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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Tacheles



Paul
22.12.01, 21:09
Tacheles

Nun mal holla bei die Pferde,
die Rechnung nicht ohne den Wirt und
gemütlich zurückgelehnt -
lüstern das Pfeifchen, wem`s behagt Cognac,
Wodka natürlich wäre ersprießlicher,
nicht ohne das gewisse Zubrot, versteht sich,
weil der Magen und die Wirkung und
das ist eine Kunst für sich.... -
So!
Schauen wir ein wenig in das Kerzenlicht,
lauschen dem nächtlichen Wind und
erahnen beim Ticken der Uhr das Rieseln des Sandes... -
Und nu, liebe Genossen und Genossinnen,
mal Tacheles:
DER DICHTER!
Was um des Dreiteufelsnamen ist das für eine Kreatur?
Was will er?
Will er überhaupt etwas?
Versuchen wir es wie der Panther, schleichen wir uns vorsichtig und verdeckt an.
Hm.
Summasummarum scheint er recht friedlich.
Nicht unbedingt sein Äußeres, nein, aber sein Blick verrät das.
Aha.
Sein Äußeres erscheint durchaus, und das sogar zumeist, etwas befremdlich.
Manchmal gar erschreckend befremdlich.
Zuweilen verhüllt.
Hut, Schal, Bart, alles was verdeckt und weckt... -
Zuweilen elegant.
Wäre die Zeit eine andere... -
Zuweilen provokativ.
Seht, ich bin von einem anderen Stern... -
Soso.
Und sein Blick, was nun erblicken wir dorten?
Den Blick eines Pierrot, so wird zumindest vermutet.
Das eine Auge lächelt, das andere weint.
Das sind die Augen also, die die Schönheit, als auch die Traurigkeit geblickt.
Die Lust und das Laster.
Dionysos und Apollo.
Anfang und Ende erahnend... -
Tja.
Interessant, so scheint es... -
Und was will er nu, der Dichter?
Nichts!
Zunächst rein und nichts und gar.
Er entspricht eher einem Badendem.
Badet im Fluß.
Badet im Meer.
Durchaus vertrüglich, ihn als Wahnsinnigen zu bezeichnen.
Natürlich.
Wer badet schon im Herbst, im Winter... -
Doch bleibt etwas haften, etwas kleben -
Mensch, so ein wahrhaftes Bad... -
Unterm Sternenhimmel -
Nackt-
Mit den Fischen... -
Nun gut!
Frag ihn nie nach der Zeit,
den Dichter,
das weißt Du hoffentlich,
ihn nach der Zeit zu fragen,
das wäre schlafende Hunde wecken -
frag lieber nach seinen Träumen,
das könnte aufschlußreicher sein.
Frag ihn nie nach seinem Denken,
das wiederum würdest du,
wenn auch schlucken,
so unverdaulich -
frag nach seinen Gefühlen,
seinem Empfinden und
- wenn Du Dich traust -
nach seinem Schatz,
das ist sein Geheimnis... -
wenn er will,
und die Sterne günstig stehen,
so wird er antworten.
Das ist der Dichter.
Der, der in Höhlen lebt und betet.
Der niemals weint oder immer.
Der existiert, um den Spiegel zu halten.
Der weiß, aber lieber lebt.
Lieber lebt, weil er liebt!

aerolith
31.12.17, 11:45
Ein zuunrecht nicht besprochener Text.

Ich hoffe auf eine fruchtbringende Diskussion zum Thema "Was der Dichter erhoffen darf" und beginne.

Der Dichter hofft auf

Ruhm
lesefreudiges Publikum
die Erweiterung von Phantasie und Schönheitssinn
das Erfassen des Numinosen
Ausbildung des Seins
Lebensfreude und
Erhaltung.


Das Wichtigste aber ist ihm Freiheit. Freiheit des Wortes, des Denkens und Unverbindlichkeit. Wer ihm ins Wort greift, den darf er hassen und bekämpfen. Wer ihm vorschreiben will, was er denken, fühlen resp. nicht denken, nicht fühlen udn nicht hoffen darf, der will ihn töten. Da besitzt er ein Widerstandsrecht. Im Grunde ist er eine unpolitische Natur - das trennt ihn von seinem ungleichen Bruder, dem Schriftsteller. Der will nämlich vor allem etwas erreichen, eine "Verbesserung" der Lebensverhältnisse, was immer das auch sein mag. Der Dichter aber bedarf dessen nicht.

saul
31.12.17, 15:46
manchmal schreiben dichter schonungslos, dann aber wieder einfühlsam, und auch naiv, zudem ist das dichten eine anrufung und das hineinstolpern in das innere der dinge und des lebendigen.
das schonungslose und das anrufen sind sich ähnlich, wobei der schonungslose dichter damit rechnet in die fresse zu bekommen, wohingegen der anrufende eher die verdecktheit bevorzugt. der schonungslose will konfrontation, der anrufende will die bloße wirkung seiner dichtung. das hineinfühlen in das wesenhafte der welt und der geschüpfe ist stolperhaft und aber auch einfühlsam