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howah
04.11.00, 17:32
I.


An den Wänden ist kein Platz für schmückende Bilder, die Wände sind gepflastert mit Anklagen.
Das Bett, der Tisch. Das Regal. Die Lampe, der Teppich, die Schreibmaschine. Lebendig ist nur der Hund, der unter dem Tisch schläft. Musik wird durch bleierne Stille verhindert, das Telefon ist abgeschaltet. Ich hänge ohne Verbindung.
Die Polizei hat meinem Vater verboten, mich zu zeugen, der Amtsrichter hat meiner Mutter untersagt, mich auszutragen. Meine Geburt sollte durch eine Einstweilige Verfügung verhindert werden. Trotzdem geboren, wurde ich umgehend verurteilt.
Der Staatsanwalt verliest mehrmals täglich die Anklage und fordert die Rücknahme meines unerlaubten Lebens. Mein Anwalt sieht sich außerstande, mein rechtswidriges Dasein wirksam zu verteidigen. Die Berufungsfrist ist in der Sekunde meiner Geburt abgelaufen, die Revision wurde mangels stichhaltiger Gründe bei meinem ersten Atemzug verworfen. Bewährung kann nicht gewährt, auf vorzeitige Entlassung nicht gehofft werden. Der Oberste Gerichtshof hat das Gnadengesuch abschlägig beschieden. Die Haftbedingungen können nicht erleichtert werden, meine nicht genehmigte Existenz muß jeden Tag neu angeklagt, bestraft, gebüßt werden.
Eine Glasfront, eine Tür zum Balkon, Badewanne, Waschtisch, Herd, Eisschrank, Spüle. Mein Name ist der Städtischen Stromversorgung bekannt, dem Einwohnermeldeamt, der Hausverwaltung, dem Finanzamt, der Müllabfuhr. Ich bin vorhanden in den Statistiken des Landeswahlamtes, der Kariesbefallenen, der alleinerziehenden Mütter mit einem Kind, der Führerscheininhaber, der infarktgefährdeten Raucher und werde mitgeführt in den Prozenten der Sehbeteiligung bei der Tagesschau, der Landbewohner, der Hundehalter, Käsekonsumenten, Nichtwähler, Bahnreisenden, Berufstätigen mit mittlerem Einkommen. Ich spiele eine Rolle in der Bevölkerungsstatstik. Mein voraussichtlicher durchschnittlicher Todeszeitpunkt ist errechnet.
Auf dem Balkon vor der Glasfront stehen die Wächter. Der eine erlitt einen Herzinfarkt, der zweite ist halbseitig gelähmt. Ein anderer ist fett und telefoniert ständig mit seiner Frau, und einer trägt eine weiße Katze auf seiner linken Schulter und eine schwarze Maske. Er hat mir noch nie sein Gesicht gezeigt. Der zuletzt kam, ist bärtig.
Mir ist jede Bewegung verboten, ich darf keinen Laut von mir geben, mein ungesetzliches Leben muß ununterbrochen verneint werden. Die Wärter essen meine Mahlzeiten, sie legen die Schatten ihrer Körper zwischen mich und die Sonne, sie halten Kannen mit meinem Wein in den Händen und warten darauf, daß er saurer wird.




II.


Die Unlebende muß betreut werden.
Am Morgen wird sie aus dem Bett gehoben, gewaschen, frisiert, bekleidet, gefüttert, in einen Stuhl gesetzt. Sie ist fühllos, blind und taub. Ihre Augen starren unverwandt auf die Leinwand, die ihr gegenüber aufgespannt wurde. Die Krankenschwester setzt den Projektor in Gang. Der ablaufende Film zeigt die Unlebende als Existierende; eine, die ihr verblüffend ähnlich sieht, spielt ihr Leben. Am Abend schaltet die Krankenschwester den Projektor ab, entkleidet die Pflegebedürftige, wäscht sie, füttert sie und bringt sie zu Bett.
Jeden Donnerstag um elf Uhr zwanzig Minuten kommt der Chefarzt und stößt der ihr ein Messer in den Leib um zu prüfen, ob sie blutet. Sie blutet nie. Jeden Samstagabend gegen achtzehn Uhr wird sie in kochendheißes Wasser gelegt, aber ihre Haut rötet sich nicht. Sie zuckt nicht, sie schreit nicht. Montags sticht ihr der Stationsarzt die Augen aus, dienstags wird sie von einem mongoloiden Kind entbunden, mittwochs wird das Leben aus ihr per Kaiserschnitt entfernt, während ihr Tod durch künstliche Beatmung fern gehalten wird.
Am zwanzigsten August jeden Jahres wird sie einem Fachgremium vorgeführt, das ihren Erhaltungszustand prüft. Ein hochangesehener Spezialist tastet mit einer Sonde ihre Gehirnzellen ab, um einen sich etwa außer der Reihe entwickelnden Gedanken rechtzeitig zu orten. Ein renommierter Fachmann sucht in ihren Gehörgängen nach Tönen, die sich dort verfangen haben könnten. Drei Assistentinnen kappen geschickt nachwachsende Nervenenden.
Nach der Begutachtung und Inspektion wird die Unlebende einer breiten Öffentlichkeit vorgeführt. Ein Autor wird mit der Fortschreibung ihres Lebens beauftragt, die ihr nicht unähnliche Darstellerin auf ein weiteres Jahr verpflichtet.




III.


Der Dritte hat sich eingestellt. Dreieinig nun fluchen sie Rache und Verderben, schüren sie das Feuer, speien sie den höllischen Namen über mich, mit dem sie mich benannt haben, dreieinig fordern sie meinen Tod, während ihre geilen Schwänze erlösungssuchend in den trockenen Fotzen blasser Huren wühlen. Der Erste gab mir den Höllennamen. Der Zweite hat die Sturmvögel aus den eisigen Gletschern ins grünende Tal gejagt. Der Dritte drückte mir das Mordmesser in die entsetzt erschlaffenden Hände - deren Teil doch die trügerische, hinfällige, aber dennoch einzig wahrhaftige Zärtlichkeit sein sollte.
Sie lügen mich, dreieinig, schuldig. Ich habe doch nicht die Schiffe auf dem Fluß zu brüllenden Dinosaueriern verzaubert, nicht das rötlich welkende Laub und die süßreifen Trauben mit heißem Atem von den Weinstöcken gebrannt. Ich habe auch die häßlichgraue Stadt nicht gebaut, die fensterlosen Mauern nicht aufgetürmt oder den tödlichen Frost in die stillen Winkel gehaucht.
. Aber ich gehe ja schon, ich bin ja schon unterwegs, endlich überzeugt; ich laufe, laufe unter dem dreifach anklagenden Ruf meines Namens. Es ist kalt, kalt, kalt. Haben die Gebete der Pfaffen, das Kreuz, das sie ihnen vor die brechenden Augen hielten, die Frauen getröstet, die sie Hexen nannten, um sie als Hexen verbrennen zu können? Haben die, die sich durch die einschmeichelnden Stimmen der Kleriker von ihrem Hexentum überzeugen ließen, dann wenigstens hoffen dürfen, durch ihre Hexenkünste den Qualen der Scheiterhaufen entgehen zu können?
Der Dritte ist der Unerbittlichste, Grausamste, Unbarmherzigste. Die Schnüre seiner Peitsche sausen durch die Luft, huuiii durchschneiden sie meine Haut, meine Sätze, meine Worte. Die Fetzen fliegen; wo sie sich zusammenballen, ist das nicht mehr meine Haut, sind Geschwüre; verzerrte Worte, die Sätze auf den Kopf gestellt, verwirrt, böse.
Aber auch du hast mich beim falschen Namen gerufen; mich nicht erkannt. Die Schreie der brennenden Hexen wollen nicht als Klage, auch nicht als Anklage übersetzt werden; sie suchen das Ohr des Peinigers, um wenigstens gehört zu werden. Wenigstens gehört. Und ihre Augen suchen im aufsteigenden Rauch das Kreuzessymbol nicht der Hoffnung auf Erlösung wegen, nicht der Gnade wegen und nicht aus Liebe: ihre Augen sind auf das Kreuz fixiert, weil sie seinetwegen sterben.
Ich entlasse aus mir die geschändeten Worte, gnadenlos verunstaltete Engel, die unter schwarzen Schleiern weinend durch deine Stadt gehen.

rodbertus
04.11.00, 19:42
Sehr schön, Howah. Du schreibst mit losgelassener Handbremse. Ungesichert. Ohne Scheuklappen. Das ist sehr schön.

Doderer
04.11.00, 20:41
hallo howah,


sehr,sehr starker text!


doderer

aerolith
05.11.00, 09:09
An den Wänden ist kein Platz für schmückende Bilder, die WändeWarum nimmst Du DIE WÄNDE nochmals auf? Wenn Du den Text mit den Wänden beginnst, so wird die Person, die Zeit zweit- und drittinstanzlich. Dadurch, daß Du die Wände dann auch im Nebensatz nochmals aufnimmst, erhalten sie eine den Text grundierende Bedeutung. Wenn Du das wolltest, dann kann's so bleiben.sind gepflastert mit Anklagen.
Das Bett, der Tisch. Das Regal. Die Lampe, der Teppich, die Schreibmaschine.Diese Aufzählung unterstützt meine These, daß die Wände es sind...Lebendig ist nur der Hund, der unter dem Tisch schläft.
Musik wird durch bleierne StilleDas ist schlecht. Das ist gesagt, aber nicht mitgeteilt. Die bleierne Stille muß vermittelt werden, nicht durchs nackte Wort angezeigt. BESCHREIB DIESE Stille genauer!das Telefon ist abgeschaltet. Ich hänge ohne Verbindung.
Die Polizei hat meinem Vater verboten, mich zu zeugen, der Amtsrichter hat meiner Mutter untersagt, mich auszutragen. Meine Geburt sollte durch eine Einstweilige Verfügung verhindert werden. Trotzdem geboren, wurde ich umgehend verurteilt.
Der Staatsanwalt verliest mehrmals täglich die Anklage und fordert die Rücknahme meines unerlaubten Lebens. Mein Anwalt sieht sich außerstande, mein rechtswidriges Dasein wirksam zu verteidigen. Die Berufungsfrist ist in der Sekunde meiner Geburt abgelaufen, die Revision wurde mangels stichhaltiger Gründe bei meinem ersten Atemzug verworfen. Bewährung kann nicht gewährt, auf vorzeitige
Entlassung nicht gehofft werden.Wegen dieser Entwicklung, die hier das eigentliche Thema anschneidet, geradezu beängstigend schnell abhandelt -was aber als Stilmittel äquivok genannt werden kann- glaube ich, daß Du anfangs die WÄNDE nicht zu sehr thematisieren solltest. Der Bericht könnte sich sachlicher antragen, um dann diesem eigentlichen procedere mehr Raum zu geben, keinen poetischen, sondern einen, der im Leser langsam wächst. Langsames Wachstum ist für Bedrohungs/Angstlektüre von größter Wichtigkeit!Der Oberste Gerichtshof hat das Gnadengesuch abschlägig beschieden. Die Haftbedingungen können nicht erleichtert werden, meine nicht genehmigte Existenz muß jeden Tag neu angeklagt, bestraft, gebüßt werden.
Eine Glasfront, eine Tür zum Balkon, Badewanne, Waschtisch, Herd, Eisschrank, Spüle. Mein Name ist der Städtischen Stromversorgung bekannt, dem Einwohnermeldeamt, der Hausverwaltung, dem Finanzamt, der Müllabfuhr. Ich bin vorhanden in den Statistiken des Landeswahlamtes, der Kariesbefallenen, der alleinerziehenden Mütter mit einem Kind, der Führerscheininhaber, der
infarktgefährdeten Raucher und werde mitgeführt in den Prozenten der Sehbeteiligung bei der Tagesschau, der Landbewohner, der Hundehalter, Käsekonsumenten, Nichtwähler, Bahnreisenden, Berufstätigen mit mittlerem Einkommen. Ich spiele eine Rolle in der Bevölkerungsstatstik. Mein voraussichtlicher durchschnittlicher Todeszeitpunkt ist errechnet.
Auf dem Balkon vor der Glasfront stehen die Wächter. Der eine erlitt einen Herzinfarkt, der zweite ist halbseitig gelähmt. Ein anderer ist fett und telefoniert ständig mit seiner Frau, und einer trägt eine weiße Katze auf seiner linken Schulter und eine schwarze Maske. Er hat mir noch nie sein Gesicht gezeigt. Der zuletzt kam, ist bärtig.Das ist jetzt eine Frage der Konstruktion. Anfangs haben wir die Örtlichkeit, die aus der Sicht eines Innewohnenden kurz beschrieben wird, dann haben wir quasi eine Draufsicht, aber aus dem Innewohnenden, dann eine Durchsicht von irgendwoher, schließlich wird jetzt ein Blick auf einen anderen gesucht, fungiert er hier als Zusatzbeschreibung zur Draufsicht oder als Modul für die Konstruktion der Handlung. Wenn anfangs dieser Bärtige genannt wird, dann sollte er eine weitere Funktion besitzen?! Hat er die nicht, so ist's Folklore, dann muß er andernorts verortet werden, am besten weiter oben.Mir ist jede Bewegung verboten, ich darf keinen Laut von mir geben, mein ungesetzliches Leben muß ununterbrochen verneint werden.
Die WärterDas geht jetzt zu schnell mit dem Wechsel. Jetzt solltest Du erst mal noch bei DIR bleiben; die Wärter haben nur als Objekt eine Funktion.essen meine Mahlzeiten, sie legen die Schatten ihrer Körper zwischen mich und die Sonne, sie halten Kannen mit meinem Wein in den Händen und warten darauf, daß er saurer wird.

it
06.11.00, 18:16
die erbarmungslose kargheit der ersten beiden teile geht im dritten durch eine gewisse adjektivseligkeit verloren. die adjektive dort sind teilweise rein illustrativ, bringen kaum neuen facetten hinzu.
die wuchtige wirkung der ersten beiden teile beruht ja wohl nicht zuletzt auf dem trockenen berichtston.

ich mag adjektive, die nicht welk, nicht durch konvention an das substantiv angeschmiedet sind.


und natürlich: adjektive, die bedacht- und sparsam eingesetzt werden. wenn also nicht fast jedes einzelne substantiv angeschlurft kommt, auf ein adjektiv wie auf eine gehhilfe gestützt.


"... brüllenden Dinosauriern ... das rötlich welkende Laub und die süßreifen Trauben mit heißem Atem ... den tödlichen Frost in die stillen Winkel gehaucht"


da entsteht so ein klappernder ton, und die bilder, die im kopf des lesers entstehen, wirken wie künstlich nachgefärbt.


gruß, it

sklerus
06.11.00, 18:53
hi howah, wirklich ein sehr beeindruckender text.

howah
06.11.00, 22:13
Vielen Dank Doderer, Ed,sklerus, -
Ed, ich melde mich in ca. vier Tagen auf Deine Kritik - momentan ist mein Haus "besetzt", voraussichtlich bis Donnerstag.

Machst Du denn noch weiter??
it, ich denke, Du hast verdammt recht mit der Adjektivseligkeit - ich werde das (s.o.) nochmal durchgehen.


Grüße an alle, Howah

iodin
07.11.00, 12:32
die ersten 2 abschnitte sind grossartig!
mit dem dritten komme ich auch nicht ganz klar. er ist an sich nicht schlecht, aber ich finde, er könnte und sollte alleine stehen. Dieser bruch ist mir zu hart.
Ich weiss nicht, ob da zu viele adjektive vorkommen - ich nehme an, das ist gewollt, um den bruch stilistisch noch deutlicher zu machen. das ist gar nicht schlecht gelungen. aber wie gesagt: mir ist das zu viel. ich sehe nicht die motivierung für diesen extremen wechsel.

howah
12.11.00, 09:56
1. die Wände - die Kritik kam mir zuerst richtig vor, aber beim Wiederlesen des ganzen Satzes scheint er mir doch so besser, wuchtiger, als wenn es mit "sie" weitergeht Die Wiederaufnahme der Wände ist auch deshalb sinnvoll, weil "kein Platz für schmückende Bilder" eine Feststellung ist, die von vielen Wänden gemacht werden kann, aber diese Wände sind mit Anklagen gepflastert, was nicht oft vorkommt. Ein anderer möglicher Weg: weiter unten: Der Staatsanwalt verliest drei Mal täglich die Anklage, fordert die Zurücknahme meines unerlaubten Lebens, und heftet sie mit dröhnenden Hammerschlägen an die Wand - oder so ähnlich?


2. Verstehe ich nicht ganz, wieso deuten die Gegenstände auf die Wände?


3. okay. Meinst Du, in etwa so?: Das Bett, der Tisch. Das Regal. Die Lampe, der Teppich, die Schreibmaschine. Tot und stumm. Lebendig ist nur der Hund, der unter dem Tisch schläft, stumm auch er. Kein Rauschen des Sturmes, der vor dem Fenster die Bäume krümmt, kein Rascheln der fallenden Blätter. Der Plattenteller dreht sich noch, aber die kalte Stille hat die Musik ausgelöscht. Das Telefon ist abgeschaltet. Ich hänge ohne Verbindung.


4. Mit einem "langsamen Wachstum" des Textes komme ich nicht klar, dazu fällt mir nichts ein, ich sehe auch nicht, dass das notwendig wäre. "Sachlich" ist das doch, oder? Und sachlich ist meistens kurz, oder?


Mit den Wörtern, darüber muss ich noch nachdenken. . Gut, ich könnte das weiter rauf setzen, hinter "Ich hänge ohne Verbindung." ?? Aber warum stört Dich der Bärtige? Darauf bestehe ich nicht, wenn das folkloristisch ist. Aber seine Funktion ist eben "Wärter". Soll er auf einer Geige herumkratzen, tonlos? Würde mir gefallen.


Grübelgrübel, Sonntagsgrüße, sonnige, mit Dank für Deine Mühe, Howah

it
12.11.00, 15:05
Hallo Howah (in der Hoffnung, daß Du nicht mehr sauer bist).
Ich schließe mich meinen Vorrednern an, besonders Ed hat es mit der losgelassenen Handbremse sehr gut getroffen.
Nur eines: der Bärtige war auch mir aufgefallen, aber positiv. Es gibt einen Ruck ins Reale, steigert die Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig macht dieser Satz die Un-Kommunikation deutlich: man lebt Tag und Nacht mit einem Menschen zusammen, und alles, was man über ihn zu berichten weiss, ist die Tatsache, daß er bärtig ist -
Und, ja, der Bruch zum dritten Teil ist gewaltig, und es sind sehr viele Adjektive drin, trotzdem hatte ich

...Die Schreie der brennenden Hexen wollen nicht als Klage... noch lang im Kopf.


it

aerolith
19.11.00, 08:17
II.


Die Unlebende muß betreut werden.Ist das die Prämisse des Abschnitts? Am Morgen wird sie aus dem Bett gehoben, gewaschen, frisiert, bekleidet, gefüttert, in einen Stuhl gesetzt. Sie ist fühllos, blind und taub. Ihre Augen starren unverwandt auf die Leinwand, die ihr gegenüber aufgespannt wurde.Als Nebensatz-Konstruktion überflüssig; vielleicht besser in einem einfachen Satz unterzubringen: eine aufgespannte Leinwand Die Krankenschwester verwirrend; besser hier: bei der Leinwand bleiben und beschreiben, was darauf zu sehen ist; die K. streichen setzt den Projektor in Gang. Der ablaufende Film zeigt die Unlebende als Existierende; eine, die ihr verblüffend ähnlich sieht, spielt ihr Leben. Am Abend schaltet die Krankenschwester den Projektor ab, entkleidet die Pflegebedürftige, wäscht sie, füttert sie und bringt sie kann nicht als stilistische Figur akzeptiert werden zu Bett.
Jeden Donnerstag um elf Uhr zwanzig Minuten kommt der Chefarzt und stößt der ? ihr ein Messer in den Leib um zu prüfen, ob sie blutet. Sie blutet nie. Jeden Samstagabend gegen achtzehn Uhr wird sie in kochendheißes Wasser gelegt, aber ihre Haut rötet sich nicht. Das ist als Idee hübsch, aber unausgegoren, nicht entwickelt. Soll sie gekocht werden? Das schwingt mit, wird aber nicht weiter thematisiert. Sie zuckt nicht, sie schreit nicht. Montags sticht ihr der Stationsarzt die Augen aus, dienstags wird sie von einem mongoliden Kind entbunden, mittwochs wird das Leben aus ihr per Kaiserschnitt entfernt, während ihr Tod durch künstliche Beatmung ferngehalten wird.
Am zwanzigsten August jeden Jahres wird sie einem Fachgremium vorgeführt, das ihren Erhaltungszustand prüft. Ein hochangesehener Spezialist Klischee; genauer: Name, Geburtsdatum, Größe, Gewicht, Vorlieben, Schwächen...tastet mit einer Sonde ihre Gehirnzellen ab, um einen sich etwa außer der Reihe entwickelnden Gedanken auch hier genauer: Welche Gedanken? Selbst wenn es sich nur um das Faktum eines Überhauptgedankens handelt, so sollte der Format bekommen. rechtzeitig zu orten. Ein renommierter Fachmann ? sucht in ihren Gehörgängen nach Tönen, die sich dort verfangen haben könnten. Drei Assistentinnen kappen geschickt nachwachsende Nervenenden.
Nach der Begutachtung und Inspektion wird die Unlebende einer breiten Öffentlichkeit vorgeführt. Ein Autor wird mit der Fortschreibung ihres Lebens beauftragt, die ihr nicht unähnliche Darstellerin auf ein weiteres Jahr verpflichtet.


Alles in allem finde ich die Idee vorzüglich, auch die Sukzession, aber die Detailgenauigkeit, von der dieser Text lebt, läßt Freiraum für Wuensche.



III.


Der Dritte hat sich eingestellt. Dreieinig nun fluchen sie Rache und Verderben, schüren sie das Feuer, speien sie den höllischen Namen über mich, mit dem sie mich benannt haben, dreieinig fordern sie meinen Tod, während ihre geilen besser hier ein beschreibendes Adjektiv finden; etwas Spezifizierendes Schwänze erlösungssuchendMittel-Zweck in den trockenen Fotzen blasser Huren wählen. Der Erste gab mir den Höllennamen. Der Zweite hat die Sturmvögel aus den eisigen Gletschern ins grünende Tal gejagt. Der Dritte drückte mir das Mordmesser in die entsetzt erschlaffenden das ist jetzt ein Partizip zuviel Hände - deren Teil doch die trügerische, hinfällige, aber dennoch einzig wahrhaftige Zärtlichkeit sein sollte.
Sie lügen mich, dreieinig, schuldig. Ich habe doch nicht die Schiffe auf dem Fluß freut mich, daß die alte Orthographie doch ab und an mal Durchbrüche schifft zu brüllenden Dinosauriern verzaubert, nicht das rötlich welkende Laub und die süßreifen Trauben mit heißem Atem von den Weinstöcken gebrannt. Ich habe auch die häßlichgraue Stadt nicht gebaut, die fensterlosen Mauern nicht aufgetürmt oder den tödlichen Frost in die stillen Winkel gehaucht.
Aber ich gehe ja schon, ich bin ja schon unterwegs diese zwei Teilsätze stehen hilflos da; für einen Bruch im Text stehen sie auf schwachen Beinen; sie müßten eingeleitet werden, endlich überzeugt; ich laufe, laufe unter dem dreifach anklagenden Ruf meines Namens. Es ist kalt, kalt, kalt. Haben die Gebete der Pfaffen, das Kreuz, das sie ihnen vor die brechenden auch dieses Partizip ist überflüssig, nicht aber der transportierte Inhalt Augen hielten, die Frauen getröstet, die sie Hexen nannten, um sie als Hexen verbrennen zu können? Haben die, die sich durch die einschmeichelnden Stimmen der Kleriker von ihrem Hexentum überzeugen ließen, dann wenigstens hoffen dürfen, durch ihre Hexenkünste den Qualen der Scheiterhaufen entgehen zu können?
Der Dritte ist der Unerbittlichste, Grausamste, Unbarmherzigste. Die Schnüre seiner Peitsche sausen durch die Luft, huuiii
durchschneiden sie meine Haut, meine Sätze, meine Worte. Die Fetzen fliegen; wo sie sich zusammenballen, ist das nicht mehr meine Haut, sind Geschwüre; verzerrte Worte, die Sätze auf den Kopf gestellt, verwirrt, böse.
Aber auch du hast mich beim falschen Namen gerufen; mich nicht erkannt. Die Schreie der brennenden Hexen wollen nicht als Klage, auch nicht als Anklage übersetzt werden; sie suchen das Ohr des Peinigers, um wenigstens gehört zu werden.
Wenigstens gehört. Und ihre Augen suchen im aufsteigenden Rauch das Kreuzessymbol nicht der Hoffnung auf Erlösung wegen, nicht der Gnade wegen und nicht aus Liebe: ihre Augen sind auf das Kreuz fixiert, weil sie seinetwegen sterben.
Ich entlasse aus mir die geschändeten Worte, gnadenlos verunstaltete Engel, die unter schwarzen Schleiern weinend durch deine Stadt gehen.


Ja, gefällt mir. Hat Kraft und Verve und eine gute abwechslungsreiche Struktur. Ob Du im dritten Teil so brüsk die Erzählperspektive wechseln solltest, weiß ich nicht. Stört mich nicht sehr. Nur die reichliche Auswahl an Partizipien (I und II) stört mich. Und das bringt mich zu der Forderung, daß Du hier einen anderen Denkansatz fördern solltest; die Dinge liegen nicht auf einer Linie, sie sind disparat; auch Teufel wollen in ihrer Dimensionalität erfaßt werden. Das hast Du versäumt, das Dreieinige (negative) ist bei Dir nicht dreidimensioniert.