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uisgeovid
02.03.03, 15:52
Bei mir zu Gast


Neulich, als ich von der Arbeit nach Hause kam,
erblickte ich in meinem Wohnzimmer
den Tod auf dem Sofa.


Ich stutzte,
ließ mir jedoch nichts anmerken.


Ich sei erfreut, seine Bekanntschaft zu machen,
heuchelte ich,
hätte aber im Moment keine Zeit,
mich ihm ausführlich zu widmen,
wie es die Gastfreundschaft gebiete.


Oh, er wolle sich auf keinen Fall aufdrängen,
fiel er mir gelassen ins Wort,
sitze auch nur spaßeshalber auf meinem Sofa,
obwohl er schon Lust hätte,
noch ein wenig zu bleiben,
wippte dabei in den Polstern,
streifte artig seine Kapuze zurück
und klopfte einladend auf die Kissen neben sich.


Ich ließ mich also überreden
und kochte schnell Kaffee.


Er trank ihn schwarz,
aber mit viel Zucker
und löste sich auf
nachdem wir eine geraume Weile
über Gott und die Welt geredet hatten.


Im Zimmer wurde es merklich kühler.

Gegenströmung
02.03.03, 16:56
Er trank ihn schwarz,
aber mit viel Zucker
und löste sich auf
nachdem wir eine geraume Weile
über Gott und die Welt geredet hatten.


Lieber uis,


du weisst, ich bin keine Literaturkritikerin (und eigne mich auch nicht dazu)... aber ich denke auf meine Art dennoch herzlich gerne über Inhalte nach. Meine Bemerkungen sind also nur auf Inhalt, nicht auf Sprache gerichtet:


Auch Zucker löst sich auf. Zucker als gelöste Süße, die der Tod bringen kann. Bringen will. Erlösung aus der Polarität.
Es löst sich also Zucker (Süße) ebenso in der Schwärze (beides: Tod und schwarzer Kaffee) auf, wie "der Tod", der auf deinem Sofa saß (der vielleicht in deine Seele für einen Augenblick kroch).


Dass "dein Tod" Gelassenheit zeigte, spaßig aufgelegt war und dazu einladende Gesten machte, zeigt eine gewisse "Annäherung" zwischen euch beiden, die - trotz verständlicher Heuchelei deinerseits über sein Kommen - schon etwas Gelöstes (Zucker, Süße) haben. Wie ist dein wirkliches Verhältnis zu Sterben und Tod? Diese Frage stand am Ende des Lesens...

Trist
02.03.03, 20:16
Lieber Uis,


für mich ist das ein Prosatext, eine aphoristische Geschichte, kein Gedicht, keine Lyrik. Die Zeilenumbrüche und Stropheneinteilung läßt darum keine Formwahl erkennen sondern sind Atempausen, mehr nicht.


Dennoch mag ich den Text. Wichtig hier der Titel, er assoziiert auch ein "Ich bei mir zu Gast".


Du hast hier einen Tod, nicht DEN!, weggegrinst. Sowas geht tatsächlich. Denn einem Ende mit Zucker, Gespräch und Lächeln zu begegnen ist die Art der hoffenden Menschen.


Lieben Gruß von
Trist

Hannemann
02.03.03, 23:28
Ich muß mich über uis ehrlich wundern. Bisher war er herzlicher Mensch, doch in letzter Zeit wird er noch menschlicher. Er entwickelt eine Betrachtungsweise, weg von vorgeschriebener Form, die, meiner Ansicht nach, viel mit abgeklärter Weisheit zu tun.


uis, ich freue mich über diesen, Deinen Weg. Nimm den Tod ruhig als Kumpan, er wird sicherlich eins mit Dir sein. Und laß die anderen Heiden toben, denn sie haben nicht Deinen Glauben.






[Diese Nachricht wurde von Hannemann am 02. M?rz 2003 editiert.]

rodbertus
04.03.03, 19:30
Hier gehst Du schlampig mit den Möglichkeiten um. Der Tod kuschelt's sich so recht warmherzig ein. Nein nein nein. Das macht er nicht. Der Tod ist der Feind der Liebe und des Lebens. Der Tod kuschelt nicht.

Ich würde eine solche Situation mit einem lachenden und weinenden Auge annehmen. Da ich an das ewige Leben glaube, wäre der Schrecken nur ephemer. Zugleich aber fühlte ich in seiner Nähe meine Ohnmacht. Streben wir nicht nach dem Fertigen und müssen den Tod darum als einen Unterbrecher wahrnehmen?

uisgeovid
04.03.03, 21:01
Den Text werde ich weder kommentieren, noch in irgendeiner Weise richtigstellen. Ich sage nur, er ist entstanden durchaus anders als andre Texte...aber das wäre ja noch schöner, wenn jeder Text auf dieselbe Art und Weise entstünde. Zu den Kommentaren: Hannemann trifft es als einziger im Kern...mögen die Heiden toben...ja, Hannemann, hab Dank für dieses Wort aus den Psalmen.


herzlichst uis

Mr. Jones
28.03.03, 02:04
der tod als freund. hast recht, uisgeovid, warum nicht.


ich wills vorweg sagen, ich hab den anderen kommentaren recht eigentlich nichts hinzuzufügen. es ist so, dass auch ich "bei mir zu gast" gern gelesen hab, gern trotz, nein, vielmehr wegen der schlichtheit des textes, der übrigens auch mehr prosa denn lyrik ist. und es hat einen plot, das ganze: es ist der letzte satz, der hier entscheidet und, scheinbar paradoxerweise, eine positive stimmung hinterlässt. das ist immer schön.
das "ich" des textes, es hat ein freundliches lächeln übrig für den tod. und ich für diesen text, auch nach mittlerweile mehrmaligem lesen.


dear greetings,
Mr. Jones

Lester
28.03.03, 07:35
Original erstellt von uisgeovid:

Im Zimmer wurde es merklich kühler.



..stutzte darüber: ist das nicht eine Eigenschaft des Gottseibeiuns (siehe Adrian Leverkühn) denn des Gevatters?


Lester
*ratschlagend*

Laisa
31.03.03, 14:44
"Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern

und hüte mich, mit ihm zu brechen.

Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,

so menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."


Lieber Uis, Du erwartest nicht, dass ich meine Wertschätzung Deiner Literaturarbeit hier mit Nettigkeiten verwässere. Du hast Dir in Deiner Anekdote mit beiläufiger Leichtigkeit den steinernen Gast auf Sitzkissengröße zurechtgeschrieben (oder weggegrinst, na nicht ganz). Altersweisheit? Der Dämon fürchtet sein eigenes Antlitz, heißt es.



Mögen die Heiden toben!
Mir Heidin ist jener erleuchtete Eifer im Preisen leider nicht gegeben, wie ihn die Psalmen unerschütterlich herunterbeten. (Nachlesen lohnt sich.) In dem immer wiederkehrenden Lobet ihn! h?re ich sehr deutlich das Errette mich!
So fällt meine Wahl denn aufs Toben:


Und toben die Donner droben,
und sieden die Bäche und Teich.
Es neigt mein verletzliches Auge
Sich stürzenden Sternen gleich.


Hochachtungsvoll
Laisa

resurrector
19.01.19, 11:42
Dieser Ordner ist unfertig. Ein Gespräch über den Tod ist hier nur angefangen. Ein Gespräch über Tod und Religion könnte folgen,. aber das müßte der Ötzi schon leisten. Doch er wolle nicht, wie er weiter oben schrieb. Bizarr.