PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Der Flug II



howah
08.07.00, 16:08
Flug II


(Die Aufzeichnungen der Nora N., Schluss, für alle, die wissen wollen, wie der Flug zu Ende geht.)




Wie eine dicke Hummel, die in einem Honigtopf gelandet ist und nun verzweifelt versucht, den rettenden Rand zu erreichen, hoppelte unsere Maschine schwerfällig und mit längeren Zwischenstopps über das Asphaltband, fast eine Stunde lang. Aber jetzt geht eine mächtige Kraftwelle durch die Maschine und ballt sich zusammen; die Warnleuchten glimmen auf Dieses Mal rollen wir mit einem entschiedenen Ruck an, die Fahrt wird schneller, wir heben ab; stoßen mit der Nase durch dicke Regenwolken, arbeiten uns dem Himmel entgegen, der blau und wolkenlos ist und legen uns waagrecht auf die Luft, sonnenbeschienen.


Die dicke Frau schräg vor mir futtert jetzt nicht mehr gemächlich, sie krabbelt nervös in ihrer Tüte herum, und schiebt hastig und wahllos, was immer sie findet, in den Mund. Die elegante Schwarze neben mir hat ihr Tischchen herunter geklappt, ihre Hände flach darauf gespreizt und betrachtet sie mit wehmütigem Lächeln.


"Eigentlich schade drum", wendet sie sich mir zu und meint nicht ihre Hände, sondern die Ringe, "sie sind doch wirklich schön und obendrein sehr wertvoll. Aber ich konnte sie nicht zuhause lassen. Sind doch Erinnerungen."


Nach einer erwartungsvollen Pause, während der ich sie nicht frage, zeigt sie auch ungefragt auf den fein ziselierten Ehering und beginnt zu erzählen:

"Die erste Ehe. Er hieß Antonio, Südamerikaner. Ich war gerade zwanzig, ein unerfahrenes Kind. Wir lebten in Ecuador, sein Vater hatte ein Export-Importgeschäft, es ging uns sehr gut. Wir hatten ein wunderschönes Haus mit großem Garten, Hunde, Pferde, und einen Haufen Personal. Antonio war charmant, großzügig, ein guter Liebhaber. Aber leider nicht für mich. Allein. Da gab es eine andere Frau, die..."


Das ist keine originelle Geschichte, außer, dass sie ich in Südamerika mit ausreichend Hauspersonal und nicht in Schwäbisch-Gmünd oder Hintertux abspielte, wo man selbst putzen und kochen, waschen und bügeln muss. Wie viel leichter, denke ich, Liebesleid und Kummer zu ertragen sein muss, wenn man sich nicht noch dazu mit den täglichen Widerwärtigkeiten herumzuschlagen hat. Große Heldinnen, die ihr tragisches Schicksal mit bedeutenden Worten meisterten, waren allemal durch Köchin und Kammerfrau davor gefeit, zu hungern und zu verschlampen. Im fleckigen, zerknitterten Kleid, ungekämmt, mit verschwollenen Augen und fahler Haut stellen sich Sätze mit Ewigkeitswert einfach nicht ein.

Ich klappe meine Ohren zu und lächle vage, nicke der reich Beringten, nur dem von ferne zu vernehmenden Verlauf ihrer Stimme folgend wahrscheinlich an den richtigen Stellen, teilnahmsvoll zu. Die anderen drei Ringe wird sie mir hoffentlich ersparen.


Die Stewardessen präsentieren sich nun in gelben, rotgeflammten Bordkleidern, sehen aus, als stünden sie in Flammen. Sie teilen Getränke aus, Wein und Sekt, Orangensaft, auch Kaffee und Tee. Ich will mich nicht mehr anregen lassen. Sekt, bitte.


Genau genommen sind alle Beziehungsgeschichten gleich. Das Leben liefert nur wenig einfallsreiche Variationen zum immer gleichen Thema. "Da rauscht man mit vollen Segeln glückselig hinein in so eine Ehe," summierte meine erfahrene Freundin Vera neulich, "und dann sitzt man in der Patsche." Vera selbst hat kein Problem mit Nebenbuhlerinnen, ihr Ehemann ist so ausdauernd anhänglich und treu wie eine Klette, aber genau so langweilig. Nur eine andere Variante.


Ding-dong. Der Pilot lässt sich über Lautsprecher mit der Mitteilung vernehmen, wir hätten das Festland verlassen und befänden uns jetzt über dem Atlantik,. Die Geflammten servieren Abendessen, aber niemand scheint so richtig Appetit zu haben, halbvolle Teller und Tabletts türmen sich nach dem Abräumen auf den Rollwagen. Nur die dicke Frau vor mir, die ich neugierig kontrolliere, schaufelt alles in sich hinein und gibt blitzsaubere Teller zurück.

Sie müssen ein Schlafmittel in die Getränke getan haben, ich habe Mühe, die Augen offen zu halten. Das Lächeln meiner Sitznachbarin ist auch schon müde abgesunken, hockt versteckt in ihren tiefen Falten, während ihr Mund sich immer noch, aber ganz langsam und fast lautlos bewegt. Unsere Maschine summt einschläfernd monoton vor sich hin, die Sonne hat einer daunigweichen Dämmerung Platz gemacht, wahrscheinlich schläft auch der Pilot, und das Flugzeug gleitet automatisch gesteuert. Irgendwo hin.


Edgar meinte, dem blöden Mann müsste etwas Außergewöhnliches passieren; "blöd" überraschte mich, als blöde hätte ich den abweisend Fremdbleibenden nicht bezeichnet, ich hielt ihn für so überragend klug, wie er sich selbst einschätzte und darstellte. Aber jetzt gefällt mir blöd recht gut, erleichtert mich sogar. Er ist einfach blöd.

Aber was sollte ihm passieren? Sollte sich auf dem Weg zu einer Schönen plötzlich die Erde unter ihm auftun und ihn verschlucken, wie einst den Don Giovanni? Oder sollte er unter schaurigem Donnerhall plötzlich zu einem Berg versteinern, wie es dem hartherzigen Landesherrn geschah, der zum Watzmann wurde? Das könnte mir schon auch gefallen, wenn dann die Touristen auf ihm herumsteigen und ihre Abfälle verstreuen und ihm im Winter die Pistenraupen die Haut kratzen und sich Skifahrer auf seinen Nordhängen tummeln.


Aber vielleicht dachte Edgar eher an etwas Unprätentiöseres, etwa, dass der Blöde sich unsterblich in eine ebenfalls eiskalte, unzugängliche Frau verliebt, die ihn abweist und sein eisig-eisernes Selbstbewusstsein nachhaltig anknackst.


Edgar und Robert meinten auch, dass ich zu viel schwätze, und haben recht. Außerdem bin ich angenehm müde und möchte schon deshalb gern meinen Laptop schließen und mein monologisches Geschwätz einstellen. Aber dann weiß wieder niemand, wie der Flug endet.

Alles schläft oder döst, da bittet ein helles Ding-Dong um Aufmerksamkeit. Der Pilot teilt mit, man habe das Ziel erreicht, er und die gesamte Crew würden jetzt aussteigen beziehungsweise abspringen. Er schaltet das Mikrofon ab und wünscht dieses Mal keine angenehme Reise.


Vielleicht eine Sekunde oder eine Minute, eine so fiebrige, intensive Zeit, dass man ihre Länge nicht beurteilen kann, herrscht Stille; keine schläfrig-durchschnarchte mehr, sondern eine aufs äußerste lebendig-gespannte Totenstille. Dann setzt weit vorne eine Männerstimme mit dem Vaterunser ein, und wird, kaum begonnen, von einem hohen, lauten Frauenschrei aus der Mitte des Passagierraums unterbrochen:


"Nein, nein. Ich will nicht sterben, ich will nicht sterben. Helft mir!"


Sofort bricht ein gewaltiger Tumult aus. Weinen, Schluchzen, laute Rufe um Hilfe, hastiges, zielloses Tun. Die Frau neben mir hat ihre Hände zusammengelegt, ineinander verkrampft, fest mit den Fingern über den kostbaren Ringen, als seien nur die in Gefahr. Sie spricht nicht mehr, sondern starrt mit weit aufgerissenen Augen aus dem Fenster. Vor ihr, die dicke Frau, hat endlich aufgehört zu essen. Sie schreit: "Sie hauen ab, sie hauen ab. Ich sehe sie. Haltet sie doch auf, sie sollen zurück kommen!"


Ich beuge mich über meine Nachbarin, und sehe tatsächlich gelbrot geflammte menschliche Figuren an gelbrot geflammten Fallschirmen unter uns schweben. Am rechten mittleren Notausgang macht sich ein Mann zu schaffen, und will die Öffnungshebel zurücklegen, aber ein paar Frauen werfen sich auf ihn und tun, was in ihren Kräften steht, um ihn daran zu hindern. Der Schwarzgekleidete mit dem salbungsvollen Gesicht, dessen Gebet von der allgemeinen Panik verschluckt wurde, quetscht sich mit tödlich erschreckter Fratze und zitterndem Kinn, gefolgt von zwei hysterisch mit den Armen rudernden Frauen durch den Gang nach vorne, dem Cockpit zu. Vielleicht hoffen sie, das Flugzeug irgendwie in der Luft halten und schließlich wunderbarerweise eine sichere Landung hinlegen zu können. So etwas sieht man ja hin und wieder im Fernsehen.


Das erste Schwanken der Maschine macht mir noch keine Angst, ich rechne es dem Hin und Her im Passagierraum zu, wo die Menschen ziellos von einer Seite zur anderen drängen, um aus den Luken zu spähen, als könnten sie die abwärts schwebende Crew so irgendwie zur Umkehr bewegen. Aber dann wird die Wiegebewegung so stark, dass ich wechselnd nach rechts auf meine Nachbarin und wieder zurück gangwärts geschleudert werde. Zugleich beginnt ein süßlicher Duft durch die kleinen Ventile zu strömen, aus denen sonst kühle Frischluft kommt.


Und jetzt scheint sich die Spitze des Flugzeugs zu senken, das ist der Absturz, denke ich, das Ende, der Tod. Ich schließe meine Augen, lege meine Arme auf meinen Schoß und bette meinen Kopf darauf.


Wir torkeln dem Ozean entgegen. Der Tumult legt sich, es wird still, niemand schreit mehr, niemand läuft mehr herum. Nur noch leises, verrinnendes Jammern. Die Geräusche von außen aber beginnen den von daheim vertrauten zu gleichen, wenn gegen Abend nur noch einzelne Autos die Straße vor dem Haus passieren.


Nach einer Weile wage ich es, mich aufzurichten. Ein furchtsamer Blick hinaus durch das Fenster. Schräg gegenüber, bei Heide und Martin, brennt kein Licht mehr. Sie vermissen mich nicht und schlafen.

rodbertus
08.07.00, 16:43
Oh, ich vermißte Dich schon und schlief schlecht.


Ich hab gar nichts gegen Dein Plaudern, wahrlich nicht, Howah.


Sind es nicht immer diese einfachen Geschichten, solche, die wir beinahe selbst erlebten, die unsere Phantasie entzünden, die uns in einen Text eintauchen lassen?

howah
08.07.00, 23:18
Danke, Ed. Das mit dem Geschwätz war nicht als Vorwurf oder so gemeint, es passte halt gerade so gut. Und in Flug I waren ja wirklich ein paar schier unerträgliche Wiederholungen.


Einfache Geschichten: meinst Du das ernst oder ironisch?
Vielleicht gefallen mir und schreibe ich einfache Geschichten, weil ich, wie viele sagen, ein manchmal nervend komplizierter Mensch bin?
Ich mag, wenigstens zur Zeit, nicht anders. Meine Sorge ist eher, ob das im Forum nicht ganz falsch am Platz ist. Deswegen zögerte ich, nicht, weil ich Deinen Schlaf stören wollte.
Allerdings schätze ich nur gut geschriebene einfache Geschichten, deshalb fehlt mir Deine Kritik. Bitte!

it
09.07.00, 08:57
Eigentlich schade drum", wendet sie sich mir zu und meint nicht ihre Hände, sondern die Ringe...
Das ist ein böse schöner SAtz, Howah.
Wow. Gruss, it

Eulalie
10.07.00, 15:25
hi howah,
du bist wirklich gemein zu der dicken. sie krabbelte also in ihrer tüte herum, haribo colorado, nehme ich mal an

hat spass gemacht!!
grüße
e.

aerolith
10.07.00, 16:18
Der Anfang ist mir zu behäbig. Du schreibst mir da zu lehrbuchhaft. Eines folgt auf das andere, aber eine Steigerung der Spannung wird nicht erreicht. Es ist nett. Willst Du das so?
Wenn Du aber die Spannung steigern willst, dann mußt Du sie brechen. Das ist das Geheimnis. Das ist wie beim Sex. Ein Zögern hebt Dich, zweifaches Zögern macht Dich zapplig und immer weiter mußt Du zögern, doch entzögern darfst Du nicht. Der Anschein soll geweckt sein, daß Du es jederzeit könntest, daß Du das Problem jederzeit im Leser/Partner zu dem Seinen machen könntest. Verstehst. Und dabeisein, warten und erwarten.
Dein Text hat die Anlage dazu, eine kleine Bombe im Hirn plazieren und platzen zu lassen. Durch Nachschübe, gepaart zum Flug, durch Zwischenschübe, gesteigert im Vergessen der Angst...


Ich meine nicht, daß Du zuviel schwätzt. Ich liebe Dein Schwätzen, Howah.

howah
11.07.00, 09:33
Vielen Dank, Ed. Jetzt weiß ich, wo's rumpelt, das ist wirklich hilfreich. "Nett" will ich bestimmt nicht, schon lieber kleine Bombe. Liebe Grüße zurück.


it, auch danke.


eule, was ist denn das? Die dicke Frau hat neben belegten Broten vor allem Schokolade in allen möglichen Varianten bei sich; in Schoko ist ein chemischer Faktor, der gemütsaufhellend und beruhigend wirkt.

Daphne
20.07.00, 12:30
liebe howah!

jetzt erst kam ich dazu, den text zu lesen.
er ist recht anschaulich geschrieben und was mir sehr daran gefällt ist Deine art, dein stil. ein wenig sarkastisch, mitunter melancholisch unterlegt beschreibst Du detailliert die curiositäten menschlicher weisen. aber auch nett, liebenswürdig hört es sich an. mir gefällt das wirklich, weils nicht einfach so daher geplaudert, sondern schon einsicht in tiefere schichten gibt. das Du reale eindrücke wie die einwände von E. und R. bringst, würzt diesen text noch mehr. es sind unmittelbarkeiten, die mitverwebt werden wollen. und hoffen tu ich, daß noch mehr in dieser art von dir kommt!

liebe grüße
von daphne

ps: was die hypergeschichte betrifft, so dümple ich in anfängen. zig texte und keinen bring ich zuende. werd mir aber mühe geben, und außerdem las ich:
bonus vir semper tiro (ein guter mensch bleibt immer anfänger).

und gut möcht ich doch werden...

rodbertus
20.07.00, 16:34
Das ist ein prima Motto, Daphne: bonus vir semper tiro.

iodin
21.07.00, 20:58
Das ist wundervoll geschrieben. Und: wieso einfach? Immer nur Parabeln, das ist ziemlich anstrengend auf die Dauer. Nein, der Text gefällt mir sehr gut. Bitte mehr!

Bigvogel
23.07.00, 21:52
Wie eine dicke Hummel, die in einem Honigtopf gelandet ist und nun verzweifelt versucht, den rettenden Rand zu erreichen, hoppelte unsere Maschine schwerfällig und mit längeren Zwischenstopps über das Asphaltband, fast eine Stunde lang.


Ein herrlicher Satz voller Parabeln und wunderschöner Bilder. Diese einmalige Gleichsetzung! Ich steig jetzt mit ganz anderen Gefühlen in die Flieger.

Sissy
23.07.00, 21:59
tu das, bigvogel. aber tus schnell.

Bigvogel
24.07.00, 00:11
Ach Sissy, Pierrot könnte nicht trauriger sein als ich. All meine Rosen, die Schönen hierher stellen unter all die welken Pflänzchen und dürren Stauden dieser Grammatikalistenwüste. Rosen hast Du nie gemocht, aber was solls. Ich kann diese trockene dünne Luft nicht atmen, wo die Zensur beliebig herumsenst.


Wisch, und weg wird auch bald diese Antwort sein. Dann wirds bald ruhig hier. Dann darfst Du schreiben und schreiben und schreiben bis zu den Wolken aus Stein. Die werden Dir dann schon antworten.