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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Herzblätter



Ulf
15.12.00, 18:01
(hat nun doch nix mehr mit Vincents "A.C. Hartmann" (http://forum.vonwolkenstein.de/threads/2164-Die-Ängste-des-A-C-Hartmann) zu tun. ich konnte mich der eigendynamik dieses textes einfach nicht widersetzen... aber dafür bin ich ja da)


Herzblätter


Als ich am späten Nachmittag unsere gemeinsame Wohnung betrat, ging ich gleich in das Zimmer meiner Verlobten und fand sie dort auf der Bettkante sitzend, bedrückt und niedergeschlagen, und sie war auch sehr blaß im Gesicht. Vor einiger Zeit hatten wir uns darauf geeinigt, daß es ihrem beruflichen Fortkommen sehr nützen würde, eine Stellung in der Hauptstadt anzunehmen. Und diese Entscheidung machte ihr nun zu schaffen, denn sie sollte am nächsten Tag schon fahren, um sechs Uhr morgens würde ihr Zug gehen, und dann würden wir uns zwei Monate lang nicht sehen wegen der großen Entfernung. Ihre alte Stellung hatte sie schon gekündigt, in der Hauptstadt war alles für sie bereit, und so gab es kein zurück mehr. Da stand ich also vor ihr, und sie sah mich an und flüsterte nur: Ich befürchte, daß meine Liebe diese lange Zeit nicht überdauern kann. Ich glaube sogar, daß sie bereits Schaden genommen hat. Und ich stand so da, wir hatten das alles schon zu oft besprochen, und ich sagte wie immer: Das wird schon werden und verließ ihr Zimmer.
Gegen Mitternacht wollte ich noch einmal nach ihr sehen, doch als ich ihr Zimmer betrat, konnte ich sie nirgends entdecken. Ich erschrak fürchterlich - nicht daß sie sich etwas angetan hat! -, und ich wollte schon die ganze Wohnung, die ganze Stadt wenn nötig, nach ihr durchsuchen, da sagte sie leise, ganz klein in der dunkelsten Ecke zusammengekauert: Hilf mir! Nach einer kurze Pause: Komm her, du mußt mir helfen! Also ging ich zu ihr und kniete vor ihr nieder, da nahm sie meine Hand und führte sie zu ihrem Mund. Erst schloß sie ihre Lippen um meinen Zeigefinger und sah mich fragend an, doch plötzlich riß sie ihren Mund ganz weit auf und schob meine Hand hinein, und ich dachte, sie hätte den Verstand verloren. Aber ihr Blick war klar und sie nickte mir aufmunternd zu. Ich gab also meinen anfänglichen Widerstand auf, ich vertraute ihr, und da verschlang sie mich bis zum Handgelenk und noch weiter und immer weiter, bis zum Ellenbogen.
Staunend fühlte ich die Hitze in ihrem Inneren, ihren Herzschlag und ihren Atem, da stach mich etwas in den Finger. Sofort griff ich danach, denn ich wußte nun, was zu tun war, und zog meinen Arm aus ihr heraus. Gar kein Blut, dachte ich, als ich meine Hand sah, und in meiner Hand die kleine Rose, der nichts fehlte außer den Blütenblättern. Da begann sie, schrecklich zu husten und zu keuchen, und ich wußte nicht, wie ich ihr hätte helfen können, aber es dauerte zu meiner Erleichterung nicht allzu lang. Da kamen auch schon die Blütenblätter aus ihrem Mund hervor in einer lieblich duftenden, tief roten Wolke, die sich schnell im ganzen Zimmer ausbreitete.
Als sie wieder einigermaßen bei Kräften war, sammelten wir die zarten Blätter auf und steckten sie behutsam zurück an die Blüte. Die so wiederhergestellte Rose nahm ich dann vorsichtig in die Hand und brachte sie, nun da ich mich ja auskannte, ohne Schwierigkeiten an ihren angestammten Platz in meiner Verlobten zurück. Ich wünschte ihr noch eine gute Nacht, und sie gab mir zum Dank für meine Hilfe einen säuerlich schmeckenden, aber dennoch gutgemeinten Kuß.
Am nächsten Morgen weckte ich sie nicht, und der Zug fuhr ohne sie ab, denn in der Hauptstadt hätte ich doch nicht für sie da sein und auf sie achtgeben können! Ich erklärte ihr auch später, daß ich mich schuldig fühlte, weil ich so selbstsüchtig gewesen war. Meine alte und meine neue Stelle sind zum Teufel! Du hast alles kaputtgemacht! schrie sie mich an. Aber ich liebe dich doch! schrie ich zurück. Ganz umsonst, wie ich längst wußte, denn nun würden ja alle sehen können, daß ihre Rose wieder blühte, und lauter Komplimente und Anträge würden sie ihr machen. Und da sie mir nicht verzeihen wollte und mich auch gar nicht mehr zu brauchen schien, was blieb mir da anderes übrig, als unsere Verlobung aufzulösen und allein meiner Wege zu gehen...


15.12.00

Hannemann
15.12.00, 23:53
Dann mach ich halt den ersten.
Der Schluß, der Schluß! Entweder bin i blööd, oder in den Rumkugeln, die ich heute abend rumgekugelt habe, war zu viel Schnaps.
Bis auf jenen Schluß faszinierte mich Deine Vorstellung. Ich gelobe, ich rolle nie wieder Pralinen aus Rosenblütenblättern. Willkommen im Forum!

Vincent
16.12.00, 00:16
Das ist wirklich schön, Ulf, hab's gern gelesen.
Aber um ehrlich zu sein: Der Text kommt anfangs reichlich langsam in Gange. Der ganze erste Absatz macht zunächst den Eindruck einer etwas umständlichen und noch wenig literarischen Schilderung eines alltäglichen Familienproblems - bis schließlich im zweiten Absatz die Sache mit der Rose geschieht; da dämmert's dann langsam, daß wir uns in einer anderen Welt befinden. Das ist spannend, weil nun auf einmal neue Regeln gelten, und auch der behutsame Übergang ins Surreale ist prima geworden. Aber gerade deshalb - weil mir die allmähliche Wandlung ins Unberechenbare hier gut gefällt - habe ich leider keinen konkreten Vorschlag parat, wie der Anfang etwas auf Touren zu bringen wäre, ohne in die Art der inneren Entwicklung stark einzugreifen. Vielleicht kannst Du dort über die Sprache was gewinnen? Am Ende war ich aber (trotz des fehlenden Happy Ends) sehr zufrieden und fühlte mich auch mit dem Anfang halbwegs ausgesöhnt. Aber noch nicht ganz...
Übrigens: Wie ist die Art Deiner Bezugnahme auf meinen Hartmann-Text in der eingeklammerten ersten Zeilen gemeint?


Hannemann, was genau gefällt Dir nicht an dem Schluß? Nun ja, nach dem Auflösen der Verlobung könnte ich mir vielleicht einen anderen Halbsatz vorstellen, der mehr sagt und mehr offen läßt...


Gruß,


Vincent

andrea
16.12.00, 09:54
ich kenne mich in der geschichte nicht aus.


also da scheint es zunächst so zu sein, dass der wunsch, dass die frau in der stadt arbeitet, mehr von ihm als von ihr gekommen ist. dann scheint sie den entschluss, in die stadt zu gehen, doch nicht zu ertragen - sie braucht seine hilfe -, dann bleibt sie doch da, wo sie ist, regt sich aber fürchterlich auf, dass der mann dafür gesorgt hat, dass sie zuhause bleibt. aber das scheint ihr gut zu tun, sie "blüht auf". weshalb nun der mann sie zu verlassen beabsichtigt, weil er eifersüchtig wird.


sehr, sehr merkwürdig das ganze - und nicht wegen der rosensache.


ich hab nur eine erklärung gefunden, dass der ganze ablauf nämlich durch den mann gewissermaßen verfälscht dargestellt ist. dass es sie ist, die in die stadt will, dass er es von anfang an nicht will (sich jedoch rückwirkend eine andere realität zusammenzimmert).


also falls das so gemeint ist, dann müsste es, denk ich, der text eindeutiger kundtun.
ich meine, er müsste die "realität" besser an die umdeutung des mannes anbinden. dass es für den leser klarer wird.


(ein paar sprachsachen wie: unsere gemeinsame wohnung ließen sich wohl auch noch machen!)


denk ich mir,


andrea

Thomas R. Baker
16.12.00, 11:56
guten morgen zusammen!


andrea, warum denn so kompliziert? daß der wunsch, daß sie in die stadt geht, mehr von ihm stammt, läßt sich nicht beweisen. ich meine, SIE hätte das entschieden. laß sie doch mal selbstbewußt und emotional zugleich sein (soll's geben). an der richtigkeit der entscheidung jedenfalls zweifelt sie nicht, sie hat nur angst, daß die beziehung in die brüche geht. um ihre liebe zu stärken bzw die rose zu reparieren, braucht sie den mann, danach wäre sie für die fremde gewappnet gewesen. nun versteht er sie aber falsch, denkt, sie hätte kalte füße bekommen. deshalb ist sie berechtigterweise sauer auf ihn, seinen beschützerinstinkt, der ihr die karriere versaut hat. tja, und ihre erblühte rose... hätte sie in der hauptstadt nur für ihn geblüht, vielleicht wäre alles glatt gegangen, so aber geht eben alles schief.


nun zu Dir, Vincent. in Deinem A.C. Hartmann-ordner hatte ich gesagt, ich hätte eine ähnliche geschichte in arbeit. hatte ich auch, aber mit der zeit ist nun diese hier draus geworden. und die ist anders, als ich am anfang erwartet hatte (eigendynamik eben...).
der erste absatz besteht aus lächerlichen ELF zeilen!!! und nach weiteren VIER zeilen bittet sie ihn schon um hilfe, und los geht's. ich denke, DAS kann man jedem leser zumuten. aber nix für ungut, ich erwische mich doch auch regelmäßig dabei, so ungeduldig ranzugehen. diesen anfang brauche ich, da ich die rosen-idee nicht allein stehen lassen wollte.


tja, Hannemann, der schluß... vielleicht ist Dir ja DAS licht inzwischen aufgegangen. ansonsten ist nur zu sagen, es mußte einfach so kommen. er ist eben der typ, der sie zuerst verläßt, damit sie ihn nicht verlassen kann. könnte einem leidtun, so einer...


le ülf

Hannemann
16.12.00, 13:20
Ulf, mir gefällt der Text. Ich begreife die Aufgabe des Schreiberlings als die Mühsal, im Kopf des Lesers einen verständlichen Film ablaufen zu lassen. Natürlich ist der Film in Deinem Kopf belichtet. Mir aber ist der Schluß nicht verständlich, meiner Ansicht nach ist er keine Auflösung eines vorher so gut geschilderten Spannungsaufbaus. Ich teile da die Meinung von Vincent.

Thomas R. Baker
16.12.00, 14:32
mpf! seit einer halben stunde überlege ich, was ich Dir darauf antworten soll, Hannemann.
erstens geht es um einen mann, der eine sache richtig und eine andere falsch macht. und beides bezieht sich auf dieselbe frau, dasselbe problem (hauptstadt-arbeit) und geschieht am selben tag. da frage ich mich, ob man so etwas befriedigend auflösen kann.
zwotens weiß ich nicht, was für einen schluß Du gern lesen würdest. mach mal einen vorschlag, dann verstehe ich Dich vielleicht besser.
drittens die frage: muß sich denn alles auflösen, ein grund für alles sein? hier geht es doch um emotionen! wer bin ich denn, meinen handlungsträgern ein verhalten aufzudrücken, das nur dazu dient, den leser zu unterhalten und am ende zu befriedigen? der schluß stand keineswegs von anfang an fest, er erschien mir aber genau so plausibel wie viele andere auch...

Hannemann
16.12.00, 22:51
Ulf, es liegt mir nichts ferner, als in fremder Schöpfung korrigierend herumzuwühlen. Aber da ich ein Träumer und Spinner bin, wäre mir ein Schluß lieber, in dem die Dame, der Du schon sauer aufgestoßen bist, in der fremden Stadt Wurzeln schlägt, sich auf Deinen Wunsch hin in einen Rosenbusch verwandelt, und ihre Blüten von in Liebe verlorenen Männern Zeugnis geben.

Vincent
17.12.00, 01:58
Lieber Ulf,
bisher ist von Hannemann und von mir klarer Beifall zur Geschichte als ganzer erfolgt, und auch andrea hat sie nicht verrissen, sondern nur in bestimmten Aspekten hinterfragt, was eher auf Verständnisprobleme hindeutet, auf die Du schon reagiert hast. Die Grundstimmung ist also bisher durchaus positiv, und mir liegt daran, daß dieser Umstand durch die Kritiken und Verbesserungsvorschläge im Detail nicht in den Hintergrund gedrängt wird.
Auch gebe ich Dir darin Recht, daß ein Autor sich nicht einzig nach den Wünschen seines Publikums richten sollte, zumal eines so geringen Ausschnitts davon. Aber wenn hier jemand - bei Anerkennung der insgesamt guten Substanz - seine Bedenken zu wichtigen Details (wie dem Anfang oder Ende, die gerade bei Kurztexten eine entscheidende Rolle spielen) äußert, so halte ich das für konstruktive Kritik, die von Dir wohlbedacht sein will, selbst wenn Du sie am Ende zurückweist.
Mir kommt der Schluß zwar nicht mißlungen vor, aber man sollte ihn natürlich verbessern, wenn man es kann, und Hannemann hat mich inzwischen überzeugt, daß man ihn verbessern könnte - wenn dies auch am besten auf Deine Weise geschehen sollte (genau wie im Fall A.C. Hartmann auf meine Weise).
Elf Zeilen, die nicht völlig gelungen sind, kann man einem Leser zwar zumuten, aber man sollte nicht, wenn sich das vermeiden läßt. Davon abgesehen sind elf Zeilen in einer Geschichte von rund 45 Zeilen eine ganze Menge. Doch selbst wenn in einem 400-Seiten-Roman die ersten elf Zeilen zumutbar, aber gleichwohl verbesserungsfähig sind, sollte man das ebenso tun. Ich sehe ein, daß der Anfang nicht ganz rausfliegen kann und daß jedwede Veränderung nicht zu tief in den Text eingreifen sollte - somit sehe ich die Aufgabe in einer schonenden (mehr sprachlichen) Überarbeitung der elf Zeilen. Wenn Du aber sagen wolltest, daß Du mit Deiner Geschichte in allem zufrieden bist, dann wäre das in Ordnung, es ist ja Deine Geschichte, und zwar - wie gesagt - schon eine gute.

Gruß,


Vincent

aerolith
17.12.00, 06:09
Ich bin betroffen.


Diese starke Sehnsucht nach dem Festhalten des Geliebten, diese Sucht nach dem Vereinheitlichen des Körperlichen, dieser Wahn, im Tiefsten eine Einheit herstellen zu können, das sind die tragenden Elemente dieser Geschichte. Der Rest ist Brokat. Hauptstadt: austauschbar. Karrierewünsche: austauschbar. Mann-Frau: austauschbar. Fundamental: Einer will des Anderen sein, der/die Andere will sie selbst sein. Fazit: Verlustangst führt zur Hängepartie und schließlich zur Auflösung des Ineinander!

Sprachlich: zu umständlich in Szene gesetzt. Verästelungen verknorren.

Thomas R. Baker
17.12.00, 19:33
Vincent, Du sagtest: "Aber wenn hier jemand - bei Anerkennung der insgesamt guten Substanz - seine Bedenken zu wichtigen Details (wie dem Anfang oder Ende, die gerade bei Kurztexten eine entscheidende Rolle spielen) äußert, so halte ich das für konstruktive Kritik, die von Dir wohlbedacht sein will, selbst wenn Du sie am Ende zurückweist."
- damit hast Du natürlich recht. ich hoffe, das kommt bei Euch nicht so rüber, als ob ich kritik persönlich nehme oder übergehe. es hapert wohl an meinem nicht-dick-genug-en fell. ich arbeite dran, versprochen.


Edgar, zu Deiner lesart: Du hast zwar das problem sehr stark reduziert, aber recht hast Du. ich hätte gesagt, es geht um liebe, die erdrückt und einengt, und um den wunsch, seelische dinge genauso einfach handhaben zu können wie körperliche... für jeden (leser) geht es eben um etwas anderes (wenn auch nur in nuancen).
die sprache ist sicherlich umständlich. falls Dir der text altbacken und staubig erscheint, freut mich das. er soll so klingen, als ob man ihn in einem buch findet, über das man beim entrümpeln des kellers gestoßen ist. es ist zwar anstrengend, aber ich mag es, wenn ein text mich zwingt, innezuhalten und noch einmal zu lesen, weil man auf den ersten blick nicht alles erfassen konnte. deshalb so viele nebensätze. heischen um die aufmerksamkeit des lesers lasse ich mir deshalb auch vorwerfen. ich will sie ja schließlich haben.

resurrector
28.10.18, 09:40
Das Umständliche zum ästhetischen Prinzip zu erklären, bedarf schon eines gehörigen Maßes an Realitätsverlust. Aber wenn man, wie Ulf, einen Text mit solcher Liebe fürs Grobe niederlegt, dann könnte der Leser das dem Autoren verzeihen, ja vielleicht gewöhnt er sich sogar an das Sperrige und zum guten Ende will er nurmehr in eine Sprachwelt geführt sein, in der sich das Ungefaehre mit dem Ungelösten trifft.


Bei der Thematik und Durchführung des Gedachten könnte da etwas entstehen.

displaced person
28.10.18, 19:19
Der Anfang, ja der Anfang! Für mein dafürhalten ist er zu glatt sprich er könnte die eine oder
andere Kante vertagen, um sich, mit dem ansonsten gut geschriebenen folgenden, zu einem
harmonischen Ganzen zu vereinen, so wie er jetzt dasteht, tut er das leider nicht!

Ein Hoch auf das von resurrector erwähnte Umständliche; erinnert sei an Thomas Bernhard.

Gruß, d.p.