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Eulalie
10.07.00, 10:57
etwas über blaue engel


Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.
Artikel 2 Grundgesetz




Die S-Bahn legt sich quietschend in die Linkskurve. Yolandas Kopf fällt sanft gegen die Scheibe des Fensters. Sie öffnet die Augenlider, sieht durch die Wimpern den Rauch aus dem Schornstein der Müllverbrennungsanlage in Streifen geteilt. Auf der Autobahnbrücke staut sich der Verkehr. Es stinkt zum Morgenhimmel, der alles schluckt, blauäugig, geduldig bis zum geht nicht mehr. Yolanda zieht die dünne Strickjacke fester um ihren Körper. Eine Hand schiebt sie unter das T-Shirt, Finger streichen über den Bauch. Warm fühlen sie die Haut. Gedanken kommen und gehen, wiederholen sich, so wie die flachen Lagerhallen, die zylindrischen Mineralöltanks, die verfallenen Fabrikgebäude und alten Gleisanlagen im diffusen Nebel aus Sonnenlicht und Abgasen auf der anderen Seite der Scheibe.


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Gewerbeaufsichtsamt 01.12.1999
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Sehr geehrter Herr Schroedinger,
bei der Besichtigung der Lack- und Farbenproduktion wurde festgestellt, dass Anforderungen des Arbeitnehmerschutzes nicht umgesetzt worden sind. Die erforderlichen Maßnahmen wurden mit Ihnen besprochen und sind nachfolgend noch einmal aufgeführt.


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Die Uhr über der Doppelflügeltür zeigt fünf nach sieben an. Eine Leuchtstoffröhre flimmert Mosaike im Sekundentakt auf den Betonboden. Yolanda legt ihr Pausenbrot, das ordentlich in Alufolie eingewickelt ist, und den grünen Apfel auf den Tisch in der Ecke, direkt unter das rote Warnschild "Rauchen verboten". Die Umhängetasche, aus der die Thermoskanne mit Tee herausragt, stellt sie vorsichtig auf einen der alten Holzstühle ab, dass der Kuchen darin nicht zerdrückt wird. Langsam geht sie hinüber zur Abfüllanlage. Margit ist schon da. Sie ordnet leere Blechdosen auf dem Laufband zu einer Zweierreihe an.
"Na, Kleine, geht's wieder?"
„Ja, geht schon. Hab den ganzen Abend nur gekotzt“, sagt Yolanda.
Margit nimmt Yolandas Hand und drückt sie, dann wendet sie sich wieder den Dosen zu. Yolanda öffnet die Lüftungsklappen an der gegenüberliegenden Wand. Weiter unten fehlen Steine in der Mauer. Yolanda beugt sich vor und starrt durch die Öffnung. Draußen rast ein Gabelstapler über den Hof. Ruß qualmt aus dem nach oben gebogenen Auspuff. Gelbe Narzissen vor dem Eingang zur Kantine wiegen ihre Blüten im Wind. Der Chef steigt aus seinem Wagen, wirft lässig seine Lederjacke über die Schulter und eilt über den Parkplatz.
„Der tät mir gefallen, der Schroedinger“, ruft sie Margit zu und sieht ihm nach wie er die Treppe zum Bürogebäude hinaufspringt, immer zwei Stufen auf einmal.
Margit hat die Abfüllanlage eingeschaltet. Die Pumpe brummt. Mit der rechten Hand drückt sie den Hebel am Hahn nach oben. Heute macht Hellblau den Anfang. Ein benzinartiger, stechender Geruch steigt in die Nasen. Yolanda streift ein buntes Gummiband vom Handgelenk und bindet ihre Haare zu einem Zopf nach hinten. Sie geht langsam an das Ende des Laufbandes, zieht die zerschlissenen Lederhandschuhe an, die noch von gestern auf dem blauen Fass mit den Lösemittelresten lagen. Einen Moment wartet sie bis die ersten Dosen auf ihrer Seite ankommen, dann legt sie einen Deckel nach dem anderen auf die runden Öffnungen und drückt mit dem Handballen kräftig nach. Der Lösemittelgeruch ist intensiver geworden. Yolandas Augen fangen an zu tränen.
„Von diesen Umweltfarben stinkt es wie die Pest. Das hält ja kein Mensch aus!“
Margit zuckt die Achseln.
„Ich hab die Baumann vom Betriebsrat gefragt und die sagt, die Messung wär in Ordnung gewesen. Nichts genaues weiß man nicht. Kennst doch den Laden hier“.


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1. An der alten Abfüllanlage für Farben ist eine wirksame Absaugung zu installieren, so dass die Dämpfe der Lösemittel beim Befüllen der Dosen vollständig erfasst und ohne Gefahr für Mensch und Umwelt abgeleitet werden.
Hinweis: Die maximale Arbeitsplatzkonzentration der letzten Messung war nur knapp eingehalten, deswegen ist eine Überschreitung der Grenzwerte bei voller Auslastung der Anlage wahrscheinlich.


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Hebel hochdrücken. Warten. Auf die Volumenanzeige schauen. Fünf Liter. Hebel hinunter drücken. Mit der rechten Hand die Dose auf das Laufband schieben, mit der linken Hand die nächste Dose unter den Abfüllstutzen. Hebel hoch. Warten. Fünf Liter. Hebel runter. Dose nach rechts, Dose von links. Hebel hoch, runter. Nach rechts, von links. Hoch, runter, rechts, links. Margits Beine sind angeschwollen. Die Arbeitsschuhe drücken.


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2. Die verwendeten Lösemittel (....) können bei Hautkontakt in den Körper aufgenommen werden und zu Gesundheitsschäden führen. Den Arbeitnehmerinnen sind lösemittelbeständige Handschuhe zur Verfügung zu stellen.
Hinweis: die am Arbeitsplatz vorhandenen Lederhandschuhe sind ungeeignet.


3. Für die Arbeitnehmerinnen sind ergonomisch gestaltete Sitzgelegenheiten an der Abfüllanlage zu beschaffen, die den arbeitsmedizinischen Erkenntnissen entsprechen.


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Die Sonne ist um das alte Backsteingebäude gewandert und hat die Außentreppe angewärmt. In den Büschen am Zaun zwitschern die Spatzen im Hellgrün. Yolanda und Margit sitzen im Windschatten zusammen mit dem runden Kuchen auf der obersten Stufe. Yolanda schneidet mit einem Taschenmesser ein großes Stück für Margit ab. Die Klinge blitzt zwischen den Apfelstückchen.
„Alles Gute zum Geburtstag!“, sagt sie.
Margit schweigt. Sie dreht den Kopf zur Seite. Yolanda hört wie sie ganz tief einatmet und dann die Luft durch die geöffnet Lippen langsam wieder ausströmen lässt. Das pfeift ein bisschen.
„Dass du dran gedacht hast, Kleine“, sagt Margit, flüstert Margit.
„Lass es dir schmecken. Da ist viel Liebe drin“.
Oben auf der Böschung jagen zwei Züge aneinander vorbei. Die Frauen sitzen still und starren hinauf zu den eisernen Ungetümen hinauf, dann übernehmen die Spatzen wieder.
„Sie zu, dass du hier raus kommst, Kleine. Die Arbeit ist zu schwer für euch, ganz zu schweigen von den Dämpfen, die bringen die Stärksten um die Ecke“.
„Ich brauch die Kohle, Margit und ich brauch die Regelmäßigkeit. Und unsere Gespräche“.
Margit schaut auf ihre Hände. Yolanda dreht den Deckel der Thermoskanne ab. Dampf kondensiert am Metallmantel.
„Möchtest du?“
Yolanda hält Margit den Becher entgegen.
„Grüner Tee. Soll sehr gesund sein“, sagt sie.
Margit schüttelt den Kopf.
„Danke. Steh nicht auf Gesundheit“, antwortet Margit und streckt die dicken Beine weit von sich.
Wieder zwei Züge. Margit wischt sich die fettigen Finger an einem Papiertuch ab und steckt es in die Tasche der fleckigen Schürze. Sie blinzelt in die Sonne, die hinter einer der kleinen, weißen Wolken vor sich hin strahlt.
„Komm, wir müssen wieder“, sagt Margit.
Sie nimmt Yolandas Hand und zieht bis Yolanda steht.


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Für die Fertigstellung der Absaugung wird Ihnen eine Frist bis zum 28. Februar 2000 eingeräumt. Die Maßnahmen unter Ziffer 2 und 3 sind spätestens zum 15.01.2000 zu erledigen.
Mit freundlichem Gruß
Dr. Sabine Brettschneider
Regierungsrätin


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Yolanda drückt am Schaltschrank auf den Knopf ganz rechts. Ventil auf, Tank 5, steht darunter. Margit schaltet die Abfüllanlage ein. Die Pumpe brummt. Mit der rechten Hand drückt sie den Hebel am Hahn nach oben. Jetzt ist Kobaltblau an der Reihe. Sie hält eine Dose unter den Farbstrahl bis das helle Blau sich im dunkleren Ton verliert. Hebel hinunter drücken. Die Nasen riechen nicht mehr. Yolanda führt den Handwagen mit der Gitterbox an den Tisch neben dem Laufband und stapelt die Dosen der Vormittagscharge hinein. Die langen Haare fallen ihr ins Gesicht. Sie schüttelt sie ungeduldig nach jedem Bücken zurück über die Schulter, schließlich streift sie das bunte Gummiband vom Handgelenk und bindet sie zu einem Zopf nach hinten. Sie stemmt die Hände ins Kreuz und richtet sich gerade auf.
„Schmerz ich krieg dich, du bist umzingelt“, sagt Yolanda.
Margit grinst und sortiert weiter Zweierreihen. Hebel hoch drücken. Warten. Auf die Volumenanzeige schauen. Fünf Liter. Hebel hinunter drücken. Mit der rechten Hand die Dose auf das Laufband schieben, mit der linken Hand die nächste Dose unter den Abfüllstutzen. Hebel hoch. Warten. Fünf Liter. Hebel runter. Dose nach rechts, Dose von links. Hebel hoch, runter. Nach rechts, von links. Hoch, runter, rechts, links. Yolanda zieht die Arbeitshandschuhe an, die sie vor der Pause auf das blaue Fass geworfen hat und legt einen Deckel nach dem anderen auf runden Öffnungen, drückt mit dem Handballen kräftig nach. Yolandas Augen tränen.


************* 27.02.2000
Sehr geehrte Frau Dr. Brettschneider,
wie ich Ihnen bereits telefonisch mitteilte, beabsichtigen wir die alte Farben- und Lackproduktion voraussichtlich zum Jahresende stillzulegen, sofern wir dann die neue, vollautomatische Produktion in Betrieb nehmen können. Die erforderlichen Antragsunterlagen haben Sie inzwischen vorliegen. Wir hoffen sehr auf ein zügiges Genehmigungsverfahren. Die neue Anlage sichert Arbeitsplätze in Deutschland.
Wir möchten Sie bitten unter diesen Umstände, von der Installation einer Absauganlage für die alte Abfüllanlage abzusehen und die Verhältnismäßigkeit der Mittel noch einmal zu prüfen. Die Arbeitsschutzmaßnahmen gemäß der Ziffern 2 und 3 werden wir selbstverständlich umgehend erledigen.
Mit freundlichem Gruß
J. Schroedinger


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Die Uhr über der Doppelflügeltür zeigt halb vier an. Margit stellt die Abfüllanlage ab. Der Grundpegel des Pumpengeräuschs sinkt abrupt, das Rauschen in den Ohren hält an. Yolanda wirft die Arbeitshandschuhe in hohem Bogen auf das blaue Fass. Einer fällt auf den Boden. Das ist schon lange nicht mehr passiert.
„Hey, heute gibt‘s das erste Foto von meinem kleinen Zwerg“, ruft sie Margit zu, die den fleckigen Kittel über einen der Holzstühle hängt.
Der Himmel über der Farbenfabrik ist grau getüncht. Der Wind bläst kräftig in die Gesichter.
Yolanda hakt sich bei Margit unter.
„Ich werde mir den Schroedinger angeln“, sagt Yolanda und lacht.
„Du schaffst mich, Kleine“, sagt Margit und lacht auch.

kassandra
11.07.00, 18:01
Die gute Absicht ist zu loben, aber wann beginnt die Geschichte?
Ich meine, eine Geschichte dieser Länge sollte etwas bieten, das über die reine Zustandsbeschreibung hinausgeht, einen Spannungsbogen zum Beispiel.
Ich finde nichts dergleichen und auch sonst keinen Grund, dem Text etwas abzugewinnen.
Leider.
K.

howah
11.07.00, 18:29
Das ist eine böse, schlimme, zu Herzen gehende Geschichte, eine Geschichte, die uns stark aufs Gewissen schlägt, uns unsere satte Ruhe raubt. Der Gegensatz zwischen der Beschreibung der Gefahr, unter er die Frauen arbeiten und den behördlichen Auflagen ist hervorragend. Übrigens auch er Titel, bravo.
(Vielleicht hätte ich etwas mehr über die beiden Frauen gewusst, wie alt sie sind, wie sie privat leben.)

Viele Grüße an Dich

von Howah

Miranda
12.07.00, 14:49
gefällt mir sehr, eben diesen Gegensatz finde ich sehr gelungen. Ich würde auch gern ein bißchen mehr über die beiden Frauen erfahren.

aerolith
13.07.00, 16:07
Ja, ist sensibel beobachtet und ebenso der Feder diktiert.


Ich glaube, Zuspitzung trägt sich hier nicht, Kassandra. Das ist keine SF-Geschichte, sondern Wirklichkeit. Hier mußt Du andersherum, nämlich korrekt!, aufsatteln. Und Eule hat sich gut aufs Pferd geschwungen.
Allerdings, wie bei fast allen ihren Geschichten, so fehlt mir auch hier eine übers Angedeutete hinausreichende Strukturierung der Figuren.


Das mußt Du mir mal erklären, wie Du Deine Figuren markierst!

Eulalie
14.07.00, 10:43
hallo kassandra,
finde schon, dass es sich nicht bloss um eine reine zustandsbeschreibung handelt.
langweilig solls nicht sein, deswegen, vielleicht krieg ich ja noch was hinein, dass dein interesse anspannt

hall howah, miranda und ed
den text habe ich, abgesehen von kleinigkeiten, die ich überarbeitet habe, einige zeit liegen lassen. beim wiederlesen, merkte ich dann plötzlich, ich möchte mehr über die frauen wissen. wird erledigt!

zu deiner frage ed,
schlamperei

grüße
e.

kassandra
14.07.00, 18:31
Eulalie, vielleicht habe ich mich etwas mißverständlich ausgedrückt.
Ich schließe mich durchaus der Meinung meiner Nachredner an, was Sensibilität und Beobachtungsgabe anbetrifft.


Mein Problem ist folgendes: Wenn sich jemand nicht für Lackfabriken und nur bedingt für die Lebensumstände der dort Beschäftigten interessiert, dann gibt es wenig, was ihn DENNOCH zum Weiterlesen veranlassen könnte.
Das meinte ich mit "fehlendem Spannungsbogen".


K.

Bo
31.07.00, 15:31
mein kompliment!


ich finde den text sehr gelungen.


bis dann!
*wink*


Bo

iodin
31.07.00, 22:19
noch so ein LC-untoter...
finde ich immer noch sehr gelungen, und den spannungsbogen vermisse ich nicht - vor allem vor dem hintergrund des vorgängertextes damals im lc, der sehr drastisch war, aber dafür, fand ich, viel weniger wirkung hatte (vielleicht kannst du den ja auch noch mal kurz reinstellen, zum vergleich..)

Eulalie
01.08.00, 10:26
danke fürs ausgraben, b . freut mich, dein kompliment!

hi iodin,
schön dich hier zu treffen. nee, den anderen text hab ich in die versenkung geschickt. der ist für mich gegessen.

grüße
e.

sid
01.08.00, 11:17
wirkt sehr realistisch- zum fürchten. klare sprache ohne firlefanz- das mag ich!

sid.

aerolith
15.04.05, 15:59
Kassandras Frage ist so unberechtigt nicht: Wann beginnt die eigentliche Geschichte? Viele Stereotype, die hier manches verwässern, was angezeigt, nicht aber auserzählt wurde. Das Thema erschlägt hier beinahe alles. Und das kann nicht befriedigen.
Bei der Farbe blau denke ich nicht an stechenden Geruch. Andere aber wohl. Doch wie das hier aus dem Brevier des sozialistischen Realismus herauslösen? Das ist es nämlich. Zu DDR-Zeiten wurden solche Reminiszenzen kritischer Betrachtung der Lebensumwelt bis zum Verdruß im "Zirkel schreibender Arbeiter" reminisziert. Deshalb auch Kassandras (Achtung: gelernter DDR-Bürger) Verdikt. Und mir stößt diese "realistische" Gesellschaftskritik auch als zu "links"lastig auf. Es ist nämlich nicht links, sondern bloß Behaglichkeitsaufschreiopportunität - oder so. Der situierte Bürger läßt sich herab und betrachtet das Elend der arbeitenden Klasse. So kömmt's mir hier vor, eulalie.
Immerhin bist Du dann nicht bärbeißig in Deine Botschaft vernarrt, hast also kein Sendungsbewußtsein, sondern weißt Deine Heldin hier hübsch in die Kurve zu legen, um es einmal so zu sagen. Das aber nimmt dem Text auch wieder eine Schärfe, die eigentlich seine Grundkonstante ausmacht.
Und so bleibt dann nur die Frage, wann die eigentliche Geschichte beginnt, ganz recht.