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aerolith
14.06.15, 12:38
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Zu den verkehrtesten politischen Prinzipien (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=prinzip)gehört das Prinzip der Volkssouveränität, das Prinzip, daß die Macht vom Volk (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=volk)ausgeht und auf dem Willen der Nation beruht... Davon leitet sich die Theorie des Parlamentarismus ab, die bis auf den heutigen Tag einen großen Teil der Intelligenz irregeführt und unglücklicherweise auch manche törichte Russen verblendet hat.
Nach der Theorie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=theorie)des Parlamentarismus muß die vernünftige Mehrheit (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=mehrheit)herrschen; tatsächlich wird die Partei (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=partei)von fünf oder sechs ihrer Führer beherrscht, die die Macht ausüben. In der Theorie werden Entscheidungen durch klare Argumente (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=argument)im Verlauf von Parlamentsdebatten reguliert; in der Praxis hängen sie in keinerlei Weise von den Debatten ab, sondern werden getroffen nach dem Willen der Führer und den Eingebungen persönlichen Interesses. In der Theorie denken die Vertreter des Volkes nur über das öffentliche Wohlergehen nach; in der Praxis denken sie zu allererst an ihre eigene Karriere und die Interessen ihrer Freunde. In der Theorie müssen sie die besten Bürger (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=bürger)sein; in der Praxis sind sie die ehrgeizigsten und schamlosesten. In der Theorie gibt der Wähler seinem Kandidaten die Stimme, weil er ihn kennt und ihm vertraut; in der Praxis gibt der Wähler seine Stimme einem Mann, den er selten kennt, der ihm vielmehr durch die Reden einer interessierten Partei aufgezwungen wurde. In der Theorie wird das parlamentarische Geschäft geleitet durch Erfahrung, Vernunft und Uneigennützigkeit; in der Praxis dominieren fester Willen, Egoismus und Redegewandtheit...
Die vorherrschende Doktrin von der Vollkommenheit von Demokratie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=demokratie)und demokratischer Regierung steht auf derselben irrigen Grundlage. Diese Doktrin setzt die Fähigkeit des Volkes voraus, Feinheiten der Politik zu verstehen, die doch nur in den Köpfen der Anführer klar und begründet existieren. Präzises Wissen ist nur für die wenigen erreichbar, die die Aristokratie des Geistes bilden; die Masse ist immer und überall „vulgus“ und ihre Begriffe und Vorstellungen sind notwendigerweise vulgär. (K.P. Pobedonozew, 1896, In: Die russischen Revolutionen 1905/17. Klett-Verlag 1990. S. 9.)

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Von Moskau ausgehend verabschiedeten Dumas (Stadtverordnetenversammlungen) Petitionen und Resolutionen, die den Zaren dazu aufriefen, eine bürgerliche Verfassung (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=verfassung)zu bestimmen. Strittig war unter den Bürgerlichen der Weg Rußlands: Sollte man sich westliche Demokratien zum Vorbild nehmen oder einen eigenen Weg einschlagen, einen russischen? Daneben meldeten sich Arbeiter- und Bauernvertreter (Narodniki) und Intellektuelle, denen ein sozialistisches resp. anarchisches (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=anarchie)Rußland vorschwebte:



Selbstverwaltung vor Ort;
Rechtsgleichheit aller Zugehörigen zu einer überschaubar großen Lokalität;
genossenschaftlicher Landbesitz resp. Betriebsbesitz;
gerechte Verteilung des Erwirtschafteten.


Das waren Forderungen, die schon seit dreißig Jahren Rußland durchwebten. Die Bauern allerdings weigerten sich, ihre traditionelle (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=tradition) Bindung an weltliche und kirchliche Herrschaft zugunsten dieser Phantasien aufzugeben. Das führte bei den Anarchisten zu dem Trugschluß, daß es besonderer Aktionen bedürfe, um den Glauben der Ungebildeten zu erschüttern und so ihre Aufmerksamkeit zu erreichen: Terror. Prominentes Opfer: Zar Alexander II., der 1881 ermordet wurde. Aber das schreckte Bauern und Bürgertum nur noch mehr ab. 1901 gründete sich die Sozialrevolutionäre Partei Rußlands, die mit Hilfe der wissenschaftlichen Theorie Marxens den Kampf um die Macht aufnahm, nicht ohne Mittel aus dem radikalisierten Anarchistenspektrum. Der Intellektuelle Uljanow (Kampfname in der SPR Lenin (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=lenin)) setzte dabei in der Partei 1903 die auf der Basis fortwährender theoretischer und praktischer Wissenserweiterung ausgeprägte Fähigkeit zur Agitation der Unwissenden durch: das Berufsrevoluzzertum, wie es despektierlich von den Gegnern genannt wurde. [1]
Die Zeit zur Umwälzung schien nach dem verlorenen Krieg gegen Japan 1905 reif zu sein: Die Bauernbefreiung von 1861 trieb Millionen Landlose in die Städte, wo sie zu Proletariat wurden und den Worten der Sozialrevolutionäre willig lauschten, denn es konnte für sie nur besser werden. Allerdings betrug der Anteil der Proletarier lediglich etwa 6% der gesamtrussischen Bevölkerung, wenngleich es ein sehr lauter Anteil war. Wichtiger war das Bürgertum um 1900, etwa 10% der Bevölkerung, das in einer Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs an Bedeutung gewonnen hatte und mit den politischen Verhältnissen unzufrieden war, denn steigender Reichtum führt zu der Frage der Selbstverantwortung in einem Staat (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=staat), in dem diese nur einem zukam, dem Zaren.

Es gab gegen der zarischen Staat zwei Angriffszentren:



eine bürgerlich-liberale, die in Hauptprotestzeiten von etwa 10% der Bevölkerung getragen wurde) [2];
eine marxistisch-anarchische, die prinzipiell von etwa 2% der Bevölkerung getragen wurde.



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Petition der Arbeiter von St. Petersburg an ihren Zaren vom 9. Januar 1905:
„Wir Arbeiter, Bewohner Petersburgs, kommen zu Dir. Wir sind elende, beschimpfte Sklaven und erstickt von Despotismus und Willkür. Als die Grenze der Geduld erreicht war, stellten wir die Arbeit ein und baten unsere Herren, uns nur das zu geben, ohne das das Leben eine Qual ist. Aber alles wurde abgelehnt. Alles ist nach Meinung der Fabrikanten ungesetzlich. Wir hier, viele Tausende, sowie das ganze russische Volk haben keine Menschenrechte. Durch Deine Beamten sind wir Sklaven geworden. Jeder, welcher wagt, von dem Schutze der Interessen des Arbeiterstandes zu sprechen, wurde ins Gefängnis geworfen. Der gesamte Arbeiter- und Bauernstand wurde der Willkür überlassen. Das Beamtentum besteht aus Räubern und Dieben an Staatsgeldern. Das Beamtentum brachte das Land in gänzliche Zerrüttung, bürdete ihm einen schimpflichen Krieg auf und führt Rußland immer mehr an den Rand des Untergangs. Das Volk ist jeder Möglichkeit beraubt, seine Wünsche und Forderungen auszudrücken und an der Festsetzung der Besteuerung und der Staatsausgaben teilzunehmen. Alles dies widerspricht menschlichem und göttlichem Recht. Wir wollen lieber sterben, als unter solchen Gesetzen weiterleben. Mögen unter solchen Verhältnissen die Kapitalisten und Beamten leben. Kaiser, hilf Deinem Volke! Vernichte die Scheidewand zwischen Dir und dem Volke. Möge das Volk vereint mit Dir regieren. Aus uns spricht nicht Dreistigkeit, sondern der Wunsch, aus einer uns allen unerträglichen Lage herauszukommen. Eine Volksvertretung ist unentbehrlich; es ist notwendig, daß das Volk selbst mitregiert; befiehl, daß die Vertreter aller Stände und Klassen, auch der Arbeiter berufen werden. Dies ist unsere Hauptbitte; wir haben auch noch andere.“
(In: Die Russische Revolution von 1905-1907 im Spiegel der deutschen Presse, hrsg., von L. Stern, Berlin 1961, S. 18, 21.)


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Das mag ausreichen, um die Zahlen- und Machtverhältnisse deutlich zu machen. Aber diese 10-15% Protestpotential reichten aus, eine revolutionäre Stimmung zu entfachen, zumal die Masse träge ist und sich leicht manipulieren läßt, wenn sie zuvor (mutmaßliche) Alternativen kennenlernte, also für Neues sensibilisiert worden ist. Der Stratege der Bolschewiken (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=bolschewiki), Lenin, erkannte, daß es dieser Sensibilisierung insbesondere der russischen Bauern bedurfte, die aus dem Bedingungsverhältnis aus Analphabetentum, Oberengläubigkeit und Schollengebundenheit an die Revolutionäre gebunden werden mußten. Wie? Indem der Begriff der historischen Mission der Arbeiterklasse auf die Bauern erweitert wurde. Lenin schrieb „An die Dorfarmut“, 1903, und erklärte: „Damit alle Werktätigen vollständig befreit werden, muß die Dorfarmut im Bündnis mit den städtischen Arbeitern den Kampf gegen die gesamte Bourgeoisie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=bourgeoisie), darunter auch gegen die reichen Bauern führen“. Später erkannte Lenin, daß dieser Aufruf nicht ausreichte, sondern ökonomische Hebelchen die Einsatzbereitschaft der Bauern erhöhen mußten: Landzuteilung. Aber 1903 lautete die Formel der Bolschewiken noch in gut marxistischer Manier: „Wir werden den Gutsbesitzern und der Bourgeoisie den ganzen Grund und Boden (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=boden)und alle Fabriken wegnehmen und die sozialistische Gesellschaft errichten.“ Nichts da also mit privatem Grundbesitz. Kein Anreiz für die russischen Bauern 1905, die mit dem Kampfbegriff „sozialistische Gesellschaft“ nichts anzufangen wußten.


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Heutzutage kann ein ernstzunehmender starker Staat nur ein einziges zuverlässiges Fundament haben - eine militärische und bürokratische Zentralisation. Zwischen einer Monarchie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=monarchie)und einer Republik, und sei es der demokratischsten, gibt es nur einen einzigen wesentlichen Unterschied: in der ersteren wird das Volk im Namen des Monarchen von der Beamtenschaft, zum großen Nutzen der privilegierten, besitzenden Klassen, aber auch für ihre eigenen Taschen, unterdrückt und ausgeraubt; in der Republik wird das Volk von derselben Seite, zum Nutzen derselben Taschen und Klassen unterdrückt und ausgeraubt, jetzt nur im Namen eines Volkswillens [...] Aber für das Volk wird es keineswegs leichter, wenn der Stock, mit dem man es schlägt, Stock des Volkes genannt wird. [...]
Das heißt, kein Staat, wie demokratisch auch immer seine Formen sein mögen, und sei es die röteste politische Republik ... kein Staat also kann dem Volke das geben, was es braucht, nämlich die freie Organisation der eigenen Interessen von unten nach oben, ohne jede Einmischung, Bevormundung oder Nötigung von oben, weil jeglicher Staat, selbst der republikanischste und demokratischste, und sogar der Pseudo-Volksstaat, wie ihn Marx (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=marx)geplant hat, letzten Endes nichts anderes darstellt, als die Beherrschung der Massen von oben nach unten, durch eine intellektuelle und eben dadurch privilegierte Minderheit, die angeblich die wahren Interessen des Volkes besser erkennt, als das Volk selbst. [...]
Solange es einen Staat gibt, muß es auch Herrschaft geben und folglich auch Sklaverei; ein Staat ohne offene oder verborgene Sklaverei ist undenkbar - das ist der Grund, weshalb wir Feinde des Staates sind. (Michael Bakunin (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=bakunin), 1873. In: Die russischen Revolutionen, S. 26.)

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Im Winter 1904/5 zogen Tausende mit Transparenten und Bildern des Zaren, angeführt vom Priester Gapon, der ein Kreuz (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=kreuz)vor sich hertrug, zum Winterpalais (Sitz des Zaren in St. Petersburg, der sich zu dieser Zeit allerdings 25 km entfernt von St. Petersburg in Zarskoje Selo aufhielt), um „Väterchen Zar“ um Brot zu bitten. [3] Die Palastwache reagierte erbarmungslos. Tote. Die Schüsse der Palastwache, wozu der Zar selbst nicht den Befehl gegeben hatte, veränderten dennoch seinen Nimbus: Er wurde nicht mehr als jenseits der Oligarchie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=oligarchie)stehendes Über-Ich empfunden, sondern als Teil derselben. Damit war die Struktur der russischen Gesellschaft zerstört. Streiks, Unruhe, Tumulte im ganzen Land. Nach der Empörung kam die Frage der Organisation des Protests. Man bildete Räte (Sowjets), die betriebliche Angelegenheiten regeln sollten. Aber ihre Ausbildung war mangelhaft und die damit verbundene Organisation des Alltags keineswegs besser als die der zarischen Bürokratie. Die Bürger wandten sich ab und suchten nach Kompromissen mit der herrschenden Oligarchie, die sich des Militärs und der Kirche sicher sein konnte. Die Bürger forderten eine verfassungsrechtlich gesicherte politische Teilhabe, Partizipation (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=partizipation).

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Blutsonntag 1905[1] Die Lenin folgenden Sozialrevolutionäre nannten sich Bolschewiki (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=bolschewiki), die sozialdemokratischen Ideen folgenden Menschewiki. Die Spaltung der SPR erfolgte 1912.

[2] Die wichtigsten Forderungen der liberalen Kräfte wurden in dem Programm der Konstitutionell-Demokratischen Partei 1906 zusammengefaßt:


Rußland als konstitutionelle und parlamentarische Monarchie;
das Parlament (Duma) ist die Legislative;
Ministerverantwortung vor dem Parlament;
Landverteilung an Landarbeiter bei Enteignung von übermäßigem Landbesitz ;
Freiheit von Arbeiterverbänden; Versammlungsfreiheit; Streikrecht; Achtstundentag…(nach P. Scheibert, Darmstadt 1972, S. 62 ff.)


[3] Der „Vorwärts“ (die SPD-Zeitung im Reich (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=zdr)) berichtete am 9.Jänner 1905: „Die Situation in St. Petersburg ist in hohem Maße kritisch. Nach amtlichen Mitteilungen haben bis vorgestern abend dort 174 Fabriken… mit etwa 96000 Arbeitern die Arbeit eingestellt. [..] Die Petition, in der die Wünsche der Arbeiterschaft zum Ausdruck gebracht werden, ist bereits von 50000 Arbeitern unterzeichnet.“

Fortsetzung hier (http://www.vonwolkenstein.de/forum/showthread.php?215-Die-russische-Revolution-von-1905-(II))