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aerolith
08.05.15, 16:32
Die Grundlagen für die Wirtschaft des Zweistromlands bildeten der Zweistrom und die Findigkeit der Anwohner, das beigebrachte Wasser zu regulieren. Es entstanden Städte. Die noch um die Zeitenwende nebeneinander fließenden Ströme Euphrat und Tigris schwemmten fruchtbares Land auf, um vier Wochen voneinander in ihrem Hochwasser verschoben. Die Verlängerung der Hochwasserzeit ermöglichte das Anlegen von Kanälen und erhöhte die Ertragsmenge.

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„Dasjenige, dessen die Meder und Perser von ihrer älteren Geschichte sich noch erinnerten, was Herodot [um 520 v.Chr.] und später Ktesias bei ihnen darüber erfuhren, beruhte schon an sich vornehmlich auf dichterischer Grundlage, auf den volkstümlichen historischen Liedern der Meder und Perser, von denen Xenophon sagt, daß sie noch zu seiner Zeit [um 400 v.Chr.] bei ihnen gesungen wurden.“ (B. Erdmannsdörffer: Das Zeitalter der Novelle in Hellas. Berlin 1870. S. 34.)

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Manche durch die Natur (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=natur), Menschenhand oder Vertragswerke festgelegte Grenze zwischen politischen Einheiten ist schwer überwindbar (Chinesische Mauer, Limes (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=limes), ein Hochgebirge, eine Steilküste), eine andere leichter (Steppe, Wüste, eine Flachküste, ein Flüßchen, ein mitten im Land stehender Grenzpfahl). Das Zweistromland besitzt im Norden, Westen und Süden leicht überwindbare Grenzen. Das führte zu einem ständigen Hin und Her, einer permanenten Über- und Umlagerung der durchwandernden Völker. Sie kämpften mit- und gegeneinander und das einmal scheinbar Feste wurde flugs zum Unfesten, zum Unten, zur dienenden Volksmasse. Die Gebirgsstämme aus dem Norden kämpften mit den Beduinen der Wüste; mittenmang saßen die Feldbewässerer, die sich je nach politischer Lage mit den Herrschenden arrangierten; aus zerstörten Reichen (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=reich)wuchsen neue, die aber im Grunde die alten kulturellen, religiösen und wirtschaftlichen Verhältnisse beließen und dem Land bestenfalls eine beizeiten wieder ausgetauschte Oberschicht gaben.
Inmitten dieser Landschaft liegt am Euphrat Babylon, nördlich davon Assyrien, dessen Kerngebiet zwischen Tigris und dem dem Zagrosgebirge lag: heute nordwestlicher Iran bis nordöstlicher Irak) mit seiner Hauptstadt Ninive, einer Tigrisstadt. Im Nordwesten davon befindet sich der Libanon, die phönizisch-syrische Küste, weniger fruchtbar als das Zweistromland, dafür aber waldreich. Das dort wachsende Zedern- und Eichenholz wurde im Zweistromland gern genommen. Holz wuchs im Zweistromland wenig, auch machten sich die Babylonier wenig Mühe, Steine auszuhärten, um Bauten für die Ewigkeit (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=ewigkeit)zu errichten, wie man es in Ägypten zur gleichen Zeit tat. Man nahm einfachen Backstein. Auch die in der Nähe des Gebirges lebenden Assyrer hatten offenbar kein Interesse daran, etwas zu Festes zu bauen. [1]
Die Kultur Mesopotamiens beginnt mit den Sumerern, die aus Ost- oder Südostasien einwanderten, denn ihre Sprache ist agglutinierend, was typisch fürs Chinesische und andere ostasiatische Sprachen ist: unveränderbare Wörter, Beziehungen der Wörter zueinander werden durch die Wortstellung im Satz angezeigt... Zu diesen Sumerern kommen semitische Völker mit einer flektierenden Sprache [2]: Akkader, Araber, Chaldäer, Phönizier, Aramäer, Syrer, Hebräer... Und schließlich dringen aus Norden und Nordwesten indogermanische Völkerscharen nach Mesopotamien: Meder, Perser, Baktrier, Armenier, Mitanni, Hethiter (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=hethiter)[3]. Sie alle bilden den vermischten Menschenschlag aus, was diejenigen Theorien unterstützen mag, daß erst die Vermischung verschiedener Menschenrassen eine neue kulturelle Stufe ermöglicht. [4]

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Nomadentum, Land- und Meernomadentum gibt es seit der Urzeit, meint der Vertreter der geopolitischen Geschichtsschreibung, Karl Haushofer: „Erst seit wenigen Jahren wissen wir, daß die frühesten nachweisbaren Siedler auf den japanischen Inseln einen Weg von Nord nach Süd durch ganz Ostasien von der Tungusensteppe bis zur Sundawelt, dann wieder zurück längs der ostasiatischen Inselgirlanden hinter sich haben. So sind sie von der frühen Steinzeit zur Horn- und Holzbearbeitung aufgestiegen und haben diese Künste unterwegs von den Philippinen über die Riukiuinseln nach Kyushu und Hondo wieder verloren. Wir ahnen, daß der Pazifische Ozean […] nicht nur an seiner schmalsten nördlichen Stelle längs der Aljuten und vom Kap Deschnew her, sondern in seiner vollen Breite überwunden worden ist; wir können den Beweis für Zusammenhänge von Maya- und Fernostkultur, von Irland bis zur Osterinsel jeden Tag finden, der uns nur noch deutlicher sagt, was wir schon wissen: wie im Meernomadentum größte Räume und Weiten mit kleinsten Menschenzahlen überwunden wurden, in den kühnsten Formen von Normannen, Wikingern und Malaio-Polynesiern.“ (Karl Haushofer: Weltgeschichte. Berlin 1935. S. 12.)

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Die Sumerer hielten sich aufgrund ihrer geistigen und wirtschaftlichen Überlegenheit lange neben den zahlenmäßig stärkeren Semiten, wurden aber letztlich von diesen in einer Phase der Schwäche assimiliert. Wir wissen das durch die Inschriften. Die siegreichen Semiten behielten die sumerische Sprache in ihren Keilschriften noch lange bei; vielleicht waren sie nicht in der Lage, ihre Sprache in der vorrätigen Keilschrift auszudrücken, vielleicht nutzten die Mächtigen die Schrift, um sich abzugrenzen... wir wissen es nicht.
Als stärkste Volksgruppe schälten sich die Chaldäer heraus, aramäische Nomaden [5] vom nordwestlichen Teil des Indischen Ozeans, Persisches Meer genannt, die in mehreren Einwanderungswellen aus Osten kommend, Babylon besiedelten und die Sumerer und andere verdrängten oder aufsogen. Das war aber erst viel später.
Unsere Kenntnisse basieren auf entzifferten Inschriften und allerlei archäologischem Fund. 1802 gelang es dem Göttinger Gymnasiallehrer Grotefend, die Keilschrift zu enträtseln. Er fand den Schlüssel über sich häufende Zeichenwiederholungen, in denen er die Namen von Königen vermutete. Darius war hier ein geläufiger Königsname. War dieser Name einmal sicher zugewiesen, waren aufgrund der Kenntnisse der Sprache Zuweisungen möglich, und das Alphabet war entschlüsselt. Man benutzte doppelte und dreifache Wortverzeichnisse, Lexika: sumerisch-akkadisch-hethitisch. Das Hethitische als eine indogermanische Sprache entschlüsselte ein Amateur, der Soldat Friedrich Hrozny, der 1916 in Berlin einen aufsehenerregenden Vortrag über die Grammatik des Hethitischen hielt, der darin gipfelte, das hethitische Nu als ein altes mitteldeutsches Bekräftigungswort zu bezeichnen, wie es heute noch die Bewohner Sachsens benutzen.
Die Methode der Entzifferung: Hrozny (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=hrozny)verglich Wörter, die man in verschiedenen Zusammenhängen einer festen Bedeutung zuordnen könnte. Dabei fiel ihm auf, daß bestimmte Wörter in bestimmten Zusammenhängen auf ganz eigentümliche Weise ihre Formen verändern. Bei der hethitischen Sprache war es das Partizip, das eine ganz charakteristische Form hatte, die ihm bekannt vorkam. Genauer: Nach Umschrift der Keilschriftzeichen in Lautschrift, wobei jedes Keilschriftzeichen – Silbe – durch einen Gedankenstrich abgetrennt wird, entstand folgender Satz: nu NINDA an e iz za at te ni wa a dar ma e ku ut te ni. NINDA ist aus dem Sumerischen bekannt, das Wort für Brot. Hrozny vermutete nun ein Verb für Brot, essen, dazu etwas fürs Brot, trinken, Wasser. Die Keilschrift ist eine Silbenschrift – Verbindung eines Konsonanten mit einem Vokal –, also wird aus ezzan, e iz za at te ni ... zu deutsch Jetzt wirst du Brot essen und dann Wasser trinken. Das vorangestellte NU tritt dabei als Bekräftigungsfloskel auf.
44Hroznys Methode erwies sich als tauglich; es konnten diverse Übertragungen vorgenommen werden. Glücklicherweise benutzten die alten Schreiber vornehmlich Tontafeln, so daß uns viele Belege aus längst vergangenen Zeiten überliefert sind, die nach Hroznys Methode recht zügig entziffert werden konnten und entziffert werden. Die meisten Eintragungen befassen sich mit Wirtschaftsfragen, aber auch Hymnen, Gesetzbücher und Zeremonievorschriften sind überliefert und gestatten uns einen guten Einblick in die Verhältnisse der Zeit um 2800 v.Chr.. [6]
Mesopotamiens Bevölkerung siedelte in vielen Stadtstaaten, vor Ort selbständigen politischen Einheiten, die manchmal einem entfernt lebenden Oberhaupt gehorchten, immer aber eigenen Interessen nachgingen. Bekannt wurden Ur, Uruk, Eridu, Lagasch, Larsa, Babylon, Sippara, Kisch, Nippur, Akkad. Den einzelnen Stadtoberhäuptern waren Dinge wie Nächstenliebe und Verantwortung nicht fremd: Bereits um 2800 v.Chr. rühmte sich der Herrscher Lagaschs, Urukagina, der Bedrückung der Witwen und Waisen durch Priester- und Beamtenschaft ein Ende gemacht zu haben, Kanäle gebaut und das Recht (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=recht)bestärkt zu haben. 2300 v.Chr. baute ein gewisser Sargon aus Akka ein Imperium auf und nannte sich „König der vier Weltteile“. Doch schon um 2230 v.Chr. wieder Unordnung in Mesopotamien; es setzte sich ein anderer Sumerer-Stadtstaat durch, Lagasch, und vertrieb die Akkader. Die Herrschaft der Lagasch-Dynastie hielt 300 Jahre, bis unter Hammurabi um 1900 v.Chr. die Ammoniter aus Babylon das Zweistromland erobern und ihm ein Gesetzbuch geben, das uns heute noch bekannt ist. [7] Man fand es 1901 in Susa [8], eine zwei Meter große Stele, in die Hammurabis Gesetze eingeritzt waren: in 44 Kolumnen finden sich 282 Paragraphen. Einer davon stellt üble Nachrede unter schwere Strafe (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=strafe). Ein anderer läßt das Auge um Auge-Prinzip (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=prinzip)auf unfähige Ärzte anwenden, denn ebender verliert einen Arm, dem eine Operation mißglückte. Architekten werden getötet, wenn ihr konzipiertes und gebautes Haus beizeiten zusammenfällt und der Hausherr dabei stirbt. Aber auch Fürsorgeaspekte sind verankert: Daß unter Hammurabi monogamische Beziehungen gepflegt wurden, könnte uns angesichts heutiger arabischer Sitten überraschen. Auch die Regelungen für Scheidungen muten moderner an, als es heute im muslimischen Teil unserer Welt üblich ist. Eine zweite Ehe darf der verheiratete Mann nur dann eingehen, wenn seine Frau unheilbar erkrankte. Für die verheiratete Frau greifen Versorgungsbestimmungen; allerdings ist man weit von Gleichberechtigung entfernt.
45Seitdem die Registratur des babylonischen Wirtschaftshauses Egibi&Söhne gefunden wurde, weiß man, daß nicht die Lyder das Geld erfanden, sondern bereits bei den Babyloniern eine abstrahierte Form des Warenaustauschs, ja sogar Geld-Geld-Wechsel üblich waren. Geld wurde verborgt. Silber wurde in einem Verhältnis von 1:13½ zu Gold gehandelt, heute 1:17½. Der Zinsfuß betrug üblicherweise 20%. Wucher. Wer nicht zahlen konnte, kam in Schuldknechtschaft; es finden sich Bürgschaften und Schuldhaft von Bürgen, auch Erbverträge waren nicht unbekannt. Der Handel mit den umwohnenden Gebieten war rege. Babylonien war ein großer internationaler Markt, kein autarkes Wirtschaftsgebiet. Das war auch nötig, denn Babylonien besaß kaum Bodenschätze, keine Ressourcen wie Holz, Metall oder Steine, dafür produzierte es Nahrungsmittel: Datteln, Weizen, Fleischprodukte. Diese Produkte wurde in Genossenschaften hergestellt, allerdings war der Warenaustausch kapitalistisch, basierte also auf dem Prinzip des persönlich angeeigneten Mehrwerts gesamtgesellschaftlicher Produktionsprozesse, was zu großen Ungleichgewichten bei der Besitzverteilung führte. Vom Ausland zogen für die reichen Händler preisgünstigere Produzenten nach Babylon, denen sie die nach Schuldauslösung erworbenen Grundstücke zu für sie günstigen Bedingungen verpachteten, gleichzeitig die Schollenbesitzer ins Hintertreffen brachten und damit die Basis des Heeres schwächten, was durch neue ausländische Söldner ausgeglichen wurde. Wenn aber die Weltgeschichte eines zeigt, dann dies, daß durch Söldnerheere dauerhaft keine Kriege zu gewinnen sind und die dies nutzenden Mächte allesamt besiegt wurden, meist über kurz.
Erst im 12. Jahrhundert v.Chr. gab es durch die Assyrer eine klare Zäsur in der babylonischen Geschichte. Sie errichteten, verstärkt nach 932 v.Chr., ein Terrorregime von Syrien bis Persien, von Ägypten bis an den Kaukasus, legten Ninive als Hauptstadt fest und beherrschten das riesige Gebiet mit kriegerischer Gewalt. Ihren Namen haben sie von einem kleinen semitischen Stamm, den Suri. Die Gewaltherrschaft der Assyrer ist besonders grausam. Sie brandschatzen und plündern nicht nur, sondern siedeln ganze Völkerschaften um, sofern sie einen Nutzen darin sehen. Andernfalls töten sie. Durch die Bibel (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=bibel)ist uns die Vertreibung der zwölf Stämme Israel (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=israel)nach Babylon bekannt. Als sich 692 v.Chr. die Bewohner Babylons gegen die assyrische Fremdherrschaft auflehnten, wurde Babylon zerstört. Die Assyrer ließen aus einem nicht bekannten Grund etliche Babylonier leben, die die Stadt wieder aufbauten und den Assyrern Tribut zahlten.
Wer nach der geschichtlichen Leistung Assyriens fragt, dem muß geantwortet werden: Sie nivellierten die Völkerschaften und erzeugten den mehr oder weniger einheitlich-durchmischten Typus des Neubabyloniers, dessen Nachfahren Kurden, Iraner und Araber wurden. Um 612 v.Chr. ging Assyrien unter, wahrscheinlich durch ein Bündnis des wiedererstandenen Babylon mit den Medern und Skythen aus dem Norden. Von Assyrien blieb nichts mehr [9], Genozid.

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„Das babylonische Kulturland war – anders als Ägypten – auf allen Seiten dem Angriff begehrlicher Gebirgs- und Wüstenstämme preisgegeben. Vor allem hatten sich von Nordwesten her semitische Scharen gegen das Kulturgebiet vorgeschoben. Ihr bedeutendster Mittelpunkt war Akkad in Nordbabylonien [Kurdistan]. Es gelang dem tatkräftigen Sargon, gegen Mitte des 3. Jahrtausends den Sumerern und ihrem Beherrscher Lugalzaggisi die Weltherrschaft zu entreißen. Die semitischen Bogenschützen erwiesen sich allen Gegnern überlegen. In raschem Siegeslaufe wurden Babylonien, Elam, Syrien und das östliche Kleinasien unterworfen. Sargons dritter Nachfolger, Naramsin, brachte die Macht des Reiches auf den Höhepunkt. Als Gebieter über die 'vier Weltteile' beanspruchte er göttliche Ehrung. Mit dem Zeichen dieser Göttlichkeit, den Hörnern am Helm, steht der König, an Größe seine Krieger weit überragend, auf der Siegesstele, die den Triumph über die Bergvölker feiert. […] Mutmaßlich derselben Zeit gehören auch die bedeutsamen Schöpfungen der babylonischen Literatur an, besonders das Epos vom Helden Gilgamesch.“ (Hans Stier: Die babylonische Kultur. Berlin 1935. S. 105.)

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Das Nichts ist ein Kernbegriff für die 2200 betrachteten Jahre. Für diesen Zeitraum sollten mehr als ein paar Personen bekannt sein. Aber das hat seinen Grund, daß dem nicht so ist: Die Staaten im Zweistromland waren an ausgeprägten Individuen nicht interessiert, die Herrschenden verhinderten das Aufkommen des Individuellen, wie es der Philosoph Jacob Burckhardt beschrieb. Das Individuelle ist das Böse, das an den Grundfesten des Allgemeinen zerrt. Daher dümpelten Architektur, Ackerbau, Kriegswesen, Literatur und andere schöne Künste über Jahrtausende auf eben jenem uns bekannten Niveau, das zwar immer noch weit über dem umliegender Völkerscharen stand, aber letztlich auf lange Sicht prinzipiell den Tod für diesen Kulturkreis bedeutete: Stillstand ist der Tod. Jeder, der an der bestehenden Ordnung Kritik übte oder gar Neuerungen vorschlug, wurde als das inkarnierte Böse (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=böse)verfolgt und getötet, sein Andenken ausgelöscht.
Die Assyrer waren nicht in der Lage, ihrem Herrschaftsraum neue Impulse zu geben beziehungsweise die vorhandenen zuzulassen. Nach ihrer Vernichtung erstand Babylon in beinahe gleicher Art, wie es fünfhundert Jahre zuvor bestanden hatte. Nebukadnezar besiegte 606 v.Chr. als babylonischer Prinz die Ägypter und sicherte damit die Herrschaft Babylons im vorderen Orient. Kriegszüge führten ihn nach Syrien und Jerusalem, nicht aber nach Ägypten. Im Schatten seines Reiches geschah etwas Weltgeschichtliches: Ägypten und Griechenland entwickelten Handelsbeziehungen und damit auch kulturellen Austausch. Die Griechen (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=griechen)errichteten in Ägypten Handelsposten und tauschten ihr Öl gegen ägyptischen Weizen und mit dem Tausch kam auch das lydische Geld nach Ägypten, kam das Alphabet, erfolgte ein Austausch der gedankenwelten, der Techniken…
Der in der Bibel erwähnte Nebukadnezar baute Babylon neu auf, neue Mauern, 18 Kilometer lang, neue Kanäle, Paläste und Tempel (Zikkurate) [10]. Der starke Mann Babylons wendete den Blick nicht auf kriegerische Expansion, sondern auf den Ausbau seiner Herrschaft im Inneren. Inschriften rühmen ihn nicht als Kriegsherrn, sondern als Erbauer.
46Im Lebensmittelpunkt der Völker dieses Gebietes, den wir von der östlichen Mittelmeerküste bis zum Persischen Golf ziehen wollen, stand die Religion: die babylonische unterscheidet sich von der jüdischen und auch von der ägyptischen. Die Babylonier sind ekstatisch in ihrer Religionsausübung und nicht ethisch orientiert, sondern auf Einbindung des Einzellebens in den Zyklus des Lebens. Magie und Erforschung der Zukunft sollen mittels Handlesekunst (Mantik) künftiges Unheil abwenden, also Dämonen vertreiben, was eben nicht durch ein den Göttern gefälliges Leben, sondern schlichtweg durch eine äußere Bestechung der Götter erfolgen soll. Die Babylonier neigen zu Orgien und geben sich, ihre Individualität vollends aufgebend, dem Kultus an den Stadtgott hin. Einen monumentalen Gräberbau kennen sie nicht, sie sind sehr viel diesseitsbezogener als umliegende Völker. Der Opferkult ist bei ihnen stark ausgeprägt; er geht soweit, den Erstgeborenen zu opfern, um den Gott milde zu stimmen. In der weiblichen Entsprechung geben junge Mädchen ihre Jungfernschaft als Tempelhuren Wildfremden hin, die dafür ihnen als auch dem Tempel etwas geben müssen, meist Silber. Die mangelnde Totenpflege hat nichts mit einer fehlenden Vorstellung für eine Zeit nach dem Tode zu tun, man denke nur an den Mythos vom zerrissenen Gott Tammuz, der stets wiederkehrt und griechischen Dionysosvorstellungen Pate gestanden haben dürfte, aber wir erkennen hier einen wesentlichen Unterschied zu den ägyptischen oder israelitischen Jenseitsvorstellungen: die Babylonier besaßen anfangs eine antinomische (Leben ≠ Tod), dann eine zirkulare (ewiger Kreislauf des Lebens) Vorstellung von Tod und Leben, darum gaben sie ihren Gestorbenen keine Güter (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=güter)ins Reich der Toten mit.
Mit der Verehrung des Tammuz und der Ischtar gelangt die Vorstellung vom Kreislauf des Lebens zu ihnen: Der zerrißne Gott ersteht im Frühjahr neu; er erwacht wieder. Diese Einstellung hatten sie zu Zeiten des Gilgamesch-Epos nicht, denn da gab es eine Antinomie zwischen Leben und Tod: Der Tammuz-Mythos muß also später nach Babylon gekommen sein.
Die Babylonier vergöttlichten ihre Herrscher nicht und feierten statt einer Totenfeier die Wiederkehr der Göttin Ischtar im Rausche; sie kehrt wieder und findet ihren Geliebten. Phallusverehrung bei den Babyloniern, zweitens, Totenverehrung in Ägypten (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=ägypten)(Aufzählung der guten Taten des Toten), doch auch dort zunehmend eine Hinwendung zur Kreislaufidee in Form der Isis- und Osiriskulte, und drittens die streng reglementierte Götzenanbetung (Lade, Bethel) in Israel. Es ist dies die von den Israeliten verachtete Baalsreligion [11], eine leidenschaftliche, ekstatische (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=ekstase)Religionsausübung für den jeweiligen Stadtgott, dazu landesweit verehrte Gottheiten, ein Polytheismus, dem sich hingegeben wurde, ohne strikte Regeln befolgen zu müssen. In der babylonischen Vielgötterei spiegelt sich die Geschichte des Zweistromlandes wider: Jede einfallende Bevölkerungsgruppe, jede politische Oberschicht hatte ihre Götter und setzte diese an die Spitze der Hierarchie. Und man stelle sich einmal die Frage, wie intensiv die einfachen Menschen in Babylon ihre Religion ausübten, wenn sie dazu gebracht werden konnten, ihr Erstgeborenes zu opfern?
Aber in all diesem Orgiasmus steht die Entwicklung; vergleicht man die literarischen Erzeugnisse der Gilgamesch-Zeit und Nebukadnezars, so lassen sich kaum formale oder philosophische Unterschiede feststellen. Wir kennen keine Liebeslyrik und keine Trinklieder, erst recht keine Alltagsprosa. Vielleicht war es zu anstrengend, diese in Stein zu hauen? Dagegen existieren Hymnen und Gebete, Danksagungen an die Götter und historische Aufzeichnungen, die aber keine tieferschürfenden Untersuchungen wie etwa bei Herodot beinhalten, sondern eher Hofberichtserstattungen gleichen. Aber es gab diese unglaublich schöne Dichtung „Gilgamesch“, in der beinahe bereits um 2300 v.Chr. alle Belange für große Literatur vorhanden waren: Betrachtungen über den Tod, Darstellung von den großen Themen der Menschheit: Liebe, Haß, Freundschaft, Entsagung und Eitelkeit... Warum fehlen uns Überlieferungen aus späterer Zeit? Haben die Babylonier das Dichten verlernt?
Auch mag es verwundern, daß die Babylonier große Astronomen waren und dennoch die ungenaue Mond- der Sonnenrechnung vorzogen. Immerhin muß hier dann doch etwas auf uns überkommen sein: Wir rechnen heute noch mit der Zahl 60, die wir für die Minuten- und Sekundeneinteilung nutzen. Auch bleiben die babylonischen Leistungen im Bereiche der Astrologie [12] unerreicht.
Bleibt am Ende ein Blick auf das Kriegswesen: Man weiß es nicht genau, wie die Taktik war, welchen Änderungen sie ausgesetzt war und mit welcher Ausrüstung die einzelnen Soldaten in die Schlacht gingen. Der Einsatz einer phalanxähnlichen Taktik scheint auf der Hand zu liegen. Dagegen spricht allerdings der häufige Wechsel der Macht. Eine Phalanx bedarf disziplinierter Soldaten, die es in Babylon nicht gegeben haben dürfte, zu wenig Rechtssicherheit, zu wenig Substanz in den Besitzverhältnissen, zu oft wechselnde Herrschaft. Allerdings behielten die neuen Herrscher die Ordnung bei, vielleicht aus Faulheit, vielleicht aus Dummheit, ganz sicher jedoch auch deshalb, weil ihnen kein besseres zur Verfügung stand, also auch kein Bedürfnis bestand, ihre fehlerhaften Verhältnisse grundlegend zu ändern. Und das wiederum könnte für eine einigermaßen konstante Kriegstaktik sprechen. Wir hätten andernfalls auch Aufzeichnungen gefunden, die die siegreiche Taktik loben. Es ist anzunehmen, daß es kein Bauern-, sondern ein Söldnerheer gab. Hammurabi rühmt sich jedenfalls seiner aus allen Enden der Welt herbeigeschafften Soldateska. Der Lohn für diese Soldateska war erobertes Land. Wenn es ein Bauernheer wie bei den Römern oder Germanen (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=germanen)gegeben hätte, dann hätten die Mächtigen diesen Bauern Zugeständnisse machen müssen, Rechtsverhältnisse manifestieren müssen, die wir heute nachlesen könnten. Aber es gibt dergleichen nicht, obwohl wir viele Tontafeln mit Festlegungen zu allerlei besitzen. Für die Soldateska fehlen sie, ergo besaßen sie einen geringen Rang innerhalb des Gemeinwesens, ergo waren es Angeworbene, Hungerleider, Ausländer, Enterbte und Geschändete, die durch die Armee eine Möglichkeit zu sozialem Aufstieg sahen und nach einem siegreichen Feldzug ihre Anteile forderten. Und dies erklärt auch die ungezählten Aufstände und Putschversuche im babylonischen Heer, die oft wechselnden Anführer.
Es gab (spätestens seit dem Auftreten der Hyksos) Streitwagen, gerüstete Reiter und Infanterie mit blankgezogenem Säbel, außerdem die gefürchteten Bogenschützen. Manchem Herrscher gelang es zudem, Elitesoldaten um sich zu scharen, Wüstensöhne oder Meder, Armenier oder auch verpflichtete Gefolgsleute.


Aufgaben:



Warum bauten die Bewohner Mesopotamiens keine stabilen Häuser aus gebranntem Ton? (I)
Gib Hroznys Methode zur Entzifferung der Keilschrift-Tontafeln wieder! (II)
Gib einzelne Etappen der Geschichte Mesopotamiens wieder! (II)
Notiere die wichtigsten Informationen über die wirtschaftlichen Verhältnisse im Zweistromland! (I)
Erkläre das Hauptproblem der babylonischen Wirtschaft und die damit zusammenhängenden Gründe für die Außen-, Sozial- und Militärpolitik! (III)
Beschreibe Religionsauffassungen in Babylon! (II)
Argumentiere zur These: „Ein Volksheer muß früher oder später dessen Träger, das Volk, an der Macht beteiligen.“ (III)


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[1] Man findet heute im alten Zweistromland künstliche Hügel, bewachsen, Tells: das sind die alten zerstörten Städte und Siedlungen aus Backstein, die der Wüstensand überdeckt.

[2] Alle semitischen Sprachen sind in Arabien entstanden und wurden von Völkerwanderungen weitergetragen. Eine semitische Sprache gelangte [um 1000 v.Chr.] aus dem Jemen [..] in das eritreisch-abessinische Hochland [Äthiopien]; die akkadische Sprache wanderte in das Euphrat-Tigris-Becken, die kanaanitische nach Palästina und Syrien, die amoritische und die aramäische nach und nach in die beiden Hörner des ‚fruchtbaren Halbmond‘ [Libanon und Jemen], ehe arabisch sprechende Semiten den Spuren [..] folgten. Im achten Jahrhundert v.Chr. wurde der erste uns überlioeferte große Eruption von Arabern von den Assyrern zurückgeschlagen; im zweiten Jahrhundert v.Chr. mußten die Seleukiden [hellenistische Herrscher in Nahost] einen erneuten arabischen Vorstoß hinnehmen. Die Einwanderer ließen sich in Syrien und Mesopotamien nieder.“ (Toynbee, S. 318.)

[3]Die indogermanischen Hethiter besiedelten den Großteil der heutigen Türkei und drangen von da aus nach Süden vor. Ihr Imperium wurde um 1190 v.Chr. durch einen Vorstoß mittelasiatischer Einwanderer vernichtet, der erst von Ramses III. (reg. von 1198-1167 v.Chr.) abgewehrt werden konnte. In diese Zeit fällt auch der Auszug der Israeliten aus Ägypten unter Aton-Mose (Moses).

[4] „Die politische und kulturelle Geschichte eines Volkes ist in die Naturgeschichte seiner Anpassungsvorgänge eingeschlossen. “ (Erwin Kolbenheyer: Die Bauhütte. München 1925. S. 57.)

[5] Nomadentum ist keineswegs leer an Geist und keineswegs auf Zerstörung aus, sondern reich an Willensspannungen mit einer Weltwahrnehmung, die im Kern des Stammes die Mitte des Lebens bestimmt und diese Mitte mit sich an andere Orte trägt, meist aber auch unfähig, sich veränderten Lebensbedingungen anzupassen, so daß das Schicksal des Nomadentums Untergang oder Herrschaft lautet. - Ihre Wirtschaftsweise ist keineswegs auf Zerstörung aus, im Gegenteil: Ihr Verzicht aufs Umpflügen der Graswurzeln beläßt den natürlichen Lebensraum, zwingt sie andererseits aber dazu, diesen nach dem Abgrasen stets neu zu bestimmen, was wiederum strategische Planung bedeutet, denn das mitgeführte Vieh muß versorgt werden: es braucht jeden Tag frisches Gras und Wasser. Von der Planung der Versorgung des mitgeführten Viehs ist es nur ein kleiner Sprung bis zur Planung eines militärischen Feldzugs gegen Seßhafte.

[6] Die etwa 6000 Jahre alten Zählsteine waren neben den beschriebenen Tontafeln ein weiteres Mittel zur Katalogisierung der Warenströme. Es gab welche für Vieh, andere für Korn… Diese Tokens wurden auch, ähnlich den auch heute noch gebräuchlichen Abakus in Rußland, benutzt, als um 3000 v.Chr. der Keilschriftverkehr in Mesopotamien Verwaltungsprozeduren spezifizierte.

[7] Dieses Gesetzbuch prägte eine Zivilisation, deren Ausdrücke Schrift und Schreibtechnik, Maße, Zahlensysteme, Handelsbräuche, Verkehrsrecht, Mythen und diplomatische Verhältnisse bildeten. Das galt weitgehend vom Schwarzen bis zum Roten Meer, von Zypern bis nach Persien etwa 700 Jahre bis zum Aufstieg der Assyrer.

[8] Susa war das Verwaltungszentrum der Perser und lag im westlichen Kleinasien. Als Alexander der Große es eroberte, fand er Silber- und Goldbarren, die von den persischen Hochadligen gehortet worden waren.

[9] „Das […] Vermächtnis des assyrischen Reiches waren nicht seine Nachfolgestaaten, sondern die aramäische Version des phönizischen Alphabets und die aramäische Sprache [in der Jesus sprach]. Es war einfacher und weniger zeitraubend, Aramäisch auf Papyrus zu schreiben, als die akkadische Version der sumerischen Schrift in eine Tontafel zu ritzen. Ein Flachrelief aus Sanheribs [assyrischer Herrscher um 700 v.Chr.] Palast in Ninive zeigt zwei nebeneinanderstehende assyrische Schreiber: Der eine beschriftet mit dem Griffel eine Tafel auf akkadisch; der andere schreibt Aramäisch mit einer Feder auf eine Papyrusrolle. Die Zukunft sollte nicht dem Griffel und der Tontafel gehören, sondern der Feder und dem Papier.“ (Toynbee, S. 143.)

[10] Fast jede Stadt in Babylon besaß einen Stufentempel (Zikkurat) mit mehr als drei Terrassen, auf deren Spitze der Kerntempel stand. Ein Lehmziegelkern wird von bis zu 2,5 m starken Mauern aus gebrannten Ziegeln umschlossen, die bunt bemalt wurden. Diese Tempel hatten auf der unteren Stufe Ausmaße von 60 mal 60 Metern. (siehe Graphik S. 25)

[11] Zwar haben die Israeliten den Balskult verachtet, dennoch wurde er immer wieder bei ihnen gepflegt, besonders in der Küstenregion um Tyros bei den Phönikern, deren berühmteste Kolonie Karthago besonders intensiv an Baal hing.

[12] „Die Astrologie gründet sich auf den Glauben, daß die kosmische Umgebung den Menschen formt; Marx behauptete, er sei das Produkt seiner sozialen Umgebung. Ich bin der Meinung, daß beide Thesen richtig sind...“ (Arthur Koestler: Frühe Empörung. S. 13. Wien 1970.) - Der von den Babyloniern entdeckte Grundansatz einer kosmischen Teleologie sieht eine Verbindung erdgebundenen Lebens mit kosmischen Konstellationen, den in der Postmoderne die Theorie der feinstofflichen Materie wieder aufnahm.


weiterführender Link: Babylon - astrologisch betrachtet (http://www.vonwolkenstein.de/forum/showthread.php?21-Babylon-astrologisch-betrachtet)
http://vg06.met.vgwort.de/na/465c99c004f04a5f8d80c1b30615e542