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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : orpheus im spiegel



allerleirau
06.09.00, 04:27
als orpheus, sohn des lichts,
ins dunkel stieg,
sein lieb und leben zu gewinnen,
war es der spiegel,
der sein leid und lied und sinnen
aufsog in das fahle nichts.


der sänger, in der hand die leier,
brachte sein lied
der liebe in das reich der schatten.
der göttin tränen
vereinten nun aufs neu die gatten.
und so, wie du es tust, hob er den schleier.


der spiegel barst, das licht
verglüht auf scherben.
was du geschaut? des himmels dunkle seite -
wovor du fliehst?
schwesterlich halt ich dich an, und ich geleite
dich hinaus, ehe die leier bricht.


anmerkung: es ist nicht fertig. es hakt. ich finde den haken aber nicht.

allerleirau

aerolith
06.09.00, 19:31
Thema ist sehr interessssant, vielleicht kommen wir beide endlich einmal dazu, uns über die Griechen ausgiebig zu unterhalten. Und über Orpheus, über Eurydike, Dike, Gluck und französische Opern, die von Deutschen geschrieben werden, über Hoffmanns Erzählungen und Euterpes Schleier, über Frau Lot von Kishon und die Hängenden Gärten; alles ist mir da vorm Auge, wenn Du das Wort Orpheus aussprichst.


Wußtest Du, Allerleihrauh, daß Orpheus zwar Apollons Sohn war/ist, aber der als Mäusekönig alles andere als ein Lichtgott? Und dieser Orpheus ist so eine Gestalt wie Dionys, vielleicht einer der ältesten überhaupt, einer der ersten Menschen sowieso, einer, der die Sphinx noch zu Lebzeiten antraf. Und diese Sphinx, die ist so alt, das gibt es gar nicht. Spiegel aber; also Narziß benötigte eine Abbildung im Wasser, Spiegel gab es nicht. Und Narziß ist ein Frühgeborener. Jedenfalls kann es bei Orpheus keinen Spiegel gegeben haben. Ja, darauf wollte ich hinaus.
Ach, das ist nicht (sehr) wichtig für das Gedicht, denn schließlich interpolierst Du frischfrommfröhlichfrei - und das sei Dir auch verstattet. Das mit dem Spiegel sei eben doch nur ein Gleichnis, magst Du sagen, sozusagen eine Doppelspiegelung. Ja, sind wir denn hier bei "Wünsch dir was!"?
Und dieser nichtmöglichseiende Spiegel saugt dann auch noch. Ich bin verwirrt. Fahles Licht im Spiegel, dazu ein Dunkelkämmrer, unmöglich, Allerleirauh. Andererseits darf Dichter Unmögliches darstellen, eine c.i.a.
Schleier, Leier, Gatten, Vereinigung: Eine Mär, gepackt in die Monstranz des Mythos. Allerleirauh, dieser Text fällt durch. Aber das Thema, das ist ein Interessantes.

allerleirau
11.09.00, 02:50
ja, lieber robert, weiß ich
aber als einen lichtgott seh ich ihn ja nicht.
und die geschichte mit dem dionysos ist mir auch nicht fremd.. die geschichte um seinen tod kenne ich auch.
aber darum gehts mir gar nicht.
orpheus, ein ehemann, der die gattin verloren hat, auf der suche nach ihr, sie wiederfindend, durch seine neugier oder sein misstrauen gegenüber der göttin, die sie ihm wiedergegeben hat, sie aber für immer verliert.
und jetzt lassen wir einmal den orpheus orpheus sein... wie weit darf oder soll oder kann die treue nach dem tod des/der geliebten gehen? wie lange darf sie dauern, bis der/die zurückgebliebene sein/ihr leben weiterleben kann, wie sehr sich entsagen.
ich sehe in dem heben des schleiers einen bruch dieser treue.
und der spiegel..das spiegelbild, das ist die verlorene hälfte im nirgendwo, nicht greifbar, nicht schaubar, denn der spiegel ist zerbrochen, als orpheus den schleier hob.
ich denke, "so, wie du es tust" entfernt sich der text doch schon vom mythos.
oder doch nicht?


ich sag ja, es hakt.


allerleirau,
sich an die verschleierten und manchmal bis zur unkenntlichkeit bandagierten frauenfiguren von hubert aratym erinnernd.

Omar Chajjam
11.09.00, 17:59
Die Frau im Schleier ist ein berühmtes Motiv des 19. Jahrhunderts. Sie taucht in fast jeder Oper auf und kennzeichnet den Wunsch nach Abenteuer und nach Ausbrechen aus dem Hausfrauenklischee. Sie wird verführbar und nähert sich der Kurtisane.


War Eurydike wirklich verschleiert?


Bei Gluck war sie eher verzaubert im Reigen seliger Geister.
Offenbach schrieb darüber eine Satire und meinte die Bourgeoisie und ihr verschobenes Frauenbild.
Es ist aber sehr schwer mit dem alten griechischen Götterbild über diese beiden populären Interpretationen hinwegzukommen. Eine Neudeutung kann ich nicht sehen




Chez Orpheus




Im Kaufhaus Wally Mar war für gutes Geld
Ein bekannter Musikpsychologe angestellt
Der hatte schon im Zoologischen Garten
Mit Melodien gesorgt, dass alle Tierarten
Sich im Takt mit Leidenschaft paarten.


Auch heimatlich vor dem Swimming Pool
Fühlten sich seine Yuppiefreunde wohl.
Wenn er zum Speed die Leier auspackte
Und auf den Saiten ein Liedchen hackte
Im Garten gabs bald nur noch Nackte,


die von der letzten Love-Parade schwärmten
und ihr Glieder ineinander wärmten.
Orpheus dieses geile Musikgenie
Der Garant für die Werbeindustrie
Verfehlte Aphrodites Früchte nie.


nur ein schwarzer Fleck in seinem Leben
verdarb ihm sein göttliches Streben
Als Student hatte er von Liebe beseelt
Wahrscheinlich auch aus Mangel an Geld
Sich mit Eurydiken vor den Altar gestellt.


Sie hatt vom Papa ne Konditorei mit Cafe
Ihr Ideales Gebäck war das Sahnebaisse
Und weil Orpheus sie zu vergessen begann
Baute sie hinten im Keller noch ne Nachtbar an
Und nannt sie - Chez Orpheus - nach ihrem Mann.


Bald war der Club landauf landab bekannt
Vom Bischoff wurd er nur der Hölle Pfuhl genannt
Um den Ruf des Musikanten wars geschehen
Er musst zu ihr hinab in ihre Hölle gehen
Und ihr dort im Dunkeln den Hals umdrehen.


Er schlich sich durch die dunkle Unterwelt,
Doch sie hatte längst die Weichen gestellt
Und Pluto, der Neger an der Eingangstür
mit einem Klappmesser sorgte dafür
Heut spielt der Orpheus im Chez Klafür.

aerolith
12.09.00, 23:27
Orpheus galt im Altertum vielen als thrakischer König. Warum ein König hier? Reicht denn seine Weisheit weiter als bis nach Ägypten, von wo er den Griechen Fabeln des Hades (eine Hölle kannten die Griechen nicht), orgiastische Feste und andere Geheimnisse ueberbrachte? Geheimnisse der Dunkelheit und des Zorns. Und die Dunkelheit bedarf eines Abglanzes, natürlich besehen, natürlich umnachtet sich die Nacht mit den Sternen, selbst Abglanz eines größren Lichts. Und weil die Sterne leuchten in stillen Wettgesang, da muß sich dort auch eine Harmonie, eine Ordnung finden lassen. Ordnung zu den Dingen, Ordnung in den Dingen, Ordnung ist Herrschaft. Übergreifend wird's zur Harmonie der Sphären, wird's auch zu Phantastischem. Daß gar der Mond bewohnt sei, dies kam durch ihn zu uns. Eine Phantasie, aus dem Wunsche geboren, daß dem Lichte auch Leben anheimgestellt sei. Der Mann im Mond kam durch Orpheus! So war er, der Abglanzsänger.
Was mich allerdings immer störte, diese Koinzidenz mit Pythagoras: Wer hat denn nun die sieben Weisen, die alle Lieder umfassen, erstmals entdeckt? War's der Zitherspieler, ein Dudelsäckli aus Gezupftem, nicht geblasen, ei, der Dei.
Und bitter ist diese Geschichte mit Lesbos: Da soll die Leier hingeschwemmt worden sein, endgültig zu den Weibern. Und nun können die Männer nicht mehr die oberen zwei Oktaven erreichen (hä?). Jedenfalls kann Liebe hier auch als Entsatz gedeutet werden.

Itzt hab ich Schwung für Deinen Text. Wollen wir doch mal schauen, was sich da so alles findet...

Man muß elitieren und umstellen, dem Dinge eine Ordnung geben. Ordnung aber vollzieht sich. Ordnung hier ist der logische Aufbau.
Das beginnt schon in der ersten Strophe, da müßte umgestellt werden, zuerst das Licht, dann eine Periphrase, dann erst die Antinomie, dann diese aufnehmen und verdichten. Verdichtung im Nichts? Das ist mir zu schal, zumal dieses Nichts FAHL sein soll. Da hebt sich nichts auf, da ist es nur grau in grau. Ist das Nichts so? Ist es in einer synthetischen Aufhebung grau, allerlei?
Du nimmst dann die hervorstechendste Eigenschaft, derer Du Dich erinnerst, das Singen. Wo aber ist die Thematisierung Singen? Sie fehlt. Ist ES nun die Vermittlung oder ein sekundäres Antriebsmittel für den Helden? Und wieder ein Widerhaken im Denken. Daß dann die Liebe Ersatz schafft, macht den Purezlbaum, den Du zur Gottheit zurückzuschlagen gezwungen Dich siehst, nicht anschaulicher.
Das Motiv SPIEGEL ist eher etwas für Howahs HYPERFICTION, hier ist es deplacieret.
...und hinten heraus mußt Du elitieren.

Mich wundert Dein Unbehagen nicht.

Aber schön ist er dennoch, der Text.

allerleirau
03.10.00, 17:48
ja, da sind viele haken.
ich lasse es lieber ruhen, auch wenn mir die frage nach dem heben des schleiers nicht und nicht aus dem kopf und dem gefühl geht.
christine busta hat es mir so erklärt: "jedes gedicht ist fertig, auch wenn dir die worte noch fehlen, du musst sie nur aufspüren, such sie nicht, du spürst sie - irgendwann einmal."


vielleicht ist mir die wiederverlorene Eurydike näher?


allerleirau,
den puristen orpheus in die lade legend und das sternbild der leier auf der karte betrachtend

rodbertus
08.10.00, 14:10
Vom Tod der Liebenden:

373

Gast
13.10.00, 16:06
ich lese jetzt schon einige zeit in diesem forum.
wir schreiben das jahr 2000. ich glaube allerleirau könnte auch mal einen aktuelleren beitrag bringen. Nun werdet ihr schreien und mich niederknüppel. nein, ihr werdet mich natürlich nur ignorieren.
aber ehrlich: so langsam wird es langweilig.
und das hättest du allerleirau wirklich nicht nötig.
ein immer mal wiederkommender gast, der mit absicht nur klein schreibt und die interpunktion nach gefühl und eigenem wollen anwendet.

aerolith
13.10.00, 21:09
Weder noch, Gast. Wenn Du tatsächlich immer mal wieder hier herumliest, dann wirst Du feststellen müssen, daß wohl kaum einer ignoriert wird, auch wird hier niemand niedergeknüppelt.
Nur finden manche zu manchen nichts zu sagen, andere dagegen wiederum zu anderem recht Barsches.

zu allerlei: Woher will ich denn wissen, wie alt a.s Texte sind? Für mich sind sie neu an dem Tage, da ich sie erstmals lese.

zu aller: Orpheus muß dunkler werden. Er steht immer so mit einem Bein am Tode. Also ist der Spiegel stumpf. Also spiegelt sich nichts wider. Oder kann sich Dunkelheit spiegeln? Das Licht ist auch nicht Eurydike, die DIKE nicht umsonst im Namen trägt, sondern der Vater. Die Griechen waren schon Schlaumeier: Der Vater ersetzt dem Nebulösen die Geisterhand, er scheint ueber den Spiegel hinaus.
Das sind so Lesarten.

ala
22.04.05, 11:45
eine alte märchentradition ist das nicht-hinsehen-dürfen, um etwas zu gewinnen.
das meint wohl demut, nicht wissen zu wollen; sich durch wahr-nehmung eben nicht etwas einfach zu nehmen, das einem (noch) (nicht) zusteht.
spiegel sind eine umgehung dieses gebots. doppelte spiegel - hm, sollten sie das gebot aufheben dürfen/können/sollen/tun?

rodbertus
20.05.05, 17:29
Den Gedanken einer doppelten Spiegelung kann man für die Dichtung nicht hoch genug einschätzen. Da schwingen Dinge wie Tod und Entfremdung, die Notung eines Immoralisten, mit. Ich sollte darüber vielleicht mal wieder ein wenig schreiben. Das ist wie ein Selbstversuch.