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it
23.11.00, 12:01
zu den klängen klagender musik trottet eine lange karawane nackter durch die nacht. oben huscht der mond durch wolken, unten rascheln füße durch trockenes gras. jeder der nackten hält ein blitzendes messer in der hand und auf einmal fangen alle, zu jener klagemelodie passend, murmelnd zu singen an: "wir haben hunger. o solchen hunger haben wir." dazu schlurfen sie immer weiter, schwingen müde die messer, dann die zweite strophe: "wir haben durst. o solchen durst."
plötzlich wird es hell, alle bleiben stehen, starren geblendet nach oben, aber das licht dringt nicht vom himmel, dann nach unten, aber auch von dort kommt kein licht, man weiß nicht, wo es herkommt. in die stille hinein schreit eine gewaltige stimme: "dann esst doch! dann trinkt doch! worauf wartet ihr?"
da entsteht ein tumult, wieder schwingen alle die messer, aber nicht mehr mü, jetzt w?tend, erzürnt schwingen sie die messer gegen ihre nächsten, eins will das andre abschlachten, um es ohne weiteres aufzufressen. schreie erschallen, klingen klirren, man hört ächzen, getümmel, da ruft die gewaltige stimme: "aber nein! nicht so!"
wieder erstarren alle, blinzeln ratlos, und dann, ganz langsam, läuft ein schauder des begreifens über die masse nackter leiber, leerer gesichter hin. "also noch einmal!" schreit die stimme, und wirklich, noch einmal werden die messer geschwungen, aber jetzt richtet jeder seine klinge gegen den eigenen leib.
ich sah ganz deutlich, wie das zuging: einer schabte mit dem messer flach über seinen schenkel, rollte den fleischstreifen wie wurst zusammen und biss gierig hinein, ein anderer setzte bei seiner bauchschwarte an, wieder einer, ein recht geschmeidiger, drehte sich in der hüfte nach hinten und säbelte blitzrasch seine hinterbacken runter, die er nachher, auf dem bauch liegend, säuberlich verschmauste. frauen sah ich, die fraßen ihre brüste, und dann wieder männer, denen hing das geschlecht wie gesottene wurstzipfel aus dem maul, schließlich auch kinder, die mit winzigen messerchen feine weiße fleischscheibchen aus ihren beinchen, brüstchen, bäuchelchen sägten und die leckerbissen mit wohlgefallen verspeisten. dazu trank man, jeweils aus der schale der eigenen hände, das freudig hervorströmende eigene blut, und da war niemand, der die aparte labung verschmähte.
überhaupt ging es sehr anständig zu bei dieser mahlzeit, alle wirkten zufrieden, die stimme von vorhin hüstelte noch ein-, zweimal, wusste aber nichts rechtes mehr zu sagen, so verstummte sie allmählich, auch das licht erlosch ganz langsam, fast unmerklich, immer stiller wurde es, immer dunkler, immer friedlicher, alle hatten sich noch einmal gesättigt, ihren durst noch einmal gestillt, hier und dort wurde gelacht, gebetet, dann nur noch gelächelt, gemurmelt, dann wurde es ganz ruhig, ganz finster in meinem traum, ruhig für immer, finster für immer, keine sehnsucht und keine begierde, keine wunde und keine sonne ging dort mehr auf.

aerolith
23.11.00, 15:07
Ja, sehr schön. Prima in der Sukzession. Für einen Traum beinahe zu distinguiert, aber oha, da wart ich doch schon lange drauf, daß mal jemand solche Träume hat wie meinereiner.


Ich würd aber nicht verraten (am Ende), daß es ein Traum gewest. Würd auch das Wort BEGREIFEN vermeiden, da's mich rational erschaudern läßt.


Wie gesagt:

1. Aufbau zu klar und sinn-gemäß;
2. einzelne Bedeutungsträger verstellen der Phantasie Wege.




Weitere Einzelheiten nach behördlicher Aufforderung!

Bigvogel
23.11.00, 19:00
wie ein bild von hyroniemus bosch. mir gefallen solche bilder. ich halte bosch für einen surrealisten, leider gabs den begriff damals noch nicht. würdest du dir den schuh anziehen? in der literatur spricht man wohl eher von fantastischen realisten, also ich tus jedenfalls - ist das ok? allerdings - dali is was anneres. wie auch immer. mir gefällts jedenfalls.


bigvogel

it
23.11.00, 19:27
gefallen, bigvogel? Mir läuft's kalt den Rücken runter - was wohl in diesem Fall das Gleiche ist.


it

it
24.11.00, 09:25
hallo ed,
"distinguierter traum", gefällt mir. und ich gebe dir recht, "begreifen" sollte raus. es läuft also einfach ein schauder über sie hin.
aber was ist mit dem "traum"? bzw. was mit dem ich, wenn die geschichte nicht mehr als traum deklariert wird - aus welcher loge schaut es dann zu?

bin ich die behörde, die zu einzelheiten auffordern kann? dann sei's hiermit getan. ich giere nach details.

hi bigvogel,
subreal, würde ich sagen und "fantastischer realismus" im prinzip schon, klingt mir aber eine nummer zu groß. wie "magischer realismus": da denke ich eher an siebenhundertseitige-hundertjährige-einsamkeits-großschriftstellerei.

es gibt eine genauigkeit des halbtraums, zwischenwelt der bilder, die sich rational nicht ausdeuten, aber ästhetisch anordnen, gestalten lassen. in diesem sinn vielleicht: "subreal".

hallo it,
wenn es beim lesen über den rücken rieselt, hat der text funktioniert.

danke allerseits

grüße, julkin

ps: könnt ihr nicht mal diese kandidatenrangverunstaltungsbenamsung wieder abschaffen? ist ja kommisslich.

aerolith
07.12.02, 09:12
erstellt von Julkin: kandidatenrangverunstaltungsbenamsungbleibt. Sind keine Ränge des Menschseins, nur welche des Bezugs im Forum. Erfahrung lehrt, daß Kurzvormabschussige genau das sind, wer einmal aber darüber hinaus ist, auch bleibt. Und das sollte jeder am Anfang schon wissen.


Die TRAUM-Ebene wird nicht wirklich realit. Sie schwebt nur über dem Ganzen. Wenn Du die Ebenen verwirbeln würdest, dann hättest Du eine größere Spielfläche, könntest diese auch verlassen, um doch wieder darauf zurückzufallen. Das Wort TRAUM darf natürlich nicht fallen. ZUSCHAUEN ist immer schlecht, es weckt den Nante im Leser.

Die Autosuggestion, um die es hier auch zu gehen scheint, erscheint nur kurz, vielleicht versuchst Du es, diese als einen Zielpunkt Deines Textes aufzubauen. Methode ist hier mehr als der eigentliche Erzähltext, also geht es auch nur um das Wiederholen.

resurrector
12.10.18, 17:55
julkin war eine bizarre person in den anfangstagen des forums, keiner, mit dem ich ein buch hätte machen können, das nicht wie blei im regal liegenbleiben würde. leider war in den ersten jahren dieses kriterium ausschlaggebend. heute bin ich zum glück klüger und weiß, daß literatur so NICHT entsteht, also nicht dadurch, daß der verleger danach fragt, ob sich ein text verkaufen lassen könnte.