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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : satyr (ausschnitt)



Pamina
10.07.00, 13:01
weitab von allen wegen entdeckte sie die ruinen des amphitheaters. sie war der grünen schlange gefolgt, die sich den hügel hinab durch verbranntes gras gewunden hatte, überwältigt vom smaragdenen schillern der glattschuppigen haut. unter einem großen steinblock war diese verschwunden und als sie den blick hob, erstreckten sich hangabwärts die verwitterten stufen, umgestürzte säulenblöcke im überwucherten halbrund. der mittagsstunde zufolge gab es keine schatten mehr und die dürren zweige vertrockneter büsche boten nur noch plattformen für die vereinzelten rufe zirpender grillen.
die an einen felsvorsprung gekauerte gestalt war erst auf den zweiten blick zu sehen, und auch nur deshalb, weil eine aus diesem bündel herausragende hand offensichtlich fliegen verscheuchte. sie näherte sich und achtete darauf, mit den absätzen ihrer sandalen kleine steinbrückchen in bewegung zu setzen, die dann ein wenig geräusch erzeugten, indem sie ein fußweit bröckelten und mit einem dumpfen schnalzen zum stillstand kamen.
die wedelnde hand bewegte sich nicht mehr und auf die wenigen meter distanz, die noch zwischen ihnen lagen, erkannte sie ein auf sich gerichtetes augenpaar, das jedoch immer wieder in verschiedene richtungen blickte und ihrem nahen eher wenig bedeutung beizumessen schien. sie blieb stehen und drückte die krempe ihres strohhutes wieder tiefer ins gesicht, um durch den so erzeugten schatten ihre entdeckung besser betrachten zu können.
fast hätte sie laut auflachen mögen, denn aus dem gehörnten und bis übers ganze gesicht behaarten kopf schien eine gespielte verzweiflung zu sprechen, die ihren ausdruck in wildem augenrollen fand und das wesen überdies seine kauernde haltung so weit veränderte, daß es seine gespaltenen hufe von sich streckte und nun den mächtig gewölbten, ebenfalls behaarten torso in die sonne streckte, begleitet vom innigen seufzen einer hellen kinderstimme, die so gar nicht zum übrigen erscheinungsbild passen wollte.
sie schluckte das hochkommende gelächter angestrengt hinunter und starrte angelegentlich auf einen abseits stehenden kapernbusch, um nicht den eindruck zu erwecken, sie könne sich über diese so offensichtlich zur schau gestellte melancholie lustig machen wollen.
schließlich wandte sie sich dem bocksfüßigen wieder zu und zog aus dem am gürtel befestigten lederbeutel einen rotgelben pfirsich hervor, den sie ihm mit zwei fingern gehalten über den kurzen abstand hinweg reichte. er schien unschlüssig zu sein, ob er die dargebotene frucht annehmen sollte, entschied sich aber dafür, den kopf begleitet von einem kurzen maunzen abzuwenden.
sie konnte nun ein leises lachen nicht mehr unterdrücken, ging in die knie und rutschte die restlichen meter auf allen vieren auf ihn zu, bis sie dicht vor ihm kniete und ihr geschenk einfach in die auf dem verdorrten gras liegende hand schob. die kralligen finger bohrten sich in den pfirsich, und das so plötzlich, daß ein wenig saft herausspritzte und er von einem tropfenregen begleitet in voller größe im spitzen maul seines gönners verschwand. ein dumpfes krachen erweckte den eindruck, daß auch der kern von spitzen zähnen zerteilt wurde und außer einer einzigen schluckbewegung deutete nichts mehr darauf hin, daß dieser vorgang jemals stattgefunden haben könnte.
allerdings hatte sie nun die ungeteilte aufmerksamkeit des wesens errungen, das sie jetzt unverblümt anstarrte und schließlich mit den zeigefingern seiner ebenfalls behaarten hände die leicht durchscheinende haut seiner gespannten bauchoberfläche kratzte.

rodbertus
10.07.00, 16:10
Um einen Bestand aufbauen zu können, aus dem Du, tief schöpfend, einen halbvollen Eimer emporziehst, mußt Du sehr ausdauernd sein.


Dein Text hat etwas Fragmentarisches, wie Dein Stil überhaupt aufs Andeuten und Anzeigen, nicht aber aufs Vollenden angelegt ist.


Ich erkenne es, weil ich selbst so gestrickt bin, mithin meine Texte so stricke. Also muß ich mich vor Dir in acht nehmen. Wir Ostfalen sind Fragmente durch und durch.

robortello
10.07.00, 23:21
ostfalen?

Pamina
10.07.00, 23:25
östliche hemisphäre, doch klar

rodbertus
12.07.00, 00:17
Du liebst Schnörkel? Ich auch. Du liebst das Vage? Ich auch.


Schreib mir doch einmal etwas von den grünen Augen, von der Liebsten, die hinter den Bergen wartet, von der Frau, die mit einer Lebenslüge lebt! Schreib mir davon, Pamina!

rupert
13.07.00, 09:08
Ostfahlen scheint kein so gängiger Begriff zu sein (habt ihr keinen Geschichtsunterricht gehabt !? : zu Zeiten Napoleons gab es sogar ein gleichnahmiges Königreich - mit Bonapartes degeneriertem Bruder Jerome an der Spitze - glaube ich). Sich gebildet einschätzende Menschen empfinden "Sachsen-Anhalt" oft als Wortungetüm (man denke nur an die Sachsen-Anhalter/Sachsen-Anhaltiner und ähnlich furchtbare Ableitungen), als sowohl geographisch als auch historisch falsch - und verwenden deshalb -und auch um das Ungebildetsein ihrer Mitmenschen bloßzustellen - den Begriff "Ostfahlen".

aerolith
13.07.00, 15:03
rupert, halt Er's Maul! Schwätz Er nicht von Dingen, die Seinen Horizont ins Unermeßliche zu steigern unabdingbar gewesen wären!


Name und Fale schreiben sich unaspiriert, gar ist die Dehnung im Sinne nicht mitgerechnet, denn es dehnt sich das Ländle im mittleren Gürtel Deutschlands, ist mithin Zentrum D.s, mithin Nabel Europas, mithin Nabel der Welt. Ganz korrekt müßte der Mittelpunkt der Welt dann zwischen Bielefeld und Hannover liegen (Teutoburger Wald?), was er dieser Logik gemäß aber nicht tut. Derzeit befindet sich der Nabel der Welt in der Leipziger Chaussee 80.
Ein Fale zu sein ist ungefähr so, als ob man sich an der eigenen Nase aus dem Dreck ziehen könnte (von Münchhausen ist ein typischer Fale). Es ist ausgesprochen oberflächlich und prahlig zugleich, wenn Er einen Kriegsverbrecher und Kinderschänder als historischen Leumund anzuführen gedenkt.
Anhalt ist ein kleines Gebiet, ungefähr 500 km² groß, Sachsen reicht etwa von Ostfriesland bis Dresden. Aber ich will Ihn nicht belehren.

buh
15.07.00, 23:01
der text springt einen zuerst durch seine etwas artifizielle weise an, so etwa an das märchen von der grünen schlange und der schönen lilie und an präraffaeliten erinnernd,
zieht einen aber dann schon rein, eine latente bedrohung gemischt mit mitleid mit dem fabelwesen entsteht, ein perlmuttzone zwischen gewohnter unenervierender realität und winckelmannschen dekors...:cool:)
schließlich am ende aber ganz schön erotisch...gerade "durch den spannungsbogen zwischen ungewissem ausgang und kratzen an schuppigem bauch" :augenbrauen:

ah pamina gar nicht schlecht!

bewundernden gruß


buh

Pamina
18.07.00, 17:51
die insel war überwuchert von dornigem gestrüpp. die wellen brachen sich sanft im rollenden kies des strandes, wo sie der bootsmann im seichten ausgesetzt hatte. die sandalen in der einen und den hochgerafften rock in der anderen hand war sie die wenigen meter bis zum flutrand gewatet, hatte sich an unzähligen spitzen steinchen die fußsohlen verletzt und saß nun auf einem der glattgespülten felsen, die findlingen gleich verstreut über der trockenen zone lagerten.
in der ferne, gleichsam am horizont, konnte man im milchigen dunst die faltenwurfartig angeordneten berge der hauptinsel erkennen, die sich über den hie und da aufblitzenden schaumkronen erhoben.
in sechs stunden würde er wiederkommen, hatte der bootsmann gesagt, also am frühen abend. und war kopfschüttelnd und mit tuckerndem motor auf seiner holzbarke wieder auf die offene see gesteuert.
es handelte sich um eine sogenannte unbewohnte insel, und es mußte diese hier sein, die das wesen ihr aufgeregt und mühevoll mit seinen kralligen fingern in den staubigen boden gedrückt hatte. eine kleine vertiefung inmitten einer kette von vier größeren inseln. zweifellos, es mußte diese hier sein.
sie rieb sich die schmerzenden fußsohlen und begann um sich zu blicken. dies sei der einzig mögliche anlegeplatz rund um die klippen- und riffbewehrte insel, hatte der bootsmann gemeint. allerdings war der weg in die grünbuschigen hügelhöhen durch die hecken versperrt, und insgeheim begann sie, bei sich zu fluchen (was auch immer sie unter fluchen verstand, eine reihe harmloser kleiner schimpfwörter,von denen sie die meisten noch nie laut ausgesprochen hatte).
sie zog die sandalen über und erklomm den höchsten der steine, der nur einige lächerliche zentimeter mehr aussichtshöhe versprach als die übrigen. sie hob die rechte hand und beschattete ihre augen, um im gleißenden licht der mittagssonne die umgebung besser übersehen zu können.
nichts zu machen. das kleine strandstück lag wie von einer verzauberten dornenhecke abgeschirmt vor ihr, während die gangbaren wege bergaufwärts in unabsehbarer ferne lagen.
sie griff nach ihrem beutel, um einen schluck wasser zu sich zu nehmen, und bemerkte voller entsetzen, daß sie diesen unter den sitzplanken des bootes vergessen hatte.
diesmal machte sie ihrem ärger durch einen lauten schrei luft und stampfte zornig auf den felsigen untergrund. sie starrte auf den fernen gipfel des berges und verspürte eine ohnmächtige wut auf sich selbst. daß sie der verwirrten zeichensprache eines offensichtlich vom veitstanz besessenen ziegenbocks gefolgt war. daß sie aufgrund einiger lächerlicher erdkuhlen das gefühl bekommen hatte, eine schatzkarte läge vor ihr.

robortello
18.07.00, 17:58
na, du machsts aber spannend, mein herz, was hier durchaus als lob gemeint sein soll. aber daß das nicht erotisch wäre, das halt ich ja für ein gerücht. und wohin führt der berauschende epische atem, der darin steckt?


grüßt pat bateman (und erfreut sich hiermit seiner wolkensteinischen existenz nach virtueller ermordung im lc)

Pamina
19.07.00, 13:32
sag mal, sweetheart, weißt du schon, daß martinR dich als primitives pack bezeichnet? :schulterklopfer:

7schwerter
19.07.00, 13:47
ich liebe diesen text.


und heute besonders.
7s

robortello
19.07.00, 19:01
hast du also tatsächlich mit ihm gechattet, pamina? da staune ich. jetzt ist das lc zu, bist du schuld?

Pamina
19.07.00, 19:19
iiiich? schuld? :angel:
nein, ich habs sogar schriftlich, von wengen chat! hier eine mail von martinR an ******, alles nachzulesen im blauen, posting von madonna, 19. juli 2000, 01:35:44 uhr.
da staunst du, was!
hier der inhalt der mail, wie immer in perfektem deutsch verfasst und logisch aufgebaut:
_____________________________________________
Hallo ******

welch eine nette Begrüssung und welche nettes Mail was Du mir da
schicktest
Ich habe mit den Rausschmiss weder durchgeführt, noch ihn angeordnet,
noch etwas damit zu tun.
Außerdem ist es absolut richtig, daß primitives Pack wie Pat Bateman
rausfliegt, wer Susanne Blum ist oder vielmehr war, weiß ich nicht.

Liebe Grüße
MartinR
_____________________________________________


"...oder vielmehr war..."....Köstlich!!!!

yours

Pamina

Hallo 7schwerter!

robortello
19.07.00, 19:32
nähere informationen zum fall lc gibts hier:
http://www.f22.parsimony.net/forum40587/messages/999.htm

madonna
19.07.00, 21:01
Für den Fall, dass ihr diesen Beitrag im eifer des gefechtes in der Blaupause übersehen habt:


[ blaupause ]


Geschrieben von madonna am 19. Juli 2000 14:16:18:


Danke Pat für die Ausführungen ... ich sehe jetzt klarer was, gelaufen ist.
Du hast verstanden, dass man auf eine vage äusserung hin nicht Partei ergreifen kann.
Ich bin jetzt bei Euch, nicht nur aufgrund Deiner und Paminas Mitteilungen, sondern weil ich jetzt mit Sicherheit weiss, dass ich zu sehr vertraut habe.
Aber diese Überzeugenung musste sich auf Grund von Tatsachen bilden.


Martin konnte nicht erwarten, dass sich die Leute nicht wehren, wenn er ihnen den Mund verbietet. Zu glauben, sie würden sich kleinlaut davon machen, zeugt von einer naiven Fehleinschätzung.


Dies war schon immer meine Meinung, die ich jetzt folgender Massen ergänze:
So wie ich mich damals mit fairen Mitteln dagegen verwahrt habe, dass meine und andere Beiträge gelöscht wurden, verstehe ich, dass Leute, die dies mehrfach erfahren haben, die Geduld verloren.


Bei meiner Meinung bleibe ich:

Die Verantwortlichen für die Schliessung des Autoren-Forums im Literatur-Cafe sind der Betreiber und die Redaktion. Wenn sie es taten, weil sie auf MartinR hörten, ist das für mich zweitrangig, aber es ist ein Armutszeugnis.


Es ist schade wegen der vielen guten Leute und der vielen guten Beiträge, die ich gern gelesen habe. Es ist eine Schande für das Cafe selbst.


mit freundschaftlichen Grüssen
madonna

Pamina
19.07.00, 22:28
sie konnte nicht abschätzen, wie lange sie schon auf dem stein gesessen und aufs meer hinausgestarrt hatte.
sie entdeckte eine einzelne möwe, die hoch in der luft flog und die typisch spitzen schreie von sich gab, die solche vögel immer beim anblick unverhoffter beute ausstoßen. sie folgte dem tier mit ihren blicken und sah, daß es plötzlich auf etwas nicht erkennbares am ende des strandstücks herabstieß. dann war noch kurz verzweifeltes kreischen zu vernehmen und wieder die von meeresrauschen und wellenschlag durchwobene stille. keine auffliegende möwe mehr. neugierig erhob sie sich und stakte über den steinigen grund hinweg in die richtung, wo sie den vogel zuletzt gesehen hatte. sie stieg über mehrere größere felsblöcke hinweg, bis sie die stelle erreichte, wo ihrer einschätzung nach das tier verschwunden war.
da lag es, auf dem rücken, mit ausgebreiteten flügeln und gebrochenen augen. um es herum lagen weiße federn verstreut, die der leichte wind allmählich davontrug. ein einzelner blutfaden rann aus der brust, wo der metallene pfeil es getroffen hatte. neben dem verendeten körper lagen in einem nest aus algen und muscheln mehrere seeigel, die perfekt wie in einem stilleben aus früchten darin angeordnet lagen. obenauf das prachtvoll gemusterte gehäuse einer wellhornschnecke. buccinum undatum. sie erinnerte sich daran, eine reihe der verschiedenen unterarten in den glasschaukästen des berühmten malakologen baron mandralisca im museum zu cefale gesehen zu haben.
nachdenklich nahm sie das glänzende schneckenhaus zwischen die finger und verdrängte den gedanken daran, daß diese dem vogel zum verhängnis gewordene beute kein werk der natur sein konnte.
in einem alten jacques-cousteau-film war der meister selbst mit einem körbchen voller seeigel aus der tiefe emporgetaucht und hatte einen davon mit einem gekonnten schnitt der harpunenspitze geöffnet und das noch zuckende fleisch verspeist. diese kurze szene kam ihr plötzlich in den sinn, als sie das kunstvoll aufgebaute nest betrachtete. ein gefühl von trockenheit durchzog ihren gaumen, und die salzige luft verstärkte noch den wunsch nach etwas feuchtem auf der zunge.
vorsichtig zog sie das schmale wurfgeschoss aus dem starren möwenkörper. ein paar weitere federchen lösten sich und wehten ein stückweit. sie drehte und wendete den zierlich gearbeiteten pfeil, der jedoch keine widerhaken aufwies, sondern in einer nadelfeinen spitze auslief. in das andere ende waren zierliche metallsplitter eingearbeitet, die trotz ihres millimeterdünnen ausmaßes eisenhart aus diesem meisterstück der schmiedekunst ragten. sie tauchte die feuchtglänzende spitze kurz in den sand und verrieb mit den körnern die letzten spuren des blutes.

buh
19.07.00, 22:48
es liest sich so friedlich und angenehm, fast idyllisch, ein wenig bin ich in den Sälen wo die Spätrenaissance-Stilleben hängen, doch hat sich da nicht, kaum habe ich mich beschaulich ("stakend", "tuckernd" :cool: der Lektüre hingegeben, die andere Seite - "totes Leben" heißt Stilleben auch, bemerkbar gemacht... die Widerhaken und der Faden Blut...und die Harpune...oh und ich sehe die ernste Miene von Cousteau :augenroll:

Schön geschrieben, mir gefällts. Pamina bist Du Malerin (g)? Hm, vielleicht auch nature-morte-Chabrol.

Gruß


buh

Pamina
20.07.00, 11:26
lieber buh, jaja, die assoziationen...
das allzu beschauliche will ich ja gerade vermeiden. bzw. durch einbrüche in frage stellen. nichts wäre mir widerwärtiger, als gerade bei dieser thematik in einen heroisierenden und schönmalerischen ton zu verfallen. ich weiß nicht, ob mir das nun so gut gelingt, aber die immer wieder angedeutete idylle ist ja nur eine scheinbare, soll jedenfalls nur eine scheinbare sein.
die protagonistin ist nicht allzu erstaunt über diese einbrüche. man weiß nicht sehr viel von ihr. vielleicht ist auch das schon ein bruch. der leser soll sich nicht mit ihr identifizieren.
o, und malerin wäre ich gerne. leider habe ich artemisia neulich verpasst.
kennst du "Der andere Blick" von Judy Chicago und Edward Lucie-Smith (München: Knesebeck, 2000)? ein wunderbarer bildband der amerikanischen malerin und des begleitenden kunstkritikers smith. ein kunstgeschichtlicher streifzug zum thema "die frau als modell und malerin". erstaunlich, wie sehr die mythologischen frauengestalten doch noch bis in die moderne präsent sind, adaptiert, zitiert und interpretiert werden. scheint mir auch als thematik in den literarischen neuerscheinungen mehr und mehr präsent zu werden, soweit ich das überblicken kann. jedenfalls was die psychologische rückkehr zur archaik anbelangt.


saluti


Pamina

Pamina
20.07.00, 23:23
behutsam nahm sie einen der seeigel in die hand. "...verflucht...", hörte sie sich rufen, als sie die stachelbewehrte kugel fallen ließ. sie blickte aufmerksam um sich, während sie den verletzten zeigefinger zwischen die lippen preßte. dies war keine art, ein geschenk anzunehmen.
der bittersüße geschmack des blutes verursachte ihr leichte übelkeit, und erneut bückte sie sich, um einen zweiten versuch zu wagen.
vorsichtig ergriff sie mit daumen und zeigefinger zwischen den stacheln hindurch den molluskenartigen körper und quetschte ihn ein wenig zusammen. sie glaubte, ein leichtes zucken zu spüren und stieß rasch die scharfe metallspitze in das muskelähnliche gewebe. kein rotes rinnsal. ein riß klaffte auf, aus dem es verheißungsvoll orangerot leuchtete. mit einer seitlichen drehung des pfeils bog sie den spalt auf, so daß sich der fruchtkörper geradezu nach außen gestülpt ihrem blick darbot. eine perfekt gefaltete, lebende kleine landschaft lag vor ihr, dünenartig von feinen, fleischglatten hügeln durchzogen. lächelnd führte sie es zu ihren lippen, lachend biß sie durch das weiche innere bis hin zu der stelle, die einen sanften widerstand bot, riß mit einem einzigen ruck - es war nicht schwer - den gesamten innenkörper heraus und verschlang das etwas nußartig schmeckende fleisch des tiers.

tamino
21.07.00, 23:49
süchtig
wartet


tamino

Miranda
22.07.00, 11:09
weiter! :cool:

buh
22.07.00, 18:41
hai Pamina,
werd mir den "anderen Blick" (weiter) aneignen! Von Cindy Sherman brauch ich Dir ja wahrscheinlich nix erzählen. Und wie heißt die englische Videokünstlerin nochmal gleich (ähm)?? die Alltagsszenen zwischen Paaren filmt, zum Teil auf verschiedene Wände projiziert, zum Teil nur die Gesten, die Hände, alles scheinbar tausendmal gesehn aber dann die Dialoge!!! Oder ihre 360° Fotos mit Nippes und Kitsch und fast unbemerkt der Abgrund (er lauert...)

Werd den Namen so schnell wie möglich nachliefern

Hab wohl zu viel übers LC gelesen jüngst :schmoll:

Gruß!

buh

asmodai
22.07.00, 23:32
top! auch und gerade die diversen fortsätze.

buh
22.07.00, 23:57
Nachtrag: Sam Taylor Wood meinte ich in meinem obigen Beitrag


~~~buh

rodbertus
23.07.00, 07:40
Es ist an der Zeit zu den Wurzeln unseres Selbst zurückzukehren. Archaik bietet aber nur eine Hingabe aus, die des Unbedingten. Aber hier, in der Postmoderne, ist man bedingt. Alles Tun ist bedingt, wird hinterfragt, wird in einen Kanon -der wechselt- eingebettet. So ist die Freiheit des Handelns nur eine Botschaft aus dem Kanon, eine sehr bedingte und wenig verheißungsvolle Botschaft ist das. Es ist keine mehr. Nur in den Liebesbeziehungen gelten sie noch, die Gesetze der Unmittelbarkeit. Weil dort unser wahres Ich spricht, handeln muss. Und je länger ich darüber nachdenke, um so mehr verfalle ich dem Wunsch, rotes Fleisch auszuschlürfen, die Maden mit den Zahnspitzen zu zerschneiden, statt ein bereit liegendes Messer dafür zu benutzen, eben weil dieses Messer mich meiner Bedingtheit ausliefert. Und je länger ich darüber nachdenke, um so mehr möchte ich IHR die Kleider vom Leibe reißen statt sie sanft zu entpellen.

Doderer
23.07.00, 15:38
hallo pamina - der text nimmt von forts. zu forts. an schönheit zu.
Kompliment


dodero

Pamina
04.09.00, 13:19
wie im rausch ergriff sie einen seeigel nach dem anderen, öffnete sie alle auf dieselbe weise und verspeiste so das ganze nest, bis die leeren stachelhäute geplatzten maronenhüllen gleich um sie verstreut lagen. gesättigt blinzelte sie in den wolkenlosen himmel und verweilte ein wenig bei dem angenehm fruchtigen geschmack auf ihrer zunge.
mit dem gefühl einer allumfassenden zufriedenheit schlenderte sie schließlich die wenigen meter zur brandung und wanderte in die leicht an ihr bein klatschenden wellen hinein, die den leichten stoffsaum ihres rockes erfassten und ihn wie eine quallenblüte um sie herum schweben ließen, bis sie knietief im klaren wasser stand. mit beiden h´änden schöpfte sie das salzige naß und wusch sich das gesicht, den nacken und die arme in der lauen flut. sie watete noch einige schritte weiter, bis das wasser um ihre hüften spielte und wandte sich der insel zu. aus dieser perspektive konnte sie erkennen, daß die zuhauf angeordneten felsblöcke sich am ende ihres strandstücks zum land hin verjüngten und eine art durchgang freigaben, der ein gutes stück im wasser lag, jedoch den blick auf einen hellen streifen freigab, der auf das vorhandensein von sandigem grund hindeutete.
neugierig änderte sie die richtung auf dem rückweg und beschrieb einen bogen, der um das kleine riff herum auf den durchgang zuführte. der schmale, strömungsdurchflutete weg führte an gestein vorbei, das mit seepockengeschmückten miesmuscheln überwachsen war. kleine krebse flohen vor ihren sandaufwühlenden schritten und schwärme winzigster kaulquappenähnlicher fischchen flohen zwischen die umspülten klippen. die letzten meter mußte sie vollends unter wasser gleiten und stoßweise schwimmend hinter sich bringen, da der grund plötzlich metertief absank und sich erst wieder an einigen scharfkantigen steinplatten erhob, die sie vorsichtig balancierend überstieg. sie konnte erst wieder hochsehen, als sie endlich das wasser sicher verlassen und den kleinen sandhügel erklommen hatte, den sie zuvor schon von weitem gesehen und der ihr den blick auf das versperrt hatte, was sich jetzt vor ihren staunenden augen ausbreitete: eine kleine, von grünblättrigem gebüsch umgebene lichtung tat sich da auf, die zur see hin von den steinblöcken begrenzt und mit feinstem gelbgoldenem sand bedeckt war. sie hätte wohl noch länger dieses erstaunlich idyllische bild betrachtet, wenn ihre aufmerksamkeit nicht von einer erscheinung gefesselt worden wäre, die ihr in diesem augenblick so unglaublich erschien, daß sie ganz entgegen ihrer sonstigen gewohnheiten erst einmal reglos verharrte.
in der mitte dieser lichtung stand ein schmiedeeisernes bistrotischchen, an das zwei ebenso gearbeitete stühle gerückt waren. auf dem einen saß eine üppige blondine, ganz in rot gekleidet, schulterfreies top mit spaghettiträgern, caprihose und glänzende lackpumps von derselben farbe. sie saß mit lässig übereinander geschlagenen beinen da und lackierte ihre fingernägel, zweifellos ebenfalls in rot.

Gast
04.09.00, 13:32
etwas dermaßen bescheuertes und beschränktes habe ich das letzte mal gelesen in der 8. klasse; damals sollten alle schüler ein kindheitserlebnis beschreiben und ein mädchen erzählte von ihren eltern, die sie in einen eimer mit wasser setzten, weil gerade kein planschbecken finanziell erschwinglich war und eine badewanne völlig ausser frage stand...miserabel und fast genauso echt...!

resurrector
26.05.18, 10:28
Ein Stück virtuelle Literaturgeschichte spiegelt dieser Ordner wider. Das Wolkenstein-Forum trat u.a. in dieser Form ab 2000 auf, weil es im Literatur-Cafe immer häufiger zu ins Persönliche greifendem Streit gekommen war. Ich machte damals allerdings einen Fehler, indem ich mich mit dem Schwarzen Pferd zusammentat, das die Logistik übernehmen sollte, dieser Aufgabe aber eher nur spärlich nachkam. Ich hätte seinerzeit die mögliche offizielle Förderung annehmen sollen. Die damit verbundene Disziplinierung hätte mir und dem Forum sicherlich gut getan.

In diesem Ordner stehen nicht nur lesbare Texte von Pamina/tallinn, sondern auch etliche Okkassionalitäten. Ich glaube, ich mag diesen Ordner. Irgendwann werde ich hier auch Textarbeit leisten.