektakulärer, aber paradigmatischer Fälle belegen."
Pendell leckte sich über die Lippen. Sein Publikum hörte ihm mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu, während es bei der etwas zu philosophisch geratenen Einleitung noch Unruhe gezeigt hatte. Es waren mit wenigen Ausnahmen ältere Jahrgänge, die zu seiner Lesung gekommen waren; hauptsächlich Frauen, also ein repräsentativer Querschnitt durch seine Leserstruktur. In der ersten Reihe sitzend, erkannte Pendell die ältere, einfache Frau, die ihn am Nachmittag in der Buchhandlung angesprochen hatte. Sie nickte ihm ernst zu, was ihn für einen Moment verunsicherte. Dann las er weiter aus seinem Buch, ohne sich selbst zuzuhören.
Seine Gedanken schweiften ab und kreisten seltsamerweise um das Bild, das er erworben hatte; er hatte es nach seiner Rückkehr ins Hotel noch verpackt ins Zimmer gestellt und als Erstes geduscht. Danach war seine Neugierde zu groß geworden. Noch im Bademantel hatte er das Gemälde aus dem steifen Packpapier gerissen und in der Nähe des Fensters auf einen Stuhl gestellt.
Das Bild hatte seine Wirkung auf ihn nicht verloren. Etwas Seltsames geschah: Während Pendell mit einem halben Blick auf das Gemälde sich des Bademantels entledigte, um sich für den Abend anzukleiden, spürte er plötzlich eine körperliche Reaktion, die ihn wegen ihrer rasanten Starre in atemloses Erstaunen setzte. Fast hätte er ejakuliert.
Eilig flüchtete ins Badezimmer zurück, wo er sich mit Hilfe einer gründlichen Rasur ablenkte. Später, als er sich doch anzog, vermied er sorgfältig jeden Blick auf das mächtige Energien ausstrahlende Objekt seiner Begierden. Hilfreich war das durch die Abenddämmerung diffuse Licht im Zimmer.
Als er von Parma abgeholt wurde, war ihm nichts mehr von seiner spontanen Erregung anzumerken, obwohl er weiterhin unruhig blieb und sich jetzt während seiner Lesung nach einer Frau umsah, die ihm Entspannung bieten konnte. Er hatte im Laufe der Jahre ein sicheres Auge für 'Groupies' entwickelt. Leider war das Angebot des Abends, bedingt auch durch seine hohen Ansprüche, begrenzt.
Schließlich blieben seine Augen auf dem makellosen Körper einer elegant gekleideten Frau in seinem Alter hängen, die seinen Ausführungen mit großen Augen folgte und geschmeichelt lächelte, als sie seinen Blick bemerkte. Nun, sie war nicht ganz ideal, Pendell gefielen jüngere Frauen besser, zudem war ihre Nase nicht hübsch; aber dafür war er sicher, dass es ihm gelingen würde, sie nach der Lesung kennenzulernen. Sie war zwar, wie er mutmaßte, mit einem gutverdienenden, aber zeitlich und emotional begrenzten und zudem langweiligen Büromenschen oder Arzt verheiratet. Aber das war kein Hindernis. Im Gegenteil: Wenn sie allein auf eine Lesung ging, erwartete sie Ablenkung von ihrer Langeweile, die ihr der verehrungswürdige Literat verschaffen konnte. Bei diesem Gedanken zog sich etwas in seinem Unterleib zusammen.
Obwohl Pendell ursprünglich vorgehabt hatte, seine Lesung nun zu beenden, hängte er noch einen weiteren Absatz aus seinem Buch an. Er handelte vom Einfluss memokinetischer und morphologischer Emanationen kosmischer Felder höherer Dimensionalität auf die Liebe auf den ersten Blick; es war mit Abstand das konfuseste, aber das weitaus poetischte Kapitel seines Buches. Dabei zog er sein Opfer in der zweiten Stuhlreihe mit den Augen aus. Es lehnte sich unter seinen begehrlichen Blicken geschmeichelt zurück und schlug auffällig die schwarzseidenen Beine übereinander, die von Pendells erhöhtem Platz zwischen den Stühlen gut zur Wirkung kamen.
Pendell schluckte und beendete mit einem leichten, nickenden Lächeln, das sofort erwidert wurde, selbstzufrieden seine Lesung. Es wurde spärlich applaudiert. Emilio Parma kam geschäftig von der Seite zum Pult und klopfte auf das Mikrofon.
"Wir danken Herrn Dr. Pendell herzlich für seine interessante Lesung. Ich denke, dass seine Texte uns Horizonte öffnen können, die uns in unseren vom tristen Alltagsleben trägen Köpfen verborgen bleiben. So viele Dinge gibt es, die wir uns nicht erklären können und die wir nicht wissen. Ist es nicht arrogant, überhaupt zu versuchen, unsere Welt mit unserem begrenzten Verstand zu erklären? Wäre es nicht besser, demütig von dem Universum..."
Pendell räusperte sich laut und Parma verstand den Wink. Er hatte zwar zu einem längeren Vortrag über die Geheimnisse der Welt ausholen wollen, kam aber nach einer kurzen, verwirrten Pause wieder auf den Boden zurück.
"Herr Dr. Pendell steht Ihnen nun für Ihre Fragen zur Verfügung." sagte er schnell."Rufen Sie bitte nicht durcheinander. Melden Sie sich und sie werden von mir aufgerufen."
Pendell hatte Mühe, nicht zornig aufzufahren. Das war nicht abgesprochen und er hasste den Disput nach einer Lesung, dieses stupide Beantworten von immer gleichen Fragen nach Arbeit und Privatleben. Er warf Parma einen tödlichen Blick zu.
"Ich bitte Sie, sich kurz zu fassen." schränkte er eilig ein. "Sie müssen dafür Verständnis haben in Anbetracht der fortgeschrittenen Uhrzeit."
Fast hätte der Autor noch hinzu gefügt, wie leid es ihm täte. Aber für diesmal verkniff er sich seine Lüge. Gleich die erste Frage bestätigte Pendells Befürchtungen:
"Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?"
Er seufzte und sah nach der Fragerin. Es war die Frau in der ersten Reihe, die ihm heute in der Buchhandlung schon unangenehm aufgefallen war. Es war still in der Aula, man erwartete die Antwort des Autors. Pendell sah keine Möglichkeit, dieser Frage zu entgehen. Er lächelte, überlegte, dann wusste er den Dreh, wie er sich um die Beantwortung drücken konnte.
"Um Sie zu präzisieren: Sie fragen, ob es etwas im Menschen gibt, Seele, Geist oder Energie genannt, das nach dem Absterben des Körpers weiterlebt. Ich denke, dass ich mit der Einführung zu meinem Buch, die ich zu Beginn las, längst eine Antwort gegeben habe. Danke."
Er rief eilig den nächsten Frager auf, um ein Nachhaken zu vermeiden. Die Frau öffnete den Mund, schwieg dann aber eingeschüchtert. Ein junger Mann stand auf und rückte seine Brille zurecht.
"Ihr Standpunkt ist mir nicht klar: Vertreten Sie nun einen objektiven Idealismus Hegelscher Prägung oder eher eine Art von Solipsismus? Und was sagen sie zur modernen Philosophie, die beide Standpunkte längst überwunden hat?"
Vom Regen in die Traufe. Das war wieder eine der Fragen, die er befürchtet hatte. Pendell rutschte auf seinem Stuhl hin und her.
"Da muss ich weit ausholen. Wenn Sie sagen, dass das idealistische Weltbild eines Hegel oder Schelling überholt sei, so mögen Sie recht haben. Die Unsicherheit aber, was sicher ist und was der Mensch überhaupt erkennen kann, bleibt. Als Menschen mit unseren begrenzten Sinnen gelingt es uns nicht einmal die vier Dimensionen der Raumzeit zu erfassen, wobei uns gerade die Zeit und ihre Wechselwirkungen mit dem Raum vor schier unlösbare Probleme stellt. Es gilt heute als erwiesen, dass das Universum n-dimensional ist und es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass etwas im Menschen auch in diese Dimensionen reicht. Ich bitte Sie, diesen Gedanken aus- und zuendegeführt meinem Buch zu entnehmen. Mein einleitender Ausflug in den Idealismus ist nicht, ähnlich dem Descarteschen Zweifel, das Ziel meiner Erkenntnis, sondern nur ein Mittel, zu ihr zu gelangen." wand sich Pendell; er erhielt ein unterdrücktes, aber deutlich vernehmbares "Was für ein Unsinn!" zur Antwort.
Für einen Augenblick war betretenes Schweigen in dem Raum. Dann rettete ihn die attraktive Frau in der zweiten Reihe.
"Ich bewundere die Fülle der Materialien in ihren Büchern. Wie organisieren Sie eigentlich ihre Quellensuche?"



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hks

uisgeovid
01.09.01, 22:31
Hallo Klammer,
schön, dass Du wieder mitsamt Deinen Texten da bist!
Ich muss sagen, das Warten hat sich gelohnt. Das gilt zumindest für diesen Teil. Den Vierten lese ich nachher... dann folgt eine zusammenfassende Wertung.
herzlichst uis

aerolith
01.10.01, 18:37
Und weiter geht's.

Da ich mir mit Fichte in letzter Konsequenz nicht einmal sicher sein kann, ob das Kantsche 'Ding an sich' außerhalb meiner Selbst existiert, mir also nurmehr das berühmte 'Cogito ergo sum' von Cartesius (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=descartes), vulgo allein die Existenz meines Geistes als Gewißheit bleibt, ist es mehr als nur arrogant, das 'substantielle Esse' desselben nicht nur in Zweifel zu ziehen, sondern völlig abzustreiten.Aha. Das Nicht ist, mein Lieber. Es ist zu setzen. Es ist nicht die Existenz des Geistes, die Descartes setzte, sondern die Gewißheit des Zweifelns, mithin die Rückwirkung auf einen, der Zweifel zuläßt. Da geht's wohl nicht genau zu in Deinem Gespruch. Ich würd' es auch vermeiden wollen, drei Namen zugleich zu nennen. Bleiben wir bei zweien, sagen wir Kant und Fichte. Da läßt sich anhand des Nichtich eine schöne Allegorie herbeizaubern, ein faxerntreibendes Nichtich stülpt den moralischsten Gedanken um. Auch ist für den Künstler hier mehr zu holen.
"Wer so dumm ist, nicht an die Unsterblichkeit der Seele und an Geister zu glauben, kann auch nicht an die Existenz eines Naturgesetzes wie des Magnetismus oder des Stuhles, auf dem er sitzt, glauben, da zuerst der Geist und seine Energie sind, die die Materie, falls sie nicht nur, nie beweisbar, durch das Sichfremdwerden des Geistes existiert, erschaffen und bewegen.
Der Geist geht dem Sein voran: Hegel sagt ganz richtig, nur was in der Vernunft existiere, also vernünftig sei, existiere und was existiere, sei auch vernünftig, das heißt, Produkt des Geistes", las der Autor mit angenehmer und ruhiger Stimme aus der Einführung zu seinem neuen Buch.Mein Sohn schreit gerade HUNGER. Muß dieses Produkt meines Geistes erst einmal sättigen gehen.


Er hoffte, seine Ausführungen waren für sein Publikum nicht zu anspruchsvoll.zwei Mal sein; bitte um eine Streichung
Noch schlimmerDieses SCHLIMMER ist meine "Lieblingsphrasen". Es geht anders.
wäre gewesen, wenn jemand unter seinen Zuh?rern saß, der sich ein wenig mit Philosophie auskannte und damit den Unsinn bemerkte, den er geschrieben hatte.Das ist ein rotzschlechter Satz. Eine Nebensatzkonstruktion, kein eingehaltener Konjunktiv, ein schwacher Anfang. Der Inhalt aber ist gut und richtig hier, gemeint ist die Einbettung in die Konstruktion des Gesamttextes. Ich empfehle Dir, den Satz inhaltlich aufzubewahren in einer winzigen Nebenbemerkung.
Doch die Wahrscheinlichkeit des zweiten Falles war verschwindend gering. In der Regel war das Publikum dumm. Es wollte Texte hören, die es mit ein wenig Stirnrunzeln halbwegs begreifen konnte, die aber dennoch einiges an Mysterium und bedeutenden Namen enthielten und Tiefe vorgaukelten. Pendell achtete aufmerksam auf die Aristoteleischen Rhetorikregeln, die ihm schon häufig gute Dienste erwiesen hatten. Er zitierte in diesem Zusammenhang auch gerne Nietzsche: "Wer uns umwirft, der ist stark; wer uns erhebt, der ist göttlich; wer uns ahnen macht, der ist tief." Bitte noch ein, zwei Sätze dazu, ein Bild, eine flüchtige Idee, ein wenig aus dem Plauderkästchen.
Pendell blätterte in seinem Buch bis zur nächsten von ihm markierten Stelle. Nach seinerworauf bezüglich?
etwas dunklen Einleitung hatte nun eine handfeste Erfahrung zu folgen, die leicht verdaulich und allgemein nachvollziehbar war, zum Beispiel Erscheinungen aus der Psychologie wie Dejavu oder Vorahnungen, die er dazu benutzen konnte, seine These der durch den Geist lenkbaren kosmischen Energien zu untermauern.klingt beinahe nach Kokolores


Bevor er weiterlas, sah er auf. Mißverständlich. Könnte auch bedeuten, daß er etwas auswendig aufsagt. Wohl kaum beabsichtigt.
Pendell versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie er verärgert war. schlecht konstruiert
Es gelang ihm nicht völlig. Er warf einen strafenden Blick auf Emilio Parma, den glatzköpfigen Vertreter der VHS, der sich schuldbewußt in seinen Sitz duckte. Geht beides, aber ein Dativ würde mir hier besser gefallen.
Die Aula der Schule, an deren Stirnseite er an einem Lehrerpult saß, hatte ein Fassungsvermögen von etwa fünfhundert Personen; doch sein Publikum war nicht annähernd so groß. auch umstellen
Pendells Blick rutschte über leere Stuhlreihen. Nicht einmal hundert Leute waren gekommen, ihn zu hören. Selbst wenn es anschließend noch einen guten Buchverkauf gab, lohnte die Lesung nicht, war sie verlorene Zeit.
Er beendete räuspernd seine Pause, während er unauffällig auf die Uhr, die im Hintergrund des Saales hing, blickte. Er hatte erst eine Viertelstunde gelesen, das war selbst für das kleine Publikum zu kurz.
"Wem von uns ist es noch nicht geschehen, daß er plötzlich an eine länger nicht gesehene Person denkt; will sagen, daß ihn dieser Gedanke wie hinterrücks und überraschend überfällt? Im einen Augenblick ist man mit Alltäglichem beschäftigt, im nächsten steht der Gedanke an die Person greifbar vor den Augen, obwohl man diesen Menschen, der einem vielleicht einmal viel bedeutet hat, schon lange vergaß. Und wem ist es nicht geschehen, daß kein Tag, meist jedoch nicht einmal ein paar Minuten vergehen, daß er jener Person begegnet? vier DASZ: Schäm Dich! Dann redet der Mann Kokolores im Quadrat, gefällt sich in Schachtelsätzen und mault über hundert Interessierte. Was ist denn das für ein Arsch? - Willst Du ihn unbedingt unsympathisch machen? Bei mir jedenfalls hast Du es erreicht.

Der Satz mit dem IM und einem verteckt retardierenden Dativ ist ausstellungsreif: verqueres Denken.

Klammer
02.10.01, 08:54
Hallo Robert.

Dein Scharfsinn ist bemerkenswert.
Du hast recht, Pendell ist ein Arschloch und als einen Dampfplauderer, der sich selbst mit seinen Worten und Taten entlarft, wollte ich ihn auch darstellen.

Gruß, Klammer

aerolith
08.10.01, 12:48
erstellt von Klammer: Oder, weitaus auffallender: Ich möchte einen Menschen anrufen, von dem ich längere Zeit nichts gehört habe, will bereits zum Telefon greifen, es klingelt, ich hebe ab und habe jene Person am Hörer, die im selben Moment wie ich der Idee verfiel, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Wenn das ab und an geschehen würde, wäre es vielleicht Zufall, aber jeder einzelne von uns kann von solchen Fällen berichten. Diese millionenfache Anhäufung ist mit Sicherheit kein Zufall mehr, falls es ihn denn überhaupt gibt. Verlust des Erzählfadens.
Also muß es Gründe für diese Übereinkünfte geben. Die Psychologie macht es sich einfach und hält eine geradezu lächerlich simple Erklärung bereit: Sie behauptet, daß es ganz natürlich sei, daß zwei Personen je nach ihrer Nähe nach einer gewissen Dauer der Trennung aneinander denken und in Verbindung treten wollen. ein daß streichen
Wenn Du neigst sowieso zu kausalem Schreiben; ich würde mich freuen, wenn Du hier nur erzähltest, statt mir irgendwas zu erklären, iorgend welche Bedingungen für das Eintreten von irgendwas zuzumuten...
ich einem Menschen, den ich, sagen wir, alle zwei Wochen treffe, nach Ablauf dieser Frist nicht begegnet bin, wächst bei mir von Tag zu Tag der Wunsch, mich mit ihm in Verbindung zu setzen. ..ist zudem ein überflüssiger erweiterter Infinitiv-Satz, was auch nicht sein muß
Ihm geht es ebenso. So, und nur auf diese Weise, soll es nach der Psychologie zu jenen merkwürdigen Momenten kommen. Das klingt plausibel, aber es erklärt nicht die erstaunlichen zeitlichen Koinzidenzien, die etwas Unheimliches haben. Ich will das anhand zweier spektakulärer, aber paradigmatischer Fälle belegen."
Pendell leckte sich über die Lippen. Sein Publikum hörte ihm mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu, während es bei der etwas zu philosophisch geratenen Einleitung noch Unruhe gezeigt hatte. Es waren mit wenigen Ausnahmen ältere Jahrgänge, die zu seiner Lesung gekommen waren; hauptsächlich Frauen, also ein repräsentativer Querschnitt durch seine Leserstruktur. In der ersten Reihe sitzend, erkannte Pendell die ältere, einfache Frau, die ihn am Nachmittag in der Buchhandlung angesprochen hatte. wer sitzt in der ersten Reihe? das HATTE am Ende streichen, also den Satz umstrukturieren
Sie nickte ihm ernst zu, was ihn für einen Moment verunsicherte. Dann las er weiter aus seinem Buch, ohne sich selbst zuzuhören. Der letzte Satz verdient eine Vorbereitung; überhaupt: Erzähl etwas übers Lesen/Vorlesen.


erstellt von Klammer: Seine Gedanken schweiften ab und kreisten seltsamerweise um das Bild, das er erworben hatte; er hatte es nach seiner Rückkehr ins Hotel noch verpackt ins Zimmer gestellt und als erstes geduscht. SELTSAMERWEISE bedarf einer Erklärung, einer poetischen; HATTE muß wenigstens einmal gestrichen werden
Danach war seine Neugierde zu groß geworden. Noch im Bademantel hatte er das Gemälde aus dem steifen Packpapier gerissen und in der Nähe des Fensters auf einen Stuhl gestellt.
Das Bild hatte seine Wirkung auf ihn nicht verloren. Etwas Seltsames geschah: siehe vorige Anmerkung
Während Pendell mit einem halben Blick auf das Gemälde sich des Bademantels entledigte, um sich für den Abend anzukleiden, eine häufige Konstruktion bei Dir: nachgereichte Erläuterungen statt einfacher Hauptsätze, die sich allmählich zum Wesen Deiner Absicht (Aussage) verdichten
spürte er plötzlich eine körperliche Reaktion, die ihn wegen ihrer rasanten Starre in atemloses Erstaunen setzte. Fast hätte er ejakuliert.
Eilig flüchtete ins Badezimmer zurück, wo er sich mit Hilfe einer gründlichen Rasur ablenkte. Später, als er sich doch anzog, vermied er Das vierte ER in zwei Zeilen...
sorgfältig jeden Blick auf das mächtige Energien ausstrahlende Objekt seiner Begierden. Hilfreich war das durch die Abenddämmerung diffuse Licht im Zimmer.
Als er von Parma Hab ich jetzt gepennt? Gibt es einen, der so heißt? Wenn Du den Ort meinst, dann unbedingt AUS.
abgeholt wurde, war ihm nichts mehr von seiner spontanen Erregung anzumerken, obwohl er weiterhin unruhig blieb und sich jetzt während seiner Lesung nach einer Frau umsah, die ihm Entspannung bieten konnte. Er hatte im Laufe der Jahre ein sicheres Auge für 'Groupies' entwickelt. Leider war das Angebot des Abends, bedingt auch durch seine hohen Ansprüche, begrenzt.
Schließlich blieben seine Augen auf dem makellosen Körper einer elegant gekleideten Frau in seinem Alter hängen, die seinen Ausführungen mit großen Augen folgte und geschmeichelt lächelte, als sie seinen Blick bemerkte. Nun, sie war nicht ganz ideal, Pendell gefielen jüngere Frauen besser, zudem war ihre Nase nicht hübsch; aber dafür war er sicher, daß es ihm gelingen würde, sie nach der Lesung kennenzulernen. Reflexiv berichten, außerdem die Dinge breiter und packender beschreiben: die Frau muß besser beschrieben sein: Du bleibst hier in Schemen.
Sie war zwar, wie er mutmaßte, mit einem gutverdienenden, aber zeitlich und emotional begrenzten und zudem langweiligen Büromenschen oder Arzt verheiratet. Aber das war kein Hindernis. Im Gegenteil: Wenn sie allein auf eine Lesung ging, erwartete sie Ablenkung von ihrer Langeweile, die ihr der verehrungswürdige Literat verschaffen konnte. Bei diesem Gedanken zog sich etwas in seinem Unterleib zusammen. alles viel zu vage und klischeeisiert
Obwohl Pendell ursprünglich vorgehabt hatte, seine Lesung nun zu beenden, hängte er noch einen weiteren Absatz aus seinem Buch an. Er handelte vom Einfluß memokinetischer und morphologischer Emanationen kosmischer Felder höherer Dimensionalität auf die Liebe auf den ersten Blick; es war mit Abstand das konfuseste, aber das weitaus poetischste Kapitel seines Buches. Das muß ich nicht verstehen, wie Worte mit Dimensionalität poetisch sein könnten! Als Parodie aber formlos.
Dabei zog er sein Opfer in der zweiten Stuhlreihe mit den Augen aus. Es lehnte sich unter seinen begehrlichen Blicken geschmeichelt zurück und schlug auffällig die schwarzseidenen Beine übereinander, die von Pendells erhöhtem Platz zwischen den Stühlen gut zur Wirkung kamen. wieder nur vage: WODURCH?
Pendell schluckte und beendete mit einem leichten, nickenden Lächeln, das sofort erwidert wurde, selbstzufrieden seine Lesung. Es wurde spärlich applaudiert. Emilio Parma kam geschäftig von der Seite zum Pult und klopfte auf das Mikrophon.
"Wir danken Herrn Dr. Pendell herzlich für seine interessante Lesung. Ich denke, daß seine Texte uns Horizonte öffnen können, die uns in unseren vom tristen Alltagsleben trägen Köpfen verborgen bleiben. Der Mann hat seinen Beruf verfehlt. DASZ-Konstruktion rausnehmen.
So viele Dinge gibt es, die wir uns nicht erklären können und die wir nicht wissen. Ist es nicht arrogant, überhaupt zu versuchen, unsere Welt mit unserem begrenzten Verstand zu erklären? Wäre es nicht besser, demütig von dem Universum..."
Pendell räusperte sich laut und Parma verstand den Wink. Ah, Parma ist also doch eine Person. Hatte ich vergessen. Schlimm? Hoffentlich erfahre ich jetzt etwas über diesen Mann, was mir im Gedächtnis bleibt.
Er hatte zwar zu einem längeren Vortrag über die Geheimnisse der Welt ausholen wollen, kam aber nach einer kurzen, verwirrten Pause wieder auf den Boden zurück.
"Herr Dr. Pendell steht Ihnen nun für Ihre Fragen zur Verfügung", sagte er schnell. "Rufen Sie bitte nicht durcheinander. Melden Sie sich, und Sie werden von mir aufgerufen."
Pendell hatte Mühe, nicht zornig aufzufahren. Das war nicht abgesprochen und er haßte den Disput nach einer Lesung, dieses stupide Beantworten von immer gleichen Fragen nach Arbeit und Privatleben. Er warf Parma einen tödlichen Blick zu.
"Ich bitte Sie, sich kurz zu fassen", schränkte er eilig ein. "Sie müssen dafür Verständnis haben in Anbetracht der fortgeschrittenen Uhrzeit." umstellen
Fast hätte der Autor noch hinzugefügt, wie leid es ihm täte. Aber für diesmal verkniff er sich seine Lüge. Gleich die erste Frage bestätigte Pendells Befürchtungen: streichen
"Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?"
Er seufzte und sah nach der Fragerin. Es war die Frau in der ersten Reihe, die ihm heute in der Buchhandlung schon unangenehm aufgefallen war. Es war still in der Aula, man erwartete die Antwort des Autors. Pendell sah keine Möglichkeit, dieser Frage zu entgehen. Er lächelte, überlegte, dann wußte er den Dreh, wie er sich um die Beantwortung drücken konnte.
"Um Sie zu präzisieren: Sie fragen, ob es etwas im Menschen gibt, Seele, Geist oder Energie genannt, das nach dem Absterben des Körpers weiterlebt. take a break
Ich denke, daß ich mit der Einführung zu meinem Buch, die ich zu Beginn las, längst eine Antwort gegeben habe. Danke."
Er rief eilig den nächsten Frager auf, um ein Nachhaken zu vermeiden. Die Frau öffnete den Mund, schwieg dann aber eingeschüchtert. Ein junger Mann stand auf und rückte seine Brille zurecht.
"Ihr Standpunkt ist mir nicht klar: Vertreten Sie nun einen objektiven Idealismus Hegelscher Prägung oder eher eine Art von Solipsismus? Und was sagen Sie zur modernen Philosophie, die beide Standpunkte längst überwunden hat?" Na, aber! Wenn das keine druckreif verfertigte Frage ist, die nur mit einem klaren Wort zu beantworten ist! Meine Antwort lautet: 17.

Auf zum kühnen Rest!
erstellt von Klammer: Vom Regen in die Traufe. Das war wieder eine der Fragen, die er befürchtet hatte. Pendell rutschte auf seinem Stuhl hin und her. a) HATTE-Konstruktion; b) Gemütsbewegungen müssen nicht unbedingt in körperliche umgesetzt werden: Vielleicht findest Du hier etwas Typischeres!
"Da muß ich weit ausholen. Wenn Sie sagen, daß das idealistische Weltbild eines Hegel oder Schelling überholt sei, so mögen Sie recht haben. Für einen reinen Konjunktiv der indirekten Redewiedergabe wäre ich Dir unendlich dankbar.
Die Unsicherheit aber, was sicher ist und was der Mensch überhaupt erkennen kann, bleibt. Als Menschen mit unseren begrenzten Sinnen gelingt es uns nicht einmal, die vier Dimensionen der Raumzeit zu erfassen, wobei uns gerade die Zeit und ihre Wechselwirkungen mit dem Raum vor schier unlösbare Probleme stellt. Stellt uns die ZEIT vor unlösbare Probleme oder die Wechselwirkungen mit dem Raum?
Es gilt heute als erwiesen, daß das Universum n-dimensional ist und es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß etwas im Menschen auch in diese Dimensionen reicht. Ich bitte Sie, diesen Gedanken aus- und zuendegeführt Das ist ein schreckliches Wort. Bitte durch ein anderes ersetzen.
meinem Buch zu entnehmen. Mein einleitender Ausflug in den Idealismus ist nicht, ähnlich dem Descarteschen Zweifel, das Ziel meiner Erkenntnis, sondern nur ein Mittel, zu ihr zu gelangen", wand sich Pendell. Er erhielt ein unterdrücktes, aber deutlich vernehmbares "Was für ein Unsinn!" zur Antwort.
Für einen Augenblick war Vollverb finden
betretenes Schweigen in dem Raum. Dann rettete ihn die attraktive Frau in der zweiten Reihe.
"Ich bewundere die Fülle der Materialien in ihren Büchern. Wie organisieren Sie eigentlich ihre Quellensuche?" Das sind eigentlich zwei verschiedene Fragen.

rodbertus
30.10.17, 10:53
soll ja keiner behaupten können, hier würde keine textarbeit geleistet..