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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Depression



Paul
26.04.02, 11:59
Depression

wie wenn ein Stein
durchs geschlossene Fenster,
so zersplitterte ihm
das Lächeln
im Gesicht,
Nacht wurd's
in seinem Gemüt, nur
Ratten hetzten noch
lechzend durch
feuchtmodrige Gänge -
gierig sogen seine Lippen
den Qualm in seine
Lungen
Flügel,
die keinen Engel
mehr trugen... -
ewig flimmerte bereits
das Testbild,
von fern drangen Stimmen,
die ihn nie ganz erreichten,
das Flüstern des Windes nur -
oh, dieser Schmerz,
sein Herz
in Krämpfen windend, wie
ein Fisch am Haken,
im Hafen,
Endstation
Nr. 7B -
es war an der Zeit,
Zeit, die Dosis zu erhöhen...

Tux
26.04.02, 14:59
Hallo Paul, mmh, die Qual kommt rüber! Manches gefällt mir ausgesprochen gut! Die ersten zwei Zeilen - stark! Ratten hetzten ..., Flügel im Doppelbezug, dazu der "verlorene" Engel, die Anbindung des "ewig" dazu, Testbild. Aber manches ist mir ein bisschen banal formuliert oder zu dick und abgegriffen und (unfreiwillig? absichtliche Ironie?) komisch. Banal z. B. das "flimmernde" Testbild; dick z. B.: hetzen lechzend durch feuchtmodrig ... / gierig sogen. In Krämpfen windend wie ein Fisch am Haken, hoffentlich hört mich kein Tierschützer, finde ich in diesem Zusammenhang nur komisch.
Ich würde ein bisschen straffen ... Darf man jetzt hier Vorschläge reinstellen? Oder frisst mich der Dichter bei lebendigem Leibe auf? Tjaaa, ich wag mal einen Versuch ... Es hat mich nämlich sehr gereizt, weil es anspricht, das Gedicht, "hineinzugreifen" ... zu verändern - und dann noch mal zu straffen. Paul, ist das jetzt ok? Oder möchtest Du nur Kommentar "von außen"?
Tux

Depression
Wie wenn ein Stein
durchs geschlossene Fenster,
zersplittert
das Lächeln.
Nacht blieb. Und Ratten
hetzten vorbei.
Zug um Zug
gegen den Moder
in seinen Lungen,
Flügel des Engels,
wo war er?
Ewig das Testbild
und fernab Stimmen,
Flüstern - nur der Wind
ist nah.
Oh, dieser Schmerz,
sein Herz in Krämpfen.
Ende? Station 7B -
man muss die Dosis
erhöhen...


Depression

Wie wenn ein Stein
durchs geschlossene Fenster,
zersplitterte er.
Nacht blieb. Und Ratten
hetzten vorbei. Moder
in seinen Lungen,
Flügel am Boden,
gab es Engel?
Ewig schon
das Testbild,
keine Stimme, die
an ihn heranreicht,
kaum der Wind.
Dieser Schmerz!
Ohne Ende? Station 7,
man muss die
Dosis erhöhen...

Paul
26.04.02, 15:55
logisch, darf man, soll man, rein(be-)greifen... -
freut mich!
aber, ohen überheblich klingen zu wollen, behagt mir meine erste fassung bis jetzt besser - schätze an beiden müßte gefeilt werden, deckel drauf, gut durchgeschüttelt... -
fakten:
- daß das Lächeln im gesicht zersplittert, würde ich gerne lassen.
- Nacht blieb, gefällt mir sehr gut, besser als Nacht wurd's.
- nur Ratten behagt mir mehr als Und Ratten.
- in den Lungen vielleicht Teer, kein Moder, Moder in den G?ngen, in den Gehirngängen... .
- vielleicht sollte ich das ganze in den Präsens schmeißen, das machte das ganze Desaster, naher, näher... .
- Haken, Hafen, Endstation, so bin ich eben, immer schön dick auftragen, immer aus dem Vollen... - im Hafen ist Endstation, Krankenstation, das würde ich auch gerne lassen - gut, das Herz am Haken ist vielleicht zu "barock"... - ich liebe Kitsch (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=kitsch)!
- summa summarum:
Danke für die Aufmerksamkeit, überzeugt hast mich noch nicht - aber ich bleibe offen und gespannt!

Tux
26.04.02, 16:08
Hi Paul! Präsens fänd' ich klasse! Passend!, um dem Leser näher zu rücken! - Und: überzeugt?? - Ist doch jeder sein eigener Autor! Sollten Anregungen sein, aus der Sicht des Lesers/Ander-Autors ... Und am vorhandenen Text wegnehmen oder ergänzen und arbeiten ist immer zehnmal leichter, als jedes einzeln erklären ... Hat mich angeregt, manches Bild könnte ich mir gut und gern "ausleihen" wollen ... tja, Pech, ist nun schon vergeben! - Und ich kenn mich ja hier noch nicht so aus und nur zwei, drei Deiner Gedichte, wenn Barock "Deins" ist, ok, dann will ich Dir das nicht nehmen ... :augenbrauen:
Tux

Paul
26.04.02, 22:37
tja, dann schau dich mal um... -
dieser freundlich-wohlwollende ton, daran muß ich mich auch erst mal wieder dran gewöhnen... :keks:
ruckzuck landest du im sandkasten und sollst spielen... - also sei gewarnt und wetz die messer, auf dem schlachtfeld der worte gehts zuweilen zur sache, daß es nur so spritzt... - das allerdings vereinfacht die sache ungemein.
wohlan, genosse!

Hannemann
27.04.02, 00:36
Ich denke, also bin ich noch: In Östereich gibt es ein Hintertux, ob Jener wohl mit ihm verwandt?
Die Leute sind dort sehr freundlich, 2000 Meter über Meeresspiegel von oben herab. St. Pauli harkt auf Meereshöhe, das sollte mir weiterhin zu denken geben.

Griffon
02.05.02, 17:20
Du meine güte - dieselbe schreckliche erste Zeile nochmals ... mehrmals ... sorry, daß ich erst jetzt hierauf stoße ...

Es kostet wirklich fast übermenschliche Anstrengung um nach dieser schrecklichen ersten Zeile dennoch weiterzulesen.

Die zweite Variation von Tux gefällt mir bisher am besten. Bei Tux gibt es wenigstens keinen Engel - nur das Testbild ... stört noch immer ... und diese schreckliche erste Zeile ...

rodbertus
11.05.02, 09:02
ein sich hetzender text ohne höhepunkt, ohne verve; nur ein stück abgerißnes papier

weiter!

Paul
11.05.02, 13:20
hm, ich fühle mich an einen alten text erinnert:


weiter Weg

weiter,
ich gehe weiter,
weiter, weiter -

die Blume der Nacht,
die Blüte der Vollendung,
das immerwährende Lied -

weiter,
ich gehe weiter,
weiter weiter -

das Blut der Gefährten,
der Schmerz der Entleibten,
die Wollust Entrückter -

weiter,
ich gehe weiter,
weiter, weiter -

die Schreie der Geister,
das Wimmern des Windes,
der Wahnsinn Erleuchteter -

weiter,
ich gehe weiter,
weiter, weiter -

die Wahrheit Bekennender,
die Ahnung Bestimmter,
das Licht der Geblendeten -

weiter,
ich gehe weiter,
weiter, weiter -

der Schönheit Verzückung,
des Leidens Last,
der Sehnsucht Verlangen -

weiter,
ich gehe weiter,
weiter, weiter -

der Gluten Rausch,
des Teufels Versuchung,
des Lebens Wasser -

weiter,
ich schwimme weiter,
weiter, weiter Weg!

resurrector
30.03.18, 11:25
Paul ist in den ersten Jahren seiner Zeit im Wolkenstein oft angefeindet worden. Er ließ sich nie entmutigen. Steherqualität, die ich schätze, woraus sich irgendwann auch produktive Achtung entwickelt und der Wunsch, diese Qulität zu nutzen. Am Ende entstanden zwei Bücher, deren eines ich demnächst wieder auflegen werde.
Die meisten der hier Aufschlagenden wollen für ihr Ahah gelobt werden und schnappen ein, werden zuweilen sogar zickig und bösartig, wenn man ihr Werkchen kritisiert. Hinfort, sage ich, ab in den Donnerdrummel!

Bei "Depression" handelt es sich um einen zwar sensiblen Text, der aber wenig lyrizid ist, zu nah ist das lyrische Ich hier an dem, was es doch beschreiben möchte. "Weiter Weg" dagegen besitzt eine gute Dynamik.