PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Nachtasyl



Lyrika
19.05.01, 12:05
der tag lag trüb in ihr, schwer und langweilig. es war schon gegen neunzehnuhr, die sonne senkte sich träge der dunkelheit entgegen, als sie nach hause kam. in der küche setzte sie kaffee auf. heißes wasser, porzellanfilter, melita. sie haßte kaffeemaschinen. im Bad ließ sie wasser ein, stellte ein glas und eine flasche bardolino auf dem kleinen ecktisch neben der wanne bereit. aschenbecher, cigarillos. handtücher und föhn. unterwäsche. badeöl mit cardamine und rosen. ladyshaver, pinzette, nagellack. alles lag bereit. sie ging zurück in die küche, nahm den kaffee, setzte sich ans fenster und dachte nach. was morgen sein wird? immer wieder kalkulierte sie die konsequenz ihrer tat. immer wieder ging die rechnung auf. einige varianten müßten korrigiert werden. die lust ist ein rohdiamant, sie bedarf dem richtigen schliff. sie selbst war ihr meister, der mann nur mittel zur bestätigung.
langsam erhob sie sich om stuhl, streifte gedankenverloren ihre kleider ab und säumte damit den weg zum bad. ein wenig musik. telemann. das wasser war heiß. langsam glitt sie hinein, wohlig empfing die hitze. und duft. sie liebte duft. einen moment verharrte die stille hinter ihren geschlossenen lidern. dann der griff nach einer cigarillo.
das glas füllte sich mit rotem saft. gierig trank sie ein paar schlucke. inhalierte tief. ihr blick glitt an dem körper hinab. diesem körper, in dem sie schon lange wohnte. die haut glatt, von vielen sonnen gebräunt. brüste, die sich voll aus dem wasser erhoben. wie zwei inseln, dachte sie. zu steil und glatt für ertrinkende. ihren zeige- und mittelfinger legte sie in die drosselgrube, dort fühlte sie den puls eines herzens. bedächtig glitt sie zwischen der schlucht ihrer brüste hinab. ruhte kurz auf dem bauch. glitt weiter zum schoß und streichelte behutsam ihre schenkel. ich bin gut. dachte sie. begehrenswert.


nach dem baden begann das ritual. abtrocknen. beine rasieren. einölen. wimpern zupfen. der spiegel gefiel ihr. er war ein freund der nicht log.
die augen untermalte sie mit dunklem blau, die lippen mit einem dezenten rot. chanel no. 5. unterwäsche reizvoll und schwarz. kleidung schwarz.
es war prickelnd, nicht zu wissen, wer's diesmal sei. am liebsten dunkelhaarig, blaue augen. schöner körper vorausgesetzt. ein schwimmer, kein ertrinkender. sie schlenderte los.


der nächste morgen war kalt. dumpf wachte sie aus dem schlaf. der raum war fremd wie der körper neben ihr.


erinnerung.
in einer bar stand er am tresen. attraktiv, mit einer dame plaudernd. sie setzte sich. bestellte martini.
rauchte. das spiel begann. blicke, die sich erst scheu haftend genieren. dann suche nach provokanz und tiefe.


annäherung.
die körper verstanden sich auf anhieb, sprachen diesselben worte. die lippen formten belangloses, nicht verstandenes. blauer dunst, der durch die klimaanlage abzog.
ein taxi brachte die beiden in seine wohnung. aufgeräumt. stilvoll. zum glück. sie haßte unordnung. er machte musik, öffnete eine flasche pinot. immer derselbe ablauf. dann der kuß. erst zurückhaltend, dann fordernd. die hände begannen zu fiebern, tasteten, fühlten. die zungen in erwartung. der ganze körper ein mund. eindringen und aufnehmen. lustvoll füllte ein atemstoß nach dem andern den raum. sie ging auf in diesem schönen körper. jedem zentimeter einen orgasmus. nach der endgültigen erfüllung sackte er neben ihr zusammen. stammelte liebesworte.


ein nächstesmal.
schlief ein.
der leib neben ihr bewegte sich, öffnete augen. ich muß gehn, bemerkte sie. die frage nach dem wiedersehn. die antwort im raum. ihre augen lagen kalt in seinen. eine umarmung. steife erregung an ihrem bauch. erneutes aufbäumen von körpern.
sie zog sich an. fuhr nach hause. kaffee. bad einlassen. arbeiten. dann ein anderes buch aus körper.


lesen erweitert den horziont. bestätigt die vermutung des geistes. er hungert in lust.

es ist ihr egal.

aerolith
19.05.01, 20:16
Einfache Geschichte. Einfache Struktur des Charakters. Langeweile ist Bestandteil dieses Charakters, der sich von Äußerlichkeiten gefangen nehmen läßt und Gefallen sucht, um sich zu finden. Irrglaube und Aberwitz. Gewöhnungsbedürftig für einen ohne Bedürfnisse, gewöhnlich bis zum Erbrechen. Keine Notiz wert, kein Wort dreht sich um sich selbst, nichts wird mitgerissen, die Hoffnung auf Beßrung stirbt aber zuletzt. Ich bin voll des Zorns auf minderbemittelte Geilheit, auf vordergründige Suchtbefrideigung, auf Oberflächlichkeit und Masturbation, weil eben der ANDERE nur benutzt wird. Das ist widerlich, Pornographie im üblen Sinne, denn der Mensch ist leer und zerrt einen anderen leeren Menschen ins Nichts. Wenn's denn gestaltet wäre als eine Erzählung mit reflexiven Elementen, mit Draufsicht, mit Abstand; gegen diese Beschreibung auf Kosten eines geilen Moments habe ich eben so einiges einzuwenden, vor allem jenes: Benutzung des Menschen. Der Mensch aber ist nie ein Mittel, auch eines noch so hehren Zwecks nicht. Sofern dieses Tabu gebrochen wird, bin ich auf der anderen Seite. Und, ich werde auch aufzeigen, warum diese Oberflächlichkeit sich bis auf den Gebrauch der Sprache durchschlägt, wie sich die Sprache im Angesicht der Oberflächlichkeit verzerrt und selber bestenfalls changierend und falsch wird/werden muß.
die lust ist ein rohdiamant, sie bedarf dem richtigen schliff. Unklar bleibt hier, in welchem Sinne diese Metapher betrachtet werden muß. Soll ich ROHDIAMANT im Sinne einer Nutzbarmachung zur Lusthebung bzw. -erfüllung hier verstehen oder als nur Mögliches mir vorbehalten, um durch die bloße Existenz des Wertvollen diese Ahnung als Lebensgut zu anderem zu nutzen; so ähnlich, wie man sich bei einem Kreditgeschäft nie ganz aus dem Fenster lehnt, nicht alles anzeigt und zu Geld macht, sondern Reserven behält, die man sorgsam pflegt und hegt? Es gibt hier keine Erweiterung des Gedankens; außerdem ist der Dativ falsch. Da muß ein Genetiv hin.
ein wenig musik. telemann. Das ist ein Klischee. Telemann? Assoziiere Händels Wassermusik; besser wäre es, ein wenig weiter hinauszuschwimmen und Bauerntänze zu wagen. Was weiß ich. Jedenfalls will ich nicht im Seichten waten müssen.


Ein paar Worte des Lobes noch: Schön sind die kurzen Sätze, Parataxen nennt man das wohl. Gelungen ist auch der Schluß. Der Schluß ist melodramatisch, aber nicht geschmacklos. Mir gefällt das dislozive Herauszögern, dieses Zögern im Sichzeigen. Das machen schöne Frauen gerne und mir behagt es außerordentlich. Da spürte ich zum ersten Mal, daß sich nicht nur Oberfläche gerieren wollte. Und darum bin ich so wütend am Anfang gewest, weil es mir immer so leid tut, wenn ich jemanden sich langweilen sehe, der doch keinen Grund hat, auf dem sich Langerweile spiegeln könnte. Der Widerschein Narziß.

Lyrika
19.05.01, 21:25
lieber mann...bezahle in naturalien, wenn die währung gilt.
die handlung ist reduziert. aufs wesentliche. die essenz ist klarheit.
ausnutzung. der trieb des geistes manifestiert sich im körperlichen. wir nutzen. körper gleich kapital. ich nenn es realismus. was hast gegen telemann?

rodbertus
19.05.01, 22:16
Ich hoffe, Du verwechselst hier NATURALIEN mit DIENSTLEISTUNGEN.


Körper ist kein Kapital. Nicht in den Sphären, in denen wir uns als Dichter befinden. Als postmoderner Schriftsteller allerdings muß ich ihn wohl als Sammlung depravierter und evolutionärer Zellen mit irdenem Sehnen betrachten, also seinen Begierden Abhilfe schaffen.


Ach ja, diese Weltenbummler, diese Suchenden nach dem Worte des Heils im Unheil des anderen. Ich gebe ihnen, den Wünschen und Trieben, auch gelegentlich nach, ich will es gar nicht leugnen: Wäre ich nicht ein schlechter Wetterer im Namen des HErrn, wenn ich's nicht wenigstens versuchte, andere nicht zu benutzen, sondern nur den faulen Pfuhl jetzt abzuziehen?
Über soziologische und politisch motivierte Verunstaltungen des Geistes rede ich nur ungern. Ist nicht mein Thema.


Klarheit forderst Du von Dir selbst? Oh, nein! Bitte alles, aber keine Klarheit. Ich schaue in klares Wasser. Nichts ist mir verhaßter! Kennst Du diesen Blick in klares Wasser?
Den Geist treibt wohl kaum etwas. Vielleicht wünscht er sich das gelegentlich. Es ist aber nur Materie, die getrieben wird. Geist bleibt bei sich. Geist greift aus, aber sehnte sich einst nach der Materie, nach dem fallenden Engel. Aber dann: besann sich der Geist ob seines Charakters und füllte aus. Und das ist sein Geheimnis, daß er eben ohne Materie leben kann, vielleicht auch ein Ei legen könnte, wenn er's denn wollte.
Doch jetzt schweife ich ab. Du bist so knapp in Deinem Worten, es gefällt mir, denn es regt mich an, mich zu entäußern. Hab Dank! Und eine gute Nacht, meine Liebe.

iodin
20.05.01, 10:27
warum kritisierst du den inhalt, robert? so was gibts, also kann man auch darüber schreiben. sogar wenns das nicht gäbe, könnte man darüber schreiben. das sagt ja noch nichts über die stellung des autors zum geschriebenen.
allerdings würde ich auch sagen, es gibt lohnendere themen; das hier scheint so typisch für kurzgeschichten zu sein, dass man es bald leid ist. aber "wenigstens" ist es sprachlich gelungen und gleitet nicht in kitsch und moralisieren ab. macht neugierig auf mehr, lyrika. schreibst du auch lyrik?

rodbertus
20.05.01, 10:52
Hab ich den Inhalt kritisiert? Hab ich das Thema kritisiert? Nö.


iodin, ich hab was gegen die Ausschließlichkeit, die ich auch nicht als Wirklichkeitsausschnitt akzeptiere, was ja gelegentlich als Gelegenheitsdichtung akzeptabel sein könnte. Und mir behagt die Thematisierung der Benutzung des Menschen nicht. Dazu müßte irgendeine Reflexion kommen, und wenn es eine Reflexion ist, die ich zwischen den Zeilen finden kann, dann soll mir das schon reichen. Aber ich habe da nichts gefunden, nur die Wollust beim narzißtischen Weihräuchern. Deshalb mag ich diesen Beitrag Lyrikas nicht.


Ich laß mich aber auch gerne belehren.

Lyrika
21.05.01, 07:16
das thema hast Du beurteilt. in aller einfachheit. nicht wertfrei.
frau. langeweile. geil. narzißstisch.
männer ausnutzend.
dies schob ich Dir in den mund. du hast brav geschluckt.


der schluß melodramatisch? Du entdeckst einen widerspruch. läßt ihn nicht zu.
einfach strukturierter text. das motiv verwaschen. wenn das wasser klar ist, muß es der grund nicht sein.


es war nur eine notiz.


iodin: auf der rückseite steht die lyrik :liebe:

Juleika
21.05.01, 11:56
naja...von der thematik her ein etwas langweiliger text. vom handlungsablauf ebenso. ob die dame es aus langeweile so praktiziert glaub ich weniger.
mir kommts eher vor, daß sie in die männerrolle geschlüpft ist? ... :augenroll:


und lyrika: erzähl mal was von dem verwaschenen motiv. vielleicht wirds da ein wenig spannender?


vom schreibstil her ganz passabel.


schönen tag noch.

Lester
21.05.01, 12:33
...ich bin leser, kein germanist, beurteile die texte danach, ob ich sie kaufen würde. Würde ich diesen text kaufen? Nein, würde ich nicht. Warum nicht? Warum sollte ich? Ist der text spannend? Nein. Wird was neues erzählt? Nein. Ist die art des erzählens originell? Nein? ärgert mich etwas an dem text? Nein. Was ist mit den charakteren: sehe ich sie vor mir? Nein. Leben die figuren? Nein. Ich wende den text hin & her und esse mein brötchen dabei, dann sehe ich, dass mein Schuh offen ist, ich leg den text hin, binde die Schuhe zu und habe den text vergessen.


Lyrika: nicht ärgern, ich versuch nur ehrlich zu sein. Manchmal hilft es - mir.

Daphne
22.05.01, 23:08
liebe lyrika...


ein stilleben...ein worttableau, daß Du mir bietest. kennst roy liechtenstein? die frau in der badewanne?
einfach strukturiert und doch läßt die hintergründigkeit nicht warten.
der ablauf gestaltet sich perforierend in der einfachheit. klar schält sich das motiv aus vordergründiger absicht.


mir gefällts, sei gegrüßt lyrische...hier

rodbertus
05.01.03, 12:47
Eben dadurch wird es zu plastisch, daß es sich dann eben DOCH zeigt.


Vorwurf des Ueberanschaulichen bleibt.


Sonst aber gibt es hier wenig zu meckern, ein grundsolide Sanftheit macht den Charakter des Textes aus. Und Sanftes wird hier zu selten gegeben. Vielleicht auch, weil der Obermeier grob veranlagt, gern schlägt, bevor er streichelt.

nelene
05.01.03, 15:07
Hallo,


der Text ist nicht schlecht, er eignet sich f?r einen Tagebuchausschnitt, wobei mich dieser Stil - ehrlich gesagt - schnell erm?den w?rde.


Allerdings finde ich es schade, dass die Groß- und Kleinschreibung hier nicht berücksichtigt wurde. Das kann zu einer Leseanstrengung führen, zum Stolpern und Ungenauigkeiten, wie zum Beispiel hier:



...chanel no. 5. unterwäsche reizvoll und schwarz. kleidung schwarz.


Klingt, als sei Chanel No 5 nunmehr ins Damenunterwäschegeschäft eingestiegen.


Ansonsten finde ich, braucht der Text gar nicht mehr Handlung - es reicht, dass man einen Blick hinter die Kulissen bekommt und dabei direkt in einen Abgrund schaut.


Interessieren würde mich, in welchem Zusammenhang der Text entstanden ist.


Einen freundlichen Gruß,


nt

Lyrika
05.01.03, 16:40
es war damals ein Tagebuchauszug einer wie ich angab anderen Person. Man belädt gerne fremde Wesen um gegenüber dem Eigenen Distanz zu schaffen und sich zu entlasten. Nur so gelingt durch Vereinfachung ein klares Bild, daß sich von der verschleierten Motivation abhebt und ohne Ursache scheinen mag. Doch alles was ohne Ursache (ohne Zusammenhang) scheint, ist wohl besonders be- oder verurteilenswert. Die Causa erst schafft Verständnis und zeigt den Weg aus der Wirkung heraus retrospektiv zu der eigentlichen Motivation hin, die ja nicht in der fremden geschaffenen Person, sondern im entfernten Selbst liegt. Für mich waren diese Frau und ihre Sätze Ventilation, Geschehnisse zu überarbeiten und Klarheit zu schaffen. Darüberhinaus zu eruieren, inwieweit dies Benehmen determiniert und wo der freie Wille geblieben war. Denn glücklich war sie nicht.


Roberts Gefühl, in all diesen Worten eine grundlegende Sanftheit zu spüren, hat mich aufmerken lassen. Ja, sie ist wohl da, doch eher sanfte Melancholie, Traurigkeit, die nicht jeder aufzuspüren vermag.
Es gibt noch viele solcher Texte.


lieben Gruß an euch Beide


lyrika

resurrector
18.12.18, 07:28
Das will ich gern glauben, daß es viele dieser Texte gibt. Habe heuer einen langen bekommen, per email. Verarbeitungstexte des Lebens. Aber diese Notizen geben sich selten mit literarischer Qualität ab. Sie sind Dienstleistungen für ein geschundenes Gemüt. Ich bin nicht Voyeur genug, um mich daran zu erfreuen und nicht Therapeut genug, um hier ein Aufgabenfeld zu wittern.