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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Roms Anfänge



aerolith
08.09.07, 18:43
Es gab im 5.Jhd. vc. eine kritische Phase bei den Etruskern, wie sich in zahlreichen diesbezüglichen Publikationen nachlesen läßt. Allerdings gibt es auch zahlreiche Thesen, warum es diese Krise gab, denn der Aufstieg Roms war noch weit, die Griechen hatten kein Interesse, auf der italischen Halbinsel zu expandieren und Karthago war auch nur an Küstengebieten im Süden interessiert. Andere Großmächte gab es zu dieser Zeit nicht. Also muß es eine hausgemachte Krise gewesen sein. Daß es diese Krise gab, scheint bei beinahe allen Etruskerforschern Konsens zu sein. Sie ist nachweisbar durch die Verringerung der Bautätigkeit (was auch heute als Indiz nachlassender Konjunktur gilt), verminderter Grabbeilagen und dem Fehlen einer faßbaren Entwicklung nach außen hin; auch hörte die Expansition der Etrusker auf. Statt dessen erfolgte etwas Merkwürdiges, was sehr unterschiedlich interpretiert wird: Die etruskische Oberschicht zog sich aus dem Öffentlichen zurück. Sie überließ zunehmend dem Volk die Gestaltung seines politischen Alltags. Aus oligarchischen Systemen wurden demokratische, so ganz ohne Revolution. Die Reichen taten das, was Platon im Staat, VIII, 548a als nicht zur Schau getragenen Reichtum beschrieb, sondern als den Hang, ihn im Dunkeln zu verehren. Der angehäufte Reichtum dient nicht dem Anspruchsdenken für eine politische Führungsrolle, sondern besitzt religiösen Charakter, eine kultische Funktion. Ein Archetypus, der sich später auch im Kalvinismus zeigte? Nein, denn beim Kalvinismus wird das zur Schau getragen, in Äußerem und in einer inneren Lebenssicherheit, die mancher Kalvinist dadurch gvewinnt, daß er eben für sich weiß, daß er reich ist. Die reichen Etrusker dagegen zogen sich aus dem öffentlichen Leben zurück, ja, sie unterließen es sogar, ihre Paläste auszubauen oder sich gar wie ihre Vorfahren pompös bestatten zu lassen. Understatement! Es war vielleicht sicherer, nicht aufzufallen, anderer Neid nicht unnötig aufzublasen.

aerolith
09.09.07, 16:46
Man rätselt schon lange über das Herkommen der Etrusker. Meiner Meinung nach übersieht man dabei einen wichtigen Aspekt, nämlich den des religiösen Kults, das hieratische Moment, wie das auch genannt wird. Anhand der Ausübung- bzw. -hilfe dieses für den archaischen Menschen notwendigen Aktes in seinem Alltag läßt sich Zugehörigkeit erkennen.
So ist es jedermann klar, daß die Griechen sich von Asiaten vor allem dadurch abgrenzten, daß sie ihren Kult keiner Priesterkaste überließen, denn eine solche Überlassung verstieße gegen das freiheitliche Grundgefühl ihrer Selbstbestandheit, wie es sich auch in der Vielzahl ihrer Staaten widerspiegelte, statt in Großstaatkonstruktionen wie in Ägypten und Vorderasien.

Ähnlich verhält es sich im Verhältnis zwischen Römern und Etruskern. Die Römer besaßen als Italiker den Hang zur Großstaat- und Machtstaatbildung, die Etrusker als Nichtitaliker den zur Polisbildung, mit zunehmender Beimischung ihres Volkes durch Italiker allerdings dann auch den zum Großstaat, aber das brach ihnen das Genick. Die Etrusker beließen jedoch noch um 500 vc., wie Inschriften am emporium von Pyrgi belegen, das kultische Element ihres Alltags der privaten Hand und bildeten keine Pristerkaste aus, die Römer übergaben dies einer mehr und mehr bedeutsamer werdenden Kaste, die noch heute existiert, einer Priesterschaft, einer Staatskirche.

Im Grunde wäre das ein Indiz für das Indogermanentum der Etrusker und das asiatische (Troja?) Herkommen der Römer. Verwirrend. Gibt es nicht etliche Stimmen, die behaupten, die Etrusker seien aus Asien eingewandert, währenddessen die Römer indogermanische Autochthone seien?

aerolith
10.05.15, 20:47
753 v.Chr.: Rom kroch aus dem Ei! Gelogen. Die Römer sind Indogermanen, wahrscheinlich über die Alpen gekommen und dann im 10. Jahrhundert v.Chr. auf die einheimische Bevölkerung gestoßen. Aber auch das ist nicht sicher. Vielleicht sind sie Eingeborene, Autochthone, wie manche in ihren Reihen es selbst immer wieder betonten. Die anderen nannten einen mythologischen Grund: Sie seien nach jahrelanger Reise unter dem trojanischen Prinzen Aineas am Tiber gelandet und fanden ein paar Kilometer stromaufwärts eine neue Heimstatt. Allerdings ist diese Theorie eher unwahrscheinlich, denn die örtlichen Gegebenheiten sprechen nicht für eine koloniale Besiedlung unbewohnten Landes 25 Kilometer stromaufwärts. Wie auch immer, eine dritte Theorie spricht vom Zusammenschluß dreier Gaue, einem Synoikismus wie in Attika. Ramner, Titier und Lucerer bildeten die Gemeinschaft der Römer. Man feierte das Wolfsfest in der Ebene. Auf dem palatinischen Hügel stand die erste Burg, zu ihren Füßen beackerten die Bauern die eher unfruchtbare Ebene, die zudem nicht sehr wasserreich genannt werden kann. Um so erstaunlicher ist es, daß sich dort angesiedelt wurde. Weder Wein noch Feigen wachsen dort. Hinzu kommt das ungesunde Klima, das der in seinem Laufe unruhige Tiber mit sich bringt: Sumpflandschaft.
Es mußte also einen Grund für die Ansiedlung dort geben, der aus der Not stammte. Und dieser Grund könnte auch dazu führen, eine besondere Disziplin bei diesen Bewohnern des kargen Bodens anzunehmen, ganz ähnlich der Disziplin, wie sie Preußens Bewohner aufbringen mußten, um nicht von den feindlichen Nachbarn vertrieben zu werden. Allerdings gibt es hier einen großen Unterschied: Der römische Bürger wohnte auf den luftigeren Hügeln und ging in der Ebene seiner Tätigkeit nach. Auch löste er sich schnell von dieser Bauerntätigkeit und wurde Handelnder auf dem zentralen Handelsplatz Latinums.
An Fehden wird es der Stadt nicht gefehlt haben. Die Römer schritten aus und eroberten ihr Umland. Doch während die Etrusker [1] nördlich eine höhere Kulturstufe erreichten, im Süden griechische Siedlungen reich und mächtig wurden, blieb bei den Römern alles grau in grau. Nach der Schlacht 480 v.Chr., die Phokäa gegen die Phönizier bestritt, und gewann, zogen sich die Griechen dennoch mehr und mehr hinsichtlich ihrer expansiven Politik zurück. Das eröffnete der Landmacht Rom neue Perspektiven. Aber was machte den Römer aus?
Das Hauswesen des Römers bestand wie anderrn Orts auch aus Mutter und Vater, Tochter und Sohn, Haus und Hof, Gesinde und Gerätschaften. Bei den Römern waren die Verhältnisse seit dem 7./8. Jahrhundert v.Chr. wie folgt strukturiert:
Ein Römer war erst mit dem Tode seines Vaters frei. Ein Priester gab ihm durch die Überreichung von Feuer und Wasser, dazu heiliges Salzmehl eine Frau. Kognation im übrigen, keine Agnation. Die Kinder der dem pater familias geborenen Töchter sind von der Familie ausgeschlossen, bis sie einen Mann für ihre Kinder hat, dann bildet sie eine eigene Familie. Außerhalb der Familie geborene Bastarde gehören nicht zur Familie, können aber durch Adoption zu Familienmitgliedern gemacht werden. Das Recht dazu liegt allein beim pater familias.
Das eigene Haus durch Kinder und Gut zu stärken, ist das Ziel des Römers. Der Tod wird nicht als Übel empfunden, solange für den Nachwuchs gesorgt wurde. Das Aussterben einer Familie kann durch Adoption verhindert werden. Nur der Mann kann das Familienoberhaupt sein, aber im Haus herrscht die Frau, obwohl die Frau dem Mann hausuntertänig ist, doch innerhalb des Hauses ist die Frau Herrin und beaufsichtigt Knechte und Mägde bei deren Arbeit, ist für die Erziehung der Kinder verantwortlich und für die wirtschaftlichen Belange des Hauses. Im Erbfall werden Mann und Frau gleichbehandelt; die Mutter erhält den gleichen Erbteil wie alle Kinder zusammen. Außerhalb des Hauses hat die Frau sehr viel weniger Rechte als der Mann; sie ist kein Bestandteil der Gemeinde und besitzt keine politischen Rechte, die der Mann nur dann hat, wenn er seinen Wehrdienst absolviert(e). Rechtsfragen werden vom pater familias geklärt, nicht vor einem öffentlichen Gericht oder gar vor dem König. Dieser pater familias hatte alle Rechte, ihm gegenüber ist alles im Hause rechtlos; er bestimmt über Leben und Tod!
Dieses Haus vereinigte nicht nur die blutsmäßigen Verwandten unter dem Recht des Hausherren, sondern auch diejenigen Individuen, die sich in geschützter Freiheit befinden, also den Hausherren um Schutz baten und ihn von diesem erhielten. Das konnten flüchtige Sklaven sein, Verbrecher, Emigranten oder einfach Umherziehende, die ein Heim suchten und daher bereit waren, sich in Abhängigkeiten zu begeben, dafür aber den Schutz des pater familias erhielten. Das ist die Grundlage des Klientelismus, die Grundlage mafiöser Strukturen und zugleich die Keimzelle des römischen Staates. Die in diesem Gemeinwesen abgeschlossenen Ehen bildeten Geschlechter aus und diese wiederum begründeten für die Kinder das Bürgerrecht. Wer außerhalb stand, blieb es auch, war kein Mitglied des Gemeindeverbandes. In diesem Verband selbst ist kein Herr auszumachen, kein natürlicher. Die Römer gaben sich einen König, rex, ihr Adel waren die pater familias, die jeder für sich ein kleiner König waren und als solche dem römischen König als Gleichberechtigte gegenübertraten, in ihrem Hause sogar als Übergeordnete. Dem König war die Gemeinde nur im Falle der Zusammenrufung und der Ausrufung des Krieges Gehorsam schuldig. In diesen Fall besaß der König für die gesamte Gemeinde die Rechte, die übrigenfalls der pater familias besaß.
Der König besaß für die Gemeinde das Recht, was der pater familias in der Familie besaß. Er herrschte unbeschränkt, seine Beamten waren keine vom Volk gewählten Magistrate, sondern auf Lebenszeit eingesetzt, es sei denn, der König ließ sie ablösen. Stirbt der König, bestimmt der Rat der Alten, senatus, einen neuen König. Solange übt dieser Rat das Zwischenkönigtum aus, das interregnum. Dieser Rat ist die rechtliche Quelle der königlichen Herrschaft. Der König ist der höchste Priester und eine sittliche Instanz. Er fährt als einziger in der Stadt auf einem Wagen, hält in der Rechten einen elfenbeinernen Stab mit Adlerkopf und trägt einen goldenen Eichenkranz auf dem Kopf; sein Gesicht färbt er rot, dazu trägt er einen purpurfarbenen Mantel. Dieser König kommt nicht von Gott; in Rom herrscht keine Theokratie, sondern er ist aus dem Volke gekommen, sein höchster Repräsentant, heilig, weil das römische Volk sich selbst heiligte. Er ist eine Unperson, nur eine Vision eigener Herrlichkeit. Jeder kann römischer König werden, man muß kein eingeborener Römer sein.
Das römische Heer der Königszeit bestand aus Kurien (curiae; Pflegschaft). Es gab zehn. Jede mußte zehn Ratmänner, zehn Reiter und hundert Mann Fußtruppen stellen. Diese Kurien bildeten imgleichen eigene Versammlungen mit eigenen Beschlüssen und schufen so einen Staat im Staat, der im Gegensatz zum absoluten Königtum wirkte. Der Bürger war dem Bürger gleich, aber stand dem Nicht-Bürger schroff gegenüber. Der Bürger leistete alles: die unregelmäßig eingezogenen Steuern, Heerdienst, Organisation des Gemeinwesens, Verteilung des Erwirtschafteten... Der Nicht-Bürger durfte im Gemeinwesen leben, hatte aber keine anderen Rechte. Populus ist das römische Volk, die Kriegerschar. Das lateinische Verb populari für „verheeren“ deutet den Ursprung an. Anfallende Arbeiten und Ausgaben für die Gemeinde (Arbeiten zur Befestigung Roms [moenia], Ernte, Heerzüge, Ausgaben durch Feste, Opfertiere für religiöse Rituale, Rechtsstreitigkeiten...) wurden durch die einzelnen Kurien organisiert, die vom König eingesetzten Beamten achteten darauf, daß alle ihren Anteil erbrachten, besaßen keine Weisungsgewalt, erstatteten jedoch vor dem Senat Bericht. Es gab keine öffentliche Erstattung für geleistete Arbeiten, Fronden.
Der König wurde durch Hafenzölle und Einnahmen von den Königsgütern (regaliae), vornehmlich Weide- und Getreidezölle, bezahlt. Außerdem erhielt er einen Anteil vom Gewinn bei Kriegszügen, auch scheint er Geld verliehen oder vorgeschossen zu haben und nahm Zinsen. Der König lud mehrmals im Jahr zu Gemeideversammlungen, bei denen er Bericht erstattete und Fragen an seine Bürger stellte – nicht umgekehrt -, dabei jedoch Perspektiven aufzuzeigen genötigt war. Der 24. März und 24. Mai sind verbürgte Termine für diese Versammlungen, welche auf eine Form direkter Partizipation des römischen Bürgers verweisen, auf Disziplin und Loyalität der Bürgerschaft gegenüber ihrem König. Der König setzte seine Boten, lictores, und Beamten zur Durchführung der öffentlichen Ordnung ein. So entstand zweierlei Recht in Rom, ein öffentliches und ein privates. Die Macht des öffentlichen Rechts wurde durch den mündlichen Vertrag der Befragung des Königs, rogatio, gegenüber den römischen Bürgern jährlich neu bekräftigt. Zustimmung oder Verweigerung; es lag an den Römern, ob sie gehorchen wollten. In der Volksversammlung wurden auch Eigentumsrechte, testamentum, und Bürgerrechte besprochen beziehungsweise bekannt gegeben, wer Neubürger Roms wurde beziehungsweise durch einen pater familias freigelassen wurde und nunmehr einen Antrag für die Aufnahme zum römischen Bürger stellte. Der König kann hier bloß den Beschluß der Gemeinde verkünden, er entscheidet hier nichts. Imgleichen verhält es sich bei Verurteilungen; der König kann nicht begnadigen, er darf bloß das Urteil der Gemeinde verkünden. Erst nach und nach löste sich die Judikative aus der Legislative. Der Senat.
Seit Anfang an gab es die Bürger und die von ihnen Beschützten, die Klienten, clientes. Der Zuzug nach Rom hielt an, Eroberungen... die Zahl der Klienten wuchs. Der Inkorporationsprozeß der Einbürgerung hielt dem nicht stand. So bildeten sich die Plebs, plebes, die Menge der Zugewanderten, der nicht mehr in den Familien Untergebrachten, der Außenstehenden, Rechtlosen und dennoch Freien, also nicht Versklavten. Bürger war, wer Schutz geben konnte; Nicht-Bürger waren die clientes, die zu Schützenden. Es mußte zu Konflikten kommen. Die Plebs würden irgendwann, schon aufgrund ihrer Zahlenstärke, unabhängig von den Bürgern Roms Rechte beanspruchen. Allerdings konnten solche Forderungen, die aufgrund einer Quantität von den Bürgern mit dem Argument abgewehrt werden, daß sie allein das Wachsen Roms, militärische Siege und die Organisation des Staates herbeigeführt hatten, denn die Nicht-Bürger zahlten keine Steuern und mußten keinen Armeedienst leisten. Die Plebs begehrten gegen die überkommenen Rechtsverhältnisse auf. Dabei gab es drei Quellpunkte der Unruhe in Rom:



der Kampf innerhalb der Bürgerschaft wegen der Beamtenschaft, die als Form der Gemeindevertretung dieser keine Rechenschaft abgeben mußte;
der Kampf der Nichtbürger, Plebs, um politische Gleichberechtigung;
der Kampf zwischen arm und reich, Tradition und Moderne, neu und alt, wie er in jedem Gemeinwesen ausgefochten wird.


Eine Verfassungsreform für die neuen quantitativen Verhältnisse wird auf Servius Tullius zurückgeführt, servianische Verfassung, ca. 510 v.Chr. Die Bürger beteiligten fortan die Nichtbürger an den Pflichten und konzedierten diesen Rechte. Ob das auf Druck der Plebs oder durch eine weise Entscheidung des Königs zurückgeht, ist unklar. Die besitzenden Teile der Plebs erhielten Sitz im Senat, wurden zur Besteuerung herangezogen, mußten an den Fronden dienen und dem Heer Hilfskräfte stellen. Die Wehrpflicht wurde nicht mehr an den Stand, sondern an Grundbesitzer gelegt, mochten sie Bürger oder Nichtbürger sein. Sie wurde von einer persönlichen zu einer Reallast. Die Stadt wurde in vier Teile eingeteilt, tribus, die jeweils ein Kontingent zu stellen hatten. Dadurch verdoppelte sich die Schlagkraft des römischen Heeres.
Es gelang in diesem Zuge auch, die lebenslange Magistratur der königlichen Beamten abzuschaffen. Wahrscheinlich ging das mit der Abschaffung des Königtums einher. Dieses wurde durch eine einjährige Herrschaft abgelöst. Statt eines Königs gab es in Rom nunmehr zwei Kollegen, consules, die die Macht für ein Jahr ausübten. Daß die Römer hier immer noch nicht die Gewalten teilten, belegt die auch überlieferte Bezeichnung iudices, Richter, oder praetores, Feldherren, für diese Einjahreskönige. Ob dieser Bezeichnungswechsel und diese Machtdaueränderung gewaltsam vor sich gingen oder durch Nichtbesetzung der offenen Stelle eines gestorbenen Königs, kann heute nicht mehr festgestellt werden. Fest steht, daß die Tarquinier, aus deren Geschlecht der letzte römische König stammte, aus Rom verbannt wurden und ins etruskische Caere gingen.
Im übrigen blieben die Machtverhältnisse bestehen: der Senat durfte weiterhin Gemeindebeschlüsse aushebeln, bestimmte die consules und bestimmte auch den Diktator beziehungsweise Zwischenkönig, wenn die Not es gebeute. Und die Adligen waren nun vom Königsregiment befreit und hatten vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht freie Hand.
60Um 490 v.Chr. brach eine soziale Revolte in Rom aus. Sie betraf die Regelung des Schuldrechts. Der Konsul Publius Servilius sah sich genötigt, den in Schuldhaft sitzenden Bauern das Gefängnis zu suspendieren, als er sie für einen Kriegszug benötigte. Sein Nachfolger Appius Claudius setzte allerdings die alte Schuldhaftung wieder durch. Doch im darauffolgenden Jahr gab es wieder einen Krieg und man benötigte die Wehrkraft der Einsitzenden. Doch nun ließen die sich nicht noch einmal beschwatzen, bis ein Diktator aus altem Geschlecht, der Valerier Manius Valerius den Bauern sein Wort gab, daß eine neue Regelung gefunden würde. Doch nach dem Sieg gab es im Senat harten Widerstand gegen den eingebrachten Reformvorschlag des Diktators. Vor allem die reichen Plebejer, die die finanzielle Oberleitung Roms an sich gerissen hatten, waren gegen eine Entschuldungspolitik. Der Adel, die Patrizier, standen vor einer schweren Entscheidung: entweder würden sie Rom auf eine rein aristokratische Basis stellen, was keine Entschuldungspolitik bedeutet hätte und die hochgekommenen Plebejer aber auf Distanz gehalten hätte oder sie würden den kapitalistischen Geist, der immer auch demokratische Elemente in sich barg, unterstützen, was allerdings die Ansprüche der reichen Plebejer goutieren würde, und bedeutet hätte, diesen Zugriff auf die Magistrate zu gewähren. Die reichen Plebejer hatten jedoch eine Entschuldungspolitik abgelehnt, was ihnen mehr nützen als schaden würde, doch das durchschauten sie nicht. Sie traten statt dessen gegen eine Entschuldungspolitik auf, was im Grunde genommen aristokratische Politik gewesen wäre.
Als den siegreichen Truppen verkündet wurde, verstanden sie das als Affront. Sie begriffen nicht, daß ein auf die Ideale einer Adelsgesellschaft gebautes Rom auch die Schuldhaftung ausgehebelt hätte, ein auf Krämergeist und schnellen Nutzen gemünztes Rom dagegen scheinbare Partizipation der Masse bedeutete, aber das Finanzproblem nicht lösen konnte. Und so reagierten sie wie dumme Jungen, denen man etwas Versprochenes nicht halten wollte: sie trotzten. Das siegreiche, vor den Toren Roms stehende Heer zog, sofern es plebejisch war, in die Gegend von Crustumeria, ein paar Kilometer weiter. Da gab der Senat nach, um einen Bürgerkrieg zu verhindern. Doch letztlich war diese Entscheidung genau in ihrem Interesse, im Interesse der reichen Plebejer, die nunmehr verstärkt in die Entscheidungsfindung Roms eingreifen konnten. Am Anfang wurde daher dem einfachen Volk eine Möglichkeit zu dauerndem Einspruch gegeben: der Tribun. Zwei patrizischen Tribunen wurden fortan zwei plebejische Tribune an die Seite gestellt, die in innenpolitischen Fragen ein Vetorecht besaßen. Das betraf die Durchführung der vom Senat und den Konsuln beschlossenen Anordnungen, also ein Vetorecht gegenüber Magistraten. Der Konsul kann durch ein Nein des Tribunen in seinen Anordnungen beschränkt werden, der Tribun dagegen empfängt vom Konsul keine Befehle, wohl aber hat der Tribun kein Recht auf ein Ja, also auf etwas Konstruktives. Rom stieg nach kaum schwierigen Anfängen [2] zu einer Großmacht auf. Die geglückte Abwehr der keltischen Stürme im frühen 4. Jahrhundert v.Chr. steigerte die Anerkennung Roms im Mittelmeerraum. Erfolgreiche Kriege gegen stammverwandte Samniten und stammfremde Etrusker führten Rom spätestens um 300 v.Chr. an die Spitze der italischen Völker, was aber nicht bedeutet, daß Rom in dieser Zeit bereits eine Hegemonialmacht war. Die Technik der Machterweiterung war einfach: Nach der Eroberung eines Gebietes legten die Römer Garnisionsstädte an und siedelten Menschen an. Diese Menschen wurden Alliierte und erhielten eine Art von römischer Staatsbürgerschaft, wurden Römer zweiter Klasse, aber mit diesen assoziiert. Das bedeutete Schutz für die Neusiedler, zugleich aber stärkte es auch das Selbstbewußtsein der römischen Bürger. So wuchs der römische Machtbereich.
Hegemonie erreichten sie spätestens mit dem Sieg über Karthago um 200 v.Chr.. Die Orientierung der Römer war dabei ganz auf ihr Umfeld ausgerichtet. Die östlich Griechenlands gelegenen Staaten interessierten sie vorerst wenig. Warum sollte Rom mit einer Orientpolitik beginnen, wenn es noch viel im eigenen Umkreis zu tun gab? Die Römer verstanden sich im 4. Jahrhundert v.Chr. als Stadt-Republik, als eine überschaubare politische Einheit, deren Ziele politische und wirtschaftliche Autarkie und Schutz vor den Kelten[3] sein mußten.


Aufgaben:



Interpretiere die etruskische Darstellung Roms auf der Graphik! (II)
Sammle Fakten über die Etrusker und schreibe eine historische Darstellung der Frühzeit Roms aus etruskischer Sicht! (III)
Gib den Staatsaufbau des frühen Roms wieder! (I)





[1] Die Herkunft der Etrusker ist immer noch ungewiß. Die einen meinen, sie seien aus dem Norden eingewandert, andere nennen Kleinasien als ihre Ursprungsheimat. Fakt ist, daß die Etrusker im Gegensatz zu den Römern zwar groß, aber von meist gedrungener Gestalt waren, was eine nördliche Herkunft weniger wahrscheinlich macht. Imgleichen läßt ihr Glauben, in dem finstere Dämonen herrschen, ebenfalls eher auf asiatische Ursprünge schließen, dazu die merkwürdigen Bräuche einer Leberschau, Betrachtungen des Vogelflugs, um daraus die Zukunft zu deuten... Die Römer übernahmen etliche dieser Vorstellungen, haben sie aber nicht entwickelt. Sie unternahmen ab 550 v.Chr. den Versuch einer politischen Einigung auf dem Appenin, besetzten zwei Brückenköpfe am rechten Ufer des Tiber (u.a. Rom) und nahmen das südöstliche Tiefland bis Kyme in Besitz. An der ligurischen Küste entlang besetzten sie Stützpunkte, die sie zu Städten ausbauten: Fiesole, Bologna. Sie entwässerten die Sümpfe und trieben Landwirtschaft, freundeten sich mit hinzustoßenden Griechenan, denen sie den Hafen Spina überließen. Nach 524 v.Chr. begann ihr Abstieg, sie verloren Rom, Kyme und das ganze Latium. 474 v.Chr. verloren sie eine wichtige Seeschlacht gegen Syrakus und gerieten damit endgültig in die strategische Defensive, so daß sie bis etwa 350 v.Chr. ihre Besitzungen einbüßten und in Rom aufgingen.

[2] Die Verklärung der römischen Vergangenheit schon zu den Hochzeiten Roms im ersten Jahrhundert v.Chr. (Vergil) ist mit der historischen Wirklichkeit nicht in Übereinstimmung zu bringen. Roms Anfänge sind zwar bescheiden, aber von Konsequenz und Sicherheitsdenken bestimmt. Roms Mythos ist nicht volkhafter, sondern literarischer Herkunft: sehr viel später lebende Schriftsteller erklärten den hochgekommenen Römern ihre Herkunft in poetisch-kraftvollen Bildern als Willensakt heroischer Könige. Die historische Wirklichkeit sieht anders aus: Um 1000 v.Chr. siedelten auf dem Palatin (ein Hügel am Tiber) latinische Hirten. Auf den gegenüberliegenden Hügeln Esquilin und Quirinal siedelten bald einige Sabiner. In der Senke zwischen den Hügeln, wo Jahrhunderte später das Forum entstand, bestatteten sie gemeinsam ihre Toten. In den Hügeln besaßen diese Vorfahren der Römer Schutz vor Feinden, Hochwasser und Sumpffieber. Der Tiber bildete Inseln aus, auch Furten, und war schiffbar. Eine alte Salzstraße von der Küste ins Landesinnere führte durch eine Furt, was das Interesse der Etrusker an diesem Gebiet erklärt, die es um 600 v.Chr. eroberten und die lose miteinander verbundenen Siedlungen zu einem Stadtstaat politisch verbanden. An der Spitze stand ein in dieser Funktion nicht erbberechtigter König, der auch Priester war. Ein Adelsrat schränkte seine Macht ein. Um 500 v.Chr. ging die etruskische Herrschaft verloren und Rom wurde zur Republik. Damit begann der Aufstieg.

[3] Die Kelten werden im 6. Jahrhundert v.Chr. von Griechen als Einwanderer im Nordteil der Pyrenäenhalbinsel erwähnt; für das 5. Jhd. v.Chr. sind Zeugnisse ihrer Anwesenheit am oberen Rhein und an der oberen Donau bekannt.

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