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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Westeuropa und das Reich im 18. Jahrhundert



aerolith
22.05.14, 11:14
Der Schlagbaum (http://www.wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=schlagbaum), dieses Kennzeichen deutscher Rückständigkeit gegenüber den westlichen Nationalstaaten, war keineswegs eine deutsche Besonderheit. Wahr ist vielmehr, daß es in Frankreich sehr viel mehr Schlagbäume als im Reich gab und auch England bis 1866 Schlagbäume an allen Ausfallstraßen aus den Städten besaß, wo Wegegesellschaften Zölle kassierten. So kam es in Frankreich bis zur Revolution (1789) vor, daß Salz in Küstennähe bloß einen Bruchteil gegenüber dem in gebirgigen Regionen kostete.

In Deutschland war mit der Gründung des Zollvereins und der späteren Zollunion mit Frankreich, Benelux und England bereits 1833 alle Beschränkung weggefallen.
Um es anders zu sagen: die Reichsgründung 1871 war kein VERSPÄTETER Akt der Deutschen, um wirtschaftliche Rückstände (die es nicht gab; wir waren seinerzeit bloß nicht überall führend) aufzuholen, sondern ein Akt des Willens, ein politischer Akt, kein wirtschaftlichen Zwängen folgender.

aerolith
27.05.15, 12:42
Englands kinderlose Königin Anna starb 1714. Der act of settlement verhinderte die Thronfrolge ihres Bruders, des (katholischen) Stuart Jakob II., auf dem britischen Thron. Der Widerstand gegen ein katholisches Königtum war nach Annas Tod in England so groß, daß man sich über Parteigrenzen hinweg (Whigs vs. Tories) auf einen Ausländer verständigte, Georg von Hannover. Das war verhängnisvoll für die europäische Geschichte, denn nunmehr mischte England bei kontinentalen Ereignissen verstärkt mit, was zu ungezählten Kriegen führte. England fand Anlässe, einmal für die eine, einmal für die andere Partei einzugreifen, schließlich war Hannover zwar immer noch Bestandteil des Reiches geblieben, aber zugleich auch Teil Englands geworden. Schuld? Vielleicht war es Absicht der englischen Aristokraten, auf diese Weise das englische Königshaus zu schwächen, in Abhängigkeit von den finanziellen Notwendigkeiten des Kriegführens zu halten; vielleicht ist es ein Merkmal oligarchischer Politik, immer die schwächere Partei zu unterstützen, bis man selbst zur stärksten Partei geworden ist. Als Inselstaat mit einer wachsenden Flotte hatte England diese politische Möglichkeit.



pragmatische Sanktion:
- nach 1711 veranlaßte Karl VI. eine einheitliche Thronfolgeregelung für alle seine Erblande
- die Regelung sollte den privatrechtlichen Charakter einer Hausordnung verlassen à Erhebung zum Staatsrecht
- die Regelung bedurfte der Zustimmung der Landstände
- die ungarischen Landstände wollten eine möglichenfalls weibliche Thronfolge nicht akzeptieren, deshalb handelte Karl VI. eigenmächtig und ließ am 19.4.1713 in Wien vor einem kleinen Kreis hoher Hofbeamter den Inhalt der pactum mutuae successionis bekanntmachen
- Karl VI. wollte alle Eventualitäten durch die Verlesung beachten, sich also in erbrechtlichem Sinne absichern → antizipierter letzter Wille → bildete den Inhalt des Grundgesetzes der Habsburgermonarchie für die folgenden Jahrhunderte
- die Sanction wurde 1720 den Ständen bis auf Ungarn vorgelegt und von ihnen als sanctio pragmatica, lex perpetuo valitura und bis ins Jahr 1725 anerkannt
- sicherte u.a. Maria Theresia gegenüber ihrem Gatten Franz Stephan die Regentschaft



In der englischen Innenpolitik kam es 1721 zur Festlegung der Legislatur auf sieben Jahre. Man verhandelte politische Entscheidung zwar auch öffentlich, doch wie das im Parlamentarismus strukturimmanent ist, kam es hinter den Kulissen durch nichtöffentliche Absprachen zu den eigentlichen Weichenstellungen. Die Häuser Englands verhandelten eh nicht öffentlich, was Anlaß zu vielen Verschwörungsszenarien gab, zumal die Freimaurer in England ihren Einfluß im 18. Jahrhundert ausbauen konnten. So durfte keiner ein öffentliches Amt bekleiden oder lehren, der nicht anglikanisch getauft war. Allerdings wurden Nichtanglikaner nicht länger verfolgt. Das war ein großer Fortschritt. Eine Form der Auseinandersetzung, wie sie im Reich üblich war, gar einen Religionsfrieden konnte es in England nicht geben. Das legitimistische Königtum [1] hatte sich mit dem Autarkieadel, der selbstherrlich auf seinen Besitzungen saß und die Umgebung in jeder Form beherrschte, geeinigt. Das besitzende Bürgertum besaß die Möglichkeit, durch Erhebung in den Adelsstand an der Macht zu partizipieren. Dem Volk wurde durch Wahlen politische Partizipation vorgegaukelt. De facto jedoch blieben die Adligen und reichen Bürger unter sich. Im Oberhaus vererbte der Vater auf den Sohn seinen Sitz; im Unterhaus saßen meist die Zweit- und Drittgeborenen der Oberhäusler, Gefolgsleute und weitere Verwandtschaft. Wählbar war nur der Grundbesitzer, der anglikanisch konfirmiert und in der Kirche aktiv sein mußte. Ein geschlossener Zirkel, der sich durch Stellenvergabe und Landzuweisungen versorgte, in nicht öffentlichen Verhandlungen die Richtlinien der Politik bestimmte und den Neureichen der Gesellschaft ein Schlupfloch zur Aufnahme in den lauteren Kreis der Mächtigen ließ, indem der König Adelsbriefe ausstellte. Das nennt man Oligarchie. 95% der Briten waren somit vom politischen Leben ausgeschlossen. Ihre Freiheit hieß Auswanderung. Millionen machten davon Gebrauch.
Die erfolgreiche englische Außenpolitik dieser Jahre gipfelte in einer Vernichtung der spanischen Flotte durch ein englisch-französisches Bündnis von 1717.
Der Erfolg der Engländer wurde nur von dem der Franzosen übertroffen. Dieser nachhaltige Erfolg verbindet sich mit den Regelungen der polnischen Königswahl um 1733. Frankreichs Kabinettpolitik intrigierte Lothringen dem polnischen Thronanwärter Stanislaus Leszynski zu, der es Frankreich vererbte. Sachsen behielt die polnische Königskrone: August III. als König von Polen blieb Churfürst von Sachsen. Der Herzog von Lothringen erhielt die Toskana und besetzte den Platz der ausgestorbenen Medici. Habsburg wurde ruhiggestellt, indem man ihm Parma und Piazenza gab. Es überließ dafür Neapel und Sizilien seiner spanischen Linie. Alle waren zufrieden. Es gab keinen Krieg. Nur das Reich hatte verloren; Lothringen wurde nunmehr französisiert.
Nach dem Vorbild des durch Richelieu durchgesetzten Absolutismus faßten die Reichsfürsten ihre Territorien zusammen, zentralisierten, was zu einer strafferen Verwaltung führte. Außerdem pflegte jeder deutsche Fürst sich an der Hofhaltung des französischen Sonnenkönigs zu orientieren, ahmte nach oder suchte sogar zu übertreffen. Berühmt wurde die Hofhaltung des sächsischen Churfürsten August des Starken, dessen Hof prächtiger gewesen sein soll als der von Versailles.
Der Kaiser, Karl VI., lebte in Wien und war ohne männliche Erben geblieben. Man verfiel auf einen Kniff, die pragmatische Sanktion. Diese sicherte seiner ältesten Tochter die Nachfolge. Diese Tochter, Maria Theresia, liebte Herzog Franz von Lothringen, sollte aber den bayrischen Erbprinzen heiraten, der zehn Jahre jünger als sie war. Erstaunlich genug: Die junge Prinzessin setzte sich durch und durfte ihren Franz heiraten, dem sie viele Kinder schenkte. Als Karl VI. 1740 starb, übernahm Maria Theresia die Regentschaft. Der preußische König sah seine Chance gekommen und griff nach Schlesien. Für die Kaiserin war das Aufruhr. Friedrich II. hatte einen anderen Standpunkt und betrachtete das als Streit zwischen zwei Landesfürsten im Reich, also legitime Machtpolitik, bei der sich der Stärkere durchsetzen würde.
Wir erkennen hier ein verändertes Rechtsbewußtsein, eine frühneuzeitliche Rechtsauffassung, was die Frage nach sich zieht: Was war das Reich, staatstheoretisch gefragt?
Der Staatsrechtler Pufendorf befaßte sich im Angesicht des Dreißigjährigen Krieges mit dieser Frage und schrieb unter dem Pseudonym Monzambano 1667 eine Abhandlung, in der er die dato gängige Auffassung des Reiches als ständisch beschränkter Monarchie karikierte.



Absolutismus und Glaubensfreiheit stehen im Widerspruch, weil der Herrschaftsanspruch auch die religiöse Haltung der Untertanen zu erfassen und kontrollieren suchte und schon gar nicht einen organisierten Kult neben dem staatlich verordneten zu dulden bereit war. Ein zentralistisch regiertes Land wie Frankreich war in religiösen Angelegenheiten unfrei; eine politische Organisationsform wie das dezentralisierte Heilige Römische Reich Deutscher Nation dagegen ließ sehr viel mehr Freiheit zu. In Frankreich wurde denjenigen Eltern, die ihre Kinder nicht römisch-katholisch erziehen wollten, durch das Edikt von Fontainbleau (1685) deutlich gemacht, daß man ihre Kinder wegnehmen werde, damit sie an anderen Orten ohne die Beeinflussung durch ihre Eltern katholisch erzogen werden könnten. (A. Moser, S. 28.)



Die bedeutendste historische Erscheinung nach dem Dreißigjährigen Krieg war der Aufstieg Brandenburgs zur europäischen Großmacht. Unter Friedrich Wilhelm I. von Preußen gelang es, zwischen dem nordöstlichen Königsberg und dem südwestlichen Ostfalen (das heutige Sachsen-Anhalt) eine sechshundert Kilometer breite, weitgehend zusammenhängende Landmasse zu schaffen. Das ermöglichte eine ausgebaute Armee und eine straffe Verwaltung, wie sie Knyphausen und Danckelmann konzipierten. Preußen wurde zu einer Armee mit einem Staat. Alles hatte sich den Bedürfnissen der Armee unterzuordnen. Diese war für Preußen lebensnotwendiger als für viele andere Staaten, zu weit verstreut lagen die Besitzungen, zu wenige Menschen erwirtschafteten ein zu geringes Bruttosozialprodukt. Der Verlust einer Schlacht hätte die Existenz Preußens bedrohen können, denn die Reserven waren gering. Außerdem war Preußen wegen der Zersplitterung seines westelbischen Territoriums in einem dauernden Kriegszustand mit seinen Nachbarn. Erbstreitigkeiten taten das Ihre, europäische Verwicklungen kamen hinzu. Nachdem Sophie Charlotte, eine Schwester des englischen Königs Georg I., Knyphausen und Danckelmann aus ihren Ämtern expediert hatte, kamen Preußens Finanzen durcheinander. Das war noch vor 1700. Friedrich Wilhelm I. strich nach 1701 die Ausgaben für allen Luxus und regierte das Land mit straffer Hand; eine ständische Mitregierung, wie sie in den meisten Gegenden des Reiches üblich war, war in Preußen unerwünscht. Statt dessen setzte er zur Hof- und Domänenverwaltung Zivilbeamte ein, die mit an den Universitäten ausgebildeten Juristen und Kameralwissenschaftlern besetzt wurden und jedem Bürger offenstanden. Die Stände hatten den Wünschen des Königs zu entsprechen und Wünsche als Bitten zu stellen. Es bestand das Recht des Gehorsams. Absolute Herrschaft. Despotismus. Weigerten sich die Stände doch einmal, eine Akzise zu zahlen, so wurden sie mit königlicher Bestimmtheit in einem öffentlich verlesenen Schreiben beschimpft: Ich deklariere hiermit, daß alle die, die gegen die Accise gesprochen, geschrieben absonderlich gegen Vottieret vor Schelm, Hundsvötter, Ignoranten, Benhasen, Dachdiebe, unnütze Brotfresser halte. Dies ist mein Conclusum und soll bei der Accise bleiben. Friedrich Wilhelm I.



Pufendorf:
- bezeichnet das Reich weder als Aristokratie noch als Monarchie
- keine Monarchie, denn die Reichsstände sind in wesentlichen Dingen vom Kaiser unabhängig
- die dauernde Quelle fuer die tödliche Krankheit und die inneren Umwälzungen des Reiches liegen in:



der Kaiser strebt auf der einen Seite nach der monarchischem Herrschaft
die Stände streben nach völliger Freiheit


- geht bei seinem Lösungsansatz für die politischen Probleme Deutschlands von folgender Prämisse aus: die Unregelmäßigkeit der Verfassung Deutschlands hat sich so verhärtet, daß sie ohne Umwälzung, eversione totius, des ganzen Staates nicht mehr zu den Prinzipien einer echten Monarchie zurückkehren kann
- die gegenwärtige Staatsform kann als Föderation betrachtet werden, also muß alles getan werden, die innere Eintracht zu richten, concordiam retinendam maximus labor
Jedem müssen die Rechte gewahrt bleiben, damit alle die gleiche Freiheit und Sicherheit haben.
Verjährte Ansprüche müssen auf Dauer ruhen, und der Besitzstand eines jeden muß erhalten bleiben.
Das gewählte Oberhaupt muß in seiner Macht durch Gesetze beschnitten sein: Heer und Festung dürfen nicht seiner alleinigen Entscheidung unterstehen. Außerdem kontrolliert ihn ein ständiger Rat, dem die ständigen Angelegenheiten zu erfüllen – Auftrag durch Bundesgenossen mit Berichtspflicht diesen gegenüber – anvertraut ist.
Alle auswärtigen Angelegenheiten müssen zuerst vor den Rat kommen, dann ist den jeweiligen Bundesgenossen Bericht zu erstatten, wonach ein Beschluß gefaßt wird.
Bündnisse zwischen einzelnen Gliedstaaten und auswärtigen Mächten sind verboten/zu verhindern.
- schlägt folgende politische Lösungen für Deutschland vor:



Vorherrschaft Österreichs brechen
enger Staatenbund mit möglicher Beschränkung des Kaisers
Gleichberechtigung der verschiedenen kirchlichen Bekenntnisse
Beseitigung der geistigen Fürstentümer
Auflösung der Klöster und des Jesuitenordens





Die Akzise betraf die Adligen wie die Bürger gleichermaßen, jährliche Abgaben. 40 Taler (etwa das Jahreseinkommen eines Beamten) sollten die Inhaber eines Rittergutes zahlen. Die Magdeburger, die sich sowieso nicht damit abfinden konnten, nach den Bestimmungen des Westfälischen Friedens nunmehr preußisch geworden zu sein, weigerten sich, diese Akzise zu zahlen und beschwerten sich beim kaiserlichen Reichshofrat in Wien. Dort entsprach man der Beschwerde, aber das hinderte Friedrich Wilhelm I. nicht, Dienst bei seinen Heeren und Steuern einzufordern und mit Gewalt einzutreiben. Der König reiste durchs Land und überprüfte seine Beamten. Wer etwas nicht nachweisen konnte, wurde bestraft, manche auch gehängt, wenn sie Ausgaben nicht belegen konnten. Disziplin war ihm wichtiger als das Geld. Friedrich Wilhelm I. wußte, daß sein Staat nur über das straffe Regiment eine Chance besaß, sich gegen die bevölkerungsreicheren Feinde zu behaupten. Alles unterstand seiner Kontrolle, nur eines nicht: die Rechtsprechung. Sie behielt ihre Unabhängigkeit.
Die umfänglichen Steuerleistungen der preußischen Untertanen bestanden auch darin, Soldaten zu beköstigen. Kasernen gab es nicht. Die Einquartierungslast war mancherorts sehr hoch. Andererseits war der König nicht daran interessiert, sein Land auszubluten. Die Kriegskommissare der einzelnen Gebiete wurden einem Generalkommissar unterstellt, der diese Kommissare wiederum zu einzelnen Kollegien zusammenrief. Kontrolle und Gegenkontrolle gaben dieser Behörde den Ruf der Objektivität. Lasten sollten gleichmäßig verteilt werden. 1723 wurden die Kollegien einem Generaldirektorium unterstellt, das allgemeine Verwaltungsaufgaben für Preußen erhielt. An der Spitze der jeweiligen Kollegien standen fortan Präsidenten und Minister. Auch die verwaltungstechnische Selbständigkeit der Städte existierte nicht mehr. Auf dem Lande allerdings existierte der Posten des Landrates. Dieser nahm eine Mittelstellung zwischen dem König und den Kommissaren ein. Meist entstammte er dem Ritterstand. Er wurde nicht gewählt, mußte auch keine Ausbildung nachweisen, sondern wurde vom König ernannt. Die Dömanenkammern waren ihm zwar übergeordnet, doch die Einzelheiten der Steuerbeschaffung und Verwaltung unterstanden ihm. Der König behielt sich Räte, aber die tatsächliche Verwaltungsarbeit wurde vom Generaldirektorium geleistet.
Den ungeheuren Soldatenbedarf preßte der preußische König über die eingesessenen Adligen, die auch die Offiziere der einzelnen Verwaltungseinheiten (Kantone) stellten. Der König verlangte eine bestimmte Zahl von Wehrfähigen je Kanton, überließ es aber seinen Offizieren, diese Soldaten zu beschaffen. Als Regel galt, diejenigen zu rekrutieren, die nicht gut tun, also den Abschaum des Dorfes.
Berühmt wurde eine Marotte des preußischen Königs, die „langen Kerls“. Als „lang“ galt, wer sechs Fuß (1,88 m) übertraf. Fünf Fuß (1,72 m) sollte ein Soldat in jedem Falle messen. Die anderen hatten Glück und entkamen den Werbern. Schließlich brachte es die preußische Armee auf ca. 85000 Mann, davon die Hälfte aus dem Ausland. Es gab keine feste Dienstzeit. Zwei Monate im Jahr dauerten die Exerzierübungen, die restliche Zeit lebten die Soldaten auf ihren Höfen oder waren einquartiert.
Preußen war ständisch gegliedert, demzufolge hatte der König keine Neuerungen eingeführt, aber über dieser Ständegesellschaft weste der Wille des Monarchen, der alles fest zusammenhielt. Der preußische Adel erkannte schnell die Vorteile dieser Grundordnung. Der Dienst in der Armee wurde ihm zur Herzensangelegenheit, denn nirgends sonst gab es so vielfältige Möglichkeiten zum gesellschaftlichen Aufstieg, zu Ruhm und Ehre, auch zu Land und Einfluß. Das Offiziercorps blieb diesem expansiv ausgerichteten Adel vorbehalten. Der Nachwuchs kam aus Kadettenanstalten (Anstalt für künftige Offiziere; Kadetten), deren Zucht sprichwörtlich wurde. So entstand für den preußischen Adel die Neigung zur Pflicht, was dem Königtum nützte. Die preußische Elite diente im Offiziersrang im Heer. Der Bürger hatte für diesen Wehrstand zu sorgen und fuhr auch nicht schlecht dabei, wenngleich wirtschaftliche Freizügigkeit durch einen scharfen Merkantilismus [2] gedeckelt wurde. Doch war das preußische Bürgertum nicht selbstsicher genug, auch nicht aufgeklärt genug, hier gesellschaftliche Veränderungen einzufordern. Man lebte in bescheidenen Verhältnissen. Der König garantierte durch strenge Einfuhr- und Ausfuhrbestimmungen die wirtschaftliche Sicherheit der Bürger. Zudem wurden infrastrukturelle Pläne wie die Verbindung des Oder- mit dem Elbegebietes durch Kanäle allmählich umgesetzt, was die Wirtschaftskraft erhöhte. Die Städte besaßen das Recht, daß umwohnende Bauern bei ihnen die in den Städten manufaktuierten Güter kaufen mußten, das Marktrecht. Das brachte sichere Einnahmen, da auf dem Land manufakturielles Gewerbe nicht gestattet war.
Auch die Bauern lebten in sicheren Verhältnissen. Zwar hatte der Grundherr nach dem Westfälischen Frieden an Macht gewonnen, denn nur durch ihn war es oft genug möglich geworden, den zerstörten Hof wieder aufzubauen, was Bauern in Schuldknechtschaft brachte, doch durfte dieser Grundherr den Hof nicht einziehen, er war an einen der Söhne des Bauern zu vererben, meist an den kleinsten, denn die größeren mußten zum Militärdienst.


Aufgaben:



Unterscheide in Haupt- und Nebenkonflikte zwischen den wichtigsten Staaten in Europa im 18. Jahrhundert! (III)
Erkläre die Marotte mit den „langen Kerls“! (I)
Diskutiere Pufendorfs Auffassung zur Systembeschreibung des Reiches! (II)
War der Prozeß zum Beamtenstaat unumgänglich? Argumentiere! (II)



[1] Der Glaube an ein von Gott eingesetztes Königtum, dem dadurch Rechte und Pflichten erwuchsen, erfuhr mit der Kabinettspolitik auf dem Wiener Kongreß 1815 einen letzten Höhepunkt. Ihren militärischen Höhepunkt erlebte die legitimistische Interventionspolitik von Preußen und Österreich gegen Frankreich um 1791.

[2] die wichtigsten Bestandteile des Merkantilismus: Herstellung der wichtigsten Produkte im eigenen Land, Ausfuhrüberschuß, Ausbau der Handelsmöglichkeiten, Vermeidung von Importen, Lockung ausländischer Spezialisten ins eigene Land und Vollbeschäftigung.

http://vg06.met.vgwort.de/na/d71f2102aad845c3aa6fcb100542e61d