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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Mein Vater liest



Trist
21.06.03, 21:29
Mein Vater liest


An trüben Sonntagvormittagen
Seh ich ihn lesen
Die Füße auf dem Tisch


In einem dicken Buch
Der Einband grün
Aus dem er lacht, laut
Auf eine neue wundervolle Weise


Ich gäbe viel für dieses Buch
Ob es Tucholsky war?
Nein, der lacht aus Rot

Hannemann
22.06.03, 01:05
Hallo Trauerklößchen,


ich vermisse schmerzlich vernünftige Interpunktion. Als ich zu der Stelle kam, da der gute Vater aus dem grünen Einband las, war ich amused, folglich abgelenkt. Fluß meines Denkens: Wie lacht Vater sonst? Folglich für Deine Schlußabsicht nicht mehr bereit: T. lacht aus Rot. Schröder auch, noch.


Doch Einbände sind auch Grenzen. Alles hat...

Trist
22.06.03, 01:09
Liebster Hannig,


bin gerade noch wach.
Was ist vernünftige Interpunktion in Lyrik? Was wäre also folglich unvernünftig?


Spannendes Thema, und den Schröder lass mal raus aus diesem Ordner!


Lieben Gruß von
Trist

uisgeovid
22.06.03, 10:00
Liebe Trist,
nach allem, was ich weiß... ein Gedicht, das so geschrieben werden musste und nicht anders.


herzlichst uis

aerolith
22.06.03, 10:05
Was mögen die Farben bedeuten? Also, wenn ich mich semantisch um Rot und Grün bekümmre, dann liegt im kalten Rot - Rot ist für Esoteriker und auch in Goethes Farbenlehre eine kalte Farbe! - keine Hoffnung, keine Erweckung und keine Heimat. Das korreliert also nicht mit dem Vater, dessen Bedeutungsumfeld ja eher auf geistige und zuweilen auch emotionale Heimat, Erziehung und Wertevermittlung abzielt.


Und dann Grün. Grün ist weicher und einvernehmlicher, korrespondiert mit Rot, ergänzt, was Rot nicht hat. Grün, der Smaragd, steht für die Kraft der Hoffnung, schließlich kam Blau hinzu, für erdentiefe Verbundenheit, die hoch hinaus will, einen Bogen spannt, den Verstand und Herz gleichermaßen an seinen Enden bilden. Bilden müssen. Du verwirfst aber beides.


Ich werd nicht recht schlau aus diesen Verbindungen, zumal ich den Vater hier verloren habe. Er verliert sich im Text. Der heißt doch aber: MEIN Vater liest. Wo ist das lyrische Ich? Zwei Mal steht es da, einmal in Form einer Hoffnungsschelte (Konjunktiv!), eingriffslos in den Kontext, zum anderen passiv, scheinpassiv - Ich Seh Ihn... --> er tut etwas, eigentlich. Da Sehen könnte sich aber nun mit dem Glanz/Abglanz der Farben verbinden lassen.


Also, Trist, daß ist mir hier alles zu undicht. Eine hübsche Idee, aber nicht durchgeführt.


Zur Zeichensetzung, Form und Interpunktion habe ich jetzt gar nichts gesagt.

uisgeovid
22.06.03, 11:12
Tja, die Farbenlehre... die bringt hier wenig. Warum schaut niemand auf Zeile sieben? Das Wort "neue" hier... das ist die Achse, das ist der Grund für dieses Gedicht. Ob man nun mit dem Klempnerkasten oder sonstigen Werkzeugen herangeht, das ist egal, wenn man's nit versteht. Aber Verstand ist manchmal eher hinderlich bei Lyrik. An andrer Stelle ist er schon vonnöten, da setzt man ihn dann lieber nicht ein, weil er aussetzt oder so.
Und zu der Anwesenheit des lyrischen Ich: Robert, auch wenn Du es nit verstehen magst, es manifestiert sich in dem Wort "neuen", weist auf seine und des Vaters Vergangenheit und blickt von der Gegenwart des Gedichts nun auf sich selbst. Daher ist auch der Titel präsentisch und gerechtfertigt und treffend hier, weil er mich mitnimmt zu dem Punkt, an dem alles "neu" begann.
Ich bleibe dabei: Das Gedicht kreist um das Neue, das galt es zu verdichten anhand des Alten, des Althergebrachten.
Klapp also Deinen Gedichte-Werkzeug-Bastelkasten wieder zu, lieber Robert, und geh spielen damit auf den Wiesen, wo die wilden Texte von Schrift-Stellern wachsen. Da kannst Du dann als gelber ADAC-Engel reparieren und schweißen und Rahmen anfertigen. Hier aber beißt Du Dir die Zähne des Engländers aus, überspannst die Muttern und löst Drähte und Schrauben, die mit dem Arbeiten des Motors wenig zu tun haben. Geschäftigkeit für die Galerie.


herzlichst uis

Lester
23.06.03, 07:08
..nun ja, Farben im Gedicht, auch wenn das ausgestanden und vereinbart wäre, dass derartige Wortklischees besser beim Optiker oder Augenarzt ihr Unterkommen finden sollten (um mal wieder GB zu zitieren...) hier hat es durchaus sein 'Unterkommen', da weiß man, er könnte lachen über Spoerl, und man schmunzelt mit. Danke für den Hinweis, uis, so bekommt der Wellenschlag Tiefgang, und man weiß nicht wie.

rodbertus
23.06.03, 07:16
Ich könnte mir über das NEU die Welt des Gedichts neu aufbauen. Ja, das ist möglich.

Seemann
23.06.03, 16:33
Jetzt weiß ich. Die Farben "Rot" und "Grün" stehen für Backbord uns Steuerbord, Ihr Nasen. Das ist ein nautisches Gedicht.

Trist
23.06.03, 16:37
Stimmt, lieber Seemann, ein nautisches Gedicht, das beinah in Seenot geraten wäre, aber von Uis an einem Wort, so gerade eben noch aus dem flachen Wasser gefischt wurde.


Habt Dank!


Lieben Gruß von
Trist

resurrector
08.02.19, 17:08
Rat doch mal mit Rosenthal! Ein Rhizom. Wer schreibt heute noch Rhizome?