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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Tiefer Längsschnitt



Vincent
08.12.00, 17:26
An einem stürmischen Sommerabend nahm ich das Skalpell meines Großvaters zur Hand und schnitt mir den Leib auf, ein tiefer Längsschnitt.
Sie hatte das Wort zwar nicht gebraucht, doch ich fühlte, daß ich herzlos war. Wie hätte ich das vergessen können?
Nachdem ich viele offenbar nutzlose Organe zu Tage gefördert hatte, die sich in kräftigen Farben und weichen Formen vor mir ausbreiteten, überkam mich die erste Ratlosigkeit. Ich habe dann noch lange weiter gesucht, aber mein Herz habe ich nicht gefunden. Vielleicht liegt es daran, daß ich nicht weiß, wie es aussieht. Ist es überhaupt ein sichtbares Organ?

aerolith
08.12.00, 17:41
Es ist nicht zu finden dem, der es als Gemachtes sucht, wohl aber dem, der es vor sich her trägt. Bist Du schon einmal über den eigenen Schatten gesprungen?
Ich fiel dabei auf mein Herz. Es zerbrach.

Bigvogel
08.12.00, 18:54
manche tragen ihr herz auf der zunge, sagt man. es ist daher wohl sehr vom zufall abhängig, es im leib zu finden ..
big

andrea
08.12.00, 20:09
ich kenne das problem. ich bin auch herzlos!

a.

Vincent
08.12.00, 21:19
Ja, ich sehe, es gibt noch mehr Orte, an denen man suchen muß.
Aber andrea (schön, Dich hier wiederzutreffen...), was heißt denn, Du kennst das Problem? Hast Du Dir etwa auch ohne Erfolg einen tiefen Längsschnitt versetzt, oder bedurfte es dessen nicht, um Deine Herzlosigkeit zu erkennen? Grüße,

Vincent

Eulalie
08.12.00, 21:25
hi vincent,

deine zeilen (text finde ich zu viel des guten) haben mir ausgesprochen gut gefallen. mir ist aber zu wenig - na sagen wir - substanz (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=substanz)da. gib dir doch noch ein bisschen mühe und mach mehr daraus. ich warte ...

grüße
e.

andrea
08.12.00, 21:26
kenn ich dich, vincent? :nixweiß:

also ich hab da gar keinen wie auch immer gearteten schnitt gebraucht. ich bin schon ohne herz geboren und das hat schon mehr als einen verblüfft. medizinisches wunder ich! abbildungen sind in sämmertlichen entsprechenden medizinischen zeitschriften zu finden.

im übrigen habe ich am 23.12. geburtstag. manche forscher meinen, dass dieses knappe verfehlen des 24.12. ursächlich mit meiner herzlosigkeit zu hat.

tja. ich nehms mittlerweilen gelassen hin!

a.

Marina
08.12.00, 23:50
Original erstellt von bigvogel:
manche tragen ihr herz auf der zunge, sagt man. es ist daher wohl sehr vom zufall abhängig, es im leib zu finden ..
big

und manchem sackt das herz in die hose.

Schwarzes Pferd
09.12.00, 12:34
Hallo Vincent,

Der Text ist stark. Da hast Du nicht nur etwas geschrieben, sondern etwas erschaffen. Obwohl der letzte Satz gar nicht mal nötig ist, zu plakativ. Mehr sage ich auch nicht dazu, ich schwelge lieber noch ein bißchen...

Vincent
09.12.00, 20:18
Hi Schwarzes Pferd!
Vielen Dank für Dein überschwengliches Lob. An dem letzten Satz des Textes, muß ich gestehen, hänge ich sehr, mir gefällt er.
[..]
Gruß
Vincent

aerolith
08.12.01, 10:30
Das ist die männliche Variante des Ritzens. Ein Mann sucht in den Tiefen nach etwas, was ihm vielleicht irgendwann genommen ward. Ein Herz!
Eigentlich hätte man Vincent hier an Schiller verweisen müssen, an sein Zwiebelgleichnis, an die Analytiker, die eine Zwiebel von den Schalen befreien, immer auf der Suche nach dem Tiefsten, dem Grunde des Zwiebeldaseins. Und sie pellen und pellen, sie ritzen und ritzen, aus dem Pellen wird Reißen, aus dem Ritzen Schneiden. Ergebnisse?

Man sucht noch nach den Tätern.

Was ihr in eurem Herzen nicht fühlt, in eurem Denken nicht möglich macht, mit dem Skalpell werdet ihr's nicht finden.

kassandra
08.12.01, 18:24
Ist es überhaupt ein sichtbares Organ?

Als pumpender Hohlmuskel schon, offengelegt macht es nicht viel von sich her.
Ansonsten ist es in etwa so gut erkennbar wie die Seele.

Gruß
K.

Patina
08.12.01, 20:23
Erinnert mich irgendwie an George Bataille. Oder an Dalis Verborgene Gesichter.
Schön zu lesen. Aber ein bißchen kurz. Bitte mehr davon.

resurrector
18.12.17, 20:29
ein wunderbar in seiner widersprüchlichkeit lebender text, der eben aus dem scheinbar unvereinbaren seine spannkraft zieht. gefühl und leere, vorangegangener streit und kühle handlungsintensität, vergangenheit, gegenwart und zukunft in einem: siehe, ich stieß einen pflock in mein herz - und es lebte!

Klaus Norbert.
18.12.17, 23:04
Gute Idee für eine Kurzgeschichte, gefiel mir spürbar.