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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ullis Vater



marth
08.10.00, 15:20
Ullis Vater (Fragment)


Der fremde Mann, der gebeugt unter der Last eines verbogenen Fahrrades aus dem Krieg heimkehrte, war Ulrichs Vater. Ulrich erkannte ihn sofort, obwohl er den Mann während seiner fünf Lebensjahre nur zwei oder dreimal gesehen hatte. Ulrich kannte den Mann von den Soldatenfotos, die in der Küche hingen und vom Hochzeitsfoto seiner Eltern über dem Doppelbett im Schlafzimmer.
Im ersten Moment wollte Ulrich zu seiner Mutter ins Haus laufen, denn er fürchtete sich. Aber er blieb stehen, denn ein Junge lief nicht weg. Was hatte er von dem Mann zu befürchten, der langsam und müde die Dorfstraße heraufkam? Sein Vater liebte ihn. Das wusste Ulrich von seiner Mutter. Unzählige Male hatte sie ihm gesagt, dass alles gut werde, wenn Vater aus dem Krieg zurückkäme. Jeden Morgen, wenn Ulrich erwachte, jeden Abend, wenn seine Mutter ihn zu Bett brachte und mit ihm betete, jedesmal wenn sie glücklich war und jedesmal, wenn sie unglücklich war, hatte sie ihm gesagt, dass alles gut werde, wenn Vater aus dem Krieg zurückkäme, und dass er sie alle liebe, über alle Maßen liebe, ihn Ulrich, seine kleine Schwester und seine Mutter. Ulrich ging noch nicht zur Schule, aber er konnte schon bis Zwanzig zählen ohne Zuhilfenahme der Finger. Das war zwar sehr viel, aber es reichte nicht, um zu zählen, wie oft Mutter von Vater sprach und von der großen Freude für sie alle, wenn Vater endlich aus dem Krieg heimkäme.
Ulrich lief nicht weg. Sie waren ganz alleine auf der Straße an diesem friedlichen Sonntagmorgen, er, Ulrich, der zum Spielen aus dem Haus gekommen war, weil er seiner Mutter bei der Zubereitung des Mittagessens im Wege war und der Mann, der noch ungefähr hundert Meter von Ulrich entfernt war.
Ulrich konnte das müde Gesicht des Mannes erkennen, der ihn aus der großen Entfernung aufmerksam ansah, aber durch keine Geste, keine Veränderung des Gesichtsausdruckes zu verstehen gab, dass er seinerseits Ulrich erkannt hatte. War es vielleicht doch nicht sein Vater?
Der Mann trug keine Uniform, sondern einen hellen Leinenanzug, der verschmutzt und zerknittert war. Bei seinem letzten Besuch hatte Ulrichs Vater eine Uniform getragen und über der Schulter ein Gewehr. Er hatte ausgesehen wie die vielen anderen Soldaten, die durch den Ort gezogen waren und unter den Menschen Angst verbreitet hatten. Nicht bei den Kindern. Ulrich hatte sich nicht vor den Soldaten gefürchtet. Aber er hatte die Angst seiner Mutter gefühlt, die seiner Großmutter und die des alten Endrikat. Obwohl es ihm keiner ausdrücklich gesagt hatte, wusste Ulrich, dass man tun musste, was die Soldaten verlangten. Sie hatten Gewehre.
Der Mann, der langsam und gebeugt auf Ulrich zuging, trug keine Uniform. Und anstelle des Gewehrs trug er ein Fahrrad, von dem keine Bedrohung ausging. Im Gegenteil, das Fahrrad war selbst in einem hilfsbedürftigen, jämmerlichen Zustand. Die vordere Gabel und das Vorderrad waren total zerquetscht und verbogen und ragten verloren in eine völlig falsche Richtung. Und so ramponiert wie das Fahrrad sah auch der Mann aus, den Ulrich für seinen Vater gehalten hatte. Ulrich war sich seiner Sache nicht mehr sicher.
Doch als der Mann nur noch fünf, sechs Schritte von Ulrich entfernt war, verzog sich das stoppelbärtige, müde Gesicht unter feuchtglänzenden Augen zu einem Grinsen, das vielleicht ein Lächeln hatte werden sollen, und dem Gesicht etwas Grimassenhaftes, Furchteinflößendes verlieh.
Der kleine Junge lief weg. In der Sekunde, in der er sich zum Weglaufen entschlossen hatte, in die erste Fluchtbewegung hinein, sagte der Mann mit warmer, zittriger Stimme Ulrichs Namen:
"Ulli!"

aerolith
08.10.00, 16:54
Dieser Text bringt mich zum weinen. Vielleicht bin ich sentimentalisch, aber es ist nicht das Wie, es ist das Thema, das mich berührt, ganz tief berührt. Ich bezweifle, daß Du den Krieg hier zusätzlich thematisieren mußt. Er ist bei Dir immer mehr als ein Motiv gewesen, aber hier stört es mich, daß Du ihn so propädeust - wenn mir die Beugung hier mal verstattet sei -, denn so bekommt Deine Geschichte eine Wendung, die beinahe nach Beliebigkeit schmonzelt. Und dafür ist mir die Bedeutung von Seelenvorgaengen, von Sehnsucht und Not des Herzens zu wichtig, als daß ich Beliebigkeit hinnehmen dürfte.


Und nur als Biographisches will ich den Text dann auch nicht lesen.


P.S. Übrigens freue ich mich über Dein wenngleich mutmaßlich kurzes Auftreten hier, marth.

it
08.10.00, 17:02
ich mich auch.
Warum ist aus Bauer Ulrich geworden? Was hat sich sonst noch geändert? (ich habe da noch eine oder zwei ähnliches Fassungen nebulös im Kopf)


it

marth
08.10.00, 19:15
Du liegst richtig it, es ist eine Bauer-Geschichte - gewissermaßen die Fortsetzung von "Der Schuss". 1945 bis 1956, die komplizierte Vater-Sohn-Beziehung, die lieber v.W. nur ihren Ausgang am Kriegsende nimmt und bei der der Krieg nur insofern eine Rolle spielt, als er den Vater in den ersten 5 Lebensjahren von der Familie ferngehalten hatte, was letzen Endes Ursache aller folgenden Komplikationen ist.
Bei dem Text handelt es sich nur um den Einstieg in das Thema.
Was mich interessiert ist: Werden die Probleme andeutungsweise erkennbar oder "erahnbar" und ist die Sache nicht zu schwülstig?
marth


Nachtrag für it: Was du erkannt hast, ist die Verarbeitung des gleichen Themas als Essay Das unbewältigte Trauma (http://www.lesebuch.net/eigene-texte/autobiografie/trauma.htm)


[Diese Nachricht wurde von marth am 08. Oktober 2000 editiert.]

it
08.10.00, 20:01
Ist ein wenig schwierig zu beantworten, marth. Zum einen schwirren mir noch verschiedene Bauer-Fragmente durch den Kopf. Zum anderen müßte ich wissen, wie lang die Vater-Sohn-Geschichte denn werden soll. Ich glaube, das Bild des abwesenden Vaters würde mich mehr interessieren: nicht nur das "alles wird gut" Gebet der Mutter (ein Wunsch, den kein lebender Vater erfüllen kann), sondern die Lebensumstände, die Freiheiten und Ängste des Ulrich (war da nicht auch eine Ohrfeige?). Wie hat er denn ohne Vater gelebt, und was ändert sich für ihn durch sein Auftauchen? Gerade diese Lebenswirklichkeit ohne Vater muß die Beziehung doch später prägen.


it

marth
08.10.00, 20:33
Tolles Gedächtnis hast du, it! Ich meine die Ohrfeige.
Ich sehe schon, so kommen wir nicht weiter. Oder anders ausgedrückt, ich muss die Geschichte weiterschreiben.
Das was du reklamierst kommt noch. Der Text soll einen Umfang von 10-15 Seiten haben.


Gruß
marth

it
09.10.00, 01:47
Noch eine Frage, marth. Autobiographisches hast Du mit Bauer bereits verarbeitet. Warum wiederholst Du die Geschichte, statt sie freier (verlorener Vater ja, Fahrrad nein) neu zu stricken?

it

marth
09.10.00, 15:01
Hallo it,
die Frage ist berechtigt. Tatsächlich soll sich die neue Geschichte auch nicht streng an die autobiografische Vorlage halten. Das Fahrrad spielt deshalb eine Rolle, weil es im weiteren Verlauf der Geschichte eine gewisse Bedeutung erlangt.
Mir macht noch etwas anderes Probleme:
Es ist schwierig die Geschichte aus der Perspektive des Fünfjährigen zu erzählen, noch schwieriger, die Perspektive dem jeweiligen Alter anzupassen bis zum 16. Lebensjahr.
Darum habe ich mich entschlossen, vollkommen neu zu beginnen. Der Sechzehnjährige reflektiert nun die letzten 11 Jahre. D.h. die Geschichte wird mit dem Tod des Vaters beginnen. Dann werden die wichtigen Ereignisse in einer gewissen Chronologie behandelt.


marth

aerolith
10.10.00, 20:44
Schwülstig kommt der Text nicht daher, wenn auch das deskriptive Element beinahe vom explanaren geschluckt wird. Aber vielleicht bedarf unsere Literatur dieser Elefanten, dieser andererseits auch Dinosaurier, die festhalten, was die Erinnerung eben hergibt. Und dann kommt schnell der Vorschnellschuß (-schluß), daß der Autor hier ein bißchen zu tief in den Schmalztopf gegriffen habe.
Ich meine, nicht.

marth
11.10.00, 19:04
Hallo von Wolkenstein,
richtig, kein Gedanke darf verloren gehen. Wer weiß, wann man sich wieder auf ihn berufen kann.
Naja, insofern ist es nicht ganz fair, wenn man nur Fragmente ins Forum stellt. Der Leser kann dann nicht in jedem Falle nachvollziehen, weshalb dem Autor welcher Gedanke so wichtig ist.
Nun habe ich zudem alles geändert (siehe oben). Wenn ich fertig bin, kommt der ganze Text - wenigstens ein Link auf den Text, denn er wird verhältnismäßig lang.
Wieviele Seiten sind denn vertretbar?


marth

it
12.10.00, 09:05
Marth, mit dem Essay habe ich Probleme, weil er emotionales mit politisch / historischem mischt. Dadurch wird er - auch wenn ich die grundsätzliche Auffassung mit Dir teile - angreifbar und ungenau.
"Die Kinder meiner Generation wuchsen in einer entbehrungsreichen Zeit auf.. Später, als wir alt genug waren, ...wäre allerdings kaum jemand auf die Idee gekommen, sein persönliches Schicksal wegen der Kriegs- und Nachkriegsbedingungen lamentierend zu beklagen."
Für meine Eltern - Jahrgang 29 und 30 - waren genau diese Jahre nach eigener Aussage - und aus persönlichen Gründen - die schönsten Jahre ihres Lebens.
?


Was den Ullrich - Text angeht:
Ich sehe immer noch Bauer. Die eine oder andere Facette mag hinzugekommen sein, bisher bleibt es eine Wiederholung (und eine gekürzte noch dazu?).
Als Einleitung zu einer Fortsetzung? Ich kenne die Fortsetzung nicht, ist also dünnes Eis mit dieser Kritik.
Ich würde aber wohl eher aus der "momentanen" (1950?) Situation heraus mit Rückblenden arbeiten. Oder mich nicht auf den objektiven Ablauft der Geschichte (mein Vater kam die Straße herauf..) konzentrieren, sondern auf das Gefühl: Mein Vater war ein Hochzeitsphoto über dem Doppelbett im Schlafzimmer.


it