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aerolith
03.01.01, 09:06
Neulich in Weimar kam mir die Idee, die Herren und Damen unserer Dichterprominenz als Menschen, Versager, sexuelle Notstandsgebiete, Häretiker des Wortes, Sinnsuchende, Giermünder, Spatzen des Ilmparks, Hugenotten der Saaleauen, Künstler und eben so etwas darzustellen. Versuchen wir eine BILD-Zeitung für die Weimarer Klassik, ein Buch namens "Goethe - Tag für Tag" existiert bereits..


Ich werde also immer dann, wenn mir bei meinen Bemühungen ums Wort einer unserer Großen ins Wort fällt, versuchen, diesen und dieses zu kolportieren, was dann ungefähr so aussieht:


3. Jänner 1783
Wieland war bei mir. Versuchte wieder seine häßliche Tochter Lucinde unterzubringen. Der Arme. Hat er nicht genug und schwer genug daran zu tragen, daß ihm Schillern in seiner Opportunität als studierter Medicus eine Schwindsucht in Aussicht stellte? Nein, er flieht vor seinen dreizehn Weibern, die ihm das Leben im eigenen Haus zur Hölle machen, in eine Welt des schieren Scheins: Griechenland. Ich war dort: trockenes Moos und ausgemergelte Menschen, nackte Steine, gleißende Sonne; Delphi hat jemand an der Weggabelung aufgestellt, aus kleinen Schachteln. Wieland weiß das nicht und schickt seinen Helden ins Nichts der brennenden Sonne.
Nun ja. Er will also in den Süden, hat aber kein Geld. Und da schlich er um mich herum, wedelte mit dem Agathon-Manuskript umher, aber ich tat ihm nicht den Gefallen und frug nach dem letzten Kapitel.
Er grollte davon, immer einen Fuß vor den anderen setzend, was, da es sich um Wieland handelt, der immer schweren Herzens den Weg nach Hause antritt, bemerkt werden muß. Und der Schnee verdampfte unter seinen Schritten.

aerolith
04.01.01, 08:16
Pissen wir Jean Paul aufs Hirn! Der war zwar kein Weimarer, aber wer war das schon? Ich hatte einen Freund in Jena, der wollte das schon machen, Reimann hieß er. Er scheiterte aber daran, daß die chose inkonsistent ist (!), was wohl an der chose selbst, nicht aber an einer wie auch immer gearteten Rezeption der Nachgeborenen liegen mag. Und er scheiterte selbredend daran, zu doof zu sein.


4. Januar 1795


Ich bin jetzt in einer Gewohnheit, aus der ich mein Leben richtiger verstehe; ich wundere mich nicht, daß ich aus der Einsamkeit heraus bin und lieber in der Offenheit der Schöpfung und in einem tätigen, nicht sehr mißkennbaren und gewissenhafteren Leben lebe. Ich nehme überhaupt die Welt ganz anders. Schillern meinte neulich zu mir, daß ich nicht nur ein Leben hätte. Er muß es wissen, denn er hat schon jetzt mehrere. (Oder wie erklärt er sich seinen Turm im hintersten Teil seines Gartens? Dorthin flieht er doch vor dem Lärm der Kinder, der Frau, dem Tohuwabohu in seinem Hirn!) Ich schau das Leben nach solchen Gedanken immer viel freier an, schau ins Unvergängliche der Natur, worin ich zeitlich lebe, diese ruhigen dämmernden Wolken über dem Saaletal... Daß diese Heiligtümer all denen gewidmet, die in meinem Herzen leben und nicht nur Zeichen der Vergangenheit oder Zukunft seien, sondern auch der Gegenwart. H.

aerolith
06.01.01, 19:48
Nicht ganz Weimar. Hamann. Verkanntestes deutsches Genie.


1758: Der Mann will eine Frau heiraten, die ist die Schwester seines Freundes Berens. Berens sagt NEIN: "Meine Schwester muß meinen Haushalt führen, außerdem hast du kein Geld. Ich geb dir eine Chance: Fahr nach London und eröffne ein Kontor für die Rigaer Kaufleute."
Sagt Hamann, er habe keine Ahnung von Geschäften.
Aber H. muß, denn er hat bereits 150 fl. (zirka 3240 €) Schulden. Also fährt er los, besäuft sich unterwegs mehrere Male, findet einen Freund namens Senel, der ihn ausnimmt und betrügt. Schließlich kommt er doch in London an, wohnt in der Marborough-Street (nicht Marlb.) bei Mr. Collins und versucht das Seine. Es mißlingt gründlich. Aber was geschieht, was diese Reise für uns Heutige so interessant macht: H. erfährt GOtt und Sokrates gleichermaßen. Seine schwärmerischen Eskapaden in die Welt der Johannes-Apokalypse, sein maßloses Verlangen nach einem Stück Sicherheit zwingen ihn zu konzentrierter Auseinandersetzung mit dem, was er bislang ablehnte: Glauben. Sein zuvor in unzähligen Kaffeehäusern verstopfter Leib wird zu einer Diät gezwungen, seine körperliche Enthaltung war gezwungen durch die Maßlosigkeit seines vorigen Völlerns. Nun muß er fasten, nun kommen die Phantasien, wie sie so vielen deutschen Hungerkünstlern in der Fremde kamen, doch in H. finden sie einen, der begabter als so viele ist.
Zurück in Riga beichtet er das völlige Verschwinden von 300 fl., seine lebenslange Abhängigkeit vom Kaufmann Berens (Berentzen Appel) ist beschloßne Sache. Er muß sich eine finanzielle Aussicht schaffen, setzt sich nieder und schreibt DENKWÜRDIGKEITEN, die Berens an den Meistbietenden verhökert, der seinerseits nun versuchen muß, das Palimpsest eines grundlosen Aufklärungspessimisten im aufbrechenden Zeitalter der Aufklärung an den Mann zu bringen.

rodbertus
22.01.01, 18:53
21. Jänner 1794


Adelung hatte die Kanzleisprache der Meißner zur Hochsprache stilisiert. Ja, sprachen wir denn frei von nideren Gelüsten? Niedere Lüste! Begrenzung der Wohls, Kinderkram.
Das Sächsische will dienen, dem Gaumen dienen. Weich und rund, kaum ein Rollen, ein Abgleiten in die Sattheit des Vokals.


Es fiel Goethe leicht, seine häsische Mundart gegen das Sächsische einzutauschen. So reimte er palatalisiert: Man lese den ersten Akt des Faust, speziell die Monologe Fausts, dazu die Begegnung mit Gretchen, um zu wissen, daß Jöten sächselte.


Adelung nun, der Garant der Rechtschreibung in Zeiten vor Herrn Duden, wollte eine Reform, einen Gleichklang des Wortes durch die Manifestation in einem Regelwerk. Regelpoetiken brachte die Barockzeit hervor, warum nicht auch einen Kanon schaffen fürs geschriebene Wort?


Frisch auf, Ihr Herren! Tun wir es gleich!

Bigvogel
23.01.01, 11:43
im läbe net... der mann blieb Häse. als beleg: aus dem gretchenmonolog

"ach neige,
du schmerzensreiche .."

wer traute einem nichtfrankfurter einen solchen vers zu?
frankfurter wissen, was ich meine ...
big

rodbertus
23.01.01, 12:28
Das, bigvogel, ist ein sächsischer Reim, denn das ist eben die Palatalisierung, von der ich sprach. Der Sachse sagt: neiiche (mit halboffenem e), der Heß neigt zur Abrundung bzw, Streichung des Ausgangsvokals (Kadenzen sind ihm unbekannt. (Beide Stämme sitzen allerdings im mitteldeutschen Raum, unterhalb der ik-ich-Grenze, wobei der Heß naturgemäß eher dem Süddeutschen zuneigt, also Leipzik statt Leipzich sagt -wie's richtig ist-, wie's in Auerbachs Keller verräterischer einen Heß nit mög kennzeichnen, was aber nicht der Fall ist, weil Herr Goethe schon im zarten Jünglingsalter das Sächsische in Leipzig mocht liebgewonnen haben. (NIT ist auch ein Beleg für Auslautverhärtung; wohingegen der Sachse eher nischt als nicht sagt.)


P.S. Übrigens ist Goethes sächsische Aussprache in "Lotte in Weimar" von Herrn Mann ausgiebig behandelt worden. Nimm's hin, mei Libber!

Lester
23.01.01, 15:01
hier irrt E. Die Lotte kann ich singen, erinnere mich nicht, dass G. sächselte - und wenn man die Aufnahme von Gerd Westphal 'hört': das ist hessisch / frankfurtisch.


Jawohl
Lester

rodbertus
23.01.01, 17:23
Das ist ja der Witz, lester. Als die hessische Lotte nach Weimar kömt, fällt Goethe wieder ins Mutteridiom, was seine Umwelt wundert, denn er hatte sich in (1775-1818) 33 Jahren wohl doch sehr das Sächsische angenommen. Und das wiederum ist die entscheidende Beobachtung, daß eben Schiller sich sein Schwäbsch behielt, während Goethe seine Aussprache der Umwelt anpaßte. Wie das meiste andere auch.


Übrigens berichtet schon Hegel 1806, daß Goethe sächselte, was ihm als Schwaben durchaus auffiel.


P.S. Wollen wir noch ein bißchen weiterstreiten? Wir könnten auch den Faust durchforsten oder den Diwan...

Bigvogel
23.01.01, 17:43
jawohl!
hessen an die front!
daß g. hessisch sprach, is nämlich hier allgemeingut! die großmutter textor hat jedenfalls ihren bembel im gemaalte haus in sachsenhausen füllen lassen! (is die da zu fuß hin? übern eiserne steg? oda war se doch in bergen?)
die hätte sich hier tot gelacht, wenn g. sächsisch gebabbelt hätt!
außer dreier jahre in leipzig mit wenigen kontakten zur schlichten szene kam er erst im relativ reifen alter von 26 nach weimar, damals dürfte er diese sächsische gaumenstellung auch nich mehr verinnerlicht haben!
denk ich mir mal!
big

Lester
23.01.01, 19:39
Fakten, Fakten, Fakten.


Dr. Riemer in Lotte (3. Kapitel): '...Ich bin auch Poet, anch'io sono poeta, ein unvergleichlich geringerer als er, mit Zerknirschung spreche ich es aus, und "Es schlug mein Herz" geschrieben zu haben oder den "Ganymed" oder "Kennst du das Land" - nur eines davon -, o meine Teuerste, was gäbe man nicht dafür, - gesetzt man hätte gar viel zu geben! So frankfurterische Reime freilich, wie er sichs öfters leistet - denn er reimt unbedenklich "zeigen" und "weichen", weil er mündlich allerdings "zeichen" und "weichen", wenn nicht gar "zeische" zu sagen pflegt -, solche Reime kommen bei mir nicht vor, zum ersten, weil ich kein Frankfurter bin, dann aber auch, weil ich es mir nicht erlauben dürfte'.


Und Klopstock?, der hat zwar die Deutschen vom Reim befreit, aber dass er als Harzer Sächsisch von Frankfurtisch unterscheiden konnte ist eher unwahrscheinlich. Sind ja beides erstaunliche Idiome, wenn ich auch dem Säschischem auf der nach oben offenen Teufelsskala die Palme reichen muß.
oops, wieso Klopstock, du sprachst von Hegel, schwabe, also für die schwaben gilts auch, ich lebt' dort lange genug: das ist denen alles eines.




kämpferisch
Lester


*malindeneckermanguckenaberderistsoumfangreich*

Bigvogel
23.01.01, 20:13
hi, lester,
das lob ich mir! da kömmt die wissenschaftliche schützenhilfe, der ich zum auftrumpfen so entbehrt habe!
nehmts zur kenntnis, leute, er war der berühmteste sohn frankfurts, und das lassen wir uns nicht nehmen! schon gar nicht von leuten, die nich mal wissen, was ein bembel is! würklich net!
big

aerolith
25.01.01, 23:54
Schön, haben wir vier Pferde, die jeweils ziehen. Ich drück mich mal so aus: Die Zeit heilt alle Wunden und wird Goethe in Weimar sanft, doch beharrlich die dato sächsische Hochsprache angebunden haben. Denn wisset, dümmliches Volk, das Kanzleisächsisch gerierte sich justament als Hochdeutsch. Und was die ererbte mütterliche Gaumenstellung Häsisch betrifft; die wurde doch durch die väterliche Gaumenstellung sächsisch-thüringisch wenigstens im Lot gehalten, denn wisset, ungläubig Volk: Goethes Vater wanderte seinerzeit aus Thüringen nach Frankfurt/Main ein. Siehste!


Zu dem Mann, der in einem Ort mit O geboren ward und andern-O-orts starb: Der Mann und der Dichter sind eine Person. Er war des Enthusiastischen im höchsten Maße fähig, sie verlängerte seine Jugend. Er resigniert nicht, er regt an. Er arbeitet allem Exzentrischen entgegen, er war gegen Philisterei und platte Prosa. schrieb er über Herrn G.


Zeitlebens geplagt mit der Not von 13 Töchtern, die alle verehelicht werden mußten; also der Mann mußte einfach schlüpfrige Prosa schreiben. Und da saß er nun, in seinem abseitigen Abdera, die Ilm plätscherte vor dem Tore, im Garten selbst sprang ein Brunnen gelegentlich zu den Fröschen, die doch heilig waren im samtnen Morgentau. Und quaks, da brach das Wort an der Büste des großen griechischen Satirikers.


Winterzeit ist's. Ich stolpre über Gartenharken.

aerolith
18.03.01, 18:56
Ich muß in der Gruft stehen, am Sarge, muß in Oßmannstedt den Springbrunnen plätschern hören und Dich nackt darumspringen sehen. Dann fallen mir Geschichten ein.
Manchmal muß ich nur was lesen, um schreiben zu können, zumeist aber muß ich sehen, um glauben zu können: I want to believe.


Nehmen wir diesen ersten Ordner zum Thema als Versuchsballon, der das macht, was ein Versuch zumeist macht: suchen.

Gedanken zu einer Goethe-Sentenz:


Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.


Der Mensch ist endlich. Seine Sinne nehmen Wahrheit gebrochen auf, als Symbole, in Gleichnissen, als Analogien. Und das Was ist vom Licht umhüllt. Das Licht selbst blendet ihn. Das Unverhüllte läßt sich nicht sehen, nicht ertragen, kann nicht verstanden werden.
Das ist das Problem, denn WIR dummen Erdlinge glauben eben, daß wir es doch könnten. Dieses Doch treibt uns an und macht uns blind gegenüber dem Abglanz, den Farben des Lichts, der Fülle des Verschiedenen.


Wie muß es gewesen sein, dies zu wissen, aber doch mit Kleingeistern einen Streit um Worte führen zu müssen? Das Mahl mit dem Weine hatte Verve, es stülpte Gedanken um und verriet Weisheit. Weise war die Annahme, daß der Weg entscheidend ist, nicht das Ziel, daß die Wege wichtig und wichtiger als das Ergebnis seien. Ein Bild ist klar, im Wesen unklar und verhüllt, im Herzen nur Anschauung und verdichtet im Grunde des Weistums.


Ich muß gärtnern gehen, wühlen und die Sache beziehen, ziehen und mich weiter streiten.

rodbertus
28.08.01, 09:37
Und weil er heut Geburtstag hat, so gebm wir uns die Ehre,
und singen ihm ein schönes Lied,
ganz frei von jedm Gemehre!

Hallo, Wölfchen! Schaust Du uns zu? Wie steht sich's denn so hinter Schillern?

aerolith
27.12.01, 10:49
Charlotte, herzlichen Glückwunsch zu Deinem Geburtstag.
Es gab da einen, der schrieb die Leidensgeschichte eines ungebändigten, empfindsamen Herzens. Sein Herz war übervoll, es strotzte vor erotischer Phantasie. Du mit dem Sinn fürs Praktische hattest auch für sein Wesen Mitgefühl, kanntest sein Sehnen wie das Deinige. Darauf kam es an: Das Gefühl des behandelten Wesens. Wobei Du doch nicht einmal eine Intellektuelle gewest; nur eine Welt klein im Erklären des Gegenständlichen. Wie wenigen das hinreicht?! Er will nach seinem Herzen leben und nicht die Welt durch Erklärung verständlicher machen. Er hat keine karrieristischen Ambitionen. Die kommen erst später, nachdem er Dich nicht kriegen konnte. Wie viel sublime Verdrängung das, was Brücken bauen, Bücher schreiben, Reisen und Theaterstücke veranstalten LIESZ! Die Literatur der größten als ein Abfallprodukt nichtgekonnter Verwirklichung in der Einen. Das warst Du. (Alle wissen es, aber kaum einer spricht es aus: Du bist der Grund auf dem Bodensatz der Literatur der Deutschen, Charlotte.) Praktischer Verstand schalt um das Sehnen einen Panzer.


Das Grundmotiv des jungen Wilden ist krankhaft, doch unzerstörbar in der Wirkung.
Goethe ist der wahre Idealist - ein Phantast, der der schnöden Welt lieber den Rücken kehrt, als sich ihr wirkend zu stellen.


Denkste!


Er lernt dazu, dieses Mensch, dieses Menschenkind. Lernfähig. Eben der Unterschied zwischen Literatur und Wirklichkeit. Werther erschießt sich, Goethe baut auf.


Gedankensplitter:
seine Liebe zu Dir: eine Möglichkeit an der Existenz erfahren!
Krise Goethes: Erfassung der Realität, um neue Wege gehen zu können
Du: das Ebenbild von dem, was Goethe mangelt - Lebensrealitätssinn


Tragen wir heute eine gelbe Weste, einen blauen Frack, Messingknöpfe und braune Stulpenstiefel!

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aerolith
01.01.02, 09:39
Lösung eines langjährigen Rätsels.


Warum Schiller Caroline nicht leiden mochte!


Ich wunderte mich immer über das Verhältnis Schillerns zu den Frühromantikern (bzw. replizit). Was für ein Haß da durchs Ilmtal fuhrwerkte. Goethe eben nicht, warum aber Schiller?


Eine Lösung des Knotens: Michaelis. Johann Michaelis aus Göttingen (Orientalist seines Zeichens), Vater selbiger Caroline, hatte 1761 die dänische Arabienexpedition initiiert. Der einzige Überlebende, Carsten Niebuhr, schrieb einen Bericht, der sich streng an den (theoretischen) Vorgaben des Orientalisten orientierte (ha!). Das Geld für diese Leistungen floß aus Kopenhagen nach Göttingen. Goethe ging im Hause Michaelis aus und ein, gelegentlich.
Schiller erhielt 1793 im Jahre größter Noth ein Stipendium aus Kopenhagen. Und schnappte der mittellosen Caroline, die sich derzeit beim revolutionären Forster in Mainz aufhielt und sich von französischen Lieutenants schwängern ließ, Geld für deren Übersetzungsabsichten weg. Ha! (Der Vater mochte die gemütlose Tochter nicht, die zwar hochbegabt, aber herzlos schien. Schiller wollte selbst das Denken und den Sinn adeln. Das war gut "arabisch" gedacht.)


Nun, wer zählt jetzt zwei und zwei zusammen? Zumal: Caroline konnte der Schillern (Charlotte ist jetzt gemeint) es nie verzeihen, daß sie ihre einz'ge Meißner Porzellan-Tasse zu Boden fallen ließ. Ohoho. Böses Blut im Saaletal. Inzwischen dort die Creme sich sammelte.

aerolith
28.02.02, 16:58
Anna Amalia war keine Leuchte. Aber ihr Herz verströmte eine Wärme, die andere ergriff; in ihrer Gegenwart wollte jeder nur Gutes tun. (Manchmal ist das bedeutsamer als die Auffindung eines Gedankens.) Wie aber soll ihr Würdigung gerecht werden? Anstoßgeberin? Kaum.


Und so rätsle ich noch ein bißchen, was aus unserer Literatur geworden wäre, wenn ein katholisches Fräulein beschlossen hätte, Dichtung und Literatur zu absolvieren...

aerolith
01.09.02, 07:38
Lange rätselte ich, was Goethe - nachträglich herzlichen Glückwunsch zu Deinem 253.!; auch ich vergeß mal was - an Kant nicht mochte. Klar, dieser erhobene Zeigefinger! Aber es liegt ein tieferes Mißbehagen in dem Verhältnis: Goethes Anschauung ist nur kompatibel mit der Ansicht des Menschen als einem Wesen unbedingt positiver Natur. Kant aber wollte durch Regeln das Gute herbeikonjugieren. Deshalb lehnte sich Kant auch an die Briten, ihren pragmatischen Empirismus an. Bildung des Guten durch Regelwerk! Auch heute noch glauben manche oberflächlichen Behaivoristen, daß sie nur durch ein strammes Regel- und Gesetzwerk den Menschen zu einem Guten machen könnten, derweil sie doch klammheilig davon ausgehen, daß er böse sei. Und damit knebeln sie Freiheit, verwässern und sieben den Willen... Das ist kein Humanismus. (Deshalb liest man auch nirgendwo, Kant sei ein Humanist gewest.)
Und Schillern? Der setzte sich darob mit Kant auseinander. Weil er doch an die Wirksamkeit von Regeln nicht glauben mochte, die Grenzen der Wahrnehmung aber jeden Tag aufs neue erkennen mußte. Der Glückliche kam noch dazu, sich vom "Mönchen aus Königsberg" zu lösen und sich an Goethes Standpunkt der freien Anschauung anzulehnen.

aerolith
08.09.02, 07:23
Der Puschkin steht in Weimar. Er starb 1837. Die Franzosen wußten bis dahin nur, daß Rußland weit und kalt ist. Was mochte Goethe, auf dessen Betreiben hin Puschkin in Weimar Aufnahme und Rezeption fand, an diesem Spieler? Vielleicht die intuitive Psychologisierung des Disparaten? Hat die russische Seele in Weimar deshalb Fuß gafaßt, weil die Fürstenfamilie russisch verbandelt gewest? hat die Politik hier der Ästhetik den Weg gewiesen, also aus einer Liebedienerei - zu der Goethe, wie wir wissen, neigte - wurde ächte Begeisterung?!


Es gibt in der Literaturwissenschaft die These, daß de Vogue erst 1887 die Russen den Franzosen erschloß. (Waren die Russen - Dostojewski, Turgenjew, Bakunin, Tschaikowski... deshalb in Deutschland beheimatet, weil wir sie schon um 1830 als Dichter und Denker annahmen?)


Deutschland hat eine stärkere Affinität zu den Russen als andere in Europa. Beide Völker denken ganzheitlich, haben Anfang und Ende im Auge, wenn sie schreiben, denken, handeln... V e r t i e f e n!!!


Marx mit seiner säkularisierten Apokalyptik, mit seiner historischen Mission der Arbeiterklasse hatte einen Ganzheitsentwurf geschaffen, den die Russen aufnehmen konnten wie ein trockener Schwamm den Regen.

aerolith
16.11.02, 01:23
Einer der Gründe für das allmähliche Wachsen der deutschen Klassik: staatliche Zerrissenheit will heißen das Viele im Ausdruck und in der Auseinandersetzung mit dem jeweils Einen. Das Viele konnte nicht in einem - gleichgeschalteten - Staat entstehen, der zentriert war oder machtpolitisch orientiert. Es mußte das Kleine sein, die Unterordnung gesellschaftlicher Kräfte unter die politisch-staatlichen. So konnte das Denken gegen die Macht gesetzt sein. So konnte der Macht aufgetragen sein, selbst zum Denken zu gelangen. Gedanke des aufgeklärten Souveräns. Und manche der Einen taten's, aber es stand ihrem Willen frei, das zu tun. Und das war gut und schlecht zugleich.
Doch wer die Freiheit will, der muß auch das Böse in Kauf nehmen, darf es nicht unterdrücken zugunsten eines bloß theoretisch Formulierten Guten. Wer hält diese Spannung lange aus?
Der andere Weg ist der, das gesellschaftliche Streben selbst zum staatlich-politischen Machtausdruck zu bringen. Die Engländer machten's im 17. Jahrhundert wirklich, die Franzosen im 18. Doch dann wird der Staat alles, Freiheit ist da nicht möglich; es fehlt an Spannkraft zwischen einem frei sich setzenden Willen des einzelnen und dem einer Allgemeinheit beziehungsweise vieler Allgemeinheiten, denn es bestimmt nicht die Person, sondern das Recht, das Gesetz oder das Geld. Vernunft wird vorgeschoben oder passend modelliert. Die Freiheit soll abfallen, ist ein verwertetes Abfallprodukt. Solche Gebilde müssen das Menschsein verkümmern lassen.


Als Deutschland nach zwei verlorenen Kriegen diesen westlichen Gedanken aufoktroyiert bekam - und die meisten Deutschen ja sagten, weil sie nun genug hatten von dieser Spannung in ihrem Inneren, da war es aus mit ihrer Freiheit, ihrer Blüte des Denkens, ihrer eigentlichen Bedeutung für die Welt. Doch ist die Sehnsucht nach dem Eigentlichen ihrer selbst immer noch vorhanden. Sie ist nicht ausgelebt. Und das sollte den anderen Angst machen - und Klügere von den andern wissen das auch.


Also: das gegebene Politische muß zerstört werden. Der Kreis des Beisammenseins muß verändert werden, neue Strukturen muessen her! Doch es führt kein Weg zurück. Und es soll kein Weg zurück führen, denn das Gegebene ist vernünftig, weil durchgesetzt. Also muß das neue durchgesetzt werden, wenn es vernünftig ist. Selbstbestimmung ist immer Bestimmung über das Selb. Das Selb aber muß erst (wieder)gefunden werden.


Das ist wohl ein sehr langer Weg.

aerolith
26.12.02, 08:53
Meiner Meinung nach sind es zwei Aspekte, die hier besonders hervorstechen und das klassische Konzept markieren:


Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen. Man muß die Stimmen wägen und nicht zählen. Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet, da muß der Staat untergehen, früh und spät. (Schiller im "Demetrius")
Ganz gleich, ob es sich um Kant, Hegel, Fichte oder Schelling, Goethe oder Schiller handelt: Sie alle glaubten, daß in der Geschichte Vernunft walte, besaßen also ein mehr oder weniger chiliastisches Geschichtsbild, was für unsere Fragestellung bedeutet, daß der Staat hier nicht Konstitutiv des menschlichen Daseins, sondern Regulativ, bestenfalls, genannt werden darf. Der Staat dient der Entwicklung des Einzelwesens, der Gattung Mensch gleichermaßen. Der Staat ist nicht, wie in westlichen (vor allem britischen und französischen) Vorstellungen, ein bloßes Machtorgan, um die bösartigen Triebe des einzelnen zu bändigen, sondern wird als Familie, als Schutz- und Trutzverband verstanden. Der Staat muß deshalb vernünftig sein, an der Spitze steht der Vernünftigste, den Gott einsetzte, der aber durch Berater über die wirklichen Verhältnisse auf dem laufenden gehalten wird und so stets AUFGEKLÄRT bleibt.


Ich kann das jetzt nicht kurz und knapp entwickeln, deshalb diese kurzen Angaben. Nur eines noch: Der derzeit in der BRD obwaltende Staat entspricht nicht dem klassischen Konzept, sondern ist ein westlicher Staat, also ein Gewaltstaat. Der Staat der BRD besitzt KEINE sittliche Idee, die ihn trägt. Er bläht sich immer weiter auf, tritt als Unternehmer in Konkurrenz zur Privatwirtschaft, verklammert sich mit ihr, so daß Privatinteressen und Staatsinteressen in Konflikt kommen müssen oder aber kartellähnliche Konstrukte entsprechen. Wir haben hier nur eine Möglichkeit, wir müssen die Krake Staat entkraken, also den Staat weitgehend abschaffen, ihm einige Kompetenzen lassen, aber doch etliche wegnehmen und sie in der Gesellschaft diskursivieren. Doch das bleibt Utopie, denn die geistige Elite dieses Landes ist butterweich amalgamiert.

aerolith
03.03.05, 12:00
Es gibt Namen, darunter versammelt sich die ganze Schönheit des Geistes und Wollens, aller Patriotismus und alle Lebensfreude.


STEIN (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=stein)ist so ein Name. Zwei der mir liebsten Personen der Geschichte sind darunter zu subsumieren, ach was, drei oder vier sogar.

Charlotte von Stein, Goethes geliebte Seelenführerin, Freiherr vom und zum Stein, durch ihn und seine Taten wurde ich gebildet, mein Vorbild. Lorenz von Stein ist hier zu nennen oder Barthel Stein, der mich die Geographie lieben ließ.

Ist schon komisch manchmal. Ich fand keinen Schmidt, der mich begeistere, aber einen Haufen von Steinen, Steine, da war doch was?

aerolith
03.06.05, 16:04
Am Dienstag hörte ich einen Vortrag über das Verhältnis Schillers zur Nation. Ich hätte es vielleicht nicht tun sollen, denn ich ärgerte mich. Ich ärgerte mich über diesen Menschen, seines Zeichens Rektor der Magdeburger Uni, der bestenfalls Allgemeinweisheiten zum besten gab, die zudem klischeeisiertem Denken entsprachen. Daß Schillers Begriffsunterscheidung zwischen Nation und Nationellem nicht dargetan ward, war vielleicht noch verzeihbar, aber daß weder Schillers Humanitätsbegriff noch seine strikte Ablehnung an alles Demokratische Gesprächsthema wurde, war es schon nicht mehr. Da hat einer von etwas gesprochen, wovon er nichts verstand. Aber gut.

Doch eine Sache ließ mich nun vollends verärgert das Auditorium verlassen. Der Redner ließ nun auch kein gutes Haar am Nationalen der Paulskirchenvertreter, mithin des nationalen Aufbruchs des "reaktionären" Jahrzehnts nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49, was de facto und de iure kein Scheitern gewesen, zumal es eigentlich auch keine Revolution war. Aber das nur am Rande. Redner versuchte seinen Zuhörern zu vermitteln, daß es eine Entwicklungslinie hin von Schiller, über dessen Rezeption und dem zu spät gekommenen deutschen Nationalismus gäbe, von dem es nur noch einen kurzen Schritt hin zur Barbarei sei.

Das sind hanebüchene und schematische, ja ich möchte sie veraltete Lesarten nennen, die nur durch die ideologisierte Scheuklappe der Entnazifizierungszeit betrachtet werden durften, nun aber, bitte schön, einer sachlichen Betrachtung weichen sollten.
Es ist ein Aspekt der Betrachtung des speziell deutschen "Nationalismus" zu betonen, daß nämlich mit der Schleswig-Holstein-Frage ein Umdenken der Deutschen begann. 1848/9 sahen sich die Deutschen plötzlich alleingelassen, als sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollten. Man wollte Großdeutschland, alle Deutschen unter einem Dach, aber da machten die Vaterländer der anderen nicht mit. Was für sie galt, durfte für die Deutschen nicht gelten. Die Bruderschaft der revolutionären Völker, von der die Klassikerr noch ausgingen, war eine Illusion und gegen die nationalen Interessen der Deutschen erhob sich von allen Seiten Widerstand. Rußland und England drohten unverhohlen mit Krieg, Frankreich beanspruchte die Rheingrenze, Dänemark Schleswig und Holstein.

Von diesem Schock hat sich das idealiter denkende Nationalgefühl nicht mehr erholt, dieses idealite Nationalgefühl, das Herder und Schiller besprachen, den Deutschen aber schon mit auf den Weg gaben, daß sie zuerst sich selbst bilden sollten, weil ihnen die Staatsrüstung zu groß sei.

Die Staatsbildung des zweiten Reiches ist vor diesem Hintergrund zu sehen.

aerolith
10.07.05, 09:58
Letzten Dienstag hörte ich Bollenbeck (Siegen) über Schillers Kulturkritik. Gut. Allerdings fiel mir auf, daß ein Paradigmenwechsel vor der Tür steht: B. versuchte mir doch tatsächlich weiszumachen, daß bereits Abel (Schillers Lehrer zu Karlsschulzeiten) in Schiller eine Gleichgewichtslehre zwischen Körper und Seele verpflanzte, die sich dann zwanzig Jahre später zum Humanismus weiterentwickelte. Das hieße ja, Schillers schwierige geistige Entwicklung zu nivellieren.
Erstaunlicherweise greift jetzt doch mehr und mehr die Erkenntnis Raum, daß Schiller nicht der große Idealist mit wehendem Haar und moralinem Parlieren gewest, sondern eher ein Kulturkritiker im Rousseauschen Geist. Wobei das selbstredend für Schiller zu wenig gewesen waere! Also setzt er der Zivilisationskritik, nein, der Kulturkritik, die sich in den vier bürgerlichen Betätigungsfeldern Wirtschaft, Politik, Recht und Erziehung manifestiert ein Prinzip entgegen, das den Menschen als Gattungswesen beauftragt, an der eigenen Vollkommenheit des Guten wie auch des Bösen beständig zu arbeiten. Und weg ist der alte und platte Humanismus, den man heute noch in verschiedenerlei Form lesen kann, daß der einzelne schlecht sein kann, es aber insgesamt einen Fortschritt gäbe (Weltvernunft) oder daß der einzelne durch Gesetze zum Guten bestimmt werden soll, weil das die vernünftigste Lösung sei oder daß Freiheit an Einsicht gebunden sei... blabla
Für Schiller war es immer ein Zeichen von Barbarismus, wenn die Vernunft das Konstitutiv des Handelns ausmacht; es war ihm ein Zeichen von Naivität, wenn dieses Konstitutiv das Gefühl, Lebenssinn also Fühlen, Schmecken oder Ficken sein soll.
Und das ist doch mal eine Neuigkeit! Weder das eine noch das andere ist es, was den Menschen ausmacht.
Und hinsichtlich einer politischen Folgerung sei hier angemerkt, daß für Schiller Verstand stets bei wenigen nur gewesen. Die rohe Masse ist und wird nicht selbstbestimmt handeln können, entweder handelt sie vernunftorientiert, also in abstrakter Kaltsinnigkeit wie die mordenden Jakobiner oder sie handelt naiv, indem sie nur auf Eingebungen, Sinneseindrücke, Launen... hört.
Bereits 1787 notierte Schiller im Geisterseher: "Gewisse gefährliche Wahrheiten der Vernunft, meinte er, könnten nirgends besser aufgehoben sein als in den Händen solcher Personen, die ihr Stand schon zur Mäßigung verpflichte, und die den Vorteil hätten, auch die Gegenpartei gehört und geprüft zu haben."

aerolith
18.10.05, 22:52
http://www.literarisch-reisen.de/image01.jpg

so gar nicht weit zu reisen, will mir heute nicht in den sinn. verfluchte reizschwäche.
schöne sache das mit einem bilddiskurs zu mir. glauben die doch allen ernstes, sie könnten mich vor ihren karren spannen, seit zweihundert jahren versuchen sie's nun. doch ich bin frei, will heißen, ich bin lebendig. nur tote lassen sich spannen.

aerolith
11.11.05, 17:24
Herder nahm Lockes Widerspruch von den Bewußtseinsinhalten, die vorgeburtlich gebildet würden, und seinem dictio der tabula rasa, die durch Sinneseindrücke erst eben diese Bewußtseinsinhalte zu bilden vermöchte, sehr ernst, nein, er nahm nicht den Widerspruch, er nahm den Gedanken in seinen Bildungsgedanken auf. Die Totalität der Erfassung der Wirklichkeit vollzieht sich über die Sinne. Bei Herder.

Ich möchte das zu bedenken geben, denn es gibt nicht wenige, die Schiller und Herder als eine Komponente des Humanitätsbegriffes der Klassik begreifen. Ich möchte deshalb mit allem Nachdruck hier feststellen, daß Schillern mitnichten an eine durch Sinneseindrücke sich ausprägende Bewußtheit dachte. Schwerlich hätte er sonst Goethe während jenes berühmten Gesprächs am Fürstengraben sagen können: "Das mit Ihrer Urpflanze ist bloß so eine Idee von Ihnen."

Für Schiller ergibt sich die Totalität der Erfassung der Wirklichkeit AUCH über die Sinne, sie bilden einen Teil der Totalität. Das ist etwas ganz anderes.
Wirklichkeit wird durch Ideen gemacht, nicht Ideen durch die Wirklichkeit bestimmt. Modifiziert, nicht bestimmt.

aerolith
06.12.05, 15:56
Die Lust an der Tragödie entspringt der Vernunftfreiheit des sittlichen Geistes. Dieser Geist ist so gar nicht an Raum und Zeit, den wichtigsten irdischen Dingen interessiert, aber er benötigt diese Kategorien, um überhaupt wirken zu können. Die Tragödie nun bedarf eines Zuschauers, der sittlich urteilt, sonst bleibt das Tragische selbst inwendig hohl.
Es muß dem Tragiker somit gelingen - und daraus schöpft er seine Lust -, durch die Sprache und die Handlung eine Verbindung zwischen dem sinnlich Wahrnehmenden und dem sittlich Bedürftigen zu schaffen.
Es ist hierbei ein Geheimnis um die Wirkung auf den sittlichen Geist, der selbst bildungsfähig ist. Das Schöne rührt und setzt in Bewegnis, macht frei. Das Schöne ist die Regelmäßigkeit, die bewegt, beweglich ist und Raum und Zeit in unserer Vorstellung überwindet, doch immer wieder auf diese zurückgreift. Aber das Schöne hat auch so gar keinen Bezug zum Sittlichen, zu einem sittlichen Soll-Gesetz; wir bilden uns das bloß ein. Daher die notwendige Gedankenschöpfung "sittlicher Geist", sie wird das Sittliche mit dem Schönen verbinden. Eine Darstellung ist die Tragödie, in der Teilganzheiten bis an den Rand des Ertraeglichen geführt werden, selbst handeln, um dann im Ganzen aufzugehen.

aerolith
25.12.05, 11:12
Als die Franzosen ihre politische Revolution machten und hunderttausenden Ungleichen die Köpfe abschlugen, gab es bei uns auch eine Revolution, ich möchte behaupten, eine sehr viel wichtigere, weil sie für alle Menschen etwas Neues hervorbrachte.
Die Deutschen wandten sich vom naturrechtlichen Denken ab, von einer naturrechtlich konzipierten Wahrnehmung der Welt, die zu der Tatsache einer Macht- und Gewaltpolitik führte und bis zu diesem Zeitpunkt Weltgeschichte war. Die Deutschen sahen in Frankreich, daß die unvorbereitete Tugend auch nur Mittel der Gewalt anwenden zu müssen glaubt, um ihren Zweck durchzusetzen. Sie wandten sich also von dem Zweck, Gleichheit, gleichermaßen ab wie von den angewendeten Mitteln und fragten sich, was statt dessen ein Ziel der Menschheit sein könne, ja sein müsse. Und sie hatten gute Gründe, denn schon die deutschen Aufklärer lehnten - im Gegensatz zu ihren nichtdeutschen Kollegen - gewaltsame Mittel zur Verbeßrung des Staates ab; sie lehnten alles ab, was über moralische Mittel hinausging. Zwar hatte Wolff die Demokratie als das geeignetste Mittel für polite Völker bezeichnet, eine ihnen gemäße Ordnung zu gewährleisten, weil sich diese politen Völker um Verstand und Tugend bemühten, aber das kippte dann: Die Demokratie war Schiller, Goethe, Eberhard, Fichte oder Schelling, auch Hegel oder Hölderlin keine geeignete Form für die Gewährleistung bürgerlicher Freiheit, denn der demokratische Staat habe eine Distinktion zur Gleichmachung und KANN nicht gewährleisten, diese Freiheit zu schaffen und dem einzelnen zu lassen, was IHM GUT DÜNKT, wie Eberhard sich ausdrückte. Die Demokratie ist also über dieses Fatum der Gleichheit notwendigermaßen gezwungen, unmoralische Mittel anzuwenden und deshalb abzulehnen, weil sie somit den apagogischen (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=apagogisch)Beweis ihrer Unzulänglichkeit als Endzweck der politischen Verfaßtheit für die Menschheit antrat.

aerolith
04.03.06, 07:50
Stichwort: Großkochberg

Dort gibt es ein Schloß. Das Schloß war ein Liebesnest. Na ja, Goethe und Frau von Stein haben es wohl nie miteinander. Der Goethe soll ja sogar bis zu seinem 37. Jungfrau gewest, munkelt mancher Germanist (vor allem weibliche in einem gewissen Alter) hinter vorgehaltener Hand. Und Dichtung ist dann nichts weiter als sublimierte Bewältigung des Nieerlebten! grinse grinse... Jedenfalls soll der Goethe zu diesem Schloß des öfteren geritten sein (schlappe 30 km von Weimar liegt es), zu seiner geliebten FvS, die ihn nie erhörte.
In diesem Schloß hängt auch ein Bild von Schiller, nicht im Konterfei, von hinten. Es ist das vierte authentische aus seiner Lebenszeit; mehr sind mir nicht bekannt. Vier Bilder von Schiller! (der Rest ist Interpolation späterer) Schiller war dort auch, manchmal. Er ritt nicht aufm Pferd, sondern auf dem Esel. Er ritt nicht zu einer heimlichen Geliebten, die ihn dann doch nicht erhörte, sondern sprang immer zwischen zwei Schwestern herum, die ihn beide liebten und wohl auch hatten.
Goethe trug einen italienischen Sommerhut, Schiller einen Breitkrempehut.
Der Esel trägt den Narren. Aber wer ist hier wirklich der Narr?

Ich lach mich noch tot über unsere Klassiker, aber es ist ein Lachen der Freude. Menschen!

aerolith
04.06.06, 17:29
Schillers lebenslanger Kampf gegen Krankheiten brachte ihm Todeserfahrungen, Vorstellungen, Beinahegewißheit eines solchen Nichtseins. Er empfand den Tod als einen großen Riß der Welt, in dem alle ihre Fragwürdigkeit gewiß wird. Der Tod ist die Schranke des Menschen, hinter die er nicht wieder zurück kann, ein Gattungsproblem. Wie soll mit dieser Gewißheit Fortschritt möglich sein, wie ihn die Aufklärer glaubten? Schiller lehnt diese Art Optimismus ab! - Das mag vielen ein Schock sein, die in Schiller so einen idealistischen Hagestolz zu sehen vermeinen, der moraltrompetend an die Zukunft des Menschengeschlechts glaubt. - Wir Menschen tragen allerdings einen idealischen Menschen in uns, den wir entdecken, fördern, herauskitzeln, ausbilden müssen. Darin liegt unsere Passion, die es bleiben wird, weil wir nie ans Ziel kommen werden.
Ist das Pessimismus?
Nein, es ist die schönste Aufgabe, eben all das zu entwickeln, was in uns liegt, Gutes und Schlechtes gleichermaßen. Das Idealische hat keine moralische Brennweite.

aerolith
19.06.06, 08:32
Schelling wird maßlos unterschätzt. Nun gut, als Stilist gilt er nicht, zu schwächelnd sein Stil, so schwach, daß Hofmannsthal ihn deswegen aus dem Deutschen Lesebuch verdammte. Der Mann hatte recht. ABER: Schelling mag kein Stilist sein, also nach Hofmannsthal auch kein (literarisch) besonderer Mensch, aber er war groß genug für Goethe, der ihn (neben Schiller natürlich) dazu erkor, mit ihm zusammen die Neujahrsstunde des neuen Jahrhunderts zu feiern. Schelling - das neue Gestirn um 1800!


Also, es wird Zeit, diesem Barden des Geistes zuzuhören, zumal Hölderlin mitraunt. :augenroll:

rodbertus
14.07.06, 17:30
wer, wie ich gestern, das Weimarhaus betritt - http://www.weimarhaus.de/ -, dem wird ein merkwürdiges erlebnis zuteil. geschichte wird vergegenwärtigt. mit wachsfiguren, die reden! ich bin ja nun nachgewiesenermaßen ein vertreter jener zunft, die dunkles aus der zukunft ahnt und dies im gegenwärtigen mit dem vergangnen verbinden will, aber das gestern? da saßen anna amalia, schiller, wieland und herder an einem tische, goethe stand und redete, nein, jeder redete, nur die frau schwieg, also die herren redeten, sie bramarbasierten aneinander vorbei. und dennoch hörten wir zu, ich aus interesse, die kids, weil sie sonst eine schelle bekommen hätten. was den deutschen geist ausmache, wollte ich dann wissen. falsch, das dachte ich nur so für mich. aber das nur dem wortlaut nach, nicht der darbietung. es war dem wortlaut nach deutscher geist - für alle: das ichts und das nichts denken und sich an den faxen des jeweiligen gegenüber zu ergö! -, aber der darbietung nach war es kitsch, show, blabla und madame tussot. igitt!

die klassik als lebenskonzept hat nur dann eine wirkliche chance, von den menschen angenommen zu werden, wenn sie nicht als ein angebot zum konsum verkauft wird, als eine möglichkeit unter vielen, neben gothic, vegetarismus oder spinnenbeinmagersuchtsästhetik.

weimarhaus, so nicht!

aerolith
17.02.07, 10:44
Gaumenfreuden! Nach einschlägigen Berichten eines DDR-Kochbuches soll dieses Rezept zu Schillers Lieblingskuchen führen, Blankenhainer Kirschkuchen:

200 g Mehl
200 g Zucker
6 Eier
150 g Mandeln
1 Teelöffel Zimt
500 g Süßkirschen

Zucker und Eigelb schaumig rühren, mit den geriebenen Mandeln, dem gesiebten Mehl und Zimt vermischen, das zu steifem Schnee geschlagene Eiklar vorsichtig unterziehen und erst dann die entsteinten Kirschen unterheben. In eine gebutterte Springform füllen und bei mittlerer Hitze backen.

Meine Tochter Charlotte versucht sich gerade daran. Bin gespannt.

aerolith
22.05.08, 08:15
Schillers Neigung zu faulen Äpfeln wurde sprichwörtlich. In seiner "Schieblade" befanden sich etliche davon, die ihn halluzinieren ließen, Halluzigene!

Unsere Klassiker schreiben ihre Texte im Vollrausch.

aerolith
25.07.08, 10:15
Deutsche Klassik




Die sprachliche Grundlage der Klassik leistete der aus Ostpreußen stammende Leipziger Germanist Gottsched um 1740, der in seiner Grammatik "Sprachkunst" feste Richtlinien für Laut- und Formengebung schuf, die entscheidende Persönlichkeiten im Reich und in der Schweiz anerkannten. Das Meißnische setzte sich somit gegenüber dem Schlesischen als schriftliche Normsprache durch, obwohl in der gesprochenen Verwendung die meißnischen stimmlosen Laute (p und b; g und k; d und t) oftmals verwechselt werden. Aber das betraf nur die gesprochene, nicht die geschriebene Sprache. Die allgemeine Anerkennung dieser Sprachlehre, die ein anderer Leipziger Professor, Adelung, noch hinsichtlich der Rechtschreibung ergänzte, war allgemein, so daß die deutschen Idiome eine gemeinsame Basis erhielten und sich wechselweise befruchteten.
Gottsched neigte zur Herrschsucht. Sein Urteil sollte ewig gelten; es war das Prinzip des Besten, an dem sich orientiert werden sollte. Gottsched hielt die Franzosen für maßsetzend, was seinerzeit nicht so weit hergeholt war. Die Schweizer Bodmer und Breitinger widersprachen. Sie wollten keine strenge Formengebundenheit wie bei den französischen Klassizisten als Gestaltungsprinzip auch fürs Deutsche gelten lassen, sondern betonten freie poetische Phantasie, Leidenschaft und Volkstümlichkeit als entscheidende Parameter für den literarischen Text. Als der Ostfale Klopstock diesem Aufruf 1748 folgte und mit dem Messias ein Stück Gefühlspoetik schuf, war der Kampf entschieden. Klopstock verarbeitete zahlreiche ausländische Einflüsse in seinen melodischen Wortmalereien. Das Schriftdeutsche wurde griffiger und verlor seinen intellektuellen Ansatz. Aber Klopstock entwickelte sich nicht weiter. Der Sachse Lessing nahm den Faden auf und nannte Shakespeare als Vollender der Bodmer/Breitinger-Postulate. Ins gleiche Horn stieß der Memelländer Herder, der Shakespeare den Bruder Sophokles' nannte und nicht nur in englischer, sondern auch in osteuropäischer und orientalischer Dichtung Volkstümlichkeit und Poesie nachwies. Damit stieß er das Tor weit auf, durch das zahlreiche deutsche Dichter und Denker gingen, auch für den Hessen Goethe, der Herder 1770 in Straßburg kennen und lieben lernte. Blieb die Frage nach dem antiken Formenideal, in das sich die neu entdeckte volkstümliche Poesie ergießen könnte, fehlte die Wahl der Stoffe, die nunmehr thematisiert werden könnten. Die Franzosen hatten das Politische mit dem ästhetischen zusammengedacht, orientierten sie sich an lateinischen Vorbildern, und so einen imperialen Ausdruck in ihrem Wesen angenommen. Die Deutschen erkannten durch die Arbeiten des Altmärkers Winckelmann die Ursächlichkeit des Griechischen, zumal die Griechen das Anschauen der Natur als Ideal gepriesen hatten. Der Mecklenburger Voß übersetzte die großen Werke der Griechen, Ilias und Odysseus, um 1780 und schuf damit Voraussetzungen für die Neurezeption der griechischen Mythologie. Vor allem für die Schwaben Schiller und Hölderlin war Griechenland stilprägend.
Es fällt hier ein wichtiger Aspekt der gesamten deutschen Geistesentwicklung des 18. Jahrhunderts auf: sie steht in keiner Beziehung zu den politischen Ereignissen, sondern bewegt sich auf ihrer eigenen Bahn. Das war in Frankreich anders. Die Deutschen standen nach anfänglicher Begeisterung für die Französische Revolution besonders dem Gleichheitspostulat der Franzosen skeptisch gegenüber. Nach dem Bekanntwerden zahlreicher Massenhinrichtungen für alle Andersdenkenden in Frankreich wurde aus Begeisterung Feindschaft. Viele deutsche Dichter und Denker fragten, ob der gute Zweck jedes Mittel rechtfertige und kamen zu dem Schluß, daß dies nicht der Fall sei. Der Zweck heilige nicht die Mittel. Der Patriotismus der Franzosen und ihr Bekehrungsglaube gegenüber anderen Völkern war den Deutschen verdächtig. Es erschien den Deutschen zu kleingeistig, nur für eine Nation patriotisch zu sein; es sollte das gesamte Menschengeschlecht sein, für das die Freiheit im Bunde mit Gerechtigkeit und Brüderlichkeit geschaffen werden sollte. Der Künstler, besonders der Dichter, habe hierbei die Aufgabe, am ewigen Bau des Menschengeschlechts zu arbeiten, denn der Dichter sei vom Weltgeist dazu berufen worden. So Schiller. Das Politische war den Deutschen suspekt, immer und stets unlautere Mittel einzusetzen.
Der Bau am gesamten Menschengeschlecht mußte von innen her, durch Überzeugungen und Charakterbildung, bewirkt werden, nicht durch brachiale Gewalt, nicht durch äußere Gesetze. Das ist das Humanitätsideal der deutschen Klassik und ging über die Aufklärungsziele hinaus, als Recht, Sitte und Wirtschaft vorrangige Wirkpunkte für den aufgeklärten Menschen abgeben sollten. Der enge Wirkungskreis der Aufklärer wird zugunsten eines allgemeinen und ewig-menschlichen Verständnisses erweitert. Die protestantische Ergreifung der Welt.
Die katholischen Landesteile blieben von dieser Entwicklung vorerst unberührt und steuerten auch nichts bei. Bayern und Österreich blieben rückständig. Österreich lieferte seinen Beitrag zur noch heute bleibenden Wertschätzung der deutschen Kultur durch musikalische Genies wie den Salzburger Mozart, den Rheinländer van Beethoven und den Burgenländer Haydn, die allesamt nach Wien übergesiedelt waren und die musikalischen Traditionen der ostfälischen Genies aus dem Aufklärungszeitalter, Telemann und Händel, sowie des Thüringers Bach fortsetzten beziehungsweise erweiterten.
Ein Menschenalter nach der Literatur prägte die deutsche Philosophie neue Lebenskonzepte. Der Ostpreuße Kant, der Sachse Fichte, die Schwaben Hegel und Schelling entstammten protestantischen Elternhäusern. Auch hier blieben die katholischen Landesteile ohne Vertreter.

aerolith
30.09.08, 17:00
Palmyra ist der Geburtsort des Tragischen, die Geburtsstätte der Hybris, des Sichselbstüberhöhens und der daraus folgenden Bestrafung durch die Götter.

http://www.vonwolkenstein.de/images/palmyra.jpg

aerolith
18.03.09, 17:01
die ZEIT hat sich über schillers und goethes verhältnis geäußert. safranski kommt nicht umhin, ihr verhältnis als dasjenige dicker freunde zu bezeichnen - "die waren schon dicke miteinander".

einspruch.

das verhältnis zwischen beiden kann als kollegial, nicht aber als freundschaftlich bezeichnet werden. eine freundschaft bedarf nicht des Dus, nicht engen miteinanders, nicht ewiger herzlichkeit, aber sie bedarf einer unabdingbarkeit, einer von herzen kommenden zugeneigtheit, die von vielen menschen der liebe gegenüber vorgezogen wird, weil freundschaft bestand hat.
goethe pflegte von schiller immer als "dieser mensch" zu sprechen. das kann sehr freundlich gemeint sein und war es wohl auch. goethe hat schiller nach jena geholt, doch nicht als freund, sondern als mutmaßlichen kollegen. vielleicht nicht einmal das. es dauerte 5 jahre, bis sie einander näher kamen, nur durch intrige schillers, der goethe einfach abpaßte und in ein gespräch verwickelte, in dem goethe sofort erkennen mußte, daß sie einander nicht ins gehege kommen würden, denn jeder schwirrte auf einer anderen kreisbahn, goethe auf der über das empirische und die anschauung das allgemeine schauenden und schiller auf der das eine idee setzende und daraus das besondere erklärenden. und ERST dann wollte goethe mehr von schiller; im übrigen verhielt er sich ihm gegenüber so, wie er es seit jahren mit mutmaßlichen konkurrenten auf dem dichterthron gehalten hatte (lenz, klinger, hölderlin, kleist), er ignorierte oder biß weg. das ist kein guter beginn für eine freundschaft. die nach jenem augusttag 1794 folgenden jahre, ein jahrzehnt, um es genau zu verifizieren, waren nicht durch das gemeinsame gekennzeichnet, sondern durch das zusammenarbeiten. goethe hielt schiller aus seinem persönlichen bereich heraus, aus seiner ehe, die schiller nie goutierte (schillers frau noch weniger), aus seinen politischen ambitionen, die schiller nie teilte, aus seinen naturwissenschaftlichen forschungen, die schiller nicht besonders interessierten. im gegenzug hatte goethe keinen zugang zu schillers philosophischen intentionen, deren sinn sich goethe nicht erschloß; er kannte nicht schillers stete geldsorgen und vermochte auch nicht schillers wunsch nach gesellschaftlicher reputation zu verstehen. es bedurfte sehr intensiver anstrengungen von frau schiller, daß schiller den adelsbrief erhielt; goethe hatte sich auch darum nicht übermäßig (eben wie ein freund) gekümmert, obwohl er hätte wissen müssen, wie wichtig das für schiller gewesen wäre, dem der brief im übrigen nicht viel bedeutete, aber erfreute sich eben für seine frau, die nun wieder in die gesellschaftliche stellung kam, die sie durch die heirat mit dem bürgerlichen schiller verloren hatte.

es gibt nicht vieles, das für eine freundschaft zwischen beiden spricht. sie sind zwei menschen, die auf verschiedenen seiten des lebens aufwuchsen, unterschiedlichste sozialisationen erfahren mußten und auch in ihrer blütezeit kaum mehr als arbeitskollegen in teilbereichen ihres daseins sein konnten. die "hälfte meines daseins", die schillers tod aus goethes leben gerissen haben soll, diese worte des dichterfürsten sind sicherlich kaum übertrieben. "dieser mensch" gab goethe das, was man mit musenkuß, mit erweiterung des ichs, mit antrieb und dergleichen umfassen kann, nicht aber gab er goethe eine ahnung dessen, was freundschaft bedeutet. die hälfte des daseins, die aus liebe, freundschaft und nächstenliebe besteht, blieb goethe erhalten.

emily
16.08.09, 22:19
in meinem alter tut man lauter dinge, die keinen spaß machen. aber es beginnt, dass sie einem spaß machen.
schillers frau muß ja eine blöde tusse gewesen sein. sie soll ihn mit ihren hysterischen anfällen ganz schön genervt haben, habe ich mal in einem buch gelesen. und als bei seinem tod ihre schwester bei ihm war und sie sich über das theater unterhielten, soll er geweint haben.
echte freunde erkennt man in der not. dieser testfall trat bei den beiden männern nicht ein. hähnchengescharre.

von goethes frau hat man dagegen gehört, sie habe sich über ihn geworfen, um ihn vor feindlichen soldaten zu beschützen. da hat er sie dann heiraten wollen.

aerolith
13.07.10, 08:45
der in "Kabale und liebe" als hofschranze gezeichnete hofmarschall von kalb hat das nicht verdient. schiller kannte zu jener zeit eine charlotte von kalb, deren tüchtiger mann in amerika auf seiten der amerikaner gegen die briten kämpfte. die hübsche strohwitwe hatte es wohl auf schiller abgesehen, der aber hatte nur augen füandere. als man sich 1787 in weimar wiedertraf, beauftragte charlotte schiller mit der vermittlung eines hauslehrers für ihren in aller öffentlichkeit masturbierenden halbwüchsigen sohn. fritz, so hieß der, bekam den geeignetsten hauslehrer, hölderlin, der scheitern mußte.

die welt ist ein dorf!
http://www.jena.de/fm/430/thumbnails/Friedrich%20Schiller-klein.9667.jpg.9668.jpg

aerolith
20.07.10, 08:23
goethe glaubte von sich, daß er weit demokratischer gesinnt sei als der von den revolutionsmännern gefeierte schiller. allerdings grenzt goethe diese attitüde ein, indem er gleichheit und freiheit als nicht zugleich bestehendes bezeichnet. das seien phantasten und scharlatane, die das behaupten. allerdings müsse das gefühl der gleichheit wo nicht aller menschen, doch aller menschlichen zustände obwalten.

es gibt nicht wenige, die im angesicht dessen, unsere klassiker zu guten bürgern der brd zu machen, hier historische oder irgend ander begrenzte weltsicht fabulieren, um nur jarnich zuzugeben, da? es noch andere politische ziele geben könnte als den zustand gegenwärtiger faschistoider egalität, der lebenskreise gleichsam einengt und nivelliert, der in einem moloch von durchsottenem menschengewürg das fanal der freiheit aufspießte und im krach der vieltönigen lügen erstickte.
die wahrheit aber lautet: man muß die menschen erst bilden, um ein system der gleichheit zu schaffen. schafft man zuerst das system der (mutmaßlichen) gleichheit, werden sich diejenigen in ihr behaupten, die nicht gleich sind. die anderen werden fallobst.

aerolith
25.07.10, 06:53
hoffnung für alle dichter und schüler:


goethe fand sich nie im labyrinth der antiken versmaße zurecht. wollte er einen text in ein solcher art schreiben, ließ er sich von seinem sekretär riemer das maß aufzeichnen, wie eine schablone, um diese dann mit seinen worten auszufüllen. "ich habe das unglück, dergleichen immer zu vergessen", bekennt er. goethes orthographie blieb schwankend und in hinsicht auf die interpunktion teilt er mit, daß diese eine kunst sei, "die er nie habe lernen können".

aerolith
12.08.10, 13:15
Kanzler von Müller erzählt von einer merkwürdigen Begebenheit vom 23.9.1823:

Ich war kaum gegen 6 Uhr in Goethes Zimmer getreten, zunächst, um Professor Umbreit für morgen anzumelden, als der alte Herr seinen leidenschaftlichen Zorn über unser neues Judengesetz, welches die Heirat zwischen beiden Glaubensverwandten gestattet, ausgoß. Er ahnte die schlimmsten und grellsten Folgen davon, behauptete, wenn der Generalsuperintendent Charakter habe, müsse er lieber seine Stelle niederlegen, als eine Jüdin in der Kirche im Namen der heiligen Dreifaltigkeit trauen. Alle sittlichen Gefühle in den Familien, die doch durchaus auf den religiösen ruhten, würden durch ein solch skandalöses Gesetz untergraben; überdies wolle er nur sehen, wie man verhindern wolle, daß einmal eine Jüdin Oberhofmeisterin werde. Das Ausland müsse durchaus an Bestechung glauben, um die Adoption [Annahme] dieses Gesetzes begreiflich zu finden; wer wisse, ob nicht der allmächtige Rothschild dahinter stecke.

aerolith
21.08.10, 15:24
viele historiker erklären die blütezeit der weimarer kunstperiode, wie heine sie nannte, damit, daß sich viele der besten deutschen kräfte gerade auf die geistigen und dabei besonders die künstlerischen bereiche richteten, weil ihnen weder im felde unmittelbar politischen handelns noch in der ökonomie eine vergleichbare entfaltung möglich war.

is natürlich bockmist. würde diese erklärung für bare münze gehalten werden können, müßte gefragt werden, ob dies eben eine erklärung sein kann. muß demzufolge nicht beinahe jedes land der welt dann solche epochen besitzen, in denen epochales geleistet wird? müßte dann nicht andernorts etwas vergleichbares geschaffen worden sein? müßte nicht in deutschland selbst zu anderen zeiten ähnliches geleistet worden sein?

die erklärung greift viel zu kurz, bleibt zu materialistisch und kann nicht dabei helfen, mehr dafür zu tun, daß eine solche epoche des geistes wieder einmal die herzen erreicht und das schafft, was menschen frei und menschlicher macht als dieses bigotte und pragmatische zeitalter, in dem wir leben müssen.

ich wünschte mir, wir würden in einer zeit leben, in der die begabten als ihren wichtigsten beschäftigungskern die schönen dinge des lebens erwählten und sich nicht schnödem broterwerb hingebten.

aerolith
01.09.10, 15:35
die von vielen als merkwürdig bezeichnete verbindung goethes zu den romantikern ist so merkwürdig nicht, wenn man an runge und dessen farbtheorie denkt. goethe und runge gingen konform in der betrachtung des lichts als vierter dimension, das den körper auflöst und letztlich farbe als lichthaltige farbe begreift.
wenn man jetzt noch weiß, daß goethe die "farbenlehre" als sein hauptwerk bezeichnete (nicht den faust!) und sein dichten letztlich weniger bedeutsam war als seine wissenschaftlich-künstlerischen forschungen auf dem gebiet der farbenlehre, dann ist die querverbindung zu den romantikern evident.

http://www.vonwolkenstein.de/images/rungeskleinermorgen.jpg

aerolith
05.10.10, 13:27
docendo discitur (beim Lehren lernt man) - goethe ende 1788 zu schiller, nachdem schiller zweifel darüber äußerte, für die stelle eines geschichtsprofessors noch nicht genügend vorbereitet zu sein.

manche mutmaßen heute, daß goethe auf diese weise versuchte, schiller vom dichten wegzubringen und im akademischen betrieb zu verwursten. das ist sicherlich nicht fein gedacht, allerdings war schiller dankbar dafür, eine stellung in jena einnehmen zu dürfen, die ihm eventuell die gründung eines hausstandes ermöglichte. andererseits weiß jeder dichter, daß brotberufe seinen tod bedeuten.

aerolith
07.10.10, 08:49
im sommer 1792 spielte schiller kegeln und geriet beim spiel mit fritz von stein (sohn der frau von stein) oft in streit. und wie das bei rechthaberischen menschen, deren schiller durchaus einer war, mit humor dann oft so ist, schrieb er flugs eine abhandlung übers kegeln und nannte sie:

Abhandlungen über die Kegelkunst von Friedrich Freiherrn von Stein, Herzoglich Sachsen-Weimarschen Kammerherrn, Brothusaren und Kümmeltürken.

wer beleidigt heute noch jemanden so? gezielte beleidigungen sind eine kunst, die nicht gelernt sein kann, sondern nur aus dem herzen kömmt. sie fördern den mut und einfallsreichtum des beleidigten, wenn sie im rahmen des erträglichen bleiben.

aerolith
09.10.10, 12:58
honorare zur klassik:

goethe erhielt für sein heute zurecht eher vernachlässigtes werk "Herrmann und Dorothea" von Vieweg 1000 Taler (ca. 80000 €: gemessen am heutigen Silberpreis), der es in einer auflage von 4000 stück produzierte und mit gewinn verkaufte.

gut verlegerisch gedacht eins:eins:eins - herstellung bzw. honorar: vertrieb: gewinn, so ergeben sich verkaufskosten von 0,75 Taler bzw. 15 Groschen das buch (ca. 60 € je Buch).

ein solches lyrikbuch auf heutige verhältnisse übertragen:

auflage: 20000
preis: 60 €

würde sich das in deutschland heute rechnen? wohl kaum.

aerolith
09.10.10, 15:17
Die große Steuerlüge. Durch zahlreiche Geschichtsbücher geistert die Lüge von der Auspressung des Volkes durch die Herrschenden. Die Wahrheit sieht anders aus.

Was gemeint ist, mag jeder Heutige angesichts folgender Tatsache bemessen: Es gab keine Steuern für Essen, Trinken und dergleichen, die der Endverbraucher zahlen mußte. Diese uns heute wohlvertrauten Steuern sind Erfindungen des späten 19. Jahrhunderts bzw. stammen aus der Zeit des ersten Weltkrieges.

Schiller mußte für sein 90000 € teures Haus (1150 Thaler bar bezahlt!) jährlich an Steuern zahlen: 9 Groschen, 4 Pfennige, d.s. etwa 37 €. Mehr zahlte er das ganze Jahr nicht. Keine Einkommensteuer, keine Gewerbesteuer, keine anderen Abgaben. Er bezog anfangs vom Herzog 200 Thaler (16000 €), im Jahr seiner Krankheit verdoppelte der Herzog Schillers Einkünfte. Nebenbei verdiente er als Schriftsteller nicht schlecht, ungefähr 1000 Thaler im Jahr, besonders Almanache, Kalender und Zeitschriften (Horen) gingen gut, weil sie regelmäßig Abnehmer fanden. Die Einnahmen als Professor sind marginal, vielleicht nebenher noch 100 Thaler p.a.
Schillers Haushaltung verschlang etwa 1200 Thaler p.a. (ca. 96000 €), denn Schiller lebte auf großem Fuß. Arm war der Mann nicht, zumal er 1792 3000 Thaler (ca. 240000 €) vom Augustenburger Stipendium erhielt, d.i,.nach heutigem Wert drei Einfamilienhäuser.

aerolith
08.02.11, 13:17
von goethe ist bekannt, daß er im nachhinein viele ereignisse seines lebens mystifizierte. eines der berühmteren beispiele für diese technik des vaticinium ex eventu ist die sentenz über die kanonade von valmy, wie hertslet zu berichten weiß:



. Erst 1820/22, also volle dreißig Jahre später, kommt sie in seiner damals niedergeschriebenen 'Kampagne in Frankreich 1792' erstmalig in dieser Formulierung vor. Goethe, der im Gefolge des Herzogs von Weimar an dem mißlungenen Feldzug gegen das republikanische Frankreich teilgenommen hatte, beruft sich auf eigene Tagebuchnotizen, deren Original aber nicht mehr vorhanden ist und vermutlich überhaupt nicht existiert hat. Der Dichter hat seine Erinnerungen mit Hilfe der bereits 1809 in Amsterdam erschienenen 'Memoiren zur Geschichte des preußischen Staates' des Majors A.L. von Massenbach in Tagebuchform rekonstruiert. Dort heißt es [Bd. I, S. 115.]: 'Der zwanzigste September 1792 mußte Europa eine andere Gestalt geben.' Aus diesem Wortlaut hat dann Goethe seine Formulierung entwickelt." (Hertslet, S. 235.)

aerolith
29.06.11, 07:15
kleiner Fehler in Schillers "Demetrius": Schiller läßt Demetrius von einem Nuntius begleiten. Allerdings gab es um 1572 eine Reform durch Gregor XIII., so daß Nuntii fortan keine völkerrechtlichen bzw. missionarischen Tätigkeiten mehr ausübten, sondern sich auf innerkirchliche Tätigkeiten der kirchlichen Gerichtsbarkeit, Bischofsvisitationen, der Erteilung von Dispensen und Absolutionen und der Weihe beschränkten. Schiller hätte hier einfach einen Pater o.ä. mitgeben sollen.

aerolith
01.07.12, 16:58
Goethe erschuf sich alle paar Jahre neu. Als alter Mann neigte er dazu, sich auf das Althergebrachte zu besinnen. Der junge Goethe dagegen betrachtete das Leben als einen Strom, in dessen Mitte das Subjekt entweder als Steuermann oder als bloßer Teil des Strömenden sich behaupten müsse, oft auch galt es eben das zu nehmen, was gegeben ward... das Symbolische dieses Begriffes Strom liegt auf der Hand. Im Alter dagegen betrachtete er das Weltgeschehen, mithin auch sein eigenes Schicksal als durch das sichere Treiben AUF dem Strom, in einem Schiff gesichert, als ein Stromern im sicheren Gefährt. Das Schiff der Kirche, das Gefälle der Geschichte, das Zielgerichtete eines überindividuellen Einschreitenkönnens. Manche behaupten, Goethe sei im Alter katholisch geworden. Vielleicht ist "vorneuzeitlich" der bessere Ausdruck. Lebenssicherheit durch den Glauben an eine ewige Heimat, deren Schutz und Richtung nur der besitzt, der an sie glaubt.

aerolith
02.07.12, 13:42
Die Grenze der Klassik, zugleich der Grund für die Ablehnung Hölderlins durch Schillern (ja, auch Du, Brutus) und Goethen:

Sie bestimmten die Funktion des Dichters unwiderruflich neu, indem sie dem dichterischen Reden einen irreduziblen, individuellen Offenbarungscharakter gaben und die vormals kunstmäßige Rede nicht auf die Dichtung beschränkten, sondern vielmehr im weiten Felde rhetorischer Übung begriffen. (nach Wehrli)
Mit anderen Worten: Vor Schiller war der Dichter ein Dolmetsch Gottes (Platons Begriffsbestimmung), nach ihm noch der Verkünder individueller Offenbarungen. Immerhin!

Da Hölderlin dem alten Schlage angehörte, sogar die dithyrambischen Formen der Alten benutzte, konnte er nicht angenommen werden. Welch ein Jammer!

rodbertus
05.07.12, 18:50
heute eröffnete das archiv in weimar nach dreijährigem umbau neu. ca. 10 mille flossen in das vorhaben. es soll die nächsten fünfzig jahre den anforderungen genügen. ich freu mich. die alten schriften sind sicher und dennoch jedermann zugänglich, wenngleich in kopierter form. aber das muß reichen.

ich schau es mir am wochenende mal an.

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1803686/

rodbertus
21.12.13, 23:04
die entwicklung während der klassik(erzeit) ist zuvörderst eine bewegung des volkes gewesen, eine von unten nach oben. das unterscheidet sie von der in anderen ländern, wo es zumeist vertreter der herrschenden klasse gewesen sind, die kulturelle maßstäbe setzten. das macht die deutsche klassik so allerliebst und stellte sie auf die breiteste basis: sie war eine auch soziale bewegung, die bildung als faustpfand für gesellschaftlichen aufstieg definierte, die jedem möglich war, der nur fleiß, begabung und willenskraft genug besaß, sie auch zu erwerben und einzusetzen.
die träger der bewegung kamen aus allen schichten, waren zum teil elite, wurden zu ihr, kamen aus dem volk, dem bürgertum oder dem militär, der kirche, dem adel, auch aus dem bauernstand. es ist das beste zeichen für ein gemeinwesen, wenn es jedem möglich ist, über bildung sozialen aufstieg zu generieren, denn bildung ist nicht an den geldbeutel gebunden - wie heutzutage immer noch geglaubt wird. geld schadet zuweilen sogar, weil es träge macht, oft aber nützt es auch, wenn es sinnvoll eingesetzt wird. eine binsenweisheit.

aerolith
28.04.14, 08:16
schiller machte 1780 drei wichtige erfahrungen:




er inszenierte goethes clavigo (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=goethe#clavigo)zu ehren des herzog-geburtstags. und versagte, d.h., man lachte seine inszenierung aus.
in der geburtstagsrede für die geliebte des herzogs, franziska von hohenheim, lobte er gellert (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=gellert), haller (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=haller), addison und montesquieu (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=montesquieu)als segnungen und tadelte voltaire (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=voltaire)und lamettrie (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=lamettrie)als schandflecke der menschheit.
seine medizinische dissertation (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=schiller#schiller_als_philosoph) wurde als verstiegen abgelehnt.

aerolith
10.05.14, 15:35
der junge schiller war schon ein rechter wildfang. um einer aufführung seiner räuber in mannheim beiwohnen zu können, verließ er seinen posten im lazarett, wo die kranken ohne ihn auskommen mußten. man stelle sich das heute vor! der herzog tobte, als er es erfuhr. zurecht. schiller hatte auch ein schlechtes gewissen, aber der drang, dichter zu sein, war stärker.
der eigentliche bruch mit dem herzog, den schiller innig liebte, vollzog sich aber erst, nachdem sich ff. kleine episode ereignete:
http://www.vonwolkenstein.de/texte/schiller1781.jpg
http://www.vonwolkenstein.de/images/schiller1781.jpg
http://www.vonwolkenstein.de/texte/schiller1781.jpg

aerolith
14.11.14, 04:26
ich frage mich manchmal, ob wir nicht auch eine politische klassik besaßen. leute wie stein (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=stein), adam müller (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=mueller#adam_mueller) oder auch bismarck (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=bismarck)haben v.a. theoretisch gewirkt. bei stein und müller liegen die theoretischen aspekte klar, bei bismarck eher nicht. wer weiß schon, daß der verfassungsentwurf (http://www.vonwolkenstein.de/texte/reichstag1867.pdf)der meiner meinung nach besten verfassung der welt von bismarck stammt?

aerolith
13.01.16, 09:05
Troeltsch (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=troeltsch)meint (um 1915), daß sich Klassik und Romantik nicht im Ziel, sondern nur in der Anwendung der Mittel für die Selbstbildung unterschieden. Er lobt Nietzsche, dessen Wirken er als das eines Schriftstellers bezeichnet, nicht als das eines Philosophen. Die Vertiefung des Persönlichkeitsgedankens habe die Sehnsucht nach echtem Leben und Originalität gesteigert und lasse, durch den Krieg noch gesteigert, eine neue Blüte der deutschen Literatur erwarten, die nunmehr aufgrund breiterer Volksbildung und gewachsenen Vermarktungsmöglichkeiten nicht auf wenige beschränkt bleiben dürfte.

Kommentar: Der Mann sollte auf eine merkwürdige Weise rechtbehalten.

aerolith
05.02.16, 15:48
Merkwürdige Überlegung:

Fichte raisonnierte in seinen Reden an die deutsche Nation 1808, daß der Fortgang der historischen Entwicklung dato immer im Volke seinen Ausgang genommen hätte.

Das war gegen Schiller und Goethe und deren Konzept des aufgeklärten Despotismus gemünzt.

Wenn man sich die politischen Entwicklungen dieser Tage ansieht, so nimmt Merkel einen klassischen Standpunkt ein. Sie entscheidet von oben herab und will eine Befruchtung Europas mit ihrem fortschrittlichen Politisieren, wenngleich sie politische und wirtschaftliche Zwangsmittel einzusetzen gedenkt, wenn diejenigen, die in ihrem Herrschaftsbereich (Europa) leben, ihr nicht folgen wollen. Man könnte meinen, sie folge diesem Verdikt einer guten Staatsführung von oben herab. Doch wer sind ihre aufgeklärten Berater?

Auf der anderen Seite die Vertreter des Fichteschen Gedankens, nämlich das Volk, das sich gegen die Diktate von oben findet. Aber diese Findung erfolgt nicht in den Kreisen, die den Fortschritt für sich beanspruchen (deklamieren), sondern in den Kreisen, die von den "Fortschrittlichen" als reaktionär, nationalistisch und rechts bezeichnet werden.

Merkwürdig verquere Lage.

Volksbewegungen haben offenbar immer etwas Reaktionäres an sich. Sobald sie sich verhärten und eine Partei herausbilden, werden sie undynamisch und Teil der Macht. Das muß das eherne Gesetz der Oligarchie sein. Fichte irrt wohl, wenn er glaubt, daß Fortschritt immer aus dem Volke kommen muß. Ich glaube, Schiller und Goethe haben recht, die nur an den allmählichen Fortschritt glauben mochten, der zuerst im Menschen erfolgen müsse, im politischen Sinne aber immer vom aufgeklärten Despoten (Merkel) erfolge.

aerolith
21.04.16, 16:35
Oft wird den Klassikern vorgeworfen, sie seien Erklärer, auch Moralpauker. So und nicht anders sei das Leben anzupacken, ein Gradmesser, ein Maßgeber sei das, was sie da geschrieben.

Mitnichten.

Zwar haben es die Klassiker erst erfunden, dieses Vermitteln von Lebenserfahrung im Kunstwerk, diese Verwobenheit, ABER es ist eben ein Unterschied, ob ich meine Erfahrungen schlichtweg zu allgemeinen mache (Aufklärung) und das Kunstwerk nur benutze, um eben diese Erfahrungen als Exempel vornanzustellen, reine Widerspiegelungsästhetik, oder ob ich im Erzählen des Lebensweges Erfahrungen sammle, im künstlerischen Prozeß, den Leser an die Hand nehme und mit mir führe und ihn teilhaben zu lassen, dessen Eigenes mit dem verbinde, was ich im Kunstgegenstand selbst modele. Erst so wird Freiheit und Genuß möglich, in der Schaffung von Reibungsflächen. Man liebt doch am Ende immer nur das, was einen in freiheitn setzt.

aerolith
18.05.16, 08:30
Der Faust-Text läßt viele Deutungen zu. Eine augenscheinliche kam in den letzten Jahren außer Mode, weil sie ein Geschmäckle hat. Da sie jedoch nicht von der Hand zu weisen ist, sei sie hier entwickelt:

Die Epoche der Klassik steht historisch im Kontext der Herausbildung des kapitalistischen Deutschen. Der Kapitalismus verlangt/erzieht/bewirkt einen Menschentypus, der seinen Verstand benutzt, um als nützliches Glied im Herstellungs- und Verteilungssystem wirken zu können. Der Wert des Menschen wird daran gemessen, wie viel er erwirtschaftet; sein persönlicher Erfolg daran, welche Geldmengen er aus diesem Wirken heraus persönlich expropriieren kann. Dies erfordert geistige und räumliche Beweglichkeit, Anpassungsfähigkeit, Gier und vor allem einen Blick für verfahrenstechnische Modifikationen der Warenherstellung und ihres profitablen Vertriebs.

Goethe, in der reichen Reichsstadt Frankfurt/Main aufgewachsen, erlebte diese Schwellenzeit aus nächster Nähe. Auf der einen Seite bot Frankfurt den Rahmen für Kaiserkrönungen und feudalen Hofstaat, auf der anderen pflegten die Ratsherren eine Aristokratie auf demokratischer Basis und gingen ihren Geldgeschäften nach. Goethes Aufenthalt im betriebsameren Leipzig dürfte die Widersprüchlichkeit dieser Tage noch bewußter gemacht haben. Was war das Fortschrittliche, was das Überlebte? Goethe entschied sich gegen den Weg des scheinbar Fortschrittlicheren, floh den vorgesehenen Weg des Vaters, den eines im Kapitalismus aufblühenden Plutokraten. Er zog das idyllische Weimar vor, den Feudalstaat dem bürgerlich affizierten Kapitalstaat. Daß dies durchaus eine bewußte Entscheidung war, belegt die Themenwahl seiner frühen Schriften. Ahasver (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=ahasver)versus Faust. Ahasver, der unruhige Nomade, der Jude, ohne Heimstatt, der dort (kurzzeitig) bleibt, wo er gewinnen kann, geistig rege, aber ohne Seele, starr in seinem Glauben mit dessen antiquiertem Regelwerk, zugleich auf Blutslinie und Tradition fixiert, die er wie ein Bündel mit sich durch die Welt schleppt. Der Kapitalist. Die Unendlichkeit der Welt wird durchmessen, gewogen und mit dem eigenen Ungeist durchsetzt: Macht, Gier, Fortschritt, Rationalismus, Technik und Zivilisation. Klopapier. Goethes Auseinandersetzung mit der Figur 1773/74 (http://www.lesekost.de/themen/hhl07a.htm) just in der Zeit, da er sich entscheiden mußte. 1775: Weimar!
Den Faust kannte Goethe schon von Kindheit an. 1770 soll er erstmals einen eigenen Text zum Thema geschrieben haben. Was bedeutet das? Daß er den mittelalterlich-frühneuhochdeutschen Thüringer Heinrich Faust als das begriff, was deutsch sein muß. Ein Leben im Widerspruch von inwendiger Grenzenlosigkeit bei äußerlicher Kleinstaaterei. Die Weite des Herzens steht gegen die Enge des Raumes. Ein Gegenentwurf zu Ahasver. Wie bringt man beides zusammen? Das ist der klassische Grundentwurf: das UNvereinbare zusammendenken. coincidentia oppositorum (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=koinzidenz&s[]=coincidentia&s[]=oppositorum), die contradictio in adiecto. Doch den Juden kann er nicht zum Antipoden machen. So bleibt der Teufel, ein Teufelchen, ein Fliegengott, ein Lichtwirrnis, ein Mephistoteles, der in den engbegrenzten Gruftbewohner fährt und ihn depraviert. Fortan fährt Faustmephisto hinaus in die Welt und mißt sie aus, aber er sucht nicht den Gewinn, sondern Erkenntnis. Und stellt am Ende fest: die Weite und das Streben machen den Menschen nicht reicher, nicht liebevoller, nicht weiser, nicht erkenntnissicherer. Die Weite muß vergehen, am Ende das zu werden, was man doch ist. Man kehrt zurück, den faulen Pfuhl rasch abzuziehen - und Mensch zu sein. Er kehrt in die Gruft zurück und hat die Wette/Welt in sich gewonnen, den einzigen Ort, wo das Bedeutung hat.

aerolith
11.06.16, 14:16
Einige Beobachtungen und Anmerkungen zu meiner gestrig erlebten Schiller-Tagung. Ich hörte vier Vorträge unterschiedlicher Qualität. Sie kreisten um den Zeitbegriff in Schillers Werk. Als Schiller-Freund und -Kenner nahm ich diese Vorträge an einem herrlichen Frühsommertag in der Albertina gern wahr, mehr noch aber den sich anschließenden akademischen Diskurs. Mitteilungen zu beidem:

Kern seiner Philosophie und Dichtung ist die Idee der Freiheit, wie Hühn (Jena) dedizierte. Im Kontext der Zeitlichkeit dieser Grundidee stünde somit die Frage, in welchem Verhältnis zur Zeit diese Idee steht. Also bedarf es der Begriffsklärung und dann der Explikation in den einzelnen Gattungen, den Darstellungsformen des Dichters. Dem voran allerdings muß die Beschreibung der Idee der Freiheit stehen. Das ist der springende Punkt. Wenn man die Idee der Freiheit als etwas beschreibt, was in der Zeit ist/sein soll, wird man nicht umhin kommen, daran politische und entwicklungspsychologische Anforderungen an die mit der Darstellung desselben beauftragte Protagonisten (Figuren) zu stellen. Zivilisation, Westen, Freiheitspostulate verkommen dann zu Menschenrechtsdiskussionen auf der Bühne, zu abgehobenen Wartediskussionen, providentiellen Absurditäten oder schlichtweg zum beschaulichen Gang durch die Meinungen und Sozialisationen von Charakteren. Der Tod der Bühne, wo das Warten zum anstummen werden muß. Wo aus dem Zauderer Hamlet der Bürger Absurdistans, Godot, geworden ist. Wo das Theater seine Rolle das Schauspielstätte gesellschaftlicher Entwicklungen ausgespielt hat und zu einem Kränzchen-Klub mit Nabelschau wurde.
Das war nicht Schillers Weg, war nicht Schillers Idee der Freiheit.
Ich hatte bei sämtlichen Vorträgen allerdings das Gefühl, das genau diese Interpretationshypothese eine auf der vorgegebenen Lehrmeinung basierende Konstante sein soll. Man tut Schiller und der Entwicklung heutiger Dichtungen damit keinen Gefallen, wenn man Schiller derart verfortschrittlicht.
Was ist Schillers Idee der Freiheit?
Sie ist, wie auf der Hand liegt, eine Idee. Sie ist nichts, was in die (politische) Wirklichkeit transitiviert werden soll, geschweige denn darf oder kann oder muß. Sie ist ein Imperativ, der als Prozeß im Dichter wirkt und ihn antreibt, Wirklichkeit zu bewerten, immer wieder neu, denn die Momentaufnahmen des Lebens zwingen zur steten Auseinandersetzung mit dem Leben, den Umständen, dem eigenen Charakter. Der erdichtete Held steht im Spannungsfeld zwischen dem Schicksal und dem eigenen Wollen und muß sich Freiheit erringen, die als transzendentale Augenblickserfahrung Gewißheit schafft. Sie ist die über das Sinnliche hinausgehende Intention, aus der sich die Aufgabe zur ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts für diejenigen speist, die da hören können - um Hölderlin (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=h%C3%B6lderlin)zu bemühen. Und diese Erziehung dient der Erfahrung des Schönen, das in der Wirklichkeit west. Das Schöne erscheint in der Zeit. Das Erhabene, definiert als komplementäre Temporalität (?), erscheint nicht in der Zeit, es wirkt wie ein Wurf aus dem Ewigen in die Zeit, ist aber selbst keine Zeit, keine Zerdehnung, die Zeit für den Dichter immer hat. Das Erhabene ist wie ein Punkt, der auch keinen Raum besitzt. Also irrt Hühn, wenn er das Schöne und das Erhabene als komplementäre Erscheinungsformen mit je spezifischer Temporalität beschreibt. Der Augenblick besitzt keine Temporalität, er ist dessen Verneinung, wirkt aber auf die Temporalität, ganz gleich, ob im Vergangenen, das wir uns täglich neu bestimmen/werten, in der erlebten Gegenwart, die wir als Sammlung von "nullstelligen" (das war das Wort der Tagung, der running joke) Augenblicken erleben oder als Entwurf des Künftigen, das wir uns aus dem generieren, was wir im Vergangenen oder auch Gegenwärtigen an Erhaltungswürdigem uns selber ausmalen wollen.
Die Idee der Freiheit hängt allerdings an den beiden Polen des Schönen und Erhabenen. Am Schönen hängt sie, weil wir die Freiheit in der Erscheinung als etwas Schönes empfinden. Eine Frau (ein Mensch) wird von uns als schön empfunden, wenn wir die Ahnung entwickeln, daß sie uns befreit, in Freiheit setzt, setzen könnte, ins Glück bringt. Das reicht (bei vielen Menschen) über das Sexuelle hinaus. Aus dem Ewigen wird ein Entwurf erzeugt, transzendiert aus dem Augenblick in die Vorstellung und verändert die Zukunft. Keine Zeit, keine Zerdehnung, sondern eben zeitlos. Das Erhabene dagegen wirkt komplementär (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=komplementaritaet), inversiv (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=inversion).
Andererseits ist Hühn zuzustimmen, wenn er den Augenblick als eine Aufhebung der Linearität der Zeit beschreibt. Sic! Eben, aber warum denkt er jetzt diesen Gedanken nicht weiter, in Nutzanwendung auf Schillers Dichtung? Muß die Aufhebung, diese Dreiheit aus hochheben, verneinen und bewahren, nicht bedeuten, daß die Zeit ihre sintemalen newtonsche Bestimmung verliert? Der erlebte Augenblick ist die Zielrichtung der schönen Dichtung. Ja!
Die Idee der Freiheit kann nicht in der Zeit sein, weil die Zeit die Freiheit bedroht. Das reicht nicht. Es gibt keine Freiheit in der Zeit. Zeit zersetzt Freiheit, so in ihr denn Anstalten gemacht werden, sie zu statuieren, sie als Zustand zu etablieren. Gleiche Rechte, Menschenrechte, Persönlichkeitsrechte und all das führen zu keiner Freiheit, zu keiner freiheitlichen Gesellschaft. Ein Irrweg! Denn sie gaukeln Freiheit nur vor. Der Mensch kann nur in dem Kampffeld aus den Polaritäten Schicksal und Charakter nach der Idee der Freiheit streben, die auf sein Leben zurückwirkt, wenn er sich täglich bemüht, also strebt. "Nur der erwirbt sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß!", sagt Spezieh Goethe. Und damit hat er (1832: endlich!) Schiller verstanden. Beinahe. Schiller hätte Faust sagen lassen: "Nur der erwirbt sich Freiheit wie das Leben, der täglich nach ihr streben will." Das ist die Idee der Freiheit. Freiheit ist ein procedere (providere, ja, Frau Fleig!), ein nunc stans irrealis, kein factum est.
Aber der Mensch steht in der Zeit. Er hat Bedürfnisse: Freiheitsempfinden, Sicherheit. Er steht im Spannungsfeld von Form und Stoff. Er spielt, wenn er beide bei irgendeiner Wirklichkeitsbewältigungsstrategie verwendet. Es drängt ihn, Freiheit zu realisieren. Sie herzustellen wie einen Tisch. Aber, ach, manchem kömmt die Erkenntnis, daß sie übersinnlich sein muß. Dann bleibt als schwächelnde Alternative nur das Als-ob. Eine verweltliche Religiosität tut sich da auf. War Schiller irreligiös? Nein. Ganz im Gegenteil. Was ist denn Religion anderes als der Glaube an eine Lebenssicherheit im Übersinnlichen? Und was anderes ist die Idee der Freiheit? Sie ist eine Idee des Übersinnlichen, die in die Wirklichkeit hineinwirkt, genau dann, wenn der Mensch die Bedingungen für dieses Hineinwirken erfüllt, wenn er spielt, wenn er strebt, wenn er das Schöne verdauern will und das Erhabene ehrfürchtet. Das ist keine konfessionell fixierbare Religion, das ist der Kern des Numinosen (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=numinose)überhaupt.

Exzeption des Freiheitsbegriffs im "Wallenstein": Dramatische Figuren handeln in der Zeit. Genauer: sie handeln in der Erzählgegenwart. Noch genauer: Sie handeln für den Zuschauer in dessen erlebter Gegenwart.
Tatsächlich? Was ist handeln? Was charakterisiert ein historisches Drama? Der Stoff? Der im Mittelpunkt stehende Charakter einer historisch bedeutsamen Figur? Welches Verhältnis besteht zwischen der Historizität historisch handelnder Figuren und der Geschichte selbst, die doch in der Zeit steht oder sich bewegt? Was ist Geschichte? Eine Form linearer Zeit? Zielt Geschichte auf etwas? Ist der Gang der Dinge erfüllte Zeit oder schlichtweg Linearität ohne ein Telos? Steht der Mensch in der Geschichte, der Zeit, in der Übersinnlichkeit des Augenblicks? Ändert sich der Mensch in seiner Substanz durch das Erleben, Vererben und das Behaupten in der Zeit, die er als seine Geschichte begreift?
Wer das Triptychon "Wallenstein" aufschlägt, sich die drei Teile anschaut, ihre Erzähltempi vergleicht, ihre Extemporierung, wird schnell feststellen, daß es verschiedene Erzähltempi gibt. Und doch gehören sie zusammen. Das Lager ist eine Exposition fürs Ganze. "Sein Lager nur erkläret sein Verbrechen". Eine Prolepse. Das ist die Funktion dieses Teils, nicht das in ihm offensichtlich Stattfindende. Das ist banal. Man schwätzt. Wallenstein, der als Figur im Lager nicht auftritt, bewegt sich expositionell NICHT auf labilem Grund. Er ist dennoch jederzeit präsent, denn er ist die Sonne, um die seine Planeten (Offiziere) und deren Trabanten (Soldaten) kreisen. Die Generale sind fest an ihn gebunden. Personengebundene Abhängigkeiten. Er zahlt, nicht der Kaiser. Er bestimmt die Richtung der Feldzüge, die Regeln, die Wartephasen, die jedes Heer benötigt. Warten ist wichtig. Rhythmus. Reflexion. Sammlung. Konzentration. Lebenssicherheit durch die mutmaßlich bessere Ausgangsposition vor schnellem Zuschlagen, zumal die Erfahrung jüngst lehrte, nicht zu vieles auf einmal zu wollen. Der große Widersacher Gustav Adolf ist tot. Neue Ziele avisieren. Frühwinter 1633. Entwicklungen vorausahnen. Kräfteverhältnisse in ihrer Entwicklung betrachten und entsprechend lenken. Nicht direkt aktiv werden - gleichwohl die ins Hirn gesetzte Erwägung alles andere als fehlendes Handeln ist, andernfalls wäre jeder Unterricht überflüssig -, sondern handeln und bemühen lassen. Das Netz ist gespannt. Solange Wallenstein lebt, wird das Band zu seinen Abhängigen halten, wird sein Netz Beute machen und seine Kassen füllen. Das ist alles andere als labil. Aber es ist ein Verbrechen und damit nähern wir uns dem Kern des Dramas. Es geht um Legitimation und um das Spannungsfeld aus eigenem Wollen und Sollen. Es geht um Freiheit, Dispositivität und die Larven des Schicksals. Der springende Punkt liegt hier in der Beantwortung der Frage, was Wallenstein will und was dagegen die Umstände bewirken würden, wenn Wallenstein sie wirken ließe, ohne sich vermehrt einzubringen. Er will sich nicht gegen die Legitimationsmacht stellen. Er will keine Ausländer im Reich haben. Er will angemessen für seine Dienste entlohnt werden. Ein Thron sollte es schon sein. Er will schalten und walten, wie er es in seinem Heer für richtig hält. Er will keine Befehle erhalten, wen er wann wie anzugreifen habe. Sehr vieles ist arbitrium per negationem, aber deshalb nicht weniger handlungsbedeutsam. Er wird nicht aktiv, weil jede Handlung die sowieso schon waltenden Handlungsmuster, die in seinem Sinne wirken sollen, gefährden würde. Die Zeit ist bei ihm, meint er. Ein Irrtum.
Das ist kein unsichtbares Theater, aber von Kopfkino müssen wir hier sprechen. Und wenn man einer Dramentheorie anhängig ist, wie Goethe, die das Offensichtliche auch offenbar machen will, also Handlung auf die Bühne und erst dann in die Köpfe der Zuschauer transpedieren will, dann ist Wallenstein in der Tat ein Zauderer, ein hamletelnder Godot. Wallenstein gefiel sich dann bloß in dem Gedanken der Rebellion, als er erkannte, daß Handlung immer auch Handlung gegen den Kaiser sein müsse, artifiziell renitent, da das Beziehungsgefüge zwischen dem Generalissmus und seinem Herrn gestört war. Schließlich mußte der Herr in Wien mutmaßen, daß Wallenstein selber die Krone tragen wolle. Jein. Eine Krone, aber nicht die des Hauses Habsburg. Ein Mißverständnis. - Der Gedanke gefiel ihm. Das ist Schiller. Und das Zaudern wird zur Tat in der Geschichte. Nicht zum Schönen, aber alles, was entsteht, ist schließlich wert, daß es zugrundegeht. Drum Rhythmus in den Handlungen belassen und nicht einem Handlungsstrang zuungunsten eines anderen, mitschwingenden, interferierenden den Vorzug geben! So bleibt alles im Gleichklang des Lebens, der Möglichkeiten. I'm an artist. Don't break (let) me down (https://www.youtube.com/watch?v=j_4MVyW076k).

Tochter des Hauses
14.06.16, 10:28
I´m an artist. Don´t break me down. Oder: Coming down is the hardest thing.
Wenn Freiheit als Idee und damit als antagonistisches Gegenkonzept zur Sicherheit fungiert, gehört sie eben doch zum gesellschaftspolitischen Diskurs! Dementsprechend ist die Frage nicht, wann der Mensch größtmögliche Freiheit(en) erfährt oder in welchem Staatssystem, sondern wie er sich dieser gewahr werden kann oder für sie kämpfen sollte (aus einem rein padägogischen Gesichtspunkt heraus).

Die verschiedenenen (individuellen?) Ideen von Freiheit verweisen dann einerseits auf die ihr immanente Prozesshaftigkeit, andererseits auf die Notwendigkeit, Freiheit als graduelles Konzept zu betrachten.
Ich bin freier als du? Empirisch und normativ höchst schwierig!
Du wirst irgendwann frei sein? Pädagogisch höchst fragwürdig!

Ideen bestehen "in der Zeit" bzw. werden erst im zeitlichen Verlauf sichtbar. Empirisch betrachtet stellt sich hier die Frage nach dem Variablengefüge, das kommunikative Setting: Was ist unabhängige Variable / Ursache, was abhängige Variable / Wirkung?
Freiheit kann hier nicht unabhängige Variable sein, da sie als Idee und graduelles Konzept den Prozess erst sichtbar macht.
Zudem besteht die Notwendigkeit, nach den molaren Kontexten zu suchen: Welche Umstände / Variablensyndrome führen dazu, dass Freiheit sichtbar / messbar / greifbar / erfahrbar wird?
Hier ergeben sich Bezüge zu den verschiedenen Darstellungsformen in Schillers Dramen und damit die Betrachtung von der Idee der Freiheit (wohlgemerkt nur die Idee!) im Raum.
Welche räumlichen Bedingungen existieren in seinen Dramen? Wie fügt er unterschiedliche Szenen aneinander?
Verschiedene Grade von Freiheit sind dann allerdings nicht als Aneinanderreihung von Zuständen zu betrachten, folgen demnach keiner linearen Logik. Der eigentlich spannende Aspekt der Freiheit geschieht "zwischen" diesen Zuständen! Das dazwischen ist es, was wir untersuchen sollten! Doch wie kommen wir daran? Indem wir die einzelne Zustände so kleinteilig wie möglich anlegen? Oder bezögen auf Räumlichkeit, die Räume immer kleiner werden lassen?
Diese Logik der Situation aus der heraus eine Eigendynamik entsteht gleicht einem empirischen Dilemma, eben weil hybride Räumlichkeiten ohne konstantes Variablengefüge weder zuverlässig noch gülitg gemessen werden können. Deshalb kann die Idee der Freiheit weder beschrieben, noch erklärt, noch prognostiziert werden.
Auch normativ wird es nicht einfacher: Wenn wir Wirklichkeit anhand unserer Idee von Freiheit bewerten, Freiheit als transzendentale Augenblickserfahrung "beschreiben", kommen wir dem Prinzip der Nullstellen sehr nahe. Dementsprechend müssen wir in Schillers Werken von einer Aneinanderreihung ebendieser Nullstellen aka Zustände ausgehen. So betrachtet könnte man Schillers Erzählungen unter ein Nullprogramm fassen. Das würde jedoch keiner wagen!
Und nun?
Es bleibt uns noch die ästhetische Logik. Schönheit als Erscheinung mit je spezifischer Temporalität. Und damit wären wir wieder beim gesellschaftspolitischen Diskurs - Freiheit als Idee von Macht und Gegenmacht und damit als Dispositiv zum modus operandi.

anderedimension
14.06.16, 14:48
....und weil es hier so schillert; auch der war ein Nationalist!

Michael
15.06.16, 09:08
Warum sollte es nicht gewagt werden, Freiheit als "ungeprägtes und hinterlegtes Nullpunktprogramm" aufzufassen?

Sozusagen Freiheit als ein Produkt der Ideenwelt, dass in seinen ungeprägten, also unverzerrten Grundbewusstseinszustand zugänglich ist.

Die Verzerrung der Freiheit begänne dann erst mit dem Personalpronomen.

Deine Sicht auf Freiheit als graduelles Konzept der Verwirklichung von Freiheiten gefällt mir. Ergänzen möchte ich die Sicht Crowleys auf die Freiheiten des Magiers in der Welt. Er teilte im Tarot den Magier (als Symbol für "erweiterte Freiheitsgrade") in drei Rollen ein und unterschied den "dunklen", den "lichten" und den "Nullpunktmagier". Wir haben den Faust allso dreigeteilt vor uns und die anderen 76 "Karten" können sich für Macht, Gegenmacht oder den schmalen Grat der Totalität von Freiheit entscheiden.

Sorry, verstehe zwar wenig vom Gesagten, fiel mir nur dazu ein. Was mir noch einfällt: Lese gerade ein Buch eines Gehirnforschers. Im Text wird kein einziger Fachbegriff verwendet, sondern sie werden in einem umfangreichen Glossar erläutert. Klar, wenn ein Autor wünscht, den Leser zur Verwendung eines Lexikons zu animieren, sind Fachbegriffe wichtig.

Ist es nicht ganz einfach die Frage, wessen Freiheit gemeint ist?

Endet meine Freiheit nicht dort, wo die Freiheiten meiner Mitwelt beginnen?

Aber endet die Freiheit der Mitwelt nicht genau dort, wo das Ego seine Besonderheit "postuliert" und sich zum dunklen Magier macht?

Freiheit kann Nullsummen- oder Plussummenspiel sein. Doch wahre Freiheit ist total, nicht selektiv.

Die Idee von Freiheit sehe ich im Kontextbezug des Niveaus des Konzeptes der Betrachtung von Freiheit, oder, wie Aerolith meint, "im Kopfkino" von Freiheit.

Dann wäre die Frage, ob Freiheit zunächtst nicht in Inneren gefunden werden muss, um sie im Außen gewähren zu können...

aerolith
15.06.16, 09:24
....und weil es hier so schillert; auch der war ein Nationalist!

War er nicht. Nationalismus ist ein Konzept für Kleingeister. Schillers Sentenz dazu: "Es ist ein kleinliches Ideal, nur für eine Nation scheiben zu wollen." (Quelle (https://books.google.de/books?id=np6lCQAAQBAJ&pg=PA250&dq=es+ist+kleinliches+ideal,+nur+f%C3%BCr+eine+nat ion+schiller&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjng_nCv6nNAhXE8ywKHck6ACAQ6AEIHjAA#v=on epage&q=es%20ist%20kleinliches%20ideal%2C%20nur%20f%C3%B Cr%20eine%20nation%20schiller&f=false)) Die Menschheit stand im Fokus seines Schreibens. Und der Reichsgedanke. Nicht aber das Deutschtum. Das faßte er als Zwischenschritt, bestenfalls, wobei ich selbst das bezweifle, denn die Konstituierung einer Nation aus einem Reich ist ein historischer Rückschritt.

Michael
15.06.16, 14:28
Magst Du in der Sache der Betrachtung richtig liegen, lieber Aerolith, die Wortwahl ist kaum "umzuprägen" und siehe Xavier Naidoo, immer noch ein "Ausschlusskriterium", es sei denn, das "Reich" sei inwendig. Wäre der Begriff des "Stroms", den Rene von Anjou (?) geprägt haben soll, nicht sinnvoller?

Ansonsten: Wie soll im historischen Kontext darin die geforderte "ästhetische Logik" zu finden sein?

aerolith
27.06.16, 20:28
Die musikalische Klassik besaß ihr Wirkzentrum in Wien, die literarische in Thüringen, Sachsen und Bärlin. Beide sind dadurch gekennzeichnet, daß sie das Bürgertum mit dem Adel verbanden. Das poetische Gefühl wirkte auf sensible Seelen, v.a. bei Frauen, die ihre Männer nicht selten dazu brachten, Schöngeister zu fördern, manchmal sogar selbst die Initiative ergriffen, um Dichter, Musiker und andere Künstler in ihr Lebensumfeld zu bringen.

Das ist ein interessantes sozialgeschichtliches Detail. Es eröffnete nicht wenigen Unterprivilegierten die Möglichkeit zu gesellschaftlichem Aufstieg.

Musik zu schreiben, zu lyrisieren, zu dramatisieren... das waren tiefe Bedürfnisse und KEIN Zeitvertreib.

Willi Wamser
20.02.17, 18:59
Strickmuster und Namen :

Er-Einstieg; Klausursituation mit Schwarmmotiv in Kabale und Liebe, Ausweitung in die Erlebniswelt von Walter-Ulla: Walters Tripp in die erinnerte unmittelbare Vergangenheit; dann Wartesituation im Eiscafe, eine hoffnung des schüchtern und erotisch Entbrannten auf die erlösende Aktivität der bisher sehr selbstgewissen und erotischfreien Ulla. Der Blick auf den "Slip" ist da wichtig, wo ein markantes erotisches Obsessionssignal und mag es noch so abgedroschen sein, den Blick des Jungen fordert und die Mischung aus Schwärmen von ferne und Begehren forciert.

Die Namen sind nicht unbedingt "dick": nur wenige wissen, dass sich hier die Schillerparallele und die Schwarmparalle, die ja im Text mehrfach thematisiert wird - siehe auch letzter Absatz - über "von Walt(h)er" unterfüttert wird, aber eben nur für den eingeweihten Leser.

Das bedeutet dann einfach eine zusätzliche, literarhistorische aber auch anthropologische Markierung eines knabenhaft-pubertären Musters. Die Komik, die daraus resultiert, dass Walter über Walter reflektiert und bis zu einem gewissen grad bei sich die gleichen patterns mit unbehagen erlebt und von daher gar nicht unrealistisch die erlösungsphantasie ("ha") - erlösung seitens mädchen - aufbaut, möchte ich nicht missen. Vertiefung zu "Schwärmen" siehe unten


Der "Eisbärensong" und das Schwärmen, der soziokulturelle Hintergrund

Der Eisbärensong war 1986 (NeueDeutscheWelle) sehr präsent. Auf Klassenpartys wurde er mit Inbrunst gegrölt. Gruppe "Grauzone". Aber offensichtlich nicht so bekannt, dass er beim Leser Erinnerungen auslöst oder das transportiert, was der Text dem Jungvolk sagte: wir haben Liebeskummer und müssen schreien. Wenn wir Eisbären und cool wären, müssten wir nicht schreien. Und das alles dann komisch-grotesk singen. Das hat es gebracht.

In "Kabale und Liebe" geht es tatsächlich in einer sehr interessanten Weise um das "Schwärmenmotiv" bei Ferdinand. Das ist ein fast petrakistisch-idealistischer Stil bei ihm. Und sein Mord an Luise hat nicht zuletzt etwas damit zu tun, dass dieses Muster an Keuschheit - so meint der Ferdinand - etwas mit dem tumben Hofmarschall von Kalb hat. So richtig wüst geht es bei Schiller eher in den "Räubern" zu.

Zusätzlich lernt man nicht selten das "Lied von der Glocke", das ist dem Schüler der 10. Klasse oft noch präsent, wenn man Schiller "durchnimmt", hier die entsprechende "Züchtige Passage" mit "Anhimmeln" ("Gebild aus Himmelshöhn") und "Brüdern" und all ihrer heute unfreiwilligen Komik und Ernsthaftigkeit:

Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,
Er stürmt ins Leben wild hinaus,
Durchmißt die Welt am Wanderstabe.
Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus,
Und herrlich, in der Jugend Prangen,
Wie ein Gebild aus Himmelshöhn,
Mit züchtigen, verschämten Wangen
Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.
Da faßt ein namenloses Sehnen
Des Jünglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen Tränen,
Er flieht der Brüder wilden Reihn.
Errötend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglückt,
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt.
O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit,
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit.
O! daß sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!
Tja, und bestimmte Hermestexte und das Manifest und auch die "Einheimischen-Formulierung" haben bei und wegen aller schillersprachlichen Nähe und ihrer kritik der allzu vernunftorientierten Lebens- und Denkweise so viel Mehrdeutigkeiten, dass sie sich dem Verdacht antiquarischer "Das eine Haus"-Ideologie und des zensusorientierten Ständestaat-Modells aussetzten und vielen anderen Verdächten noch.

Salute
aes

aerolith
23.03.17, 01:44
Ich bin mir nicht so sicher, ob die Parodie dazu taugt, sich klassischen Inhalten anzunähern. Nicht als durchgängig gebrauchte Methode. Sich den Klassikern politisch zu nähern bedeutet, die Idee des Ständestaats zu prüfen. Prüfung kann aber nicht erfolgen, wenn von vornherein das auf rationalem Pragmatismus und besserwissendem Postsozialismus aufbauende Weltbild einer westlichen Mustern folgenden Demokratiebesoffenheit als Gesprächsergebnis festzustehen hat. "Verdächte"? Schillers Werk muß offen bleiben. Das sollte die wichtigste Botschaft sein, denn dann erst entsteht Freiheit im Diskurs.

Ein anderer, aber daran sich anknüpfender Gedanke: Ich hege den Verdacht, daß Rationalismus und die Lehren der Geschichte jungen Menschen zu schnell suggerieren, ein angehender Intellektueller könne nur links und atheistisch sein. Ein vernünftiger Mensch könne nur links und atheistisch sein. Ein vollkommener Bürger dieses Staates könne nur links und atheistisch sein.Wer dies nicht sein will, der könne nur rückwärtsgewandt, asozial, im schlimmsten Fall ein Faschist sein.

aerolith
02.04.17, 10:01
Ein wichtiger Bezugspunkt jeder geisteswissenschaftlichen Auseinandersetzung, erst recht jeder geistigen Bewegung liegt im Bezug zum Rationalismus.

Für die Klassik glaube ich feststellen zu müssen, daß sie im Rationalismus steht, aber dessen Hauptfehler nicht übernimmt. Der Hauptfehler, woran der gesamte Westen krankt, ist die Präferenz für die Kritik der Realität zugunsten einer auf Verstandestätigkeit, Autonomie und zugleich (Selbst)Macht aufbauenden Ausrichtung politischen und geistigen Handelns. Anders gesagt: während das klassische Konzept bildungsorientiert war, also den politischen Prozeß hintansetzte, will der rationalistische (nicht rationale!) Westler zuerst einmal aufgrund seines überbordenden Verständes und dessen daraus affizierter Tätigkeit die Realität kritisieren, um sie gewaltsam zu verändern, wieder zu verändern... Er hat keinen Plan als diesen, daß sich alles verändert und darum kritisiert, analysiert, verändert werden muß.

Das klassische Konzept verfolgt ein Ziel, in dem der Prozeß (des Werdens) fundamental ist, nicht aber der Prozeß um des Prozesses willen, der doch nur Zerstörung (Antithetik) beinhaltet, nicht aber Synthesis.

aerolith
30.08.17, 16:13
Man sollte meinen, sie hätten einander zugehört, v.a. Hegel dem älteren Schiller. Mitnichten. In Hegels Freiheitsbegriff schwingt so gar nichts Schillersches mit. Dabei hatte Schiller bereits 1794 die Komplementarität des Freiheitsbegriffes, also die Erscheinungsformen in der Zeit als Schönes und Erhabenes, formuliert. Kant hatte bekanntlich Erscheinungsformen der Freiheit geleugnet, indem er transzendentale Freiheit als in der Zeit und somit in Erscheinungsformen Seiendes ablehnte. Transzendentale Freiheiotz sei IN DER ZEIT nicht denkbar, meinte er. Hegel muß diesen Gedanken Kants aufgenommen haben und dabei Schiller schlichtweg ignoriert haben. Hegel beschreibt Freiheit als "bloße Idee von der Aufhebung der Gegensätze", also als eine Idee. Schiller dagegen sieht Freiheit auch objektgebunden, nämlich als Erscheinungsformen des Schönen und Erhabenen. Nur dann sei Freiheit sichtbar. Anders gesagt, welche Bedeutung (außer als bloße Denkoption) soll Freiheit für den Menschen haben, wenn er sie nicht mit seinen Sinnen wahrnehmen kann - wenigstens gelegentlich?

Verdammt! Warum leugnet Hegel Schiller?

aerolith
10.11.17, 06:42
258 ist ja nun keine Zahl, die irgendetwas Feierliches hätte. Ich kenne keinen, der in einer Hausnummer 258 wohnt, habe keine Kenntnisse von einem, der am 25. August Geburtstag hat und verbinde auch nichts mit einem 25. August. Aber ich liebe meinen Schiller und ich frage mich, was mich an ihm festhalten läßt. Von etlichen Vorbildern und geistigen Wegbegleitern trennte ich mich, von ihm nicht. Woran es liegt, weiß ich nicht zu bestimmen, ich hane, daß es wohl mit Freiheit und Schönheit zu tun haben muß, denn beides habe ich zu suchen in diesem Leben noch nicht aufgegeben. Was ich aber aufgab: daß mir beides noch einmal widerfährt. Will also zufrieden sein mit dem, was ich bisher erfahren durfte. Es war mehr, als ich hoffen durfte. Nun gilt es, das anderen zu ermöglichen, sie bekannt zu machen. Und wen könnte ich dafür Besseren hernehmen als meinen geliebten Friedrich Kaspar?

Also, Dir und uns alles Gute auf diesem Weg.

aerolith
09.12.17, 14:10
Ihre Freundschaft hielt 25 Jahre. 1796 zerbrach sie im Kontext einer Verschiedenheit bei der Richtpunktfixierung der Kultur. Während Herder die Kultur im Volk urständete, nahm Goethe sie diesbezüglich nur als Inspirationsquelle, die es durch Form auszuprägen gälte. Daß Goethe die Zivilisation als Oberschichtenerzeugnis begriff, darf geglaubt werden. Aber hierüber dürfte es kaum Streit gegeben haben. Der Streit gründete in der Auffassung dessen, was das Verhältnis vom Volk zur Kultur betraf. Das Volk war für Herder der Nährboden für kulturelle Vorgänge schlechthin. Herder forderte diesbezüglich eine Rückkehr zu den Ursprüngen; Goethe dagegen wollte ein Vorwärts, eine Ausprägung und Verfeinerung, eine Zivilisierung der aus dem Volk treibenden Kräfte. Herder trat gegen Vergreisung und Formdiktat auf. Goethe drängte zur Hochsprache, Herder zur Mundart. Herder wollte die Anerkennung der Inversion (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=inversion)als Sprachgestaltungsmethode, Goethe trat für das Lied ein, für den Rhythmus und den Reim, das Abschleifen des Sperrigen.

aerolith
20.03.18, 16:15
Warum sollte es nicht gewagt werden, Freiheit als "ungeprägtes und hinterlegtes Nullpunktprogramm" aufzufassen?

Sozusagen Freiheit als ein Produkt der Ideenwelt, dass in seinen ungeprägten, also unverzerrten Grundbewusstseinszustand zugänglich ist.

Die Verzerrung der Freiheit begänne dann erst mit dem Personalpronomen.

[..]
In der Tat ist das die heutige Auslegung des Freiheitbegriffs, eine Art ungebeugtes Nullpunktprogramm. Schöne c.i.a. hast Du da hinterlassen. Wie soll Freiheit anders möglich sein denn als Aufgegebenes, etwas, was täglich zu erringen ist? Und wie soll sie sich verwirklichen, wenn nicht durch Personalpronomina?

Hölderlin, dessen Geburtstag sich heute zum 267. Mal jährt, wußte Freiheit auch nur als Nullpunkt zu formulieren. Spätestens dann, wenn die Liebe bindet, wird Freiheit zur Farce, Liebe ersetzt dann die Freiheit.


Trennen wollten wir uns, wähnten es gut und klug;
Da wirs taten, warum schröckt' uns, wie Mord, die Tat?
Ach! wir kennen uns wenig,
Denn es waltet ein Gott in uns.


Eben deshalb ist er KEIN Klassiker, sondern eine somnambule Randfigur, zwischen Romantik und Klassik wabernd. - Löblicheres läßt sich über ihn nicht sagen.

aerolith
22.04.18, 10:59
Sechs Jahre sind's noch bis zum Jubiläum. Ich bin gespannt, wie es begangen werden wird. ich für meinen Teil brauche keine Jubiläumsfeiern für Tote, aber ich brauche Erinnerung für das, was sie über ihren Tod hinaus geleistet haben sollen, ihr Testament. Wie lautet Kants Testament? "Zum ewigen Frieden"? Die Hoffnung auf einen Weltfrieden ist heute weiter weg als zu Kants Zeiten. Heutzutage reicht es im "aufgeklärten" Westen aus, etwas zu behaupten, den Beweis schuldig zu bleiben, aber dennoch einen Krieg anzuzetteln oder zu forcieren, der die Welt ins noch tiefre Unglück stürzen könnte. Eine Regression. Ich will itzt nicht politisch werden, aber eines ist gewiß: einen Fortschritt im diplomatischen und gesellschaftlichen Umgang mit denen, die wir nicht goutieren, haben wir seit Kants Zeiten nicht erlebt. Woran das liegen mag?

aerolith
15.05.18, 14:26
Der erste deutsche Denker, der von Rassen (Racen) sprach, war Kant, 1775. Ihm folgte Blumenbach 1776, dessen varietas man mit Rassen übersetzte. Von Lavater, 1775, sehen wir einmal ab. Vom Latein schreibenden Schweden Linne auch, denn hier, in diesem Beitrag, geht es um kulturgeschichtlich-philosophische Nachdenke.

Das Wort wird bei Goethe und Schiller nur umgangssprachlich benutzt, schon gar nicht als terminus technicus. Schiller benutzt es, wenn ich mich recht entsinne, in "Wallensteins Lager" einmal als pejoratives Reimwort für Masse, allerdings nicht in der Ur-Fassung. Bei Goethe ist mir nichts erinnerlich, aber das will nichts heißen, ich kenne nur 50% seines Werkes, wenn überhaupt, denn die naturwissenschaftlichen Schriften habe ich bis auf die Farbenlehre nicht gelesen.
Egal. Itzt geht es um Kant und Herder. Wir können bei beiden die Verschiedenheit ihrer Ansätze gerade am Begriff der "Rasse" gut erkennen. Und, ja, beide benutzen das Wort als Begriff. Der Analytiker Kant benötigt, um die Menschheit zu zergliedern, biologisch zu zergliedern. Mit Hilfe seines Konzilianzprogramms (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=kant#das_conziliationsprogramm_-_das_eirenische_loesungsmodell)von 1756 wird er sie wieder zusammensetzen wollen.
Herder dagegen spricht immer von vier Rassen, aber er braucht diese Rassen nicht, um die Menschheit zu zerfasern, sondern er begreift die vierfaltige Menschheit als eben das, als jeweils geschaffenen Ansatz zur Erreichung des Menscheitsziels, der gelebten Humanität.

aerolith
24.06.18, 10:32
Eines der Hauptthemen unserer Klassik war die Tasächlichkeit, Realität oder auch nur Möglichkeit menschlicher Freiheit. Dabei spielte die mit "Menschenrechten" und dergleichen Meinungsbehaftetem politisch artikulierte Freiheit eine untergeordnete Rolle, denn wie sollte sich Freiheit entfalten können, wenn der Mensch resp. nur einige wenige dazu in der Lage sind? Dann müssen "Menschenrechte" letztlich nur denen nützen, die sie anzuwenden wissen, also einer kleiner Schicht von Durchsetzungsfähigen. Die Deutschen hielten diese Reihenfolge also für falsch, sondern setzten auf den umgekehrten Weg, nämlich den von der Ausprägung humanistischer Inhalte hin zur allmählichen Implementierung dieser menschheitlich meßbaren Fortschritte in politischer und rechtlicher Manifestation, dem so mit dem Einzelwesen verschmelzenden Staat..

Der gute Fichte nun konstruierte die Freiheit aus der Notwendigkeit. Völlig richtig, denn der umgekehrte Weg muß in Willkür enden. Daß er dazu aber Ich und Nicht-Ich als Korrelate bezeichnete, also aus dem Ich das Nicht-Ich schuf, zugleich aber behauptete, daß erst das Nicht-Ich das Ich konstituiere, ließ sein theoretisches Konstrukt nach anfänglichem Ah und Oh erfolglos werden, denn wenn man zur Konstruktion ein dekonstruktives Nicht-Ich benötigt, dann aber Freiheit daraus erzeugen zu können glaubt, muß das ganze Kartenhaus zusammenfallen, wenn man doch sehen kann, daß das Ich-Ich eine Konstruktion sein muß, die mit dem notwendigen Gang des Ganzen nicht unbedingt zusammenfallen muß, schließlich ist ein Nicht-Ich immer noch subjektiv.
Recht hatte Fichte allerdings damit, daß er Freiheit nicht als Sein, sondern als Prozeß, als unaufhörliches Streben, betrachtete. Das dürfte es auch gewesen, was Schiller an ihm fesselte und was dann, über Schiller, auch Goethe in seinem "Faust" thematisierte: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß. Das Leben muß sich verdient werden! Das ist die Quintessenz unserer Klassik.

aerolith
04.07.19, 16:15
Fichte muß zur Klassik gezählt werden, wenngleich er nur kurze Zeit in Jena lehrte, bevor man ihn wegen Atheismus rausschmiß. Der Rausschmiß war dumm, der Vorwurf allerdings berechtigt, denn Pantheismus ist immer der Vorhof zum Atheismus, doch so gerechnet, müßten auch Schiller und Goethe und etliche andere... Lassen wir das also.

Mir kam dieser Tage Fragmentarisches von Fichte vor die Leselupe. Der Mann hielt uns Deutsche in der Tat für KEIN Volk, sondern für jeweilige Stammesangehörige, zugleich dadurch einem Reichsgedanken unterworfen, der als Ideogramm für die in Völker zerspaltene Menschheit dienen sollte. (Die Staatslehre. Vorträge 1813. (https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=mdp.39015010546631&view=1up&seq=5)) --> so ab Seite 60

So gesehen bekömmt der Gedanke einer Weltrepublik eine neue Aura; ich gebe allerdings zu bedenken, daß Fichte keineswegs den heute obwaltenden westlichen Weg dafür als geeignet ansah; im Gegenteil, er beschrieb den Weg als vom Einzelnen zur Gesamtheit kommend, also nicht die staatliche vor der individuellen Prägung, wie wir es zur Zeit erleben.

aerolith
29.07.19, 12:17
Daß Karoline von Wolzogen in Schiller verliebt war, steht außer Frage. Daß sie die Erste war, die seinem Leben ein literarisches Denkmal setzte, bleibt ihr literaturhistorisches Verdienst, gleichwohl die Kritik an dieser Biographie hart ist: zu nah, zu viele Elogen, zu wenig Ausgewogenheit... Das Buch wird glücklicherweise nachgedruckt, so daß es preislich erschwinglich.
Friedell schreibt in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit auf Seit 876 über Karolines verschobene Sicht auf Schiller:


erstellt von Egon Friedell:
Schiller hatte Sommersprossen und eine viel zu lange Nase; Schiller hatte unmögliche schlenkernde Armbewegungen und X-Beine; Schiller schwäbelte penetrant, rauchte und schnupfte unaufhörlich und trank gern ziemlich viel Sekt [Korrektur: eine Art stark alkoholisierten Punsch]; Schiller schrieb an den Rand seiner dramatischen Entwürfe Aufstellungen über mutmaßliche Einnahmen und ausgaben.

aerolith
08.08.19, 04:02
Schiller war doch Biertrinker! Während seiner Zeit in Bauerbach trank er 245 Maß Bier, etwa 251 Liter. Nicht schlecht für eine Aufenthaltsdauer von acht Monaten. Nun muß man allerdings bedenken, daß Schiller als geselliger Mensch und eingeladener Gast der Wolzogens sicherlich den einen oder anderen freihielt. Die Wolzogens garantierten dem Wirt die Begleichung der Zeche, sofern Schiller diese im Laufe von einem halben Jahr nicht selber begleichen würde.
Interessant in diesem Zusammenhang ist der Preis des Bieres: 26 Batzen, 13 Pfennige. Rechne ich den Batzen zu 1/12 Gulden auf Silberbasis und den Pfennig auf 1/12 des Groschen, den wiederum als 1/20 des Talers, dann komme ich auf einen Preis von knapp 50 €. Ich denke, für 50 € quasi acht Monate den Bierkonsum von etwa 1 l/Tag sichern, ist nicht teuer.
Schiller aß in der noch heute existierenden Kneipe in Bauerbach in den acht Monaten nur 14 mal, was ihn 7 Batzen gekostet hätte, hätte er bezahlt. 14 Essen für etwa 30 € ist nun auch nicht teuer. Das Leben war damals offenbar billiger als heute, jedenfalls das Kneipen. Wenn man allerdings einen Brief vom Punkt A zum Punkt B transportieren lassen wollte, zahlte man im Blitztransport von Weimar nach Jena schnell mal einen Karolinentaler, etwa 11 Gulden, also 240 €. Anders gesagt, man konnte ein halbes Jahr saufen und zahlte dafür ein Fünftel von dem, was der Schnelltransport (8 Stunden) eines Briefes von Jena nach Weimar kostete. Ich glaube, das war einer der Gründe, warum Schiller sein gediegenes Dasein in Jena (die laufenden Kosten war viel niedriger) mit dem ungleich teureren in Weimar tauschte. Sein Haus in Jena hatte er für 1200 Taler gekauft, das nicht besser ausgestattete in Weimar kostete gleich mal 4200. Aber die Einsparung an Portokosten glich das wieder aus. Wahnsinn! Da bekommt der Begriff "Portokasse" eine ganz neue Bedeutung.

aerolith
25.11.19, 18:20
Habe nun endlich die Wolzogen-Biographie bekommen. Schiller strahlt mir aus jeder Zeile entgegen.

Eine neue Erkenntnis gewann ich auch: Schillers Freund Gedicke ließ grüßen. Gedicke, ein heute zuunrecht vergeßner Mann, hatte 1788 das Abitur als verbindliche Abschlußprüfung an Gymnasien in Preußen durchgesetzt. Andere Bestandteile des Reiches folgten so nach und nach. Gedicke war Freimaurer und wollte Schiller zur Loge "Zur Eintracht" lotsen. Schiller wollte aber nicht.