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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Schlittschuhfahren



Kyra
23.04.01, 17:12
Schlittschuhlaufen


Harras hockte vor Wawa um ihr die Schlittschuhe zuzubinden. Marlies war schon auf dem holprigen Eis des Sees. Wawa beobachtete sie während Harras versuchte mit kalten Fingern einen Knoten zu lösen. Sie saß auf einer Parkbank am Ufer, dick verpackt in Anorak, Cordhose und Wollstrumpfhosen. Sie schlenkerte ungeduldig mit dem fertig angezogenen Fuß. Marlies hatte große Probleme auf dem Eis, immer wieder ruderte sie mit den Armen um nicht zu fallen. Wawa lachte lauthals als sie schließlich doch hinschlug. Harras hatte den Konten gelöst und band jetzt eine Schleife, nachdem er die überlangen Schnürsenkel zweimal um Wawas dünne Waden gewickelt hatte. Etwas wacklig stand sie auf, mit einer Hand auf Harras Kopf gestützt machte sie den ersten Schritt. Er versuchte den Kopf zu heben um sie anzusehen, dabei rutschte ihre Hand in dem Pelzfäustling auf sein Gesicht. Schließlich löste sie sich von ihm und stakste auf den See. Marlies kam ihr entgegen, die Hand ausgestreckt um sie zu halten. Unwillig schüttelte Wawa den Kopf mit den Zöpfen,
"ich kann das alleine viel besser".
Tatsächlich war Wawa schon nach wenigen Metern mit der höckerigen Eisfläche vertrauter als die Erwachsenen. Einmal fiel sie hin, aber dann hatte sie es begriffen. Sie musste nur schnell sein, so schnell dass sie über die Unebenheiten hinweg flog. Ohne sich nach Harras und Marlies umzusehen lief sie über den See, die Sonne stand schon tief und es waren kaum noch Kinder auf dem Eis. Einige Erwachsene liefen noch in weiten Bahnen durch die einbrechende Dämmerung. Eine Frau schob einen Kinderwagen über das Eis. Ein Paar klammerte sich erst lachend aneinander sah sich dann plötzlich in die Augen und verstummte. Wawa sah es im vorbeilaufen und wurde sehnsüchtig und traurig. Als sie nach ihren Begleitern Ausschau hielt, sah sie die beiden nah am Ufer ungelenk über das Eis stolpern. Sie blieb stehen und beobachtete sie einen Augenblick, bevor sie hinlief. Beide hatten sie ihre Knie steif durchgedrückt, den Oberkörper nach vorne gelegt und die Arme ausgebreitet. Gleich würden sie sich auch tief in die Augen sehen. Wawa stieß sich kräftig ab und rief laut Harras Namen während sie auf die beiden zu glitt. Ungebremst raste sie zwischen das Paar, klammerte sich an Harras und riss ihn fast um. Ohne Marlies zu beachten versuchte sie Harras Hand zu nehmen, rutschte aber mit ihren Fäustlingen ab. Harras hatte keine Handschuhe an, seine Hände waren noch blasser als sonst, alles Blut schien aus ihnen gewichen zu sein. Die dicken Adern die sich sonst unter ihrer Haut wölbten, waren fast verschwunden. Wawa liebte diese großen, mageren Hände. Die meisten Männer die sie kannte, hatten viel mehr Fleisch und Muskeln an Fingern und Handflächen. Harras hatte unter seiner jungen Haut die Hände einer alten Frau. Wieder versuchte sie seine Hand zu greifen aber es wollte ihr nicht gelingen. Schließlich nahm sie seinen Arm zwischen beide Hände und zog ihn hinter sich her. Über die Schulter rief sie Marlies zu,
"ich bringe erst Harras Schlittschuh fahren bei, dann ihnen."
Harras versuchte sich zaghaft aus dem Griff zu befreien, gab aber rasch nach und rief seiner Verlobten zu, dass sie gleich wieder da wären. Wawa zog den schlaksigen jungen Mann hinter sich her über das Eis. So gut er konnte versuchte er selber zu laufen, er war dabei auch nicht ungeschickt nur ängstlich. Wawa lotste ihn um die kleine Insel in der Mitte des Sees herum und blieb dann abrupt stehen. Schnell drehte sie sich zu ihm um und versuchte ihm in die Augen zu sehen. Einen kurzen Augenblick sah er sie an, wendete sich dann aber ab und lief alleine weiter. Wawa sah böse hinter ihm her, aber nahm dann die Verfolgung auf. Vor dem Ende der Insel hatte sie ihn überholt und ließ sich vor seine Füße fallen. Er stürzte schwer auf das Eis. Mit ärgerlichem Gesicht drehte er sich zu ihr um, als er sagte,
"was ist nur in dich gefahren, du hast mir richtig wehgetan"
Wawa saß neben ihm, hatte den Kopf gesenkt und sah ihn störrisch an.
"Ich wollte ihnen nicht wehtun"
Harras versuchte murrend auf die Beine zu kommen. Wawa boxte wütend nach ihm als sie viel zu laut sagte
"Entschuldigung, es war keine Absicht"
Sie hatte ihre schwarzen Augenbrauen gesenkt und blickte finster auf die Eisfläche.
Harras musste lächeln, als er sie so beleidigt auf dem Eis sitzen sah. Er streckte ihr die Hand hin als er leise sagte,
"komm jetzt, Marlies wartet und du wirst dich erkälten"
Wawa stieß mit dem Kopf nach vorne und biss in seine Hand. Ihre großen Zähne hatten sich in seine Daumenwurzel gegraben während sie fast unverständlich heraus stieß,
"Sehen sie mir in die Augen, richtig in die Augen"
Harras versuchte vorsichtig seine Hand zu befreien, aber sie biss sofort fester zu. Er sah sich vorsichtig um, ob ihn jemand in dieser merkwürdigen Situation sah. Mit unterdrückter Ungeduld in der Stimme bat er,
"Wawa, komm sei jetzt vernünftig, lass bitte los"
Er fühlte ihr leichtes Kopfschütteln an seiner Hand. Schulter zuckend setzte er sich schließlich zu ihr auf das Eis und sah ihr in die Augen. Sie fühlte ein leichtes zittern in seiner Hand als er ihren Blick erwiderte.
Wawa fühlte seine Augen in ihr Inneres eindringen. Sie fühlte Lust, Sehnsucht und Wärme in der eine Glut verborgen war. Nach einer Minute lockerte sich ihr Mund und ließ ihn frei. Übermütig vor Glück sprang sie auf und rief ihm im davoneilen zu
"Sie müssen mich fangen, los!"
Wawa war schon längst bei Marlies angekommen, als Harras sich näherte. Jetzt hielt sie die junge Frau am Arm und versuchte ihr zu zeigen wie man Schlittschuh läuft.

Kolja
24.04.01, 00:55
Am schönsten wäre es ja, wenn du mir deine Geschichten immer als Gutenachterzählung vorlesen würdest. Oder vielleicht noch zwei Stunden davor. Übrigens Kyra, bin ich der Leselupe und des Cafes jeweils innerhalb von 1 Woche so überdrüssig geworden, das ich da ab jetzt nicht mehr existiere. Aber hier, da ist es schön, hier bleibe ich. Und es war dein Tipp, Kyrakind. Selbstverständlich weiterhin alles Liebe.

K.

aerolith
27.04.01, 09:04
Ja, Kyra, Momente sind gelungen. Ich würde große Teile der Beschreibung des Bewegungsvorgangs streichen, dafür die Bewegung zwischen beider Augen stärker thematisieren. Das ist eine spannende Geschichte und zufälligerweise eines meiner Lieblingsthemen: Wär unser Aug nicht sonnenhaft, wie könnt die Sonne es je sehen... Und übers Auge geschieht mehr, als manches grünäugige Monster jemals einem rotäugigen zugestehen würde. Quintessenz: Schreib über diese Vorgänge. Was genau geschieht da.
Wenn ich meiner Freundin in die Augen schaue, dann hält sie das nicht lange aus; sie kommt dann und will Berührung. Bei meinen Kindern ist es ähnlich und doch ganz anders: Ihnen REICHT meine Hand, ein Streicheln. Was unterscheidet beider Kommen, was verbindet es? Ich denke, diese Fragen beschäftigen auch Dich.

Kyra
27.04.01, 09:20
Hallo Robert,


vielleicht hast Du recht, ich weiss nur nicht genau ob ich wirklich die Szene kürzen soll, oder die Beschreibung des Blicke intensivieren ?
Oder ist da die Umgebung unwichtig - Für mich kommt da zum einen die äussere kälte zum Tragen zum anderen die Kindlichkeit von Wawa. Dass sich Spiel und intensiver Blick nicht ausschließen! Wenn ich davon zuviel weglasse, wird dieser Augenblick der Intensität überbewertet. Oder ???????
Weil es dem Kind eben um ALLES geht.


Danke


Kyra

aerolith
27.04.01, 13:42
Das ist gut: WEIL ES DEM KIND EBEN UM ALLES GEHT. Vielleicht ist das ein Geheimnis des Älterwerdens, daß man selektiert, Dingen Namen gibt, die eine bestimmte Aufgabe besitzen. Der ganzheitliche Mensch verschwindet auf Kosten des Herausgerißnen. Ja, so stelle ich mir den Untergang des Abendlandes vor: eine Horde vernünftelnder homo sapiens sapiens, alle glattrasiert und selektiert, klare Aufgabenzuweisungen in einem funktionierenden Ganzen; das ist KEIN Menschendasein. Aber wir zielen darauf hin, oder?

Als Kinder erinnern wir uns des Augenblicks, da wir ganz bei uns waren, da wir die Welt als Ganzes nahmen und in der Liebe, da suchen wir diesen Augenblick zu manifestieren. Die Augen, d.i. das Tor zur Seele. Schreib darüber und benutz das Schlittschuhlaufen nur als dynamischen Aufhänger, also als Motivans.


Könnte eine schöne Kurzgeschichte werden. Wawa-Geschichten mag ich.