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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : The Rolling Stones - Erinnerungen und Übersetzungen



Hannemann
03.01.03, 16:06
TIME IS ON MY SIDE


Neujahrsnacht, ich, im schlichten grauen Cashmeresakko mit bordeauxroter Fliege von Toni Gard, hielt den Vorsitz an der Familientafel. Wir hatten vorzüglich gespeist - Taubenkotelettes auf lauwarmen Artischokkensalat, danach Seewolf an Safran-Fenchelgemüse -, nun plauschten Kinder und Enkelkinder über Weihnachtsgeschenke, Verwandtenliebe, Krieg und Frieden. Mit einem Ohr lauschte ich dem Tratsch, das andere wurde von einem Alleinqußler mit Wuiselgesang und japanischer Elektronik malträtiert, der in dem vollbesetzten Promilokal tanzwütige Opfer suchte und fand. Männer im zu engen Smoking drängten ihre hochglanzgestylten Begleiterinnen zu modernen Weisen wie "Wenn auf Capri die rote Sonne" oder "Was machst du mit dem Knie?" schwitzend über die Tanzfläche. Darauf die Polonäse durch Blankenese, Stimmung!
Das edle Volk war es zufrieden, ich keineswegs. Wenigstens brauchte ich nicht zu tanzen. Auffordernde Blicke des holden Wesens an meiner rechten Seite ignorierte ich mit Knurren: "Nicht zu dieser Musik, NIEMALS!" Sollten sich ältere und jüngere Trottel an dem Gedudel von Schuricke, Peter Maffay "Hübär siehieben Brühücken muttu gehn" und Doofi Deutscher "Marmor, Stein und Eisen kotzt" befriedigen, ich bin Mitglied einer Generation, habe einen Ruf zu verteidigen. Und was für einen, ich bin ein Rolling Stone!
"Opi, warum tanzt du nicht mal?" Lisa, mein Enkelkind, und die andere Bagage stimmte hinterlistig ein. "Au ja, nur ein Tänzchen, das tut dir gut nach dem Essen. Kannst ja auch ganz langsam machen!"
Altes Eisen? Das mir, dem besten Tänzer der Schwabinger Zeiten? Ich würde es ihnen zeigen und sie danach enterben! Innerlich rief ich meine Knochen zu Hilfe, stand auf, näherte mich diesem Solomusikus, gab ihm ein Eurovermögen, ballte die Faust - ruhe auf den billigen Plätzen! -, stieß den rechten Arm zum Himmel und...


"Wir schrieben den Song in Tampa, Florida, am Pool. Es war Keiths Idee." Mick, Rolling Stone, Oktober 1968


SATISFACTION! Mein Fühlen, mein Leben, meine Grabinschrift! "I can't get no?!"- auf immer mein Tanz!


"Ich hielt nicht viel von Satisfaction. Als wir den Song aufgenommen haben. Wir nahmen eine Mundharmonika dazu und dachten der Titel sei gut für eine LP oder eine B-Seite." Keith, NME, 3. September 1965


Die Stones hatten mich geschrieben. Ich glaube, ich werde das meinen Enkelkindern und euch erklären.




Wird fortgesetzt.

Trist
04.01.03, 00:07
Lieber Hannig,


die Steine sind alt. Zigmal gespielt, zigmal bedacht. Sie langweilen mich, ich war auf ihrem Konzert in Hannover - ich glaube es war 2000 - und war entsetzt! Es gibt so viele neue, gute Musiker die gute, neue Musik machen. Warum für die Alten schreiben?
Hör dich um! Ich meine es würde sich lohnen.


Lieben Gruß von
Trist

Hannemann
05.01.03, 18:22
Liebstes Trauertröpfchen,
für mich verkörpern die Stones alles, was am Rock`n`Roll aufregend und dekadent.


Nun laß mich mal, es gibt Verbindungen, und die möchte ich schildern.


Welche neuen GUTEN Musiker?

THE MAN THAT BROKE THE BANK OF MONTE CARLO


Michael Philip Jagger erblickte am Montag, den 26. Juli 1943 in Dartford, Kent, das Licht der Welt. Sternzeichen Krebs - natürlich, was sonst! Er ist also ziemlich genau ein Jahr jünger als ich, dafür schaue ich besser aus.


Joseph Hobson Jagger - genannt Monte Carlo Jagger -, ein entfernter Verwandter von Michael Philip, wurde lange vor diesem zur Legende und sogar in einem Lied verewigt. Nachdem er Unregelmäßigkeiten im Lauf der Rouletteräder bemerkt hatte, beobachtete Joseph Hobson einige Wochen den Spielbetrieb in Monte Carlo genau und fand heraus, dass vier Zahlen häufiger als andere gewannen. Einen Abend lang setzte er nur auf diese vier Zahlen. Das Casino blieb am nächsten Tag geschlossen und so entstand der Song "The man, that broke the bank at Monte Carlo". (Aus Bill Wymans ROLLING STONES Story)


MACAO


Macao dampft, und ich total am Hund. In der schmierigen Toilette einer portugiesischen Kneipe kotze ich Brocken von Eintopf mit Chourico-Wurst in die Pißrinne, billiger Cognac folgt unmittelbar. Mein Magen kann nichts mehr halten, ich bin am Ende angekommen, weiß das. Die halbe Welt habe ich durchsoffen, mein Geld ist alle, in leeren Flaschen verflüchtigt.. Zitternd lehne ich an grün verschimmelten Kacheln, mir scheißegal. Warum nicht in einer Kneipe sterben? Irgendwie passend. Aber wenigstens mit einem einigermaßen sauberen Mund. Immer hatte ich gut ausgesehen, Geld und Weiber in Massen, den Suff mit Stil gepflegt. Mit der linken Hand suche ich in der Seitentasche meiner Jeans etwas ähnliches wie Tuch , mir wenigstens die Lippen von Erbrochenem zu säubern. Ich fühle Papier, einen Schein, finde zwanzig Hongkong-Dollar. Aber Hallo!, genug für Cognac, den Magen zu betäuben in einer weiteren Nacht wilden Rauschs. I can't get no satisfaction! Oder die Spielbank? Hoffnung, die Dollars schaffen Mut und Kraft, das Scheißhaus zu verlassen.
Das Casino, fünf Stockwerke voller Hoffnung. Abertausende von Chinesen machen in chinesischem Schweiß getränkt ein Riesenvermögen, den Spielbankbesitzern. Die Schlitzaugen spielen mit Dominosteinen, werfen sie auf einen Haufen, ziehen zwei, würfeln versprechende Augen und nehmen Teil an der Erfahrung von Verlust. Gewinnt einer wider Erwarten, wechselt er in das nächsthöhere Stockwerk, wo anscheinend teurer gespielt und mehr verloren.
Ich komme nicht klar, kapier kein System. Mein unruhiger Blick fällt auf einem einarmigen Banditen, Verlockung: Mick Jagger-Konterfei in bunter Elektrik, die Zunge rotrotzig nach draußen: "Baby, standing in the shadow?" Ein Zeichen? Ich stehe schwer im Schatten, verstehe die Botschaft, habe sie mein ganzes verhurtes Leben verstanden.
Zwanzig Münzen, zwanzig Chancen, ich werde Micks Zunge füttern! Nichts, neunzehnmal nichts, Jagger verarscht mich, 19th nervous breakdown. Der letzte Dollar, Cognac oder Koller? Rein in den unersättlichen Schlitz, Micks Zunge fährt genüsslich über die wulstigen Lippen und spuckt aus: Wam, big Bang, Jaggerpot, You get the silver!
Sorgen rollen wie Steine davon, ich bin wieder wer: Jumpin Jack Flash, Royal Flash! Ich hüpfe in Zukunft, auf der Suche nach angemessener Befriedigung, sex and brown sugar.
But, I can't get no...


"Es war die freieste und glücklichste Zeit meines Lebens." Brian über weite Reisen. Meine nicht!




Wird fortgesetzt.

Patina
06.01.03, 21:03
Hallo Hanne,
ich verstehe dich durch meinen Freund. Er ist auch begeisterter Stone-Anhänger. Demnächst fährt er in die USA und sieht ein Konzert von ihnen. Ich habe auch schon ein Konzert von den Stones erlebt. Ich glaube es war in den neunzigern in München. Mein Freund klebt die Zunge zum Protest in seinen dicken Mercedes. Ich sagte ihm, er solle sie auf die Motorhaube hängen. Aber das erschien ihm doch etwas dreist. Leider. Ich fand das sehr schade. Wär doch was gewesen in einem Managerdasein ohne die Stones.


Laß dich nicht unterkriegen. Das neue Album ist toll.


Patina

Hannemann
07.01.03, 02:19
"Ich bin ein recht sensibler Mensch, schon immer. Werden die Stones schlecht gemacht, nehm ich es persönlich." Brian


Angestaubte, ich war auf dem selben Konzert! Stell Dir vor, wir hätten... grüne Wogen wahnsinniger Leidenschaft, geilstes In-Einander-Vergessen, WoW!!!, another day in paradise!


Es sei denn, Du wärest blond.

Achtpanther
07.01.03, 15:19
@Trist:
"Warum für die Alten schreiben?
Hör dich um! Ich meine es würde sich lohnen."

Jaja, man muß nur das Radio einschalten! Da laufen dann "so viele neue, gute Musiker die gute, neue Musik machen"! Kicherkicher! Wie bist du denn drauf!?

Nenn doch mal Beispiele! Existierende, lebendige Künstler die im Moment Epochales verbrechen. Oder die schon mehr als zwei *wirklich* gute Longplayer gemacht haben.

(Red Hot Chili Peppers z.B. haben genau zwei: "Blood,Sugar,Sex,Magic" und "Californication" - aber das sind inzwischen auch alte Säcke)

Trist
07.01.03, 20:01
...eigentlich wollte ich gar nicht Hannigs Stones-Ordner mit meinen Musiktipps vollquatschen, aber da er selbst mich fragte und nun auch du:


Im Moment ist es wirklich lau, wobei ich die Peppers immerhin eher meiner Generation (Jahrgang 1964) zuschreibe, ebenso wie Glen Danzig, der auch mal ein Großer für mich war. Sonst noch eher rockig: Pearl Jam, Lenny Kravitz, Soundgarden, Tool, Smashing Pumpkins...


Und weniger rockig: Morcheeba, Kruger & Dorfmeister, Spacemonkeys versus Gorillas, Coldplay, fat boy slim, Air, dEUs...


Alles einigermaßen frische Musikanten.


Lieben Gruß von
Trist

bauer hans
09.01.03, 14:46
Zur Kritik:


"Ich war bereit, sie zu beerdigen, doch was soll man machen, wenn die Totgesagten ihre Sargdeckel ?ffnen und auf den Gr?bern tanzen?" Evening Standard


"Was all die Kritiken, welche die Stones als langweilige alte Herrentorten beschreiben dennoch positiv erscheinen l??t, ist der Enthusiasmus, den die alternden Million?re in ihre Auff?hrung stecken." Financial Times


"Wembley Council verbietet das spektakuläre Feuerwerk der Stones - wegen eines toten Papageis. Er starb vor vier Jahren an einem Herzanfall, der durch den Knall eines Feuerwerkskörpers verursacht worden war." Daily Star.
Ich frage, welche Band hat das sonst noch geschafft?


Demnächst mehr mit einer Verbindung zu mir.

traumtänzer
10.01.03, 11:31
Einerseits hat Hanne recht, Trist. Lass ihn doch. Wir müssen es ja nicht hören, nur lesen. Natürlich empfinde ich ähnlich wie du. Mick Jagger assoziiere ich mit hässliche Tunte und die Stones mit Musik, die auf der Kaufhaustoilette gespielt wird. Andererseits seid ihr alle doof!


>Existierende, lebendige Künstler die im Moment Epochales verbrechen


1. Woher willst du wissen, was in der Gegenwart für zukünftige Generationen epochale Vergangenheit ist?


2. Muss dieses Kunstgesabber denn auch noch über die Musik gespeit werden? Kann man denn nicht einfach diese wunderbare bunte Vielfalt als das sehen, was es ist? Eine Bereicherung fürs Leben und vor allem: VERGNÜGEN.


3. Und wenn schon Kunstgesabber, dann aber bitte richtig. Dann gehen wir zurück zu Mozart, Bach, Vivaldi, Beethoven, Brahms, Stravinsky, Mendelssohn, Chopin etc. In diesen Ebenen kann man sich über Kunst unterhalten. Wenn es denn unbedingt sein muss.


Den Text find ich im zweiten Abschnitt gar nicht so schlecht. Vielleicht wird's ja etwas, wo man einem etwas jüngeren Grünschnabel dieses Lebensgefühl von damals ein wenig näher bringen kann. Versuch es.

Dickes Beh
10.01.03, 15:48
Vorsicht, Hannemann!!!


Niederlande/ Groningen.
Im niederländischen Groningen protestierten reformierte Pfarrer gegen ein Konzert der Rolling Stones. In den Songs der Kultband werde der Teufel verklärt und Gottes Name gelästert, hieß es. Wer das Konzert besuche, mache "die Tür für die bösen Mächte weit auf". Dies führe zum Hören von Stimmen oder gar zu Depressionen. (WAZ, 2.6.99)


Obwohl, wenn dem so ist, dann habe ich an bestimmte Apologeten dieser Band keine, wirklich keine Fragen mehr.

rodbertus
14.10.06, 14:15
das ist eigentlich eine traurige geschichte, keine erfüllung zu finden, jedenfalls zu wissen oder zu meinen, daß es keine gäbe. vielleicht entspricht das der botschaft des stones-liedes? aber ich will dies nicht glauben: blues ist es, wenn fröhliche menschen traurig sind. aber er ist nicht, wenn trübsinnige menschen grübeln.

Madge
15.10.06, 00:01
"blues ist es, wenn fröhliche menschen traurig sind."


Nö, das ist nur der sogenannte "weiße blues" - d.h. alles, was ein Ober- oder Mittelklassenschnösel je vom Blues verstehen wird: wenig.

rodbertus
15.10.06, 11:10
die definition stammt aus einem film namens crossroads von ry cooder. dort erklärt dies ein alter neger einem weißen, der meinte, blues sei die musik von traurigen negersklaven am ende ihres schweren arbeitstages.
mein sohn hat noch eine dritte erklärung: blues ist musik von intelligenten leuten.
ich mag solche rassistischen vorstellungen über musik allerdings gar nicht, wie sie mein vorredner aufstellt. klassik wäre dieser "logik" gemäß dann weiße musik, hipphopp schwarz und walzer latino? oder was? oder wie?

pjesma
16.10.06, 14:03
blues ist müdemenschen eurithmie :gurke:, als ausdruck, oder aber auch als sichwiederaufbaumittel

Das Gift
16.10.06, 21:10
Blues ist sicher keine "Rassen"-Musik, aber doch "Klassen"-Musik. Schließlich stammt der Blues von den Baumwollfeldern und wurde nicht ausschließlich von Schwarzen gespielt, zumindest dann nicht mehr, seit sich damit Geld verdienen ließ. Ich empfehle hier die beiden Johnny-Cash-Biographien: sehr interessante Lektüre bezüglich dieser Problematik und dem Aufsteigen der Rock'n'Roll-, Hillbilly-, Gospel- wie auch Bluesmusik. Unverkennbar bleibt in diesen Zusammenhängen jedoch die Tradierung der "alten" Sklavenweisen bis in die heutige Zeit. Beyonce Knowles und Co benutzen dieselben Harmoniefolgen. Wie neudeutsch gecastete Sänger/innen übrigens auch ...

kls
21.10.06, 11:39
Hat wer schon mal Steve Vai wirklich gehört? For the Love of God? Aus Crossroads das Gitarrenduell? Als er Paganini bringt, ist das wie Leuchtraketen im Hirn. Wenn man irgendwie diesen Gitarrenzweikampf als Anhang ins Forum hängen könnte, würdet ihr staunen, staunen, staunen...


Oder Classical Gas von Tommy Emmanuel?


Letztens Rolling Stones in Hannover. Ey, der Michael Jäger wackelt immer noch schöner mit dem Arsch als ich zu meinen besten Zeiten.


I know, its only Rock’n Roll, but I like it.


Und der Blues ist Musik von intelligenten Menschen für intelligente Menschen. Da hat Aero völlig wahr. Die Stones kommen vom Blues, die Riffs von Keith sind da eindeutig. Der gesamte Rock wurzelt im Blues. Als ich zum ersten Mal vom Album Aftermath das Stück Goin’ home hörte, war es um mich geschehen. Das war Musik direkt in die Magengrube. Allerdings war ich auch großer Beatles Fan.