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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Gedröse



andrea
06.10.00, 06:17
Gedröse




Aneinandergefügte Kugeln und Kügelchen und abgeschlagen, Kanten an den Öffnungen, geschlagen sind sie aus Erz nicht, geschlagen sind sie in geschäumtes Luftgestein und unter Wasser gesetzt, schwarz ist es und Wellengekräusel verf?ngt sich, schlägt nach, schwemmt sich ein, ein Höhlenstein ist es, scharf nur, wo gerade erst gestern der Abhieb stattfand, sonst: eingespült hat sich Tag um Tag und die übrig gebliebene Luft entlädt sich an der Oberfläche, wenn sie aus den Höhlen herausgestiegen ist, ein ausgeschwemmtes Seufzen ist es über die geglätteten Stellen, ein Ruck über die steilen Bruchkämme hinweggeworfen. Das Gedröse, das es ist, ist es nicht, das Wasser zehrt, aufzehrt das Wasser das Rauhe für die Hand, schauen heißt es und hören aufs Treibgut, das gestrandet den entscheidenden Hieb versetzt, wo Tag um Tag und Jahr um Jahr Vergebliches zu tun nur bleibt - immer ist es gestern - , Schneisen von verloren gegangenen Schneiden, messerscharf noch immer, Krater von achtlos fallen gelassenen Kugelspielen und Strömungen ohne Flussbett, in Platten geteilt - so kommt das Erdbeben. Das Gedröse, das es ist, ist es nicht, ist eine Idee am lebendigen Leib, den Denkern zu überlassen, wo sie hinkommen, kommen sie hin, und wieder steigt Luft auf, sie in die hohle Hand zu nehmen, bevor sie aufplatzt, wo die große Luft ist, die sie verschlingt.

aerolith
06.10.00, 07:11
Ich freue mich über beinahe jeden Deiner Texte. Wir sind einander zwar nicht grün, aber meiner Achtung sei versichert.


Dieser Textbeitrag ist ein Malstrom. Ein erdgewordenes unbändiges Ziehen in das Textinnere willst Du da erreichen. Ist es gelungen? Du quirlst, aber Du verdichtest nicht. Du spreizt Dich, etwaige Nebensätze finden keine Struktur, sondern sie speisen sich aus der Idee, die Du an einzelne Worte hängst. Eben weil Du partout eine parodistsiche Glosse schreiben WILLST, die sich am nick "aerolith" abarbeitet, verbiesterst Du und kannst es künstlerisch nicht lösen. Da liegt das Problem: Du solltest Dir eine Linie denken, nicht aus der Gegenwärtigkeit eines Wortes ein Strickmuster basteln.
Das ginge auch, aber nicht bei diesem Text, der doch hinabziehen soll, der doch den Krach - sicherlich disparaten Ursprungs - zu einem Orkan machen soll.


Ein kurzes Beispiel, damit es nicht so abstrakt bleibt, eine Assoziationskette sozusagen:


Kugeln-geschäumtes Luftgestein-Wasser-Wellengekräusel-Höhlenstein...


Das ist keine sehr aufeinander beziehbare Konnotation. Wolltest Du auch nicht. Sag ich doch. Du wolltest von einzelnen Worten ausgehend, ein Thema vage im Auge behaltend, Deine Aequilibristik zum besten geben. Das ist Dir auch gelungen, dieses Wortfeld, aber mitreißen will mich das nicht. Ich brauch immer ein bißchen Logik, verdichtete Zuspitzung auf der Basis eines assoziativen Gedankenstroms, im Ganzen, wenigestens im Teil, nicht nur Freude am herabfallenden Felsgestein eines sonstwie schön gemeißelten Wortes.

walfisch
06.10.00, 19:48
ich finde den text schon einstrudelnd, weil ich auch nicht zuerst nach logik suche.
mich hat allerdings die stelle "...wo tag um tag - ...gestern-" ein wenig aus dem gebrodel gerissen, beim genaueren hinschauen hatte ich das gefuehl, hier wuerde sich in den fuer sich selbst stehenden sog ein kleiner versuch einer aussage hineinschleichen.
irgendwie entweder oder!
vielleicht hab ich aber auch einfach nichts gerallt... liebe gruesse aus dem meer.

andrea
07.10.00, 09:04
@wolkenstein, nein grün werd ich auch nicht, wenn ich an dich denk! :schulterklopfer:
leider kann ich das, das du (möglicherweise) mit deiner kritik sagen willst, nicht so recht entschlüsseln. ich verstehe nur, dass du mir bestimmte absichten zuordnest, die ich (zumindest) nicht hatte (vielleicht hat sie der text, aber du bleibst den beweis schuldig). auf jeden fall gings es mir nicht um wort-meißelungen, es geht mir um die abbildung von etwas, das diese worte (diese bilder) provoziert. und das ist etwas, das es jenseits der worte gibt. was ja auch die schwierigkeit bei so texten ist. außerdem: der text hat eine logik wie alle meine texte. dass die offensichtlich gar nicht so leicht erkennbar ist, das habe ich schon oft bemerkt.


@wal:fisch
also eine aussage (im sinne von "höherer einsicht") hat der text nicht, aber einen "zusammenhangs-sinn". und für diesen ist die von dir zitierte stelle in der tat von bedeutung. danke fürs lesen und fürs drauf-rühren!


andrea

aerolith
12.10.00, 15:16
Wenn das Lager nicht richtig festgezogen ist, dann schlägt es aufeinander. Dann lockert sich das Kugellager weiter, dann schlingert das Schiff bald im tosenden Meer; flüssig oder fest: Was macht das für einen Unterschied? Es macht einen. Aber es macht keinen, wenn man's aufs Schlingern bezieht. Geschlingert wird und getöst/getosen (?), da wird mir himmelangst.



fallen gelassenen Kugelspielen


Da haben wir wieder so einen Anfall neuer Unrechtschreibe. Fallen sie nun in Nutzanwendung aufs Lassen oder in Nutzanwendung aufs Achten? Ich habe mich wegen solcher Ungenauigkeiten von der neuen O. abgewendet. Du könntest den Text damit zupflastern.
Wenig messerscharf, eher geglättet und disloziv.

Natürlich besitzen Deine Texte ihre Logik. Ich rede hier mit keinem Anfänger, der nur aus dem Bauch heraus seine Sätze setzt, sondern mit einem gewieften Schreiber, der genau weiß, wohin er will. Und eben weil ich nicht nur eine inhaltliche Kritik vorzubringen hätte, von der ich hier absehen möchte, sondern auch am Aufbau Kritik übe, solltest Du meine Antwort ernstnehmen. Du willst doch schließlich mit Deinem Schreiben etwas erreichen. Wie viel leichter sollte Dir das fallen, wenn Du Deine Kritiker überzeugst?

arminius
14.10.00, 10:13
- Diesen Text habe ich Dir, andrea, nicht im Blauen schon kritisiert ?
Wo sind die Guten ?
Hm.


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arminius


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aerolith
29.11.02, 00:54
ein ausgeschwemmtes Seufzen ist es über die geglätteten Stellen AUSGESCHWÄMMT? (schwämmen ist österreichisch für schwimmen; schwemmen ist deutsch für schwammig machen?) Okay, es ist nicht mehr. Dann bleibt der Rest. Zurückgebunden an das Thema GEDRÖSE. Hm. Was ist das, Gedröse? Gedröhne? Dröseln? Abdröseln, aufdröseln, troddeln? Bleibt unklar. Ein wenig. Das könnte den Reiz des Textes ausmachen, daß eben das unklar bleibt: Was geschieht mit jedwedem Rest?
ein Ruck über die steilen Bruchkämme hinweggeworfenVielleicht, andrea, ist es das, was mich in Deine Texte so schwer eindringen läßt, dieses Verweigern gegenüber dem Gebeugten. Du beugst Verben ungern, sehe ich das richtig? Im vorliegenden Text verweigerst Du Dich -zig Mal, zwölf Infinitive zähle ich. Das muß Methode haben. Wenn Du beugst, dann in dritter Person, was zumindest ein unpersönliches Es mitdenken läßt.

uisgeovid
30.11.02, 19:49
Nochmal hochgeholt.
Ist ein lyrisches Prosastück, ohne Zweifel. Hermetisch verschlossen zieht es in seinen Bann und bannt Bedeutung. Wer so etwas schreibt, kann schreiben, hat Wille zur Form und Welt zum Mitteilen. Ich finds halt schade, dass der Text nicht in freien Versen daherkommt, denn komprimiert genug ist er eh. Nur... was ist Gedröse?