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marth
16.10.00, 12:59
Den Text (-anfang) "Ullis Vater" habe ich wie angekündigt umgeschrieben und mit einem neuen Titel versehen:

Vaters Rad

alternativ:

Weite Wege

Schümann überbrachte die Todesnachricht. Ulli spürte die Betroffenheit seines Lehrers und ahnte sofort, was geschehen war. Schümann schob seinen Schüler in den Klassenraum, wo sie ungestört waren.
„Ich ahnte nicht, dass dein Vater so schwer krank ist. Ich habe es erst vor wenigen Minuten am Telefon erfahren ...“
„Ist er tot?“ fragte Ulli.
Schümann griff nach Ullis Arm und sah sich hilfesuchend im Raum um, als suche er jemanden, der ihm seine unangenehme Aufgabe abnahm. Seine Hand zitterte, und als sich ihre Blicke begegneten, sah Ulli, dass Schümanns Gesicht grau und blutleer war.
„Wie alt bist du jetzt?“ fragte Ullis Klassenlehrer.
„Sechzehn.“
Schümann hielt die Lippen fest aufeinander gepresst, als bemühe er sich Worte zu unterdrücken, als befürchte er körperliche Schmerzen, die von den Worten ausgehen könnten. Dann ging ein Ruck durch seinen Körper und er quälte zischend, kaum hörbar die Worte hervor:
„Ja, dein Vater ist tot.“
Ulli nahm die Nachricht regungslos entgegen. Er sah die Tränen Schümanns, der umständlich ein Taschentuch hervorholte, sich über die Augen wischte und sich laut schneuzte. Ulli fragte sich, ob Schümann ein Zeichen der Betroffenheit von ihm erwarte. Und für Bruchteile einer Sekunde schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, Schümanns Erschütterung könne durch ihn ausgelöst sein, nicht durch den Tod seines Vaters. Denn die beiden hatten sich kaum gekannt.
„Wie alt war dein Vater?“
„Er ist 45“, antwortete Ulli.
„Deine Mutter hat mich aus dem Krankenhaus angerufen, gleich nachdem ..., sie bat mich, es dir zu sagen.“
Ulli nickte.
„Es tut mir sehr leid“, sagte Ullis Lehrer, „für deinen Vater ..., für deine Mutter ... und vor allem für dich!“ Bei dem letzten Wort brach er erneut in Tränen aus. „Geh nach Hause, Junge“, sagte er, „komm wieder, wenn alles vorüber ist, nach der ..., nach dem Begräbnis.“

Ulli benutzte den abgelegenen Fußweg am Bahndamm.
Als er allein war, konnte er weinen. Aber er misstraute seinen Tränen, denn er spürte keine Trauer. Sein Inneres war leer.
Ulli versuchte sich sein Leben ohne Vater vorzustellen. Es würde sich keine Tür mehr plötzlich und unerwartet öffnen, durch die Vater hereinkäme. Ulli hatte das Ende naher Angehöriger erlebt und wusste, dass der Tod etwas Endgültiges war. Unwillkürlich begann Ulli die Toten zu zählen, die er gekannt hatte. Seine Großmutter war im letzten Kriegswinter gestorben, als Ulli fünf war. Dann Frieda, eine ledige Schwester seiner Großmutter, die bei ihnen gelebt hatte. Das musste so ungefähr 1948 gewesen sein. 1950, als Ulli zehn war, starb Großvater. Und im vergangenen Sommer starb Stefan, Ullis Freund und Spielgefährte aus der Nachbarschaft.
Stefans Tod hatte ihn am stärksten berührt. Wahrscheinlich lag es daran, dass sein Tod „plötzlich und unerwartet“ eingetreten war, wie die Saarbrücker Zeitung geschrieben hatte. Stefan war bei einem Unfall mit seinem nagelneuen Moped ums Leben gekommen, als er in einer Kurve frontal mit einem Auto zusammengestoßen war. Er war sofort tot. Es hatte sich keine Tür mehr geöffnet, durch die Stefan plötzlich wieder hätte hereinkommen können. Am Tag des Unfalls konnte Ulli um seinen Freund weinen, abends, als er im Bett lag, als ihn die Dunkelheit umfing und als er sich an den lebenden Stefan erinnerte, mit dem er noch morgens gemeinsam in die Schule gefahren war. Damals hatte Ulli in seinem Innern Trauer empfunden.
Normalerweise benutzte Ulli das Fahrrad, auch auf dem Fußweg. Doch heute ließ er sich Zeit und schob das Rad neben sich her.

*

An einem Sonntagvormittag des Spätsommers 1945 kam Ullis Vater aus dem Krieg nach Hause. Ulli erkannte den Mann sofort, der gebeugt unter der Last eines Fahrrades die Dorfstraße herauf kam. Er kannte den Mann von den Bildern, die in der Küche hingen und von dem großen Hochzeitsbild im Schlafzimmer, über dem Doppelbett.
Im ersten Moment wollte der Fünfjährige weglaufen. Aber er blieb stehen. Er hatte von dem Mann nichts zu befürchten, der ihm langsam und müde entgegenkam. Der Mann war sein Vater und liebte ihn. Das hatte seine Mutter unzählige Male beschworen. Es werde alles gut, wenn Vater endlich aus dem Krieg heimkäme. Jeden Morgen, wenn Ulli erwachte, sagte sie es, jeden Abend, wenn sie ihn zu Bett brachte und mit ihm betete, jedesmal wenn sie glücklich war, sprach sie von seinem Vater. Auch wenn sie unglücklich war, sprach sie von Ullis Vater. Besonders wenn sie unglücklich war.
Trotz der großen Entfernung konnte Ulli das müde Gesicht des Mannes gut erkennen, der ihm seinerseits aufmerksam entgegensah, jedoch durch keine Geste und keine Veränderung des Gesichtsausdruckes verriet, ob er ihn erkannt hatte.
Der Mann trug einen hellen Leinenanzug, der voller Flecken und zerknittert war. Ulli hatte sich seinen Vater immer in Uniform vorgestellt, denn auf den meisten Bildern war er als Soldat abgebildet. Aber dieser Mann trug keine Uniform. Und anstatt eines Gewehrs hatte er ein Fahrrad auf dem Rücken, von dessen Last er niedergedrückt wurde. Sollte es nicht umgekehrt sein, sollte nicht das Fahrrad den Mann tragen?
Erst jetzt erkannte Ulli den jämmerlichen Zustand des Fahrrades. Die vordere Gabel und das Vorderrad waren total verbogen und ragten verloren in eine völlig falsche Richtung.
Als der Mann nur noch fünf, sechs Schritte von Ulli entfernt war, verzog sich das stoppelbärtige, müde Gesicht unter glänzenden Augen zu einem missglückten Lächeln, das dem Gesicht etwas Grimassenhaftes, Furchteinflößendes verlieh.
Der kleine Junge lief weg.
In der Sekunde, in der er sich zum Weglaufen entschlossen hatte, in die erste Fluchtbewegung hinein, sagte der Mann mit schwacher Stimme Ullis Namen.
Der Mann hatte ihn erkannt. Der Mann war sein Vater.
Erst als der Mann im Haus war, folgte der Junge in sicherem Abstand. Aus der Küche hörte er den Jubelschrei seiner Mutter. Dann sah er, wie sich die beiden minutenlang umarmten. Sie weinten vor Glück und nahmen Ulli überhaupt nicht wahr. Wieder lief der Junge weg, noch bevor ihn seine Eltern in ihre Umarmung einschließen konnten.

*
Ulli hatte den Umweg am Bahndamm entlang genommen, weil er alleine sein wollte. Außerdem konnte er sich Zeit lassen. Zu Hause erwartete ihn niemand. Seine jüngere Schwester war um diese Zeit noch in der Schule. Mutter hatte vor einer knappen Stunde aus Saarbrücken angerufen, um Schümann zu verständigen. Sie konnte noch nicht zu Hause sein.
Mutter war in den letzten Tagen nicht mehr von Vaters Seite gewichen. Man hatte ihr ein zweites Bett ins Krankenzimmer gestellt und ließ sie gewähren.
Vater war tot. Er war letzte Nacht oder heute Morgen an einer Blutvergiftung gestorben, nachdem vor einigen Tagen nach einer erfolgreichen Gallenoperation beide Nieren versagt hatten. Ulli war seit zwei Tagen auf den Tod seines Vaters vorbereitet. Seit zwei Tagen und zwei Nächten dachte er fast ununterbrochen an den Mann, der sein Vater war und den er bei seinem letzten Besuch im Krankenhaus kaum noch erkannt hatte.
Ulli hatte nicht gewusst, was er seinem Vater am Sterbebett sagen sollte. Dieser Gedanke quälte ihn, denn nun war es zu spät. Er hatte nach einem Wort des Trostes gesucht. Aber womit tröstet man einen Sterbenden?
Hätte er etwas Versöhnendes sagen sollen? Versöhnung womit und worüber? Sie hatten sich nicht gestritten.
Ein Wort des Dankes?
„Lass deine Mutter nicht im Stich!“
Ulli hatte sich zu seinem Vater hinunterbeugen müssen, ganz nah an sein Gesicht, um die kraftlos geflüsterten Worte verstehen zu können. Dann hatte er sich wieder aufgerichtet und mit einem Kopfnicken geantwortet.

Nun war die kleine Familie wieder auf den Umfang geschrumpft, den sie vor Vaters Rückkehr aus dem Krieg gehabt hatte. Diesen Gedanken, der urplötzlich und unvermittelt da war, wollte er sogleich wieder loswerden. Er hatte den Gedanken nicht gerufen, er wollte ihn nicht denken, denn er löschte die letzten elf Jahre aus. Er löschte Vater aus.
Damals hatte er seinen Vater als Störenfried empfunden, mit dem er von nun an seine Mutter teilen musste und der nach und nach Mutters angestammte Rolle übernahm. Denn Vater entschied nun, was in der Familie zu tun und zu lassen war. Aber das war vor vielen Jahren, als Ulli fünf war. Vieles hatte sich in der Zwischenzeit geändert.

*
Bereits wenige Wochen nach seiner Heimkehr hatte Ullis Vater mit der Reparatur des Fahrrades begonnen.
Im alten Schuppen suchte er nach geeigneten Ersatzteilen, forschte bei Nachbarn und Freunden und schleppte eines Tages tatsächlich ein altes, verrostetes Fahrrad herbei, an dem die Vorderradgabel und das Vorderrad noch brauchbar waren. Binnen weniger Tage war die Reparatur des Fahrrades vollendet, das er aus dem Krieg mitgebracht hatte und er stellte es stolz und zufrieden vor.
Rahmen, Gepäckträger, Hinterrad und das hintere Schutzblech waren schwarz lackiert. Aber an der vorderen Radgabel, an Rad und Schutzblech hatte rotbrauner Rost den Lack zerfressen.
„Das ist kein Problem“, sagte Vater, „das kann man lackieren. Man kann das ganze Rad lackieren. Dann sieht es aus wie neu.“
Mutter zollte Beifall. Doch Ulli gefiel das Fahrrad nicht und er sagte es.
„Es wird dir gefallen, wenn erst einmal der Rost weg ist und wenn es neu lackiert ist“, wandte sein Vater ein und fügte zu Ullis Überraschung hinzu, „denn das Rad gehört jetzt dir!“
Die Überraschung war gelungen. Der fünfjährige Ulli, der kleiner war als das Fahrrad, sah betreten in die Runde und dann wieder auf das verrostete Schutzblech.
„Mir?“
„Ja dir. Ganz alleine dir.“
Mit der unverblümten Aufrichtigkeit eines Fünfjährigen schüttelte Ulli den Kopf und sagte:
„Das will ich nicht.“
Die drängenden und forschenden Fragen seines Vaters nach dem Warum konnte Ulli nicht beantworten. Er sagte nur immer wieder:
„Das will ich nicht“ und lief schließlich weg.
Vater fand sich damit ab und stellte das Fahrrad in den Schuppen. Er musste einsehen, dass sich der kleine Ulli vor dem übermächtigen Erwachsenenfahrrad fürchtete. Außerdem konnte er im Herbst 1945 keinen Fahrradlack auftreiben.

Ein Jahr später, anlässlich der Einschulung Ullis, machte sein Vater einen neuen Versuch. Er nahm das Fahrrad aus dem Schuppen, putzte und polierte es, ölte Kette und Radlager und zeigte Ulli, wie leicht sich die Räder drehten. Er schwang sich auf den Sattel und fuhr mehrmals um Ulli herum, wobei er die Vorzüge des Fahrrades pries. Da sich der Sattel in der niedrigsten Position befand, die für Vaters lange Beine zu niedrig war, gab der Mann auf dem Fahrrad ein komisches Bild ab.
Ulli, inmitten der konzentrischen Kreise, drehte sich mit dem Rad um die eigene Achse und verfolgte das Schauspiel, das sich ihm darbot.
„Möchtest du auch so Rad fahren?“ rief sein Vater, „Ich kann es dir beibringen!“
Ulli schwieg.
„Du steigst einfach auf und ich halte das Rad am Gepäckträger fest.“
Ulli schwieg.
„Du brauchst keine Angst zu haben. Ich halte dich gut fest.“
Keine Antwort.
„Na, was meinst du? Gefällt dir das?“
„Du siehst aus, wie ein Affe auf einem Schleifstein“, sagte Ulli und ließ seinen Vater verdutzt zurück.
Diesmal war Ullis Vater ärgerlich. Am Abend erklärte er seinem Sohn, welche Umstände er mit dem Rad gehabt habe. Von der Donau bis an die Saar habe ihn das Rad begleitet, wobei er es die Hälfte der Strecke auf seinem Rücken habe tragen müssen. Gegen eine Rolle slowenischen Kautabaks habe er das Rad eingetauscht, um schneller nach Hause zu kommen. Dann in Bayern, habe er sich von einem Opel-Blitz mitnehmen lassen, der Weißkohl geladen hatte. Aber der Fahrer sei zu ungeschickt oder zu schnell gefahren oder die Straße sei zu kurvenreich gewesen, jedenfalls sei der Opel-Blitz in einer Kurve von der Straße abgekommen und er sei mit dem Fahrrad, inmitten des Weißkohls einen Abhang hinuntergesegelt. Er habe sich dabei einige Beulen eingehandelt und eine Platzwunde am Kopf, aber das Rad sei völlig hin gewesen. Zuerst habe er das Fahrrad aufgeben wollen, sich dann aber anders entschieden und es auf seinem Rücken bis nach Hause getragen.
„Auf meinem Rücken!“
Fast einen ganzen Monat lang habe er das Rad auf seinem Rücken getragen. Mehrmals habe man versucht, es ihm zu stehlen. Dem Zugriff des fremden Militärs habe er es immer wieder erfolgreich entzogen, denn die Amerikaner hätten alles konfisziert, was Räder hatte und fahrbar war. Aber er habe das zu verhindern gewusst.
„Für wen wohl? Was denkst du, für wen ich das Fahrrad von Bayern bis nach Hause geschleppt habe?“
Ulli zuckte mit den Schultern.
„Für dich natürlich!“
Ulli wusste nicht, was konfiszieren war und ahnte, dass es sehr weit sein musste, von Bayern bis nach Hause, aber für ihn hätte sich sein Vater die Mühe nicht machen müssen.
„Ich will das Fahrrad nicht“, sagte er, „ich will ein anderes.“
Zunächst war Ullis Vater sprachlos. Dann schimpfte er über die Ansprüche der Jugend, über ihre Undankbarkeit und über ihren mangelnden Respekt vor dem Alter. Obwohl Vaters Vorwürfe ganz allgemein waren, wusste Ulli, dass er gemeint war. Aber er wollte das Rad trotzdem nicht.
Schließlich ging Vater hinaus und verstaute das Fahrrad wieder im Schuppen.
Nachdem er die Küche verlassen hatte, sagte Ullis Mutter in vorwufsvollem Ton:
„Vater hat sich so viel Mühe gegeben mit deinem Rad.“
„Es ist nicht mein Rad“, widersprach Ulli, „ich will es nicht!“
„Aber Kind, wir können dir doch kein neues Fahrrad kaufen. Woher sollen wir das Geld nehmen?“
„Kostet ein Fahrrad viel Geld?“ wollte Ulli wissen.
„Ja“, antwortete Ullis Mutter, „viel zu viel, mindestens 2000 Franken.“
Ulli hatte keine Vorstellung davon, wieviel Geld das war, aber bestimmt war es mehr Geld als seine Eltern besaßen.
Als Vater zurückkam, schwiegen sie. Vom Fahrrad wurde lange Zeit nicht mehr gesprochen.

Ulli machte erste Fahrversuche auf Stefans Fahrrad. Sein Vater beobachtete das mit gemischten Gefühlen, aber er ließ ihn gewähren. Stefans Rad war kleiner, außerdem war es ein Damenrad. Es hatte keine hinderliche Rahmenstange, sodass Ulli ohne Behinderung auf beiden Pedalen stehen konnte.
Vater wartete ab. In ein, zwei Jahren, wenn Ulli etwas größer sein würde und seine Beine vom Sattel bis zu den Pedalen reichten, würde sich das Problem von alleine lösen, dachte er. Aber es kam anders.

Im Herbst 1948, mit dem Beginn des dritten Schuljahres, verkündete Lehrer Heist, dass nun alle Klassen ab dem zweiten Schuljahr Französischunterricht erhalten sollten. Täglich eine Stunde. Da er sich für diesen speziellen Unterricht nicht eigne, habe er mit einem Lehrer des Nachbarortes einen Stundentausch vereinbart. Alles sei bereits mit dem Schulrat geregelt, und Herr Lang, so heiße der Lehrer, würde bereits morgen die erste Französischstunde geben.
Diese Nachricht sorgte für sehr viel Aufregung, besonders bei Ullis Vater.
„Heißt hat Recht, dass er das nicht mitmacht! Das wurde nicht in Saarbrücken entschieden, sondern in Paris“, sagte Ullis Vater, „nun wollen sie richtige Franzosen aus uns machen.“
Mehr sagte er nicht, weil ihn Ullis Mutter durch eine stumme, ermahnende Geste an die Anwesenheit Ullis erinnerte. Diese Gesten kannte Ulli, denn Kinder sollten nicht alles wissen. Sehr häufig, vor allem wenn Vater vom Krieg erzählte, wurde Ulli sogar aus dem Zimmer geschickt. Aber Ulli verstand ohnehin nicht, was sein Vater mit Saarbrücken und Paris meinte.
Lehrer Lang war sehr nett, und als er eines Tages fragte, ob jemand wisse, wo er möglichst günstig ein gebrauchtes Fahrrad herbekommen könne, meldete sich Ulli.
„Wir haben ein Fahrrad“, sagte er.
„Das glaube ich gerne“, sagte Herr Lang, „aber habt ihr auch ein Fahrrad, das ihr entbehren könnt?“
„Ja, niemand will es. Es steht im Schuppen.“
Noch am gleichen Tag meldete sich Lehrer Lang bei Ullis Eltern.
„Wie Sie vielleicht wissen, unterrichte ich Ihren Sohn in Französisch“, sagte er zu Ullis Vater.
„So, Sie sind das.“
„Ihr Sohn sagte mir, Sie hätten ein Fahrrad, das Sie vielleicht entbehren könnten,“ sagte Herr Lang, „ich muss jetzt jeden Tag zwischen unseren Orten hin und her pendeln.“
„Mein Sohn?“ fragte Ullis Vater.
„Ja“, antwortete der Französischlehrer, „er sagte, das Rad benutze niemand.“
„Was Kinder alles erzählen.“
„Stimmt es etwa nicht?“
Vater warf Ulli einen stummen, viel sagenden Blick zu, bevor er sich wieder Herrn Lang zuwandte:
„Nein, das stimmt bedauerlicherweise nicht. Es tut mir leid, dass Sie den Weg vergebens gemacht haben.“
„Oh.“
„Kinder. Sie wissen ja, wie das ist.“
Damit war das Gespräch beendet.
Ullis Vater sprach drei Tage lang nichts. Er sprach nicht über Herrn Lang, nicht über die Schule und nicht über das Fahrrad. Dann hatte er lange genug nachgedacht und brach sein Schweigen.
„Du wolltest das Fahrrad loswerden.“
Das klang nicht nach einer Frage, sondern nach einer Mischung aus Enttäuschung und Vorwurf.
„Aber wir brauchen es doch nicht“, gab Ulli zur Antwort.
Ullis Vater musste nachdenken. Er stützte den Kopf in die Hand und sah Ulli lange und eindringlich an. Dann sagte er:
„Das Fahrrad gehört dir. Ich habe es für dich nach Hause geschleppt. Ich habe es für dich repariert. Und nun bekommt es auch niemand außer dir, und dein Französischlehrer schon gar nicht.“
„Warum nicht?“
„... weil wir keinen Französischlehrer ...“ An dieser Stelle sprach Vater nicht mehr weiter. Ulli wartete vergeblich auf die Vollendung des Satzes, denn er hätte gerne erfahren, was sein Vater gegen den Französischlehrer hatte.
Stattdessen fragte sein Vater:
„Welche Farbe gefällt dir am besten?“
„Welche Farbe?“
„Ja, welche Farbe gefällt dir am besten? Rot? Grün? Blau? Gelb? ...“
„Grün“, sagte Ulli.
„Gut!“
In der gleichen Woche besorgte Ullis Vater grünen Fahrradlack. Am folgenden Wochenende zerlegte er das Fahrrad in seine Bestandteile und schmirgelte von jedem einzelnen Teil in mühevoller Hingabe Farbe und Rost herunter. Dann brachte er den ganzen Sonntag damit zu, alle Teile grün zu lackieren. Im Schuppen spannte er sich eine Wäscheleine und hing Rahmen, Räder, Schutzbleche, Gepäckträger fein säuberlich zum Trocknen nebeneinander. Entgegen sonstiger Gepflogenheiten duldete er bei dieser Arbeit Ullis Gesellschaft und erklärte diesem sogar Details, die man beachten müsse und worauf es bei einem guten Fahrrad ankäme. Er, Ulli, habe großes Glück gehabt, denn mit diesem Fahrrad habe sein Vater damals, auf seinem großen Marsch vom Balkan an die Saar, einen guten Griff getan.
Ulli hörte aufmerksam zu und leistete seinem Vater auch Gesellschaft, als der das Fahrrad einige Tage später wieder zusammenbaute.
Als alles fertig war, schob er das Rad aus dem Schuppen, hinaus in das helle Licht des Tages, lehnte es an den Kastanienbaum, trat einige Schritte zurück und betrachtete stolz sein Werk.
„Nun?“ fragte er.
Ulli nickte.
„Also gefällt es dir?“
Ulli nickte.
„Es ist das schönste Fahrrad des ganzen Dorfes!“
Ulli nickte wieder.
„Möchtest du damit fahren? Es gehört dir.“
„Nein.“

Das Fahrrad stand wieder im Schuppen. Ullis Vater beschränkte sich darauf, in größeren Zeitabständen den Luftdruck der Bereifung zu prüfen. Dann pumpte er mit seiner großen Motorradpumpe Luft nach, sodass das Rad stets einsatzbereit war. Hin und wieder betrachtete er es mit traurigen Augen und ließ seine Hand sanft über den glänzenden Lack gleiten. Gegenüber der Familie versuchte er seine Enttäuschung zu verbergen. Aber alle spürten, dass er unglücklich war.

*

Oben, auf dem Bahndamm, schnaubte ein Zug vorüber. Ulli wurde von einer feuchten Dampfwolke eingehüllt, die nach Ruß und Kohle roch.
War Mutter bereits in diesem Zug? Wenn ja, konnte er sie noch am Bahnhof treffen. Doch er verwarf den Gedanken wieder. Die erste Begegnung nach Vaters Tod sollte nicht am Bahnhof stattfinden, unter den neugierigen Blicken Fremder.
Vor zwei Tagen, als sie sich an Vaters Krankenbett zuletzt begegnet waren, hatte Mutter versucht, Ulli und dessen Schwester Hoffnung und Zuversicht zu vermitteln. Mit verweinten, übernächtigten Augen hatte sie das Wunder beschworen, dass die Nieren so unvermittelt und plötzlich, wie sie ihre Funktion eingestellt hätten, diese auch wieder aufnehmen könnten. Doch nach Stunden und Tagen der Verzweiflung, nach Hoffen und Bangen, nach Wachen und Beten, war der Tod in ihr Leben getreten. Wie mochte ihr zumute sein?
Ulli sah auf die Uhr. Um diesen Zug zu erreichen, hätte sich seine Mutter nach dem Telefonat mit Schümann sehr beeilen müssen. Wahrscheinlich würde sie doch erst mit dem nächsten Zug kommen.
Ulli ließ sich Zeit.

*

Die überraschende Wende kam am 4. Juli 1954, kurz vor fünf.
Ulli kam in die Küche gestürmt:
„Kann ich mit Stefan in die Olig-Mühle fahren?“
Es war später Nachmittag. Vater war schon zu Hause. Er saß auf der Eckbank, sah kurz hinter der Zeitung hervor, überließ die Antwort jedoch Ullis Mutter.
„Was wollt ihr in der Olig-Mühle? Das ist noch nichts für euch.“
„Im großen Saal der Olig-Mühle haben sie einen Fernseher aufgestellt, hat Stefan gesagt. Und dort wird gleich Fußball übertragen.“
Ullis Vater hielt die Zeitung zur Seite und sah Ullis Mutter über die Brille hinweg an:
„Fußballweltmeisterschaft, Mutter, Deutschland gegen Ungarn...“
„Ach“, sagte Mutter, „ja dann... Im Fernsehen?“ Keiner der drei hatte jemals eine Fernsehsendung gesehen. „Hat die Olig-Mühle ein Fernsehgerät?“
„Ja!“, sagte Ulli aufgeregt, „also darf ich?“
„Wie lange dauert das?“ wollte Mutter wissen, „Wenn es nicht zu spät wird...“
Es war fast fünf. Vater mischte sich wieder ein.
„Das Spiel dauert vielleicht bis um sieben, oder so. Das geht doch in Ordnung.“
„Ich muss mich beeilen“, sagte Ulli.
„Und wie kommst du hin?“ fragte Mutter, denn die Olig-Mühle war im Nachbarort, ungefähr sechs Kilometer entfernt.
„Mit dem Fahrrad?“
„Mit dem Fahrrad?“ fragte Mutter und Vater fiel die Zeitung aus der Hand.
„Ja, mit dem Fahrrad.“
Ulli hatte bereits das Rad aus dem Schuppen geholt und war gerade im Begriff hinter Stefan herzufahren, der auf ihn gewartet hatte, da kam sein Vater in ausgelatschten Hausschuhen über den Hof gelaufen:
„Warte, Junge!“, rief er, „Warte! Hier hast du fünfzig Franken für eine Cola.“

Als Ulli nach Hause kam, wollten seine Eltern alles ganz genau wissen.
„Wir haben gewonnen!“, jubelte Ulli, „Deutschland ist Weltmeister!“
„Ich weiß, sagte sein Vater, „Wir haben die Übertragung im Radio gehört. Aber was haben die Leute dazu gesagt?“
„Konnte man im Fernsehgerät alles richtig sehen?“ wollte Mutter wissen.
„Wir standen ganz hinten. Im Saal waren bestimmt zweihundert Menschen. Ich konnte nicht viel sehen. Den Ball habe ich überhaupt nicht gesehen...“
„... hast du das letzte Tor nicht gesehen?“ fragte Vater.
„... nicht den Ball. Und dann sprangen alle hoch und jubelten und tobten. Man konnte überhaupt nichts mehr verstehen.“
„Schade“, sagte Mutter, „ich stelle mir das schön vor, wenn man im Fernsehgerät alles genau sehen kann, was gerade irgendwo passiert.“
„... und als dann der Schlusspfiff kam, war die Hölle los! Die Leute fielen sich um den Hals. Und dann begannen einige zu singen...“
„...was sangen sie?“
„Deutschland, Deutschland über alles...“
„Ist das nicht verboten?“ fragte Mutter.
„...und auf dem Rückweg war am Bahnhof die Schranke geschlossen“, fuhr Ulli fort, „als der Zug einlief, waren sämtliche Fenster offen und die Fahrgäste streckten die Köpfe raus und winkten und schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen. Alles steht Kopf!“
„Ja mein Junge“, sagte Vater, „wir haben es in einem Sender aus dem Reich gehört. überall im Saarland sind die Menschen auf den Straßen, aber Radio Saarbrücken bringt praktische Tipps für den Imker.“
Dann fielen Namen. Fritz Walter, Ottmar Walter, Rahn, Turek, Sepp Herberger. Plötzlich kannten sie Namen, die zumindest Ulli zuvor nie gehört hatte.
„Fritz Walter spielt beim FC Kaiserslautern“, sagte Vater, „das ist nur einige Kilometer von uns entfernt Junge. Da könnten wir hin spucken, wenn diese vermaledeite Grenze nicht wäre.“
„Lass doch wenigstens heute die Politik“, protestierte Mutter, „es geht doch nur um Fußball.“
Aber Vater widersprach:
„Heute geht es sogar sehr um Politik. Heute werden die Franzosen lernen, dass sie vielleicht das Land besitzen können aber niemals die Herzen der Saarländer.“
Dann ging er in den Keller und brachte eine verstaubte Flasche Wein in die Küche.
„Setz dich mein Junge“, sagte er, „heute darfst du dein erstes Glas Wein mittrinken. Das ist der glücklichste Tag meines Lebens!“
Wegen der letzten Bemerkung wollte Mutter protestieren, aber Vater kam ihr zuvor:
„... nicht wegen dem Fußball und nicht wegen der Politik, sondern wegen dir mein Junge. Wie fährt sich das Fahrrad?“

*
Ulli betrachtete das Fahrrad, das er neben sich herschob. Das knallige Grün hatte den Vorstellungen entsprochen, die er als Achtjähriger hatte. Später hatte er die Farbe für kindisch gehalten und sich mit dem Gedanken getragen, das Rad umzulackieren. Schwarz vielleicht, denn normale Fahrräder waren schwarz oder dunkelblau. Nun konnte er sich eines Lächelns nicht erwehren, das er sogleich für unangemessen hielt, am Todestag seines Vaters.
Er beschloss das Fahrrad nicht umzulackieren. Das knallige Grün gefiel ihm. Das Fahrrad sollte so bleiben, wie es war. Es war gut so, wie es war. Er konnte sich kein besseres vorstellen.
Das hätte er seinem Vater sagen sollen, doch dazu war es nun zu spät und er empfand Trauer.



[Diese Nachricht wurde von marth am 17. Oktober 2000 editiert.]

aerolith
16.10.00, 23:50
Das ist eine schöne Geschichte. Aber sie hebelt sich nicht aus, sie zeigt nur an. Ich möchte, daß sie die Gefühle nicht nur anzeigt, sondern schwingen läßt. Es sind meine Erinnerungen, die mich in die Geschichte finden lassen, aber es ist nicht die Geschichte selbst.

Mir ist bei diesem Text nicht ganz klar, welches Thema er hat: Ist es das Fahrrad? Wohl kaum. Das ist Motiv. Ist es der Vater? Wohl kaum: Der ist Gegenstand, aber nicht punctum saliens des Gemachts. Also: der Tod. Es muß der Tod sein, der retrospektiv thematisiert wird. dadurch wird er ins Lebendige gezogen und ersteht. Aber der Tod bleibt selbst merkwürdig blaß, er ist nur da, ein stummes Hingenommensein, nicht einmal ein bedrohliches Fatum.


Ja, marth, sprich ein bißchen mehr über den Tod, nicht so sehr über etwas, was nur motivisch bleiben muß!

marth
23.10.00, 13:21
Hallo von Wolkensten,
es geht um eine komplizierte Vater-Sohn-Beziehung.
Ullis Vater trat erstmals in dessen Leben, als der Krieg zu Ende war und Ulli bereits fünf Jahre alt war. Der Vater wird zunächst als Störenfried empfunden, der von nun an in der Familie, insbesondere über Ullis Geschicke entscheidet. Noch wichtiger: Das Kind muss seine Mutter mit dem Neuankömmling teilen. Die Abneigung des Kindes gegenüber dem Vater wird über viele Jahre hinweg nur allmählich und nie vollständig abgebaut. (Das war übrigens ein ernsthaftes Problem, das in Ermangelung von Psychotherapeuten und Psychologen - zumindest in den unmittelbaren Nachkriegsjahren - und in Ermangelung ausgeprägten Selbstmitleides der Betroffenen, nie gelöst wurde. Stattdessen etablierten sich in den sechziger und siebziger Jahren angesichts voller AOK-Kassen die Erfüllungsgehilfen einer nach Selbstfindung gierenden Generation, die nicht an einem nie erlebten Krieg, sondern am Wohlstand zu verzweifeln drohte...)
Die Fahradepisoden verdeutlichen die Entwicklung. Der Tod ist Anlass zu Ullis Reflektion der vergangenen 11 Jahre und ist insofern auch Gegenstand der Geschichte aber nicht ihr Thema.

marth


[Diese Nachricht wurde von marth am 23. Oktober 2000 editiert.]

aerolith
20.11.02, 13:22
Der Vater-Sohn-Konflikt ist ein beliebtes Motiv der Literatur. Nun Du mit Deiner Variante. Willst Du etwas verarbeiten? Willst Du den Sohn im Lichtschein des Spätereinsehenden darstellen?
Diese AOK lassen wir mal draußen, Probleme finden immer zwischen Menschen statt, nicht über irgendwelche Selbstfindungsheinis. Man muß sich denen nicht aussetzen. Oder willst Du genau das thematisieren? Glaube ich nicht. Dir geht es um den Vater-Sohn-Konflikt, der älter als Freud oder Marianne Furtwängler ist.
Der Vater als Störenfried! Das ist kein unflotter Gedanke, zumal, wenn dazu historischer Brokat den nötigen Rahmen schafft. Ich gebe aber hier zu bedenken, daß das ästhetisch zweifelhafter Güte ist. Den Krieg darf man so nicht benutzen. Wenn hier ein Konflikt aufbricht, dann, weil er schon zuvor angelegt ward, von wem? Die Mutter, die Freunde, ein Hausfreund... Da sitzen die Angelpunkte für die Konstruktion von Konfliktpotential. Ein NUR auf die Mutter fixiertes Kind hat keinen Vater-Konflikt, sondern einen Mitmenschen-Konflikt. Differenzierst Du das?