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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die Sammlerin



it
02.11.00, 13:17
Dörte sammelt Erinnerungen. Breitet sie fein säuberlich geordnet vor sich aus, wie die Schlüssel am Schlüsselbrett eines peniblen Hausmeisters.
Griffbereit hängen sie da, mit kleinen Plastikschildchen versehen, durch deren Hülle man die winzigen Buchstaben sehen kann. Die sehen immer ein wenig ungelenk aus, es ist nicht leicht, so klein zu schreiben, aber sorgsam. Und nur wenig verblasst.
Nur die Guten liegen achtlos in einer Schublade übereinandergeworfen, bis die Oberfläche stumpf wird von Kratzern. Sie werden selten gebraucht, weil: die Schlüssel passen nicht mehr. Wer weiß, wo die Schlösser sind?


Erinnerung eins: Reise.


In ihrer Hand auf Augenhöhe die Hand ihrer Mutter, auf deren Arm das Baby. Und Lies, die Große, auf der anderen Seite, den Muttermantelstoff über dem Ellbogen fest zwischen den Fingern, doch nicht so groß. Auf den Gesichtern der gleiche gespannte Ausdruck.
Der Vater trägt die Koffer, weit vorn, nur manchmal ist ein Bein von ihm zu sehen, oder eine Ecke seines Mantels. Um sie herum Hüften, Oberschenkel, Taschen, vor deren scharfen Kanten man sich in Acht nehmen muß.
Ein letzter Blick zurück zu der scheinbaren Sicherheit der erleuchteten Abteilfenster, in offene Tür, aus der ein Schaffner winkt. Aber nicht zu ihr.
Sie laufen durch die Dampfwolken des Zuges, und einen kurzen angstblinden Augenblick lang sind ihre Beine verschwunden, Mama, mein Bein, wo sind meine Beine, und sie hält den Teddy fest, ganz fest. Das krause Fell in ihrer Hand, feucht unter ihren Fingern.
Als sie wieder da sind, sind die Beine zu kurz, sie rennen in unregelmäßigen Abständen, die Mutter zieht sie voran.
Ein Lärm wie in einer riesigen Maschine.
Erst später, im Wagen, und dann zu Hause, haben sie gemerkt, daß Teddy nicht mehr da ist, nur sein Arm, und die hellgelben Fäden, die aus ihm herausragen, da, wo früher sein Bauch war. Den Arm hält sie noch fest in der Hand.


Dörte mag keine Reisen.


Erinnerung zwei.

Doderer
03.11.00, 11:39
hallo it,


sehr schön und konsequent geschildert, diese eindrücke aus kindlicher perspektive, sehr gekonnt ist diffuser schrecken eingeflochten


bitte unm weitere erinnerungen !


doderer

aerolith
03.11.00, 22:59
Diffuser Schrecken, Doderer?


Stringent ist der Text nicht. Er hangelt sich. Aber vielleicht mögen impressionistische Konvolute sich nicht in die Augen schauen, wen sie sich im Weg stehen. Im Weg steht sich das Muß einer Weiterführung. Reise ist da mehr Aufgabe als Auftrag. Du spielst hier nicht genug, aber springst dennoch über die auslotbaren Zwischenwege. Zwischen den Zeilen teilt sich Angst mit, Unvorhers(a)ehbares. Ich komme nicht rein in die eigentliche Psychologisierung. Um die scheint es mir aber gegangen zu sein.

Doderer
03.11.00, 23:19
Ich komme nicht rein in die eigentliche Psychologisierung. Um die scheint es mir aber gegangen zu sein.


Das denk ich nicht, Ed. Es ist m.E. der Versuch, ein Geschehen v o r seiner Verarbeitung durch die Psyche der kleinen Dörte zu fassen.


Oder irre ich mich da, it?

aerolith
04.11.00, 09:54
Also einfache Tatsachenbeschreibung? Das wäre aber arg wenig.


Psychologisierung heißt nicht, daß die Personen selber über sich nachdenken. Ich stelle mir nur vor, wie sich eine Handlung strukturieren läßt, die auf die Einbettung der Handelnden in eine von AUSZEN (?) oktroyierte Handlung rekurrieren muß?

Doderer
04.11.00, 10:46
Psychologisierung heißt nicht, daß die Personen selber über sich nachdenken.


Stimmt, ed, auch nicht für mich, ich würds dann relefexion nennen. Nur gibt es wohl auch andere (tiefere?) schichten der psyche, in denen die verarbeitung des erlebten statffindet.

it
04.11.00, 10:51
Doderer, es gibt die Ebene des realen Erlebens - als Kind. Dann den (voreiligen) Schluß, der bereits Dörtes Charakter entspricht. Und dann den (negativen) Umgang mit katalogisierten Erinnerungen, denen die neuen angepasst werden, rein ins Raster.
Darüber hinaus ist es ein Momentaufnämli, und wahrscheinlich nicht halb so ernst gemeint.
:keks:

Schönes Wochenende wünsch ich Euch.

it

rodbertus
04.11.00, 12:11
Danke fürs Wünschen. Werde gleich losmarschieren, Hagebutten sammeln. Frost war da, jetzt wird Wein gemacht.


Aber was meinst Du denn mit den Rastern? Klappe auf, Klappe zu? Und das Nichternstgemeinte? Was ist denn das, ein Nichternstgemeintes?


Doderer, tiefere Schichten der Psyche? Und das mir Archaiker. Komm mal mit raus, ich hau Dir was aufs Maul! Ganz archaisch gesprochen.

Doderer
04.11.00, 13:10
hallo ed,


soweit kommt's noch, daß wir uns wegen eines textes, den it halb so ernst gemeint hat, in die haare geraten. die dummen auguste geben, wo doch die clowns erst kürzlich ausgeblendet wurden?


schmollt doderer


:schmoll:


das verarbeiten einer situation vom zustand vager gefühlsregungen bis hin zum scharf umrissenen gedanken hat musil in seinem 'mann ohne eigenschaften' oftmals und meisterhaft geschildert.

it
05.11.00, 10:34
Ed, ich will hier nicht unhöflich sein und Deine Frage im Raum stehen lassen - andererseits drängt sich mir der Verdacht auf, daß der Text und nicht die Erläuterung Fragen beantworten sollte. (wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, kann man es nicht nachträglich noch wickeln wollen).
Nun gut, Raster.
Es gibt einen Menschen, den ich schon sehr lange kenne, wir teilen viele Erinnerungen - und teilen sie doch nicht. Als ob wir zusammen einen Nußkuchen gegessen hätten, und sie und immer nur sie hat die bitteren Mandeln erwischt. Sie hat eine andere Auswahl an Erinnerungen getroffen (die in ihr negatives Bild passte).
Weißt Du noch, in Italien? - Italien mag ich nicht. Da hat man mir mal den Geldbeutel geklaut... etc pp.
Was Deine Streitlustigkeit angeht, Ed, nur zu. Allerdings scheint mir mein Text wenig angebracht. Wir wäre es mit dem Thema : die Bedeutung des Orakels in der griechischen und römischen Mythologie? Oder so.
Grüße, it.


PS: Hagebuttenwein? Bist Du sicher, daß Du nicht von Hustensaft sprichst?
Uäh.

Doderer
05.11.00, 11:57
gute idee it,
die sache mit den orakeln,
vielleicht sollte im mal nach guter alter römischer art aus ed's innereien (aus der leber vor allem) die zukunft lesen. weil er's doch so gerne archaisch hat.




liebe grüße an alle


doderer




[Diese Nachricht wurde von Doderer am 05. November 2000 editiert.]

Thomas R. Baker
10.11.00, 10:24
Die Idee, so anzufangen, ist natürlich gewagt. Aber wenn es so schön gemacht ist...


Nebenbei:



Zitat it: Es gibt einen Menschen, den ich schon sehr lange kenne, wir teilen viele Erinnerungen - und teilen sie doch nicht. Als ob wir zusammen einen Nußkuchen gegessen hätten, und sie und immer nur sie hat die bitteren Mandeln erwischt. Sie hat eine andere Auswahl an Erinnerungen getroffen (die in ihr negatives Bild passte).


Also wirklich: das hat was! Mir ist direkt ein bißchen warm um's schwere Herz geworden. Ehrlich.


Der gerührte TRB

rodbertus
10.11.00, 13:03
Raster?

Dann klammern wir diese Geschichte aus!

Aber mich würde jetzt interessieren, welche Idee Du verfolgtest!

Die Weinhefe ist aufgegangen. Jetzt wurd er angesetzt. In fünf bis sechs Wochen will ich ernten. Weihnachtswein. Du bekommst eine Flasche, imgleichen der nächste Beitrüger des Monats. Neben dem alten Milchbrötchen hätten wir dann noch einen zweiten Preis: selbstgemachten Hagebuttenwein.

it
10.11.00, 13:03
Welchen Zweck ich verfolgte?
Einen Text für Hyperfiction (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=hyperfiction)wollte ich schreiben, ganz einfach. Nur wußte ich jetzt nicht mehr, wohin damit. Wohin?
(ich denke, ich stelle ihn nach unten, sobald ich Eure Kritiken gehört und ignoriert habe)
Sterben, Kirche, Jungfrau, ... ich wollte doch etwas leichtes schreiben... Schöpfer, Burg, Knecht, Gram.. alles nicht mein Fachgebiet... Vesper Stoff DAMPF.
Und dann bin ich beim Dampf hängen geblieben, es folgten diese und jene Assoziationen, die ich Euch hiermit erspare -
Dat wars. Wobei es einerseits wohl keine Erinnerung zwei geben wird, es mir - siehe die Erklärung mit dem Raster - aber trotzdem wichtig ist, daß der Satz da steht.
Hagebuttenwein. Kann man den auch zum Einreiben verwenden?


it

it
19.11.00, 13:13
Erinnerung zwei: Das Fest

Tante Dörte ist zu Besuch, Tante Dörte, von der die kleine Dörte ihren Namen hat (und keiner soll sagen, da? es da Hintergedanken gab). Aufregung liegt über dem Haus wie das Summen aus dem Bienenkorb wenn Anton die Waben holt. Dörte darf das Geschirr nicht tragen, und auch die Gläser nicht, aber sie hilft eifrig, das Silber zu putzen (auch wenn es stinkt). Zum Lohn darf sie das Besteck decken, Gabel in der dummen und Messer bei der klugen Hand, sie muß sich auf die Zehenspitzen stellen, um die schweren Löffel über die Teller zu legen. An der Tischdecke festhalten darf sie sich nicht, nein Mama, ich passe auf, Mama (ich bin doch kein Baby, Mama). Die Schuhe, die Tante Dörte ihr letztes Jahr geschenkt hat, kaum getragen, der Lack noch unverkratzt, drücken ihre Zehen zusammen und wölben die Knöchel nach oben, bis sie das dünne Leder ausbeulen. Und Dörte denkt: so muß es sein. Steifes Weiß und Silber, und der warme Glanz der Kerzen. Sonntag.
"Das riecht ja wieder phantastisch, Liebes. Was gibt's denn heute?" fragt Papa - er fragt es immer, schaut Dörte verschwörerisch an, es ist eine große Überraschung jeden Sonntag - und Mama sagt: "Kaninchen." Und sieht Dörte nicht an dabei.
Selbst nach dem Essen war Puschels Käfig noch warm, Stunden später, und Mama hat nicht geschimpft über die schmutzigen Strumpfhosen.
Puschel ist danach nicht wiedergekommen.


Dörte mag keine Feste.




Liebe Annemarie, schreibt sie, die Aufstriche sorgsam gezeichnet, ich möchte Dir für Deine Einladung herzlich danken, (aber leider kann ich ... aber meine Gesundheit läßt - ) aber wie Du weißt, vertrage ich keine weiten Reisen. Zu Deiner Hochzeit wünsche ich Dir (und Horst? Und Holger?) viel Glück und ein langes Leben. Deine Kusine Dörte.


Sie blickt wieder aus dem Fenster und leidet unter Einsamkeit. Jeden Freitag von 9.15 bis 13. 42 Uhr. Nachmittags geht sie zum Arzt.




(Ich hoffe, da? die Struktur jetzt reicht, Ed, weil ich nicht weiß, ob ich Fragmenten eine Struktur geben kann.)


it

resurrector
09.10.18, 10:58
Zu Tante Dörte wollte sich seinerzeit keiner äußern. Derweil ist sie doch allerliebst. Um its Frage zu beantworten: Allerdings erkenne ich hier eine Struktur, v.a. aber das Bemühen, disparate Sinnträger einvernehmlich miteinander zu verbinden. Dadurch entsteht so ein Konstruktionscharakter, der dem Text aber doch zupaß kömmt. Abgehackt bleiben Episoden aber immer. Sie müßten, in Vielzahl, miteinander versponnen werden. Also zehn, zwölf zusammenbinden.