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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Vorglühen zum Ersten Weltkrieg



aerolith
03.04.11, 11:35
Ob wohl Iswolski, Poincare oder Grey die gleiche Politik vor dem ersten Weltkrieg betrieben hätten, wenn sie gewußt hätten, wie ihre Länder trotz des mutmaßlichen Sieges danach machtpolitisch standen?

Ich glaube, nicht. Aber zum Krieg wäre es trotzdem gekommen, denn die wirklichen Schuldigen waren sie nicht, nur diejenigen, die der Weltgeist eben zur Verfügung hatte.

aerolith
16.03.13, 19:20
Gegen das zaristische Rußland haben viele Einwände zu machen. Die Schreihälse reichen vom Linksliberalen bis zum Rechtskonservativen, vom Kommunisten bis zum Sozialdemokraten.

Eine verkannte Wahrheit der Weltgeschichte lautet: Seit 1894 durften im so rückständigen Rußland marxistische Schriften, u.a. die von Lenin, die Zensur passieren und veröffentlicht werden. Obgleich den zuständigen Behörden durchaus die Staatsfeindlichkeit des Marxismus bewußt war. Also, sie sperrten Lenin wegen dessen Staatsfeindlichkeit ein, erlaubten ihm aber die Lektüre und Arbeit an seinen Schriften.

Das war sehr viel mehr Presse- und Meinungsfreiheit, als sie beispielsweise in den USA im McCarthy-zeitalter bestand. Als die Kommunisten dann in Rußland die Macht besaßen, erlaubten sie auch so ziemlich alles; erst Stalin machte dieser Freiheit ein Ende und verbot, was ihm nicht paßte. Wie woanders andere auch.

aerolith
12.06.15, 13:39
1901: Die Einkreisung des Reiches nahm eine unumkehrbare Richtung mit der Thronbesteigung Eduards VII. Der neue englische König eilte nach Paris und ließ sich feiern.
Die Deutschen verloren die strategische Offensive in der Diplomatie. Bismarcks System, Garant für Frieden in Europa, bröckelte. Das war aber nur zweitrangig ein Fehler der deutschen Diplomatie, in erster Linie war es eine Begleiterscheinung des deutschen Erfolges. Eine erfolgreiche Nation weckt Neider und darüber hinaus hinterfragt sie bestehende Machtverhältnisse. Britannien, das sich seit zwei Jahrzehnten aus europäischen Bündnisfragen herausgehalten hatte (splendid isolation), wägte nach schlechten Erfahrungen im Burenkrieg ab [1] und erkannte in der nachlassenden Macht Frankreichs einen geeigneteren Bündnispartner als in den in ihrem Machtzuwachs und -anspruch unberechenbaren Deutschen. Es gab auch Stimmen für die Bildung eines germanischen Dreibundes (der britische Außenminister Joseph Chamberlain wollte den Dreibund Britannien, Amerika und das Reich), doch der britische Premier Salisbury konnte sich der Unterstützung Amerikas sicher sein und setzte auf einen strategischen Bund mit Frankreich, der sich gegen den stärksten Konkurrenten Britanniens und Amerikas, das Reich, richten mußte. Damit waren die Weichen gestellt: Der Krieg konnte wirtschaftlich vorbereitet werden und benötigte zu gegebener Zeit den vor der Öffentlichkeit vertretbaren Anlaß.



Die „Erfindung“, wie Keith Wilson es nannte, Deutschlands als Hauptgefahr für Großbritannien [..] war nicht der Grund für Großbritanniens Bündnis mit Rußland und Frankreich, sondern eher die Konsequenz. (Clark, S. 225.)


Die folgenden Schritte Britanniens waren von eiserner Logik: 1902 verbündete sich England mit Japan, was sich 1904/5 für England auszahlte, als die Japaner Rußland besiegten. Rußland war damit im Fernen Osten reglementiert und konzentrierte seine außenpolitischen Ambitionen auf dem Balkan und zur Pforte. Der verlorene Krieg führte zudem zu einer instabilen innenpolitischen Situation im Russischen Reich: ständige Unruhen waren die Folge. Der Zarismus benötigte Erfolge. 1904 schlossen England und Frankreich die entente cordiale, eine geheime Übereinkunft, daß man strittige Fragen gemeinsam und vor allem friedlich lösen wolle. Frankreich verzichtete auf Ägypten, England auf Nordwestafrika. Das zeigte sich gleich im nächsten Jahr in der ersten Marokkokrise, was die Deutschen hätte hellhörig machen müssen.1905: England beschloß den Bau von Großkampfschiffen im Verhältnis von 2:1 gegenüber den aufstrebenden Deutschen. Frankreich vermittelte eine englisch-russische Aussöhnung. Italien war nicht mehr zwingend an einer Erneuerung des Bündnisses mit Österreich und dem Reich interessiert und näherte sich sowohl Rußland als auch Frankreich. 1907 kam es dann zum Ausgleich der russisch-englischen Gegensätze, indem man sich über Afghanistan (russisches Gebiet), Persien (neutrale Zone) und Tibet (britisches Protektorat) [2] einigte und gegenseitige Interessensphären absteckte.
Daß diese entente cordiale funktionierte, zeigte sich in der Marokko-Krise. Das Reich griff bei innenpolitischen Auseinandersetzungen in Marokko zugunsten fortschrittlicher Erneuerungskräfte ein und wurde auf einer internationalen Konferenz mit drei gegen zehn Stimmen (darunter der eigentliche Verbündete Italien) abgewatscht; es mußte errungene Positionen in Marokko an Frankreich zurückgeben, das sich zuvor in einem Geheimvertrag mit Britannien die Einflußsphären in Nordafrika geteilt hatte. Für das Reich war hier nichts vorgesehen; Italien lockte man später mit Libyen (das dato noch zum osmanischen Imperium gehörte, also Konkursmasse war) in die Entente. [3]
Die entente cordiale bewirkte eine Verlegung der Operationsbasis für die britische Flotte von Plymouth (Kanalschwerpunkt: Frankreich) nach Dover und Rosyth (Orientierung zur Nordsee: das Reich). 1905/6 wurde damit eine strategische Neuausrichtung vorgenommen: statt Frankreich wurde das Reich der neue Hauptfeind.
Wilhelm II. hatte Bismarcks Prinzip eines saturierten Reiches überwunden, aber damit auch aus der Zentrale des europäischen Friedenssystems herausgehoben. Das war nichts Aggressives, es entsprach der Machtstellung der zweitstärksten Wirtschaftskraft der Welt, die neue Rohstoffquellen und Absatzmärkte ins Auge nehmen muß, um ihrer Wirtschaft und Bevölkerung Perspektiven zu geben. Ab einem gewissen Punkt ist die Wirtschaft eines Landes keine Privatsache mehr, sondern eine öffentliche Angelegenheit, also Politik. Bei der zweitstärksten Wirtschaftsmacht der Welt muß das zwangsläufig Weltpolitik sein. Zugleich aber, neben diesem Drang in die Weite, gab es nicht wenige, die von der deutschen Politik v.a. Innen- oder, wie man damals sagte, Heimatpolitik verlangten. [4] Das waren die beiden Pole, zwischen denen sich die deutsche Politik dieser Zeit bewegte.
1908 brach im osmanischen Imperium der jungtürkische Aufstand aus, der es schwächte, was wiederum europäische Völker innerhalb des osmanischen Imperiums zur Erklärung ihrer Unabhängigkeit oder bestehende Staaten in Südosteuropa zur Erweiterung ihres Staatsgebietes nutzten. Österreich glaubte, die Gunst der Stunde zu erkennen und griff nach Bosnien (das war Österreich auf dem Berliner Kongreß dreißig Jahre zuvor zugesichert worden), was ihm Serbien strittig machen wollte. Österreich drohte Serbien mit Krieg. Serbien rief nach Rußland und Frankreich, aber die erklärten den Serben, daß sie keine Möglichkeit sähen, woraufhin Serbien seine Ansprüche an Bosnien zurückstellte. Vorerst.
Diese Geplänkel zeigte, daß die Bestimmungen des Berliner Kongresses von 1878 nicht mehr galten: Österreich machte aus dem vertraglich zugesicherten Kondominium (finanzielle Zugehörigkeit zur k.u.k.-Monarchie) einen Teilstaat und provozierte damit die Serben und andere, die Bosnien für sich haben wollten (allerdings gab es in Bosnien keine Mehrheit irgendeiner Nationalität, sondern ein buntes Gemisch aus Deutschen, Kroaten, Serben, Albanern, Ungarn, Juden, Polen, Tschechen, Slowaken, Weißrussen, Ukrainern). Bismarcks europäisches Sicherheitssystem galt nicht mehr. Österreich hatte sich 1908 behauptet, weil die Entente zu einem Krieg noch nicht bereit war.
1910: Retardierendes Moment. Nach dem Tode Eduards glaubte man im Reich an eine mögliche Verständigung mit England. Bethmann Hollweg, der seit 1909 Kanzler war, verfolgte eine Durchbrechung des Ringes, der das Reich umspannte. England sollte die Lösung sein. Immer wieder England!

Außenhandel um 1900



Land

Außenhandel 1890
Außenhandel 1913
Wachstum
mutmaßlicher Handel 1936


das Reich
8 Mrd.
22,5 Mrd.
281%
63,2 Mrd. (tatsächlich 9 Mrd.)


Britannien
15 Mrd.
28,5 Mrd.
190%
54,1 Mrd.


Frankreich
8 Mrd.
15 Mrd.
187%
28 Mrd.



(Göring, S. 771.

England war Deutschlands wichtigster Handelspartner und Deutschland Englands. Der englische Unternehmer erkannte die stärker steigenden Produktionszahlen seines deutschen Konkurrenten: Umsatz und Produktion stiegen stärker an als seine; es war nur eine Frage der Zeit, bis die Deutschen marktführend sein würden, was im Kapitalismus bedeutet, den Preis bestimmten. Parallel dazu beunruhigte Britannien die diese wirtschaftliche Entwicklung flankierende Rüstung des Reiches und sein außenpolitisches Engagement im osmanischen Imperium (Bau der Bagdad-Bahn), das von Rußland (wollte keine Stärkung des osmanischen Imperiums) und England (befürchtete das Eindringen des Reiches in den indischen Raum) gleichermaßen beargwöhnt wurden, zumal sich das Reich die Rechte zum Schiffsverkehr auf Euphrat und Tigris gesichert hatte.
Aber was sollte das Reich tun? Sollte es sich kleinmachen? Sollte es auf den Schutz seiner Güter verzichten, nur weil es Briten, Franzosen oder Amerikanern nicht gefiel? Die 1901 gefallene Grundsatzentscheidung der britischen Politik GEGEN das Reich ließ nur zwei Möglichkeiten:



Expansion mit dem Versuch einer friedlichen Verständigung aus der Position der Stärke heraus (Grundidee des Wettrüstens) oder
Aufgeben und sich dem Preisdiktat, der politischen und wirtschaftlichen Übermacht des Westens unterordnen.


Das Reich entschied sich für das erstere und expandierte in den Bereichen, in denen es friedlich möglich war, zugleich sicherte es seine Lebensinteressen durch eine Forcierung der Rüstung, v.a. zur See, wo es bis 1914 immerhin knapp die Hälfte der Flottenstärke Britanniens aufbringen konnte, also eine ernstzunehmende Macht darstellte. Diese Flotte war allerdings nicht in der Lage, Frankreich oder England anzugreifen und wäre es auch am Ende des Flottenbauprogramms [5] 1917 nicht gewesen. Das lag nicht in der Intention dieses Programms und auch außerhalb der wirtschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten und Interessen des im Vergleich zu Frankreich, Britannien oder Amerika finanziell stets klammen Reiches.

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verbündete Balkanmonarchen, 1912
von links nach rechts: Peter von Serbien, Nikita von Montenegro, Ferdinand von Bulgarien, Georg von Griechenland



Andererseits war das Engagement im Nahen Osten Ausdruck des Paradigmenwechsels in der deutschen Außenpolitik, ein Schritt weg von Bismarcks unparteilicher Maklerpolitik. Im nachhinein ist diese ausgreifende und imperialistische Politik ein Fehler zu nennen, doch um 1900 war sie es nicht, sondern lag in der Natur der Möglichkeiten des erstarkten Reiches. Aber klug war es nicht, sich dort zu engagieren.1911: Italien führte einen Krieg mit der Türkei. Es ging um Libyen, auf das Italien Ansprüche geltend machte. England und Frankreich hatten Italien dieses Land zugesichert, nun kämpften zwei Verbündete des Reiches gegeneinander. Eine Entscheidung wurde nicht gefällt, aber die Türken mußten Truppen vom Balkan abziehen, was das dortige Kräfteverhältnis zerstörte und so Serben und Bulgaren u.a. ermutigte, ihre Machtgebiete zu vergrößern. Diese Völker hatten sich in den letzten Jahrzehnten aus dem osmanischen Machtbereich befreit, was für viele Völker auf dem europäischen Festland galt, die Jahrhunderte unter den Türken leben mußten. Die südslawischen Monarchien kämpften siegreich gegen die Türken, die 1913 in einen ihnen ungünstigen Frieden einwilligen mußten. Aber die südslawischen Monarchien waren immer noch nicht zufrieden, bekämpften alles und jeden, waren sich untereinander nicht gewogen, aber einig in ihrem Kampfe gegen Türken und Deutsche.
In Wien gab man die defensive Herangehensweise auf: Graf Aehrental als Außenminister ging auf Konfrontation und wich gegenüber Gebietsansprüchen der Südslawen nicht zurück. Als Hauptgegner kristallisierte sich Serbien heraus. Ihr Herrscher Peter war 1903 nach einem blutigen Staatsstreich an seinem österreichfreundlichen Vorgänger zur Macht gekommen und wußte sich der Unterstützung der panslawistischen Russen sicher. [6] Gemeinsam mit Rußland, Griechenland, Bulgarien [7] und Montenegro hatte er die Türken besiegt und griff nun weiter aus, wollte slawische Siedlungsgebiete Österreich entreißen und in einem südslawischen Staat unter seiner Herrschaft vereinigen.



Der französische Regierungschef Poincare änderte den Kurs der französischen Balkanpolitik 1912: Nachdem die französische Regierung jahrelang versucht hatte, Frankreich gegen die Erschütterungen auf dem Balkan abzuschirmen, dehnte sie nunmehr das französische Engagement dahingehend aus, daß eine bewaffnete Intervention in einer reinen Balkankrise nicht ausgeschlossen war. (Clark, S. 383.)


Paris beschloß im Frühjahr 1911, französische Truppen nach Marokko zu bringen. Sie sollten in Fez französische Staatsbürger beschützen. Das war ein Verstoß gegen die Verträge von Algeciras, die es ausländischen Truppen untersagten, in Marokko einzugreifen, auch Franzosen war es ohne internationales Mandat nicht gestattet. Frankreich behauptete, auch zum Wohle anderer Europäer zu handeln. Allerdings waren die nicht in Gefahr, denn zwar gab es Kämpfe zwischen Aufständischen und der marokkanischen Regierung, aber die tobten weit weg im Landesinneren, in der Wüste, und bedrohten in den Küstenregionen, wo die Europäer lebten, niemanden. Die Franzosen legten zur Rechtfertigung ein Beistandsgesuch des marokkanischen Sultans vor. Das allerdings hatte der erst unterschrieben, nachdem französische Truppen das Land besetzt hatten.Das Reich intervenierte und ließ das schrottreife Kanonenboot „Panther“ vor der marokkanischen Küste vor Anker gehen. Paris lenkte bald ein und bot dem Reich eine Entschädigung für die Machtausweitung Frankreichs an. Der Staatssekretär im Auswärtigen Amt (einen deutschen Außenminister gab es nicht) Kiderlen verhandelte. Marokko wurde französisches Protektorat (ein anderes Wort für Kolonie), aber deutsche Wirtschaftsinteressen sollten von Paris wohlwollend geachtet werden.
Neben diesen deutsch-französischen Verhandlungen discordierte Britannien. Es mischte sich in diese Verhandlungen ein, als ob das Reich oder Frankreich von Britannien abhängig seien. Grey lotete während dieser zweiten Marokkokrise die Belastbarkeit der Entente aus. Krieg dräute. Britannien wollte mit dem aufstrebenden Reich abrechnen, ein Anlaß wäre dagewesen. Aber Frankreich und Rußland waren noch nicht kriegsbereit, also lenkten die britischen Falken ein.
1912: Bethmann Hollweg, seit 1909 Kanzler des Reiches, bemühte sich um Englands Neutralität. Der britische Sondierer Haldane kam bei seiner Berlin-Reise mit Bethmann Hollweg in wichtigen Fragen überein, aber nicht in den beiden wichtigsten: (1) Flottenfrage (England wollte eine strategische Übermacht von mehr als 3:2 gegenüber dem Reich behalten, also eine Angriffsflotte [8]); (2) englische Neutralität im Kriegsfall, sofern das Reich angegriffen würde. Britannien sah keine Notwendigkeit, sich hier auf die Wünsche der Deutschen einzulassen. Es fragt sich, ob es jemals meine solche Absicht besessen hatte, denn welchen Gewinn hätte es aus einer Neutralität ziehen können? Keinen, da das Reich einen Krieg gegen Rußland und Frankreich mit Hilfe Österreichs sicherlich gewonnen hätte, was Britannien dann aus kontinentalen Entwicklungen vollends herausgeworfen und das Reich noch stärker gemacht hätte. Britanniens Entscheidung war 1901 gefallen: gegen das Reich, das man mit Hilfe Frankreichs und Rußlands würde besiegen können, um sich danach an der Konkursmasse zu bedienen. Das war die Strategie. Sie wurde mit einer englisch-französischen Konvention schriftlich fixiert: Frankreich sichert das Mittelmeer (v.a. gegen Italien, von dem man nicht wußte, wie es sich beim geplanten Kriegsausbruch verhalten würde); Britannien sichert die Nordsee bis Frankreich.
Der Westen stand auf Krieg. Änderungen im Staatsaufbau Frankreichs nach der Dreyfus-Affäre bewirkten zudem mehr Macht in den Händen des französischen Stabschef Joffre als sie im als militaristischem Staat verschrienen Reich Moltke je besaß. Allerdings liegt der Grund für diese kooperative Machtkonzentration (d.i. keine c.i.a.!) resp. der autokratischen Machtfülle des Zaren (die der aus persönlicher Unfähigkeit allerdings eher ungenutzt ließ) oder eben dem eher auf ein Gleichgewicht der Kräfte orientierten breiten Führungsspektrum des Reiches im jeweiligen Selbstverständnis der Nationen: das Reich setzte auf Korporation der Besten in den jeweiligen Lebensbereichen statt Kooperation oder Führerkult; der Westen setzte auf die Weisheit gewählter und im Beamtenapparat sich durchgesetzt habender Fachleute und der Osten bevorzugte die Gottesgnadenstellung des Anführers.



[1] L. von Bar: Der Burenkrieg, die Russifizierung Finnlands, die Haager Friedenskonferenz. (München 2014.)

[2] Das Great Game, wie die Briten den Kampf um die Vorherrschaft in Mittelasien nannten, wurde 1907 mit beiderseitigem Vorteil beendet. Tibet, das an Britisch-Indien grenzte, und sein burjatischer Lama Agvan Dorziev, der in guter Verbindung zu Rußland stand, und sein britisch-indischer Widerpart, Vizekönig Curzon, klammerten China als Einflußmacht aus und konnten so zu einer Übereinkunft kommen. Etwaige Widerstände der uneinheitlich agierenden Tibeter wurden durch britisch-indische Soldaten unter Führung des britischen Generals Younghusband und unter Zuhilfenahme der erstmals in einem Krieg eingesetzten MGs beseitigt, man könnte auch sagen niedergemetzelt. (Kaufmann: Das Dritte Reich und Tibet. Ludwigsfelde 2012.) Verlierer waren neben den Tibetern das Reich, denn nunmehr war neben der entente cordiale Rußland dem Bund endgültig beigetreten und für Frankreich kein Unsicherheitsfaktor mehr. Das wurde bereits 1907 im Reich so wahrgenommen: „…ich sprach damals in meinem Gewerkschaftsblatte vom Weltverteilungssyndikat der Entente und erörterte die Frage, was der Sieg dieser von England geführten Politik für den deutschen Arbeiter bedeuten könnte.“ (Winnig, S. 97.)

[3] „Die Entente war im Grunde nichts anderes als ein wirtschaftspolitisches Weltverteilungssyndikat auf größtem Maßstabe. [..] Der Geheimvertrag zwischen England und Frankreich hinsichtlich Marokkos war ein flagranter Bruch eines internationalen Vertrages, der die Souveränität Marokkos und die offene Tür für alle Mächte garantierte.“ (David, S. 5.)

[4] „Ich bin der festen Überzeugung, daß wir eines Körnerbaues [..] gar nicht entbehren können. Das Dasein des Staates wird aufs Spiel gesetzt, wenn er nicht imstande ist, von seinen eigenen Bezugsquellen zu leben.“ (Caprivi 1891, In: Reventlow, S. 141.)

[5] Die Wut Britanniens über dieses Programm mochte auch daher rühren, daß das Reich ab etwa 1896 technisch selbst in der Lage war, modernste Schiffe zu bauen und diese nicht mehr in Britannien ordern mußte. Wunnig, S. 75/76, berichtet über einen Qualitätssprung in der deutschen Industrie zwischen 1894 und 96, der sich in der Weltausstellung von Chikago 1894 und der Gewerbeausstellung von Berlin 1896 zeigte.

[6] Der Staatsstreich wurde als Verschwörung unter Dutzenden serbischen Offizieren von einem Offizier vorbereitet, der auch 1914 an dem Attentat von Sarajewo beteiligt war: „Apis“ Dimitrijewitsch. „Vor allen Dingen löste sich das konspirative Netzwerk, das sich zum Mord an der [serbischen] Königsfamilie [1903] gebildet hatte, nicht einfach auf, sondern blieb weiterhin eine wichtige Kraft in der serbischen Politik und im öffentlichen Leben.“ (Clark, S. 37.) - Der Staatsstreich war mit einem Paradigmenwechsel in der serbischen Politik verbunden: statt einer Anbindung an Österreich-Ungarn wurde nun Frankreich gewählt. Frankreich wurde Kreditgeber, Waffenlieferant und wichtigster Wirtschaftspartner.

[7] Bulgarien galt lange Zeit als russophil, also gegenüber Rußland freundlich gesonnen. Das änderte sich 1912, nachdem sich Rußland für Serbien entschieden hatte, das mit Bulgarien nach dem erfolgreichen Krieg gegen das osmanische Imperium im Streit um makedonische Gebiete lag. Bulgarien benötigte Geld. Frankreich hatte welches, wollte es aber nicht geben. Iswolski, zu dieser Zeit russischer Botschafter in Paris, machte den Franzosen klar, daß Bulgarien zu den Mittelmächten wechseln werde, wenn man ihm finanziell nicht helfe. Daraufhin bot das französische Bankhaus Perier 500 Millionen Francs zu 5% p.a.. Aber die Bulgaren nahmen ein deutsches Angebot an, da es ihnen politisch unverdächtiger vorkam. - Iswolski behielt recht: Bulgarien trat 1915 auf die Seite der Mittelmächte über.

[8] vgl. dazu die seinerzeit paradigmatischen Ausführungen des Preußen Clausewitz zur politischen, moralischen und zahlenmäßigen (dreifachen) Überlegenheit vor einem möglichen (Angriffs)-Krieg

http://vg06.met.vgwort.de/na/f7ddc933d0ed4852a2b111fc07b0aff8