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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Kolonialismus (II)



aerolith
11.09.14, 19:36
Am Ende wird noch jede Kolonialmacht aufs Altenteil gesetzt, meint der pensionierte Oberstleutnant Frobenius (http://www.wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=kolonialismus)1914.

Kluger Mann!

Schlußfolgerung: Kolonien sind Mist. Sie nützen nur die Kolonisierten.

aerolith
10.06.15, 10:21
Fortsetzung von Kolonialpolitik (I) (http://www.vonwolkenstein.de/forum/showthread.php?191-Kolonialismus-(I))

Die Deutschen begannen ab etwa 1884 (Nachtigal) mit ersten Erfahrungen, betrieben die Kolonialpolitik aber vergleichsweise halbherzig. Erst mit Caprivis Kanzlerschaft 1890 kam mehr Schwung in die Angelegenheit, doch war die kaiserliche Marine nicht in der Lage, die weiten Entfernungen von den Schutzgebieten, wie man im Reich die Kolonien anfangs nannte, ins Reich zu sichern. Also verlegte man sich mehr auf die Missionierung, den Aufbau der Infrastruktur in den wenigen Gebieten, die andere Kolonialmächte übriggelassen hatten, baute Schulen, Straßen, Krankenhäuser (Schweitzer) und missionierte sehr viel energischer als die anderen Kolonialmächte, zudem floß der Strom deutscher Auswanderer nicht in die Schutzgebiete, sondern in die Einwandererländer jener Zeit: Nordamerika, Australien, Brasilien. Das belegt, daß die deutsche Kolonialpolitik nicht als Ventil diente, nicht auf Expansion angelegt war, sondern vielmehr eine bizarre Zwischenlösung aus Zukunftsinvestition und Alldeutschphantasien abgab. Im Reichstag und einigen Zeitungen gab es Debatten, in denen gefragt wurde, ob sich der Aufwand irgendwann einmal lohnen würde. Doch erst ab 1905 trug das Investierte erste Zinsen, wobei es noch Jahrzehnte würde gedauert haben, bis sich die Investitionen amortisiert hätten. Hatte Bismarck am Ende doch recht, als er die Kolonialpolitik einen Schwindel nannte?



An den meisten Hütten lehnte in der Sonne ein krummschnäbliges Schilfboot zum Trocknen, oft waren es auch zwei oder drei. Ein hübsches und bescheidenes Ehepaar winkte uns in sein Haus und bot uns eine Schale frischgebrautes Aidar - Maisbier - an. Der Mann hieß Dagaga, die Frau Helu. Hartgestampfter Lehmboden, ordentlich und sauber. Ein Webstuhl und große, versiegelte Lehmkrüge mit uns unbekanntem Inhalt. Behälter aus Flaschenkürbissen und einfache Geräte hingen an den Wänden, das Bett bestand aus Fellen, und das Kopfkissen war ein kleiner, aus Holz geschnitzter Nackenschemel, wie er im alten Ägypten üblich war. Dagaga und Helu hatten keine Sorgen. Sie verfügten über ein Minimum an Besitz, jedoch ein Maximum an Zeit, sich seiner zu erfreuen. Sie besaßen keinen Kühlschrank, doch gab es auch keine Stromrechnung. Sie hatten kein Auto, aber auch keine Eile. Was ihnen fehlte, würden wir vermissen, sie nicht. Was sie besaßen, war all das, was sie brauchten und worauf wir das Dasein in unserer ersehnten Urlaubsflucht aus dem Büro zu beschränken bemüht sind. Wenn die moderne Welt in naher Zukunft zu ihnen vordringt, werden sie viel von uns lernen, wir aber nichts von ihnen; doch das ist die Tragödie beider, denn beide Teile nehmen an, daß wir, die wir das meiste besitzen, auch am klügsten, edelsten und glücklichsten sind. Sind wir das? (Thor Heyerdahl: Expedition Ra. 5. Auflage. Berlin 1985. S. 76/77.)


Der Forscherdrang des modernen Menschen war um 1870 dem Besitzdrang gewichen: Überall hißten Forschungsreisende ihre Nationalflaggen und beanspruchten die erforschten Gebiete als eroberte, als künftige Herrenländer (Dominion) oder zumindest als strategische Knotenpunkte für künftige Eroberungen. Die meisten Eroberungen nahmen die Briten vor, die zwischen 1880 und 1914 zu den bis dahin bereits eroberten 20 Millionen km² noch einmal etwa 13 Millionen dazugewannen und damit 22% der Erde kontrollierten. Das Reich kontrollierte etwa eine Million km², kam also auf 1%. Frankreich lag dazwischen, Portugal und Belgien besaßen bezüglich ihres BSP anteilig weit über dem Reich, auch Holland besaß sehr viel mehr, als es hätte bewirtschaften können. Amerika und Rußland eroberten dünnbesiedelte Gebiete ihres Kontinents.Man hat in der Vergangenheit aus diesen Zahlen ein Zuspätkommen des Zweiten Deutschen Reiches konstruieren und eine besonders aggressive Politik herleiten wollen. Gegen eine solche Annahme spricht die vorgetragene offizielle Kolonialpolitik der Reichsregierungen, die sich gegenüber Aufforderungen einiger lautstarker Kaufleute (Peters, Alldeutscher Verband) in einem Rechtfertigungszwang befand und ihre Politik langfristig ausrichtete, wie das Reichstagsprotokoll vom 16. März 1897 mit den Worten des für Schutzgebietsfragen zuständigen Direktors Reichardt hinlänglich belegt. [1] Es ist in diesen Worten keinesfalls die Rede von Neueroberungen, sondern von Ausgestaltung des Vorhandenen. Diese Politik kann intensiv genannt werden. Die gegenteilige Politik betrieben Frankreich und Britannien; ihre auf Erweiterung des Machtbereichs ausgerichtete Politik in Kolonialfragen kann extensiv genannt werden. Amerikas und Rußlands Kolonialpolitik ist eine Mischung aus intensiver und extensiver. Extensiv muß sie genannt werden, weil sie unbekannte oder unbesiedelte Gebiete dem eigenen Machtbereich einverleibte; Intensität war hier eine Option, allerdings eine zeitlich näherliegende als die bei den ausgreifenden Franzosen und Briten, zudem blieben Amerikaner und Russen (vorerst) kontinental verhaftet und griffen nur in seltenen Fällen bei überseeischen Angeboten zu (Sachalin, Alëuten, Alaska, Hawaii).
Zuweilen kam es zwischen den imperialen Mächten zu Verträgen zur Bestimmung der Einflußsphären. 1895 einigten sich Rußland und England über ihre Ansprüche in Afghanistan. Die Russen bauten eine 8917 Kilometer lange Eisenbahnlinie bis Port Arthur und siedelten entlang dieser Strecke Jahr für Jahr Hunderttausende Russen aus ihren Kernlanden an, die potentiell nach Süden drangen und über Afghanistan auch Indien und China bedrohten, dem Rußland auch viele Gebiete am Amur [2] abjagte und die Mandschurei bedrohte. Erst der russisch-japanische Krieg von 1905 beendete diese kontinentale Expansion und verschloß den Russen eine weitere Ausdehnung in den pazifischen Raum.
Den gleichen Plan hatten die Franzosen gefaßt, allerdings in Afrika. Sie wollten eine transsaharische Eisenbahn bauen, die Algier mit Westafrika verbinden und die trockenen Gebiete der Sahara allmählich wirtschaftlich erschließen sollte, zumal den Franzosen die großen Reichtümer Afrikas bekannt waren und sie Geld genug besaßen, um hier investieren zu können. Das Reich und England hatten 1911 den Franzosen zugestanden, in diesen Gebieten keine Interessen zu besitzen.
Amerikaner und Japaner traten ab 1890 verstärkt als Kolonialmächte auf. Die Amerikaner griffen nun in das Weltgeschehen, den Kampf um die Weltmacht ein. Zuerst zogen sie die schwach gewordene, einstige europäische Großmacht Spanien in einen Krieg und konnten sie aus Kuba vertreiben, das zwar nicht den USA angeschlossen, aber doch weitgehend unter Einfluß derselben geriet. Systematisch ging es weiter: Gemäß der Monroe-Doktrin von 1823 griffen die USA expansiv nach Teilen Mittelamerikas. 1903 Panama, 1907 Santo Domingo, 1911 Mexiko. Im Gegenzug führte das zu einer Verständigungspolitik der großen südamerikanischen Nationen, die sich als ABC-Staaten (Argentinien, Brasilien, Chile) gegen den nordamerikanischen Imperialismus positionierten und gegenseitige Zusammenarbeit für den Fall nordamerikanischer Aggressionen zusicherten.
Japan schließlich, als letzte koloniale Großmacht, hatte sich 1894 gegen China durchgesetzt und die Mandschurei besetzt, kolonialisierte Korea und konnte sich auch 1905 gegen Rußland behaupten, was mit Sachalin belohnt wurde. Damit war für Japan der Weg frei, sich im pazifischen Raum Einflußgebiete zu sichern, was früher oder später mit den Amerikanern zu Konflikten führen mußte, die nach der Erwerbung Hawaiis ebenfalls in den pazifischen Raum hinein operierten.
Die durch die Kolonialmächte erzielten Eroberungen fielen, unabhängig vom Kolonialherren, ins Diktum der Moderne, des Rationalismus. Das bedeutet:



Bau von Eisenbahnen;
Bau von Fabriken;
Schaffung moderner Kommunikationsmittel (Zeitungen, Verlage, Telephon, Telegraph);
Aufbau produzierenden Gewerbes (Fabrikate mit geringerem Facharbeiteranteil, Exportindustrie für die abgebauten Rohstoffe);
Aufbau des Bankwesens;
Besiedlungspolitik (Auswanderer);
Verwaltungstätigkeit nach modernen Gesichtspunkten (Bürokratie, Rechtsprechung, Regierungstätigkeit, medizinische Versorgung);
Missionierung.


Der hier beschriebene Zeitraum zwischen 1860 und 1914 ist der Höhepunkt europäischer Herrschaft über die Erde. Diese Herrschaft brachte nicht nur den kolonisierenden Europäern Vorteile, sondern auch den Kolonisierten: das Ende der Sklaverei, die Verbesserung der Hygiene, Kolonisierung ist mit Landbebauung und höheren Ernten verbunden, verbesserter Infrastruktur, Rechtspflege und Bildung. Daß auch europäische Krankheiten, zahllose Abenteurer und Herrenmenschen den Weg in die Kolonien fanden und hier ihr Unwesen trieben, soll nicht verschwiegen werden, bleibt aber gegenüber der Kolonisation im 19. und frühen 20.Jahrhundert relativ marginal.
Konflikte zwischen den Alteingesessenen und Europäern entschieden die besseren Waffen und die bessere Organisation der Letztgenannten. Die Einflußbereiche waren zwar abgesteckt, aber nicht jeder war mit seinem Einflußgebiet zufrieden. In den Grenzregionen (Balkan, Ägypten, Marokko [3], Mittelasien, Fernost) kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen, manche verliefen nur wirtschaftlich, die meisten militärisch, denn der Krieg wurde seinerzeit als Mittel der Politik verstanden.


Aufgaben: (beziehen sich auf auf Teil I der Darstellung)



Formuliere Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der neuzeitlichen Kolonialpolitik der verschiedenen Nationen! (II)
Verfasse die Biographie eines Kolonialherren, z.B. die von Dr. Peters! (I)
Diskutiere Vor- und Nachteile von Kolonialpolitik und formuliere ein wertendes Ergebnis! (III)



[1] Die Alldeutschen griffen Wilhelm II. nach dessen Verständigungspolitik in der Marokko-Krise 1905 heftig an und wollten seine Abdankung zugunsten des Kronprinzen. Es gab auch nach 1906 Konflikte zwischen den Alldeutschen und der Regierung, was 1911 u.a. zu einer Briefsperre für den Vorsitzenden der Alldeutschen führte.

[2] Die eigentliche Einverleibung des Amurgebiets in den russischen Staat erfolgte durch Murawjew 1858. Sie war weitgehend mit der Gründung von Wladiwostok 1860 abgeschlossen. In Mittelasien erfolgte 1867 die Bildung des Gouvernements Turkestan. Damit wuchs Rußland zu einer Größe von 17 Millionen km² und wurde zum flächengrößten Land der Welt.

[3] Gerade die zweite Marokko-Krise 1911 wird immer wieder gern als Vorspiel zum Weltkrieg angeführt, meist als Beleg für die angeblich stümperhafte reichsdeutsche Außenpolitik dienend. Die Angriffe gegen diese Politik kamen von allen Seiten, auch von konservativer Seite. Aber es wird hier mehreres übersehen: 1. Daß es zu keinem Kriege kam, lag zum einen an der unvorbereiteten Entente (Britannien war im Kohlenarbeiterstreik, also konnten die Kriegsschiffe nur unzureichend versorgt werden), zum anderen am Reich, das seine Kriegsschiffe friedliche Patrouillendienste in der Ostsee machen ließ und die verstreut liegenden Briten nicht angriff, obwohl dazu die Möglichkeit bestand; 2. Bethmann Hollweg und sein außenpolitischer Gewährsmann Kiderlen besaßen das Paradigma einer britischen Neutralität, also einer isolationistischen britischen Politik. Daß sie das so sahen, kann als Stümperei bezeichnet werden, aber letztlich erklärt das auch den Angriffsverzicht des Reiches gegen Britannien. - Bei den Konservativen vollzog sich mit der Marokko-Krise ein Bewußtseinswandel, den der Führer der Freikonservativen Partei, Heydebrand, am 9.11.11 im Reichstag so beschrieb: „Wir wissen jetzt, wo unser Feind steht. Wie ein Blitz in der Nacht haben diese Vorgänge [die Zurechtweisung der Briten, daß sich die Deutschen aus Marokko herauszuhalten haben] dem deutschen Volke gezeigt, wo sein Feind steht. Das deutsche Volk weiß jetzt, wenn es seinen Platz an der Sonne sucht, wenn es den Platz sucht, der ihm von der Bestimmung zugewiesen ist, wo der Staat ist, der darüber zu entscheiden glaubt.“