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Thomas R. Baker
11.11.00, 11:21
Der Zaubertrick


Es ist ein sehr alter Trick. Ein Klassiker sozusagen. Er wird immer noch gern gesehen und deshalb oft gezeigt.
Der Magier präsentiert einen stattlichen jungen Mann, der bis auf ein weißes Tuch um die Lenden und eine phantasievolle Maske völlig unbekleidet ist, und weist ihn an, in eine Holzkiste zu steigen. Diese wird dann von zwei Helfern sorgsam mit Ketten, Schlössern und Riegeln verschlossen.
Nun zeigt der Magier einen stählernen Nagel, etwa fingerdick und so lang wie ein Unterarm. Um seine Echtheit zu beweisen, reicht er ihn einem Mann in der ersten Reihe, der ihn gründlich untersucht und schließlich nickend dem Magier zurückgibt.
Auf einem Tischchen neben der Holzkiste liegen an die zwanzig Nägel derselben Sorte. Der Magier beginnt nun, diese einen nach dem anderen mit einem großen Hammer in die Kiste hineinzuschlagen. Er holt weit aus und schlägt kraftvoll zu. Es besteht kein Zweifel: der junge Mann muß von den Nägeln durchbohrt werden, da in der Kiste viel zu wenig Platz ist, um auszuweichen oder sich irgendwie zu verstecken.


(Warum schreit der junge Mann denn nicht?
Weil er geknebelt ist. Unsichtbar für das Publikum, das die schöne Maske bewundert. Und weil er betrunken gemacht wurde. Vielleicht wurde er auch anders betäubt... es gibt verschiedene Varianten dieses Tricks.)


Nachdem der Magier die Nägel wieder aus der Kiste herausgezogen hat, wird diese geöffnet, und aus ihr erhebt sich der junge Mann wie Phönix aus der Asche. Er dreht sich einmal um sich selbst und verbeugt sich in alle Richtungen.
Tosender Applaus. Ein Wunder! Ein Wunder! Was für ein Trick!


(Mit bloßer Willenskraft hält er seinen Körper davon ab zu bluten.)


Der Vorhang fällt.


(Zwei Helfer fangen den Verletzten auf, der im selben Augenblick zusammenbricht. Sie bringen ihn hinter die Bühne und legen ihn auf ein Bett. Sie nehmen ihm die Maske ab und befreien ihn von dem Knebel. Er schnappt nach Luft. Er läßt die Spannung von sich abgleiten. Seine Wunden öffnen sich, und sein Blut durchtränkt die weißen Laken.


Er überlebt. Meistens überlebt er. Und jeder Tag und jedes Jahr ein neuer Stich. Irgendwann hat er aufgehört, die Narben zu zählen. Es kommt nicht darauf an.
Wichtig ist nur, bald wieder auf der Bühne zu stehen. Und eine gute Figur zu machen. Und zu lächeln. Und zu bluten. Und den nächsten Auftritt zu überleben.)




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TRB

it
11.11.00, 12:21
nicht schlecht ent- oder umgezaubert.


ein paar spontane anmerkungen:


ich würde bei "völlig unbekleidet" das "völlig" weglassen; überflüssig.


unterarm: der kann kurz, lang, sehr lang sein (auch ein sehr alter trick: der schneider ruft seinen kleinsten lehrbuben herbei, bevor er ellenweise das tuch abmisst); würde ich präzisieren, damit's anschaulicher wird.


"Der Magier beginnt nun, diese einen nach dem anderen mit einem großen Hammer in die Kiste hineinzuschlagen": "beginnt" + "einen nach dem anderen" ist doppelt gemoppelt - er schlägt einen nach dem anderen hinein


"da in der Kiste viel zu wenig Platz ist, um auszuweichen oder sich irgendwie zu verstecken": das ist ungenau formuliert. die sichtbare ausdenhnung der kiste kann zu klein für verborgene hohlräume sein. Was ist aber mit der möglichkeit einer falltür, dem hohlraum also unter der bühne (noch ein sehr alter trick :idea: ?


wenn er "betrunken gemacht" oder "betäubt wurde": wie kann er nachher durch "Willenskraft" die blutung zurückhalten (einmal vorausgesetzt, dass zumindest dieser fakirtrick funktioniert)? sedierung und willensanstrengung, das beißt sich.


"wie Phönix aus der Asche": stark vernutztes bild, würde ich ändern oder weglassen.


"Er überlebt. Meistens überlebt er. Und jeder Tag und jedes Jahr ein neuer Stich. Irgendwann hat er aufgehört, die Narben zu zählen. Es kommt nicht darauf an."
hier wird es sehr seltsam, meiner meinung nach:
- also er überlebt nur "meistens"? hm. hortet der magier vielleicht mehr solcher jünglinge in kisten?
- "Und jeder Tag und jedes Jahr ein neuer Stich": "jedeN Tag", h?tte man erwartet, aber "jeden Tag" ist aus Sicht des Bluters wohl etwas viel, "jedes Jahr" aus Sicht des Magiers etwas wenig. Was steckt hinter diesen Zeitangaben?
- "Es kommt nicht darauf an." wenn der jüngling auf der bühne fast nackt ist, müsste man seine massenhaften narben ja sehen. kommt also wohl doch drauf an?


gruß, it.

aerolith
11.11.00, 12:36
Dein erster Text gefällt mir. Er lebt von zweierlei:
a) der Idee;
b) dem Spannungsaufbau.


Mir hätte es noch besser gefallen, wenn Du die Schmerzen anschaulicher beschrieben hättest, und damit das klar ist: Im Beschreiben hast Du Schwächen. Die Sprache hat sich in Dir auf gutem Niveau angesiedelt, aber sie hat sich auch schon verknorrte Wurzeln angelegt. Logische Invarianzen zeigte it löblicherweise schon auf. Aber die sind in diesem Text wohl nicht so wichtig.

Bigvogel
11.11.00, 16:18
ich überleg mir, thomas, wie genau du die story eruiert hast, bevor du ans schreiben gegangen bist. und ob du's nich gemerkt hast, daß das eigentlich anders, unblutiger, geht und ob das gewissermaßen ein literarischer trick ist, mit dem du uns hier gutgläubig zum grübeln bringen willst ob der verderbt- und verkommenheit des schaugeschäfts - weiß ich also nich, da muß ich vielleicht erst mehr von dir lesen, denn beantworten wirst du mir die frage nicht, jedenfalls dann nicht, wenn du ein gelübde hast ablegen müssen. aber immerhin eine idee, eine brauchbare, und das is doch schon was
freut sich bigvogel

Thomas R. Baker
11.11.00, 18:36
Vielen Dank für die schnellen Reaktionen!


---Julkin: so ein scharfer Blick für Details ist genau das, was mir beim Schreiben fehlt. Danke. Wenn ich mal Zeit habe, werde ich noch ein bißchen feilen. Im Moment nur zweierlei: 1) hätte ich genauer beschrieben, daß die Kiste keinen doppelten Boden oder sonstige Tricksereien aufweist, hätte man mir bestimmt vorgeworfen, mich an eben jener festzuklammern. Am Schluß sieht man ja, daß alles mit rechten Dingen zugegangen ist (leider). 2) daß der Schluß so seltsam wirkt, liegt daran, daß ich mich genau dort vom Trick selbst löse und symbolisch werde. Vielleicht nicht so gut für den Leser. Fest steht: "jeder Tag" und "jedes Jahr" SELBST sind es, die schmerzen. Dem jungen Mann ist es egal, daß es schmerzt (es kommt nicht darauf an), er zählt die Narben nicht mehr, er hat aufgegeben und sich gefügt in die Notwendigkeit, Geld zu verdienen oder in der Öffentlichkeit zu stehen (oder was auch immer seine Motivation ist)... ein Blick in mein Profil, und Ihr wißt, was ich meine. Auf der Bühne macht sich so ein "scarface" natürlich nicht gut. Gehen wir mal von Selbstheilung aus.
---Künstlertod: ein bis zwei Beispiele für die verknorrten Wurzeln wären hilfreich. Danke ansonsten. Das geht runter wie Öl :gurke:.
---bigvogel: meine Güte, es geht um alles andere, aber NICHT um das Schaugeschäft. Für diesen und alle folgenden Texte gilt: Es geht um FRAUEN, oder es geht um etwas, was mit meiner Beziehung FRAUEN zu tun hat, oder eine FRAU hat mich dazu gebracht, das zu schreiben - der Seelenstripper.


TRB dankt für Eure Aufmerksamkeit!

Bigvogel
11.11.00, 19:53
hm, thomas,
aus dir werd ich nicht schlau. aber das macht nix. also wenn es in dem text um frauen geht bzw. um deine beziehung zu diesen - hm. nun ja, manche meinen, bei allen großen taten stecke ne frau dahinter - na gut, damit beruhige ich mich fürs erste.
eine elegante erklärung
meint bigvogel
(aber du erzählst doch nich im ernst ne wahre geschichte?)

Thomas R. Baker
11.11.00, 20:40
Hach, bigvogel... ich freue mich geradezu diebisch, daß die Geschichte doch so ein paar Rätsel aufgibt. Ich selbst kann das ja schlecht beurteilen. Wahr ist sie übrigens nicht, wäre ja schlimm :mua:. Alle, die noch ein bißchen rätseln wollen, bitte den Rest dieser Antwort überspringen - der Seelnstripper läßt die Hosen runter.


Aaalso: man nehme als Motivation des jungen Mannes das Streben nach einer Beziehung, als Nagel die Absage/Ohrfeige/Ausrede einer Angebeteten und als Publikum die Mitmenschen, die glauben, daß ihm das nichts ausmacht (weil er ja so tut, als ob es ihm gutgeht). Und er versucht es natürlich immer und immer wieder, obwohl es jedesmal wehtut, ist ja (bio)logisch. Alles klar?


Der (inzwischen "völlig unbekleidete") TRB.


Frage am Rande: Funktioniert die Geschichte nicht auch ohne diese Erklärung? Und: hat das nicht schon jemand beim Lesen geahnt?


Ende der Durchsage.

aerolith
13.11.00, 12:33
Einige Beispiele für verbeßrungswürdige Textstellen:




phantasievolle Maske
Spannung abgleiten lassen
Blut durchtränkt weiße Laken
gute Figur machen




Da will ich's immer genauer wissen. WIE?

Thomas R. Baker
13.11.00, 16:33
Ach so... da ist natürlich was dran, Herr "Künstlertod". Wenn ich mich ein wenig erleuchteter fühle als zur Zeit, werde ich mir den Text eh nochmal vorknöpfen. Vor allem auch wegen Julkins treffenden Anmerkungen...
Aber ich denke mal, daß es sinnvoller ist, es beim nächsten Werk besser zu machen, als jetzt den Text so lange zu ändern, bis er allen gefällt, oder?


"Denn siehe: niemandes Wort soll Gesetz Dir sein, so Du es nicht dazu machst. Und niemandes Wort sei es Dir wert, in Stein gehauen zu werden, so Du es nicht selbst gravierst."


TRB

aerolith
05.12.02, 10:12
Ein Schnellschreiber, der die Dinge antippt, auch pointiert darlegt, aber ohne Ausdauer von Schnellschuß zu Schnellschuß rast; ja, wahrscheinlich ist TRB immer unterwegs und wird doch nie ankommen.


Hat sich was geändert, frage ich diesen Vorbeischneier, der sich einbringt, ohne sich einzubringen. Die Welt ist voll von Dir, begabter junge Mann! Keiner von ihnen hat ein Zuhause und jeder von ihnen denkt, er sei immer auf der Flucht vor dem Gram des Alltags. Das muß eine Konstante des Jungmannseins sein.