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aerolith
08.02.11, 11:22
Konvention von Tauroggen: typischer Fall von Schein und Sein.


Am 30.Dezember 1812 morgens um 8 Uhr wurde die Konvention in der Mühle zu Poscherau bei Tauroggen abgeschlossen, wodurch der Generalleutnant Ludwig von Yorck (http://www.wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=yorck) für sein Korps von den Russen zunächst Neutralität zugesichert erhielt. Es waren geborene Preußen, die das Abkommen unterzeichneten. Für Preußen Yorck selbst, Oberst Röder und Major Seydlitz, für Ru?land Generalmajor Diebitsch und die früher preußischen, nach Rußland ausgewanderten Oberstleutnants Clausewitz und Dohna. Wir erwähnen das wichtige Ereignis, mit dem die äußere Wiedergeburt des preußischen Staatswesens beginnt, um die Stellung, die König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) dazu genommen hat, in das richtige Licht zu setzen. Früher ging die allgemeine Ansicht vorurteilslos und unbeeinflußt dahin, der König habe keine Neigung gezeigt, in entscheidenden Fragen die Initiative zu ergreifen, sondern wäre fast wider Willen von der Erhebung von 1813 mit fortgerissen worden. Man vergaß die ungemein peinliche Lage, in der sich der König befand. Die Zeitgenossen vergaßen sie auch und urteilten demgemäß. Andererseits würde man sich der Gefahr einer Verkennung Friedrich Wilhelms III. aussetzen, wollte man annehmen, der König habe nicht nur sofort die durch Yorck geschaffene, völlig veränderte Lage der Dinge durchaus richtig übersehen und, um nicht von Augereaus 12000 Franzosen, in deren Mitte er sich ja noch befand, unter Druck gesetzt zu werden, den Zorn über Yorcks Eigenmächtigkeit lediglich vorgetäuscht, sondern er habe sogar durch eine geheime, mündlich übermittelte Kabinettsorder seinen General zum Eingehen des schwierigen Vertragsverhältnisses mit den Russen überhaupt erst veranlaßt und angetrieben. (Hertslet, S. 222/223.)

aerolith
30.05.15, 18:21
Napoleons Niedergang begann in Spanien. Durch Briten verstärkte spanische Guerilla besiegte am 28.1.1809 französische Truppen, die die iberische Halbinsel jedoch nicht verließen, sondern ihre Stellungen behaupteten, wenngleich sie nun nicht mehr die politische Macht in Spanien besaßen. Napoleon nahm das zur Kenntnis, kümmerte sich aber nicht darum, denn er wollte die Weltherrschaft. Dazu mußte er England besiegen, nicht Spanien. Da er England nicht direkt angreifen konnte, mußte er es indirekt versuchen, also den großen Umweg über Rußland, die Zitadelle der Welt, deren Besitz dann auch Asien in Napoleons Schoß würde fallen lassen. Zu diesem Zwecke hatte Napoleon sich mit Rußland verbündet!



„Der große Akt, durch den sich die deutschen Staaten von der alten Gesellschaft lossagten und die neue anerkannten, war die Proklamation von Kalisch [28. Februar 1813]. Diese Proklamation hat für Deutschland fast dieselbe Bedeutung wie die Erklärung der Menschenrechte für Frankreich; im Namen der Verfassung ward Napoleon besiegt; durch diese Hoffnung trennte sich das deutsche Volk von Napoleons Sache; der Kampf gegen Napoleon ward zu einem Kampfe der entstehenden staatsbürgerlichen Gesellschaft gegen den Despotismus.“ (Lorenz von Stein, 1820)



Der russische Zar Alexander wußte um Napoleons Pläne, aber was sollte er tun? Er machte gute Miene zum bösen Spiel und eroberte im Zeichen seiner Allianz mit Frankreich Gebiete an den Grenzen seines Imperiums: Finnland, Rumänien und österreichische Teile Polens. Napoleon ließ das geschehen und bald bei seinem Partner um die Hand der Zarenschwester anfragen. Alexander wich aus. Napoleon suchte darum die Hand der österreichischen Prinzessin Marie Luise zu gewinnen. Ein Hindernis war die Ehe mit Josephine, die ihm keinen Sohn geboren hatte, was Napoleon besonders schmerzte. Das bedeutete Scheidung. Dem katholischen Kanzler Metternich war das egal, solange Österreich dadurch Vorteile gewann. Das Gewurschtel der Österreicher war erfolgreich: Zum Frühlingsanfang 1811 gebar Marie Luise Napoleon einen Sohn, der den Titel eines Königs von Rom erhielt. Damit waren Frankreich und Rußland Feinde. Das lag auf der Hand, denn Rußland litt mehr unter der Kontinentalsperre, als es durch das Bündnis mit Frankreich Vorteile hatte. Kurzfristig betrachtet. Die erworbenen Gebiete brachten in diesen unruhigen Zeiten nichts ein. Die russischen Bauern und Bojaren klagten über geringere Exporterlöse für ihre landwirtschaftlichen Produkte. Das russische Wirtschaftsministerium belegte daraufhin französische Luxuswaren mit hohen Zöllen und führte einen Zolltarif ein, der die Kontinentalsperre aushöhlte. Eine Kriegserklärung.
Das Kräfteverhältnis sah über 70 Millionen Franzosen und Verbündete gegen gut 30 Millionen Russen. Ausrüstung und Disziplin der französischen Armee waren der Alexanders weit überlegen. Aber Rußland verfügte über zwei Waffen, gegen die Napoleon nichts aufzubieten hatte: seine Weiten und seinen Winter.



„Ich habe später [nach den Feldzügen in Spanien 1809 und Rußland 1812] vielfach mit Offizieren aller Grade und mit verständigen Unteroffizieren über die Auflösung der [französischen] Armee gesprochen, namentlich mit solchen, die bis Orßa [Stadt im Nordosten Weißrußlands] und Bohr [bei Nischni Nowgorod in Rußland] in Reih und Glied gestanden. Sie waren einstimmig der Meinung, daß die Unordnung und lüderliche Zucht in der [französischen] Armee den Grund zu deren Auflösung gelegt. Lange vorher, ehe die Kälte oder der eigentliche Mangel an Lebensmitteln begann, gab es tausend Unbewaffnete, die bei den unübersehbaren Wagenburgen und Bagagen [Troß] sich herumtrieben.“ (Aus dem Leben des Generals der Infanterie Heinrich von Brandt. Berlin 1868. S. 502.)



Preußen entschied sich für Napoleon, Schweden dagegen, zumal Rußland dem schwedischen König Norwegen versprochen hatte. Napoleon wollte Preußens Kontributionen, Preußen konnte nicht. Napoleon drohte mit der Konfiszierung Schlesiens. Da hatte der preußische Minister Hardenberg den rettenden Einfall: höhere Steuern. Die Preußen waren bereit, trotz ihrer Not, diese Steuern zu bezahlen, wenn Schlesien dafür bei Preußen bliebe. Friedrich Wilhelm III. kehrte aus dem östlichsten Zipfel seines Machtbereiches nach Berlin zurück und stand so mehr unter Napoleons Aufsicht. Preußen zahlte die Kontributionen. Gemäß den Tilsiter Friedensbedingungen mußte es seine Logistik zur Verpflegung der französischen Truppen zur Verfügung stellen, außerdem bot es sein auf 42000 Mann geschrumpftes Heer Napoleon an, der 20000 davon (ca. 3% der Gesamtstärke) mitnahm und den Rest als Reserve an der preußisch-russischen Grenze ließ. Er traute den Preußen nicht. Zurecht.
Zar Alexander mit seinem vornehmlich deutschen Beraterstab wollte zuerst Napoleon angreifen. Doch der russische Oberbefehlshaber Kutusow konnte den Zaren von seinem Defensivkonzept überzeugen. Kutusow nützte die Weite des Landes und ließ die Franzosen eindringen.

Die große Armee (grande armée [1]) überschritt am 23.6.1812 den Njemen und betrat somit Rußland. Knapp 700000 Mann sollen es gewesen sein. 350000 Mann marschierten direkt auf Moskau zu, 120000 Mann deckten die Flanken. Die Russen konnten 400000 Mann aufbieten. Sie lavierten, uneinheitlich in ihrer Strategie. Viele Russen verstanden das nicht, daß heilige Städte des Russentums im Stich gelassen wurden, Smolensk etwa. 100 Kilometer vor Moskau wagten die Russen den Schritt heraus aus der Defensive und stellten sich mit 120000 Mann Napoleon, der zwei Drittel seiner Truppen bereits eingebüßt hatte: Krankheiten, Desertionen, Guerilla-Taktik der Russen... Die Franzosen gewannen unter großen Verlusten und marschierten weiter auf Moskau. Am 14.9.1812 zog Napoleon in Moskau ein, das weitgehend geräumt war. Aus bis heute nicht geklärten Umständen brannte Moskau, somit das Winterquartier Napoleons. Mitte Oktober ließ Napoleon deshalb wieder abrücken. Von 350000 Mann erreichten ca. 10000 die Beresina, den preußisch-russischen Grenzfluß. Der im Baltikum postierte preußische General Yorck verriet Napoleon und schloß mit den Russen ein Stillhalteabkommen (Konvention von Tauroggen), was den Russen ermöglichte, die Übersetzversuche der Franzosen empfindlich zu stören.



„Am 30. Dezember 1812 morgens um 8 Uhr wurde die Konvention in der Mühle zu Poscherau bei Tauroggen abgeschlossen, wodurch der Generalleutnant Ludwig von Yorck für sein Korps von den Russen zunächst Neutralität zugesichert erhielt. Es waren geborene Preußen, die das Abkommen unterzeichneten. Für Preußen Yorck selbst, Oberst Röder und Major Seydlitz, für Rußland Generalmajor Diebitsch und die früher preußischen, nach Rußland ausgewanderten Oberstleutnants Clausewitz und Dohna. Wir erwähnen das wichtige Ereignis, mit dem die äußere Wiedergeburt des Preußischen Staatswesens beginnt, um die Stellung, die König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) dazu genommen hat, in das richtige Licht zu setzen. Früher ging die allgemeine Ansicht vorurteilslos und unbeeinflußt dahin, der König habe keine Neigung gezeigt, in entscheidenden Fragen die Initiative zu ergreifen, sondern wäre fast wider Willen von der Erhebung von 1813 mit fortgerissen worden. Man vergaß die ungemein peinliche Lage, in der sich der König befand. Die Zeitgenossen vergaßen sie auch und urteilten demgemäß. Andererseits würde man sich der Gefahr einer Verkennung Friedrich Wilhelms III. aussetzen, wollte man annehmen, der König habe nicht nur sofort die durch Yorck geschaffene, völlig veränderte Lage der Dinge durchaus richtig übersehen und, um nicht von Augereaus 12000 Franzosen, in deren Mitte er sich ja noch befand, unter Druck gesetzt zu werden, den Zorn über Yorcks Eigenmächtigkeit lediglich vorgetäuscht, sondern er habe sogar durch eine geheime, mündlich übermittelte Kabinettsorder seinen General zum Eingehen des schwierigen Vertragsverhältnisses mit den Russen überhaupt erst veranlaßt und angetrieben.“ (Hertslet, S. 222/223.)



Diese Tat, so feige sie auch scheinen mag, wirkte wie ein Fanal. Der russische Zar schickte Stein nach Preußen zurück. In Königsberg tagten die Landstände und beschlossen die Einberufung einer Landwehr. Der König hatte keine Stimme, wurde übergangen. Er saß aber auch in Potsdam fest, umgeben von französischen Günstlingen und Garnisionen. Hardenberg schaffte es, den König nach Breslau zu bringen. Jetzt traute sich der König. Er rief sein Volk auf, freiwillig ins Heer einzutreten. Ein Volksheer gegen den Usurpatoren. Am 9.2.1813 erfolgte die allgemeine Wehrpflicht. Preußen brauchte Rußland als Bündnispartner, also kam es Rußland entgegen und verzichtete auf einstige Gebiete im Osten, die Rußland zu Zeiten seines Bündnisses mit Napoleon anektiert hatte. Am 26.2.1813 kam es zum Kriegsbündnis mit Rußland in Kalisch.
Damit war etwas geschehen, wohinter Preußen nicht mehr zurückkonnte. Aus dem Kleinklein dynastischer Politik wuchs Preußen, angetrieben von seiner Elite und seinem Volk, in eine übernationale Aufgabe, denn in dieser welthistorischen Situation mit hunderttausenden Soldaten aus allen Teilen Europas, die mitten in Deutschland stationiert oder in Kämpfe verwickelt waren, ging es nicht um die Zukunft eines Staates, sondern um eine Neuordnung Europas. Es ging um Schleswig und Hamburg ebenso wie um Bayern, Österreich und das Elsaß; es ging um Holland und die Schweiz, um Italien und Frankreich, um Polen, Rußland und Schweden. Doch nicht alle Deutschen wollten befreit werden; sie waren mit der Herrschaft Napoleons zufrieden.



Schwarzenberg an seinen Kaiser, 28.8.1813: „Mein eigenes Verhältnis betreffend, bin ich Eurer Majestät, dem Staate und meiner Ehre folgende Bemerkungen schuldig: Seine Majestät der Kaiser von Rußland, für seine eigene Person mit dem besten Willen und der besten Einsicht begabt, verläßt mich weder im Hauptquartier noch selbst in den Augenblicken des Gefechtes; er erlaubt mit der höchsten Nachgiebigkeit fast jedem General in den dringendsten Augenblicken jeden Rat und jede Bemerkung, teilt sie mir dann mit und setzt mich dadurch häufig in einen Zustand von Verwirrung und voneinander widersprüchlichen Ansichten, der an sich schon und ganz besonders dadurch den Geschäften nachteilig wird, daß ich öfters, aus unumstößlichen Gründen veranlaßt, zu einer Nachgiebigkeit selbst in Hauptansichten genötigt bin, deren Nachteil wir jetzt leider schon deutlich sehen.“



Napoleon ließ eine neue Armee aufstellen, mit der er die täglich stärker werdende Allianz gegen sich besiegen wollte, bevor es zu spät war. Er rückte gegen Mitteldeutschland vor und konnte dort kleinere Siege feiern. Am 4.6.1813 kam es zum Waffenstillstand von Poischwitz, den beide Seiten brauchten. Rußland buhlte um Österreich, Napoleon auch. Eigentlich war Napoleon dynastisch mit dem Kaiserreich Österreich verbunden, doch die Reformer am Wiener Hof drängten auf eine Lösung von Napoleon. Es kam zu Verhandlungen in Dresden, die fehlschlugen. Metternich war bereit, deutsche Gebiete bis zur Elbe aufzugeben, wenn Österreich dafür in Italien und Polen abgefunden würde. Allein dieses Angebot zeigt, wie sehr Metternich noch in kabinettspolitischen Erwägungen gefangen blieb und die Zeichen der Zeit nicht verstanden hatte. Napoleon seinerseits verkannte die Kräfteverhältnisse und lehnte ab. Wer die Weltherrschaft erringen möchte, geht keinen Schritt zurück. Diese Ablehnung bedeutete Krieg.

http://www.vonwolkenstein.de/weltgeschichte/aufruf1813.jpg

Napoleon stand im Sommer 1813 mit 450000 Mann in Mitteldeutschland, hielt die Elb- und Oderübergänge besetzt und kontrollierte so das Terrain. Für ihn hieß es, wie immer, den Gegner einzeln stellen und schlagen. Die Alliierten waren zwar nominell in der Überzahl (etwa 520000 Mann), doch etliche Heerführer kochten ihr eigenes Süppchen. Das stärkste Kontingent stellte Preußen mit 280000 Mann. Es gab keine nationale Erhebung. Der Westen, Sachsen und Bayern blieben ohne Erhebung und fest bei Napoleon. Das hatte seine Ursachen:



Napoleon hatte sich als Usurpator erwiesen, der die Unabhängigkeit der eroberten Völker mit Füßen trat, gleichzeitig jedoch setzte die Einführung des Code Napoleon neue Maßstäbe staatsbürgerlicher Rechte und Pflichten, die das eigentümliche Dasein der einzelnen Staatsbürger sicherte;
der Volksaufstand in den osteuropäischen Staaten brachte die konservative, legitimistische Staatsauffassung wieder zur Stärke, damit verband sich für viele mit Napoleon hochgekommene Klein- und Mittelstaaten die Angst vor einer Restauration.


Der Krieg entschied über die Zukunft Europas: Entweder würden die alten Dynastien mit Hilfe der neuen Idee des Nationalismus den Sieg davontragen, was ein Europa der Balance (mit England als dem Zünglein an der Waage) auf der Grundlage verfassungsrechtlicher Bestimmungen gebären mußte, oder Napoleon würde siegen, was ein europäisches Großreich mit einheitlicher, aber auch zentralistisch ausgerichteter Gesetzlichkeit einer Hegemonialmacht (Frankreich) generieren mußte.
Die Alliierten entwickelten die Absicht einer dreifachen Offensive, die jeweils vom Standort ihrer Armeen vorgenommen werden sollte. Gleichzeitig sollte die Heeresgruppe, die von Napoleons Hauptmacht angegriffen würde, sich defensiv verhalten. Das strategische Ziel bestand in der Eroberung des französischen Hauptlagers, mit anderen Worten, die Alliierten planten eine Entscheidungsschlacht in Mitteldeutschland, wohin sie ihre in Norddeutschland und Böhmen verteilten Truppen bewegen wollten.



Schiller und Goethe in „Xenien“, 1798:

Zum ewigen Frieden
Bald, kennt jeder den eigenen Vorteil und gönnt dem andern
Seinen Vorteil, so ist ewiger Friede gemacht.

Zum ewigen Krieg
Keiner bescheidet sich gern mit dem Teile, der ihm gebühret,
Und so habt ihr den Stoff ewig und ewig zum Krieg.



Napoleons dagegen mußte schnell sein, die verschiedenen Ziele seiner Gegner gegeneinander ausspielen und seine Truppen zusammenhalten, während er die gegnerischen zu trennen bemüht sein mußte. Zudem durfte er nicht die strategische Initiative aus der Hand geben, mußte also die Brücken und Festungen halten und die Gegner in die Gebiete zwingen, wo er einen Vorteil besäße.
Das klingt nicht allzu schwer, da Napoleon im Frühsommer all diese Aspekte beherzigt hatte und auf Sieg stand. Und doch machte er im Sommer 1813 einen strategischen Fehler: Er setzte Marschall Oudinot in Bewegung, um die nördlichen Armeen der Alliierten, die unter seinem einstigen Spezi Bernadotte (inzwischen schwedischer König geworden) standen, ins Meer zu treiben und zugleich die Küsten Norddeutschlands zurückzugewinnen. Das hätte die Versorgung der Alliierten zerstört und Napoleon die strategische Offensive erhalten. Der Plan war nicht schlecht, aber Napoleon gab Oudinot nur 64000 Mann, die seiner Meinung nach ausreichten, Bernadotte zu besiegen. Aus Hamburg sollten 37000 Mann dazustoßen und an die französische Besatzung Magdeburgs erging der kaiserliche Befehl, Oudinot mit 20000 Mann zu unterstützen. Damit besaß Oudinot 120000 Mann, die er gegen 150000 Schweden, Russen (v.a. Kosaken) und Preußen (v.a. Landwehr) führte, die gut aufgestellt waren. Oudinot zog nach Berlin. Dort wußte man nicht, ob es Napoleon war, der angriff, auch kannte man die Stärke der Angreifer nicht. Die Schweden waren bereit, Berlin zu opfern und begannen den Rückzug. Doch der preußische General Bülow hielt nichts von dieser Order seines Oberkommandierenden, Bernadotte, und griff am 23.8.1813 eine Vorhut Oudinots unmittelbar vor Berlin, bei Steglitz, vehement an. Eine Befehlsverweigerung. Aber er war erfolgreich und besiegte den völlig überraschten Oudinot, der sich sofort zurückzog. Napoleon hätte also recht behalten, denn Bernadotte verkannte die strategische Lage vollends, doch die Befehlsverweigerung eines preußischen Generals (wie schon bei Tauroggen) warf den Plan Napoleons über den Haufen. Das Ergebnis war, daß die Alliierten nunmehr den östlichen Norden Deutschlands kontrollierten und über die Ostseehäfen versorgt werden konnten. Von Süden her setzte sich Schwarzenberg mit der Hauptarmee (Österreicher und Russen) über das Erzgebirge in Bewegung. Napoleon war nicht vor Leipzig, sondern stand in der Lausitz, von wo aus er in alle drei Richtungen marschieren konnte, je nach Lage. Aus dem schlesischen Raum kam Blücher mit ca. 100000 Preußen und Russen Napoleon entgegen. Es bestand für Blücher die Gefahr, daß er an Napoleons Hauptarmee mit über 300000 Mann geraten und scheitern mußte. Blüchers Chefstratege Gneisenau verordnete Nachtmärsche. Und es gelang tatsächlich, aneinander vorbeizumarschieren. Eine kleinere Auseinandersetzung an der Katzbach bewies Gneisenau die Richtigkeit seiner Taktik. Napoleon verlor während dieser Tage im Regen des Sommers 1813 35000 Mann, die Alliierten sehr viel weniger. Vor allem jedoch gewannen sowohl die Schweden und Preußen im Norden als auch die Russen und Preußen im Südosten an Selbstvertrauen. Nach etlichem Hin und Her ließ sich Napoleon wieder in der Lausitz nieder und wartete auf die Alliierten. Parallel dazu hieß Napoleon Oudinot, den Angriff auf Berlin zu wagen. Doch Oudinot kam nicht dazu, denn er wurde schon bei Jüterbog von Bülow und Bernadotte von überlegenen alliierten Truppen gestellt und geschlagen. Auch diese strategische Meisterleistung war Blüchers Stabschef Gneisenau zu verdanken, der hier hervorragend koordinierte. Der Ring um Napoleon zog sich zusammen. Bei Leipzig kam es dann zur Schlacht, die Napoleon so lange gewollt, aber nicht bekommen und nun nehmen mußte. Er hatte die Hälfte seiner Truppenstärke durch Desertionen, Krankheiten und verlorene Gefechte eingebüßt, während die Alliierten täglich an Stärke zunahmen, daher verlor Napoleon die Völkerschlacht vom 16.-19.10.1813. Die mit Napoleon vereinten Kräfte des Rheinbundes verrieten ihren Kaiser und traten über, v.a. die Sachsen, in geringerem Maße Bayern, Württemberger, Hessen, Westfalen und Rheinländer.

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Die Siegermächte teilten schon die Beute. Preußen und Österreich wollten wiederhergestellt sein und sich in der polnischen Frage freundschaftlich einigen, was sich nur auf Kosten Rußlands bewerkstelligen ließe. Der Großmut der beiden deutschen Großmächte gegenüber den Rheinbundfürsten grenzte an Vaterlandsverrat. Sie sollten ihre Souveränität [2] und alten Rechte zurückerhalten. Das war schon im Vertrag von Teplitz festgelegt worden, 9.9.1813, und hatte vielleicht nicht unwesentlich zur Desertion sächsischer Rheinbundtruppen geführt.

In Frankreich setzte sich die unterschwellige Meinung, daß Napoleon nicht dem französischen Volke, sondern nur seinem persönlichen Ehrgeiz diene, durch. Das bedeutete den mehr oder minder freien Durchmarsch der Alliierten bis Paris, das sich den Alliierten übergab. Napoleon wurde abgesetzt und nach Elba geschickt, zudem (nach heutigen Silberpreisen) eine Rente von 40 Millionen € p.a., gezahlt vom neuen französischen König, Ludwig XVIII..
In Wien trafen sich die Sieger, um die Nachkriegsordnung festzulegen. [3]


Aufgaben:



Nenne Eroberungen Rußlands nach dem Bündnis mit Frankreich um 1809! (I)
Liste das Kräfteverhältnis vor Napoleons Einmarsch in Rußland auf! Erkläre die Motive der einzelnen Staaten! (II)
Vergleiche die Taktiken beider Kontrahenten und bewerte ihre Siegesaussichten! (II)
Untersuche die im AT getroffene Aussage, daß Yorck Verrat beging! Werte das Vorgehen des preußischen Generals! (III)
Erkläre die unterschiedliche Wahrnehmung Napoleons als Kriegstreiber und Usurpator, aber auch als Bringer des Fortschritts! Bedarf es Kriegen, um den Fortschritt voranzutreiben? (II)



[1] ausführlich zum Aufbau dargestellt in: http://www.8eme.de/Franz_Armee_Infanterie.php - Es gibt zwei verschiedene Arten in der Grande Armée: die Linien- und die leichte Infanterie. Diese zwei hauptsächlichen Arten wurden noch in Kategorien unterteilt, die sich durch ihren Kampfwert unterscheiden. Beginnend mit der ersten Art, waren diese Kategorien: Garde, Linie und Reserve.

[2] Der Begriff ist seit Machiavelli ein terminus technicus in der Politik geworden und meint, daß die erste Gewalt Gesetzgebungsgewalt sei, von der alle übrigen Herrschaftsrechte ausgehen. In diesem Falle bedeutet es, daß die alten Fürsten diese Gesetzgebungsgewalt zurückerhielten und diese nicht an eine gesetzgebende Versammlung übertragen würde.

[3] Das Wort vom ewigen Frieden war in aller Munde. Zwanzig Jahre Krieg unter Napoleon waren zu Ende. Nunmehr sollte eine dauerhafte Nachkriegsordnung gefunden werden. Gegen diese Vorstellung regte sich Widerspruch aus einer Ecke des gesellschaftlichen Diskurses, den man so nicht erwarten konnte: die Romantiker um Adam Müller! Sie betrachteten die Schaffung einer stabilen und auf Dauer angelegten Nachkriegsordnung eher mit Widerwillen: „Die Torheit aller Begriffe vom ewigen Frieden, denen man einen Thron über allen diesen Staaten hat erbauen, die man durch einen Universalmonarchen oder permanenten Völkerkongreß hat repräsentieren lassen wollen, braucht nicht erst bewiesen zu werden; ihre Unausführlichkeit leuchtet ein, und – hoffe ich, nach allen meinen Prämissen – auch das Unglück der Welt und der Stillstand der bürgerlichen Gesellschaft, welche der Ausführung auf dem Fuße folgen würden. Kriege sind, aus dem Standpunkte der einzelnen Menschen, Unbequemlichkeiten, welche das Nebeneinanderwohnen einzelner Völker mit sich führt, wie in der bestgeordneten bürgerlichen Gesellschaft Prozesse und Streit Unbequemlichkeiten sind, wlche sich von dem Nebeneinanderwohnen der einzelnen Menschen nicht trennen lassen. “ (Müller, s. 48.) Kriege sind danach Bewegungen, in den sich das politische Leben und Fühlen der einzelnen Staaten erst fühlen lernt und bindet die Menschen besser aneinander als das Glück des Friedens.

http://vg06.met.vgwort.de/na/fe3b390afdab415aa2588f1e53367cc5