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aerolith
27.09.14, 02:42
Die Novemberrevolution fand von Kiel aus ihren Ausgang. Matrosen meuterten beim befohlenen Ausrücken, um den Blockadering um Deutschland zu zersprengen.

Das brachte der Marine nach anfänglicher Begeisterung zum Ende des Krieges schlechten Ruf, v.a. dann, als man im Reich die Friedensbedingungen erfuhr. Nachdem die Matrosen die kaiserliche Flotte nach Scapa überführt hatten, wie die Waffenstillstandsbedingungen es vorsahen, nutzten die Kommandanten der Schiffe einen günstigen Augenblick und führten § 11 durch. Das ist ein Code in schlagenden Verbindungen (wie sie alle Offiziere der Reichswehr kannten) und bedeutet soviel wie Weitersaufen oder Absaufen: sechs Panzerkreuzer, zehn Linienschiffe, acht kleine Kreuzer, fünfzig Torpedoboote und einhundert U-Boote soffen vor Schottland ab. Die Briten schossen auf die an Land schwimmenden Matrosen und töteten etliche; wen sie nicht erwischten, den steckten sie in Gefangenschaft, aus der die Matrosen 1920 entlassen wurden.
Im Reich aber wurden sie gefeiert, denn so fiel die Flotte wenigstens nicht in Feindeshand und die Marine hatte ihren Ruf wieder aufpoliert, nicht wiederhergestellt, aber aufpoliert.

aerolith
15.06.15, 12:11
Der November des Jahres 1918 beginnt schon im frühen Sommer. Der Mißerfolg der Büffelstrategie, der die Entente niederringen sollte, bevor die Amerikaner ihr Potential auf dem westlichen Kriegsschauplatz würden entwickelt haben können, wirkte auf die innenpolitischen Machtverhältnisse zurück und brachte den Kriegsgegnern Renommeegewinn. Die politische Führungskraft der Kriegsgegner war eine Splitterpartei der SPD, die USPD um Liebknecht und Luxemburg. Sie hatte immer Antikriegspolitik betrieben und gewann zunehmend Vertrauen, allerdings auf niedrigem Niveau. Wir sprechen hier nicht von 30 oder 40% der Deutschen, sondern von höchstens 10%. Diese 10% waren aber laut.
Am 7. Oktober tagt in Gotha die Reichskonferenz der kommunistischen Spartakus-Gruppe. Sie glaubt, die Lage sei so, daß man zum Schlag gegen die Bourgeoisie und die mit ihr verbündete Sozialdemokratie ausholen könne. Eine Räterepublik nach russischem Vorbild sollte her! Die USPD wollte folgendes:



Verstärkung der kommunistischen Agitation im Feldheer;
Vorbereitung von Arbeiter- und Soldatenräten in den Städten und beim Heer (eine theoriebefreite Forderung, die auf revolutionäre Spontaneität setzte);
Zusammenarbeit mit den russischen Gesandten zur Koordination der revolutionären Zellen;
Demokratisierung (proletarische Demokratie, also Diktatur des Proletariats), dazu die Sozialisierung [1] (Volkseigentum) der Betriebe, ein Milizsystem (Volksbewaffnung).


Ende Oktober forderte der sozialdemokratische Abgeordnete Scheidemann, inzwischen zum Staatssekretär aufgestiegen, im Namen seiner Partei die Abdankung des Kaisers. Zentrum und liberale Parteien traten nicht dagegen auf. Der Kaiser fuhr ins Hauptquartier nach Spa und nahm sich aus der Schußlinie. Das Reich stand mit dem Rücken zur Wand, die Zustimmung zu den Forderungen Wilsons werden lauter: Man hoffte auf einen ehrlichen Frieden, den Wilson für den Fall der Annahme seiner Forderungen zugesichert hatte. Zugleich glaubten die Radikalen, daß die Zeit für die proletarische Revolution reif sei.
Während die einen auf den Bürgerkrieg hinarbeiten, wollten die anderen ihn verhindern. [2] Wilhelm konzedierte am 28. Oktober die vom Reichstag vorgeschlagenen Verfassungsänderungen:



die OHL geht auf einen parlamentarischen Kriegsrat über (General Groener);
Regierungsbildung und das Recht auf Kriegserklärung und Friedensschluß geht von der Krone aufs Parlament über.


Österreich-Ungarn streckte am 3. November die Waffen und unterzeichnete in Padua einen bedingungslosen Waffenstillstand mit Italien. Die Italiener drangen kurz darauf, über den Brenner kommend, in Bayern ein. Zugleich griffen Briten, Franzosen und Amerikaner im Westen die Hunding/Brünhildstellung an, was die in Spa sitzende OHL mit einem Rückzug der deutschen Truppen bis zur Maas beantwortete, die Antwerpen-Maas-Stellung. Es gab jetzt keine Perspektive mehr fürs deutsche Heer, die Übermacht war zu groß, die Lage aussichtslos. Es gelang der Entente jedoch nicht, die deutschen Linien zu durchbrechen, auch nicht, das deutsche Heer in ihr eigenes Land zurückzudrängen.
Parallel zu diesen Rückzugskämpfen fand in Kiel folgendes statt: Die Matrosen des 3. Geschwaders meuterten, setzten sich durch und brachten die Stadt hinter sich. Ein Arbeiter- und Soldatenrat [3] bildete sich, ein Fanal fürs kriegsmüde Reich. Alle größeren Städten folgten dieser, russischem Vorbild nachempfundenen basisdemokratischen Methode, die Verwaltung in die eigenen Hände zu nehmen, d.h. Nahrung, Heizmittel und Kleidung an Bedürftige verteilen, Kriegsgewinnler bestrafen und tagespolitische Fragen entscheiden. Die sozialdemokratisch geführte Reichsregierung dagegen wollte Ordnung und keine bolschewikische Revolution, aber gegen den Strom der kriegsmüden Deutschen wollte sie sich auch nicht stellen.



Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch solange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind. Er beabsichtigt, dem Regenten die Ernennung des Abgeordneten Ebert zum Reichskanzler vorzuschlagen. (Offizielle Erklärung des Reichskanzlers Max von Baden am 9.11.1918. In: Werner Beumelburg: Sperrfeuer um Deutschland. Berlin 1929, S. 523.)


Schließlich fand inmitten dieser Vorgänge noch eine dritte Ebene des Umbruchs statt: Wilson unterbreitete der Reichsregierung, daß die Entente nunmehr bereit sei, Frieden auf der Grundlage seiner vierzehn Punkte abzuschließen. Das Reich solle alle Schäden begleichen, die im Krieg entstanden sind und auf die Freiheit der Meere verzichten. Die Reichsregierung entsandte den Zentrumspolitiker Erzberger in seiner Funktion als Staatssekretär nach Frankreich, wo im Wald von Compiegne Erzberger am 7. November ein Waffenstillstandsabkommen mit dem von der Entente beauftragten General Foch unterzeichnet wurde.
9. November 1918: Generalstreik in Berlin. Rote Fahnen auf den Straßen. Es wird geschossen. Rote gegen alle anderen. Die Gefängnisse werden gestürmt und jedermann freigelassen. Hausbedienstete gehen gegen ihre Herrschaften vor, Offiziere werden die Schulterklappen heruntergerissen, wer sich wehrt, wird erschossen oder aufgehängt: Anarchie allenthalben. Die Sozialdemokraten erklären ihren Austritt aus der Regierung, treten mit den Soldatenräten und den Angehörigen der USPD zusammen und beratschlagen über eine neue Regierung des Volkes. Sie wollen das Heft des Handelns nicht den Roten überlassen. Die Rumpfreichsregierung erklärt gegen Mittag ihren Rücktritt und übergibt die Verantwortung an den SPD-Politiker Ebert, den Vorsitzenden der Partei. Um drei ruft der SPD-Politiker Scheidemann vor dem Reichstagsgebäude die Republik aus. Der Spartakist Liebknecht folgt kurz darauf, weist auf das Berliner Schloß, und ruft die sozialistische Republik aus.
Max von Baden verkündete, ohne eine entsprechende Nachricht von Wilhelm zu haben, die Abdankung des deutschen Kaisers und Königs von Preußen. Damit ist die Monarchie im Reich beendet. Der Kaiser zierte sich noch einen halben Tag, dann fuhr er von Spa aus ins holländische Exil, sein Sohn folgte ihm. Am 11. November, 12 Uhr mittags endete der Weltkrieg. Hindenburg führte die Truppen zurück ins Reich. Als die Polen schon bald nach Kriegsende nach deutschem Land griffen, ging er nach Kolberg und organisierte das Zusammenwirken der Reichswehr (von 11 Millionen Mann Kriegsstärke auf 150000 Mann Friedensstärke reduziert) und der Freikorps, um die Landräuber von Reichsboden zu verjagen.
In Berlin beratschlagten Sozialdemokraten und Unabhängige (Spartakus) über die Bildung eines Rates der Volksbeauftragten, der das kommunistische Revolutionsprogramm durchführen soll. Sie bildeten eine paritätisch besetzte achtköpfige Übergangsregierung und verkündeten drei Sofortmaßnahmen:



Einführung des Achtstundentages;
Wahlrecht für alle Männer und Frauen ab 20 und
Einführung der Versammlungs- und Pressefreiheit.


Zugleich drangen die Friedensbedingungen durch:



Räumung von Nordfrankreich (wurde bereits durchgeführt), Belgien (wurde bereits durchgeführt) und Elsaß-Lothringen (Protest);
Rückführung der deutschen Truppen innert 25 Tagen bis hinter den Rhein (Protest)[4];
Besetzung strategischer Punkte im Rheinland durch Entente-Soldaten (Protest);
Schaffung einer entmilitarisierten Zone bis 30 km östlich vom Rhein (Protest);
Aufhebung der Friedensbedingungen von Brest-Litowsk und Rückführung der östlichen Truppen bis zu den Grenzen von 1914;



Zuführung von 5000 deutschen Geschützen, 25000 MGs, 3000 Minenwerfern, 1700 Flugzeugen, 5000 Lokomotiven, 150000 Waggons und 5000 LKWs an Frankreich;
Auslieferung aller deutschen U-Boote, 6 modernen Panzerkreuzern, 10 Linienschiffen, 8 kleinen Kreuzern und 50 Torpedobooten neuester Bauart an die Entente.


Damit sind die beiden Hauptkonflikte der jungen Republik markiert: Auf der einen Seite der unbedingte Wille zur Demokratisierung, auf der anderen Seite die eben von den westlichen Demokratien verlangten Bestrafungen aller Deutschen, zumal diese Demokratien es nicht für nötig hielten, die Blockade aufzuheben und somit der Dauerhunger der Deutschen ins dritte Jahr ging. Auf der einen Seite eine deutsche Jugend, die mit dem Kriegserlebnis nationales und staatliches Denken nunmehr zusammendachte, auf der anderen Seite die in den Munitionsfabriken verschlissenen Heimatfrontler, dazu Raffkes und Weltrevolutionäre, denen Deutschland nur so viel galt, wie es in der Lage war oder gesetzt wurde, den Bauch zu füllen oder ihrem übernationalen Ziel näherzubringen. Beide Seiten waren politisiert, und die Fronten verliefen manchmal quer durch die Parteien.



Ereignis

Ergebnis nach Aktion/Reaktion


25.11.18: Treffen der neuen (sozialistischen) Regierungen der Einzelstaaten (Länder) des Reiches in Berlin
6.12.18: Zusammenstoß zwischen Demonstranten und heimkehrenden Garde-Frontsoldaten
die Sozialisierung des Reiches wird nicht durchgesetzt und soll den Beschlüssen einer zu wählenden Nationalversammlung vorbehalten sein
Feuergefechte mit zahlreichen Toten, meist auf Seiten der Deserteure, Urlauber und Arbeitslosen


16.12.18: Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin
25.12.18: weitere Zusammenstöße vor dem Berliner Schloß
90% sind für Konstituierung einer Nationalversammlung im Januar 1919
unentschiedene Kämpfe um die Macht in Berlin


November/Dezember: Bremen, Hamburg, Braunschweig, München sind weitere Zentren der spartakistischen Erhebung
werden bis Mitte 1919 von Mehrheitssozialdemokraten und heimkehrenden Soldaten niedergeschlagen


April 1919: Münchner Räterepublik
Mai 1919: Niederschlagung durch Reichswehr und Freiwilligenverbände



Die Novemberrevolution statuierte nach russischem Vorbild Arbeiter- und Soldatenräte und forcierte den im Krieg schleichenden Prozeß der Zerstörung sozialer Netze. Zudem vernichtete eine nie gekannte Inflation [5] über Jahrhunderte angehäufte Vermögen und kehrte das Unterste zuoberst. Die Deutschen erlebten eine Revolution in vielerlei Form, wie sie sie noch nie in ihrer langen Geschichte erlebt hatten, aber sie erlebten im Grunde keine nachhaltig politische Revolution. Die politischen Veränderungen blieben Strohfeuer, das Ganze mehr oder weniger bloß eine Revolte. Die Bolschewiken waren im Reich in der Minderheit (nicht mehr als 8-10%) und konnten ihr System der Räte nicht durchsetzen, zumal sie untereinander zerstritten waren und weder Liebknecht noch Luxemburg im verelendeten Volk die Anerkennung besaßen, die sie hätten besitzen müssen, um es zu führen. Ordnung war das Zauberwort.
Die Masse der Deutschen hatte die Abdankung und Flucht Wilhelms II. nach Holland eher als Erleichterung aufgenommen. Zahlreiche monarchisch gesinnte Kräfte unterließen es, einen Bürgerkrieg anzuzetteln, der es dem Reich noch schwerer gemacht hätte, einen ehrenvollen Frieden zu erreichen. Auf diesen Frieden hoffte man durch die Ausrufung der Republik, denn Wilson hatte diesen ehrenvollen Frieden versprochen, wenn die Deutschen sich eine demokratische Verfassung nach westlichem Muster geben würden. Und jeden Tag strömten Tausende abgekämpfte Soldaten ins Reich: hungrig, müde, wütend; die meisten ohne Perspektive, denn keiner wußte, was nun geschehen sollte.
Zugleich drohte dem Reich die größte Gefahr nicht aus dem Inneren, sondern durch die Folgen der Ergebnisse aus den Vorortverhandlungen bei Paris. Die Franzosen waren wild entschlossen, das Reich zu zerschlagen. Das aber wollten weder die Briten noch die Amerikaner, denn das hätte bedeutet, daß Frankreich fortan die Geschicke Europas lenken würde und die zahlreichen amerikanischen Erwerbungen im Reich unter französische Kontrolle geraten würden. Nebenbei meldeten sich in Versailles zahlreiche Alliierte und verlangten ihren Teil der Beute.



Der Index der Großhandelspreise hatte im Januar 1923 schon 2783 mal höher als 1913 gelegen und stieg bis Dezember 1923 auf das 1261-Milliardenfache des Standes von 1913 an. (Detlev Peukert: Die Weimarer Republik. S. 74. Darmstadt 1997.)



Aufgaben:



Fasse die fünf wichtigsten Ereignisse des November 1918 zusammen! (I)
Beschreibe das Verhältnis von SPD und USPD! (II)
Argumentiere zu ff. These: „Die SPD war gegen ein Rätesystem nach russischem Vorbild.“ Zieh weitere Quellen hinzu und formuliere ein Ergebnis! (III)
Inwieweit waren die harten Friedensbedingungen für die junge Republik schädlich? War nicht so erst die Chance für einen neuen Anfang vorhanden? (II)


[1] Die Ende des Krieges von einigen Professoren (Wilbrandt, Ballod, Neurath, Lederer) begründete Notwendigkeit der Sozialisierung industrieller Monopole fand keine ungeteilte Aufmerksamkeit. Schon im Dezember veröffentlichte eine dazu gebildete Kommission in der ADZ (Allgemeine Deutsche Zeitung) einen Staffelplan und riet an, beim Export, im Handel und bei der Lebensmittelversorgung auf Staatseigentum zu verzichten, dort einstweilen nicht einzugreifen und Besitzstände nicht zu vergesellschaften. - Damit war der bürgerliche Widerstand aufgerufen und hatte sich bald, auch angesichts der Wahlergebnisse vom Januar 1919, durchgesetzt. Es gab keine Vergesellschaftung von Privateigentum.

[2] Aus den „Erinnerungen des Kronprinzen Wilhelm“, S. 274-78, Stuttgart 1923, wurde ff. Dialog aus Spa bekannt. - Sicher ist, daß es starke kaisertreue Verbände im Heer gab. Der Kaiser verzichtete auf ihren Einsatz gegen die Aufständischen. Das Selbstbild des Kaisers basierte auf der Verbindung von Volk und Monarchie, nicht auf Machtbehauptung der Krone gegen den Willen des Volkes/Heeres.

[3] Die Konstituierung diverser Räte war zugleich ein revolutionärer wie konservativer Akt basisdemokratischer Willensbildung, die im Westen bis heute unbekannt geblieben ist. Revolutionär war die Spontaneität und damit verbundene Aushebelung der Kriegsverwaltung. Konservativ war das Ergebnis: Das Volk setzte hohe Offiziere resp. hohe Parteifunktionäre der SPD oder USPD diesen Räten vor, die gegen die Not arbeiteten, also keineswegs einen neuen Staat aufbauten. Den Soldatenräten dagegen standen nicht selten die bisherigen Ortskommandanten des Kaiserreiches vor, wie beispielsweise in Posen, wo General von Hahn (einer der Sieger von Tannenberg 1914) gewählt worden war, der bisherige Ortskommandant. (Er hielt sich allerdings nicht lange, zumal bewaffnete Polen Posen angriffen und im Dezember 1918 eroberten.) Insofern unterscheiden sich die deutschen Räte von den russischen Vorbildern, wo beinahe ausnahmslos Bolschewiken das Sagen hatten, die sich die Macht mit der Waffe errungen hatten, was Marx und Lenin auch theoretisch gefordert hatten.

[4] Zehn Millionen deutsche Soldaten (ohne die Gefangenen) mußten neu in die Zivilgesellschaft integriert werden, die mit dem Ende des Krieges keine Entlastung verspürte: Britannien hielt die Blockade aufrecht; 5000 Lokomotiven und 150000 Waggons fehlten für die Transporte des Lebensnotwendigen; es fehlte an Nahrung, Arbeit und Wohnungen… Es war den Revolutionären nicht gelungen, neue Strukturen zu schaffen; sie besetzten quasi die Spitze des alten Apparats und kamen nicht dazu, einen neuen Staat zu bauen. Hätten sie im Winter 1918 den alten Apparat zerstört, wie es möglich gewesen wäre, hätten das höchstwahrscheinlich Millionen Deutsche mit dem Hungertod bezahlt, denn der alte Apparat sorgte für die gewohnt zuverlässige Bürokratie, verteilte das Wenige, das die Siegermächte den Deutschen ließen; zudem grassierte die spanische Grippe (sie war keine Folge des Krieges), die ihre durch den Krieg geschwächten Opfer forderte - zirka 50 Millionen Menschen starben von 1918 bis 1920 weltweit daran.

[5] Inflation kannten die Deutschen nicht. Zwar gab es in früheren Kriegszeiten (etwa im Siebenjährigen oder Dreißigjährigen Krieg) historische Erfahrungen, aber die lagen so lange zurück, daß sie nicht mehr im kollektiven Bewußtsein westen, bestenfalls als Ahnung. Die deutsche Inflation begann mit dem Krieg und endete mit der Einführung der Rentenmark. Sie läßt sich in drei Phasen unterteilen: I. Kriegsinflation zwischen 1914 und 18 mit der Halbierung des Geldwertes am Ende des Krieges; II. Nachkriegsinflation zwischen 1919 und 21 mit einer vielfachen Inflationsrate und III. Hyperinflation zwischen 1922-23: am Ende mußte man 4,2 mal 1012 Mark hinlegen, um 1,00 $ zu bekommen.