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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Hauch



sklerus
28.08.00, 11:42
hauch


noch fließen
sehnen recken
traumwolken nach


und münden
lichter wellen
im morgengrauen


dir

aerolith
28.08.00, 19:47
Ein kleines Gedicht, das mir ganz nett daherzukommen scheint. Es bleibt aber nicht.


14 Worte statt vierzehn Versen, eine Einrahmung, eine korrekte Einteilung je Vers. Die Form ist bedenkenswert, des Denkens wert. Keine Ausflutung, kein Anhalten, kein Ausharren, eine Biedermeyerkommode ist das. Ich mein es gar nicht mal so abwertend. Ein bißchen vielleicht. Denn mir gefällt nicht, daß Du über der Einhaltung zur Form vergessen zu haben scheinst, daß die Form sich den VORHANDENEN Inhalt transponibel macht. Und hier? HAUCH fließt, SEHNEN reckt (?) WELLEN münden (?); jenes sind allesamt Verbzuweisungen, die stutzen machen. Ich halte mich bei den Sinnträgern nicht auf. Gebeugte Formen, ein genau zu fassendes Ich? Fehlanzeige. Und ein pointierter Sinn? Fehlanzeige.


Der Text schwebt nicht, aber er versetzt den Leser in den Zustand, so daß er sich einen Schwebezustand vorstellen könnte. Darob ist er nicht mißlungen, aber er ist ein wenig grämlich.

confusius
29.08.00, 10:53
grenzenlos effizient. so liebe ich das :gurke:

sklerus
29.08.00, 11:45
Es ist Deines, Confusius. - F?r unsere Zeit, f?r unseren Traum.

Hallo Robert, ich bedanke mich für die ausführliche Auseinandersetzung mit meinem Text.


Es bleibt aber nicht.


Es soll gar nicht "bleiben", es thematisiert Verwehen, kein schmerzhaftes einschneidendes Vergehen - sondern ein Fortgetragenwerden im lauen Wind und kein Entrissenwerden vom Sturm. Eher ein leichtes wehmütiges Streicheln weil etwas vorbei - aber nicht am Ende ist. Wie sollte es also einen tiefgreifenden Eindruck im Sinne eines Einschnittes oder einer Pointe hinterlassen können, das widerspräche seinem Wesen. Es ist nicht greifbar, nur ein zart wehmütiges Sehnen.


14 Worte statt vierzehn Versen, eine Einrahmung, eine korrekte Einteilung je Vers. Die Form ist bedenkenswert, des Denkens wert. Keine Ausflutung, kein Anhalten, kein Ausharren, eine Biedermeyerkommode ist das. Ich mein es gar nicht mal so abwertend. Ein bißchen vielleicht. Denn mir gefällt nicht, daß Du über der Einhaltung zur Form vergessen zu haben scheinst, daß die Form sich den VORHANDENEN Inhalt transponibel macht.


Oh nein - das habe ich nicht vergessen, Robert. Weich und leise wollte ich sprechen und harmonisch.


Und hier? HAUCH fließt, SEHNEN reckt (?) WELLEN münden (?); jenes sind allesamt Verbzuweisungen, die stutzen machen.


Die Überschrift ist eine Charakterisierung eines Textes - und nicht unbedingt direkt dem ersten Vers zuzuordnen - oder sehe ich das falsch? Der Leser mag zuweisen wie er will, denn "ich" ist nicht konkret geworden, hat mit Bedacht auf Kommata und Groß- und Kleinschreibung verzichtet.


Ein Beispiel?


noch fließen,
sehnen, recken -
Traumwolken nach.


noch fließen,
Sehnen recken -
Traumwolken nach.




So hätte ich wohl zuweisen können - hat ich aber nicht - und es gibt noch mehr Möglichkeiten.


Ich halte mich bei den Sinnträgern nicht auf. Gebeugte Formen, ein genau zu fassendes Ich? Fehlanzeige. Und ein pointierter Sinn? Fehlanzeige.


Eben, eben, lieber Robert.


Der Text schwebt nicht, aber er versetzt den Leser in den Zustand, so daß er sich einen Schwebezustand vorstellen könnte. Darob ist er nicht mißlungen, aber er ist ein wenig grämlich.


Meiner Ansicht nach kann ein Text nicht schweben, sondern im Höchstfall geneigte Leser in den Zustand versetzen, dass sie sich einen Schwebezustand vorstellen.


Wichtig sind doch die Bilder die ein Text wie dieser, der keinen anderen Anspruch hat als einem Gefühl Ausdruck zu verleihen, im Leser hervorrufen kann.

confusius
29.08.00, 12:18
ich danke Dir.

iodin
29.08.00, 14:59
also ich mag`s, vor allem die erste strophe - die zeilensprünge, die den sinn anhalten:



noch fliessen sehnen,

recken traumwolken nach


das ergibt ein anhalten, ein schweben? ja, warum nicht. ich schwebe.
die 2te strophe fällt etwas ab, finde ich. da kannst du vielleicht noch etwas besseres finden - v.a. "morgengrauen" ist ein bisschen sperrig in so einem kurzen gedicht.

aerolith
29.08.00, 16:15
Doch, ein zusammengebundenes Wort kann schweben/schweben machen. Beides. Darüber würde ich gern ein wenig mit Dir schwätzen. Du scheinst mir nicht unbedarft und neutronenbitter daherzukommen. Und eine sachliche Auseinandersetzung wird stets nur unter Freunden oder Gleichgesinnten ein Streit unter Freunden bleiben können. Versuchen wir's!


Die Überschrift: Du möchtest keine Verbindung zum ersten Vers? Ich staune.


HAUCH ... NOCH FLIEßEN Das Hauchen, als erstarrtes Verbum genommen, dagegen ein Fließen, kleingeschrieben und rein wie unbeschrieben, beides ergänzt sich aufs wunderbarste. Wenn Du jetzt behauptest, Du hättest hier keinen Zusammenhang im Leser assoziieren wollen, dann muß ich mich schon sehr wundern. In mir wirken diese beiden Antipoden -Erstarrung und Entstarrung- recht behende zusammen.


iodin meint, die zweite Strophe fiele ab. Ja, sie ist schon durch dieses UND, eine Konjunktion zwar ersten Ranges, hier aber beinahe mit einer Wirkung, die Nachgestelltsein evoziert. Und so kann man bloß fallen. Vielleicht nach oben, aber man ist doch schon oben in den Traumwolken. Also fällt man. Zu den Wellen, hier aber wäre ein Abtauchen dann zwangsläufig, so das Ausmessen des Wahr-Genommenen mehr als Erwachen im DirDur des Morgens ausmachen kännte. Der Morgen danach ist immer Moll (moll). Das dir stört mich, weil es kleingeschrieben ist.
Aber iodin hält wie ich das Schweben fest. Und darauf sollte es doch mit diesem schönen Gedicht getan sein. Nächstmals halten wir ein wenig stärker drauf, wenn wir dann schon fallen sollen, oder?