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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Pyrrhos - der letzte griechische Hegemonialversuch



aerolith
10.05.15, 22:57
König Pyrrhos (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=pyrrhos)von Epideiros (um 280 v.Chr.) führte seinen Stammbaum auf Achilles (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=achilles)zurück. Er wollte ein Imperium schaffen, das im Westen von Italien und im Osten bis Kleinasien reichen sollte. Ein Hang zur Paralyse (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=paralytiker)verband sich mit großer persönlicher Überzeugungskraft und militärischem Geschick. Allerdings besaß Pyrrhos kein wirklichkeitsnahes politisches Konzept oder gar Kenntnis der Macht- oder Sozialverhältnisse. Unterstützung fand er bei gierigen Abenteurern und Nachbarn der Römer (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=römer). Seine inhomogene Heeresmacht war kein Vorbote für ein kommendes Reich des Friedens, sondern eben das, was gewinnorientierte Glücksritter hinterlassen: Chaos (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=chaos). Das reicht nicht für die Statuierung eines dauerhaften politischen Gemeinwesens. Und es sei hier die Frage gestellt, warum es den Römern immer wieder gelang, trotz vielen militärischen Niederlagen, ihr Staatswesen über den gesamten Mittelmeerraum auszudehnen?
Der Römer war Patriot, er hing an seiner Scholle und hatte das Gefühl, in seinem Gemeinwesen aufgehoben zu sein. Die Bewohner Kleinasiens hatten dieses Gefühl nicht. Ihr Staatsbewußtsein war nicht über eine ethnische und politische Zugehörigkeit definiert, sondern streng genommen über Religion (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=religion)und die eigene Familie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=familie), die sie als ihren Schutzverbund auffaßten, den Staat (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=staat)dagegen nicht. (Das ist eine primitivere Selbstbestandheit, die die Grenzen des Ich (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=ich)noch nicht durchschritt.) Man lebte nebeneinander, nicht miteinander. Das bedeutete, daß die Bewohner des Orients (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=orient), dessen Westgrenze wie heute der Bosporus, Hellespont, abgab, zu keinem Staatsbewußtsein kamen. Daher war den Bewohnern dort ein steter Wechsel der Dynasten sogar willkommen, solange diese nicht in die funktionierende Organisation der Familienversorgung eingriffen. [1] So hätte ein orientalischer Herrscher den okzidentalen Familien im Falle einer Eroberung hohe Steuern aufdrücken können, aber er hätte ihr Wesen und ihren Drang nach Selbstbestimmtheit brechen müssen, um sie dauernd zu beherrschen. Spätestens nach Alexander dem Großen war das griechische Prinzip (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=prinzip)der kleinen funktionierenden Stadteinheit untragbar für die westliche Welt geworden. Diese Stadtstaaten hatten einander im Peloponnesischen Krieg zerfleischt, hatten wegen ihrer engen Bürgergesetze keinen Nachwuchs für die wachsenden Aufgaben rekrutiert, ja, Jahr für Jahr etliche aus ihrem Kreis ausgeschlossen (Kolonisation) und waren am Ende von zahlenmäßig überlegenen Großstaaten aufgesaugt worden, man könnte sagen, sie waren an selbstverschuldeter Blutarmut gestorben. Die Römer dagegen besaßen ein offenes Bürgergesetz und erhielten Zulauf von überall. Man konnte in Rom reich werden, Senator oder Konsul werden durch eigene Kraft (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=kraft)und mußte dazu kein eingeborener Römer sein.
Pyrrhos, der hellenistische König, kam aus der Vergangenheit. Er versinnbildlicht das letzte Aufbäumen einer den Römern überlegenen Zivilisation (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=zivilisation)mit einer den Römern unterlegenen politischen Idee. Darum war der Kampf des Epeiroten vergeblich. Es traten sich Phalangen und Kohorten gegenüber, eine Söldnerarmee traf auf eine Bürgerwehr und ein Heerkönig auf wechselnde Senatoren; es war der Kampf eines militärischen Genies gegen ein Kollektiv.


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Der Krieg entzündete sich durch die Ansprüche der reichen süditalischen resp. großgriechischen Stadt Tarent, die sich mit Rom um irgendetwas stritt. Nach einigem Hin und Her kam es 280 v.Chr. zur entscheidenden Schlacht, wie Pyrrhos glaubte. Auf römischer Seite standen 50000 Soldaten, Pyrrhos und seine vielen Verbündeten brachten weniger auf. Man begegnete sich bei Pandosia am Siris, einem Flüßchen in Unteritalien. Dabei überwarf sich Pyrrhos mit seinen tarentinischen Verbündeten. Allerdings waren Loyalität (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=loyalität)und Fairneß in diesen Zeiten eher unbekannt. Unzuverlässige Städte wurden besetzt, Soldaten mit Gewalt in den Dienst gezwungen, Kriegssteuern erhoben und jedermann verpflichtet. Römer und Anhänger von Pyrrhos nahmen sich da nicht viel. Jeder wollte siegen.

Die Römer teilten ihre Truppen: ein Teil deckte Rom, der andere marschierte unter dem Konsul Publius Laevinus nach Süden, Pyrrhos entgegen. Die Römer erzwangen unter Deckung durch ihre Reiterei den Übergang der Fußtruppen über den Siris und schlugen los. Pyrrhos schien überrumpelt und stürzte, an der Spitze seiner Reiterei stehend. Das lähmte den Mut der Griechen, und sie zogen sich zurück. Aber Pyrrhos war nur gestürzt. Er rappelte sich auf und griff an der Spitze seiner Fußtruppenphalanx die römischen Legionen an. Der Kampf wogte hin und her. Es fielen Pyrrhos' beste Offiziere, u.a. Megatokles, der Pyrrhos' Rüstung getragen hatte. Das stürzte das griechische Heer (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=heer)ein zweites Mal in Verwirrung und Lähmung. Laevinus frohlockte und griff mit seiner Reiterei ein zweites Mal an. Aber Pyrrhos konnte sich Stimme verschaffen und trieb die Seinen an. Er hatte Kampfelefanten in der Hinterhand; ihr Zeitpunkt war gekommen. Er führte sie in die Schlacht, was bei den Römern Entsetzen auslöste. Sie flüchteten. Pyrrhos verfolgte die Flüchtenden und richtete ein Blutbad an. 10000 Römer fielen, 4000 Griechen. Aber während es bei den Römern keine Elitetruppen traf, hatte Pyrrhos seine besten Leute verloren. Auch würden sich die Römer kein zweites Mal von Kampfelefanten überraschen lassen. Dennoch hatte Pyrrhos die strategische Initiative gewonnen und besaß die Möglichkeit, die Italiker unter seine Fahnen zu bringen. Der Marsch auf Rom war die Folge. Allerdings fielen nicht alle Verbündeten von Rom ab, Venusia beispielsweise hielt inmitten von Feindesland unerschütterlich an der Gefolgschaft zu Rom fest. Erst recht gelang es Pyrrhos nicht, gefangene Römer und Latiner zum Heeresdienst zu zwingen. Sie zogen den Tod (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=tod)vor.
Pyrrhos sah sich veranlaßt, Friedensbedingungen zu formulieren und Rom zu hinterbringen:



alle griechischen Städte Italiens sollten frei werden;
zwischen Großgriechenland und Rom sollten freie Pufferstaaten errichtet werden;
den Samniten, Dauniern, Lucanern und Brettiern sollte das abgewonnene Gebiet zurückgegeben werden.


Vielleicht hätte sich Pyrrhos auch durchgesetzt, doch Rom zog im diplomatischen Gefecht, das dem militärischen zu folgen pflegt, ein Aß aus dem Ärmel: Appius Claudius. Der greise und blinde Ex-Konsul trat mit einer Wutrede im Senat (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=senat)dem Unterhändler gegenüber. Man dulde keine Fremden in Italien. Verhandlungen gäbe es nicht. Die zurechtgewiesenen römischen Senatoren jagten Pyrrhons Unterhändler aus der Stadt.
Die Folge: Pyrrhos, offenbar eingeschüchtert, verzichtete auf eine erneute Feldschlacht, die Rom endgültig hätte schlagen können. Statt dessen zog er mehr oder weniger unschlüssig durch Süditalien und entließ im frühen Winter seine Truppen. Die Römer aber sammelten ihre Truppen, hoben neue aus und schickten die Verlierer von Pandosia beziehungsweise Heraclea ins Winterlager nach Firmum im Picenischen.
Im nächsten Sommer sollte die entscheidende Schlacht geschlagen werden. Auf jeder Seite standen ca. 70000 Mann. Beide Seiten hatten aus den Fehlern des Vorjahres gelernt: Pyrrhos hatte zwischen seine geschwächten Elitetruppen Samniten und Tarentiner geschoben, die die höchste Moral besaßen. Statt die ihm vertraute Phalanx zu bilden, ahmte er die römische Manipulartaktik nach und bildete Kohorten, nur das Zentrum blieb in Phalanx (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=phalanx). Die Römer hatten gegen die Elefanten einen Streitwagen gebaut, der Feuer verschoß und mit scharfen, langen Speeren bestückt war. Außerdem bauten sie hochstehende Brücken, mit deren Hilfe sie die Elefanten entern wollten.
Nach schwierigem zweitägigen Kampf hatte Pyrrhos mehr Raum gewonnen und mehr Gegner getötet als umgekehrt, den glanzvollen Sieg, den er benötigt hätte, um die Bündnisverhältnisse zu kippen, konnte er jedoch nicht erreichen.
Da Pyrrhos in der Schlacht eine Armverletzung erlitt, war an keinen weiteren Feldzug zu denken. Er zog sich nach Tarent zurück und überwinterte dort. Zwischenzeitlich verbanden sich die Karthager mit den Römern, da sie die Griechen aus Großgriechenland treiben wollten. Pyrrhos hatte immer noch nicht begriffen, daß seine Stellung in Italien eine strukturelle Schwäche besaß: Er konnte in seiner Innenpolitik keine Akzente setzen, die die wankelmütigen italischen Bundesgenossen der Römer auf seine Seite hätten ziehen können. Statt dessen gebärdete er sich wie ein orientalischer Despot und ließ überkommene Einrichtungen in Unteritalien nicht gelten, Nepotismus und Unrecht. Die Griechen auf Sizilien sehnten sich nach der sanfteren karthagischen (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=karthago)Herrschaft zurück! Pyrrhos baute zwar an einem Staat, aber er gründete ihn nicht auf die Liebe seiner Bürger und deren Freiheitsgefühl, sondern auf Macht. Als er in einem Gefecht mit den Karthagern 276 v.Chr. den kürzeren zog, brach sein Gebilde zusammen. Fortan unterstützten ihn die reichen Städte Siziliens nicht mehr. 275 v.Chr. kehrte er heim nach Griechenland, wo er bei einem Straßengefecht 272 v.Chr. starb.
Die Römern konnten sich auf Sizilien festsetzen. Tarent übergab sich Roms Schutz, aber nach diplomatischem Jonglieren einigte man sich mit Karthago, und die Römer zogen sich zurück. Tarent erhielt Selbständigkeit, mußte aber alle Waffen abgeben und die Mauern schleifen. Rom war Großmacht geworden.


Aufgaben:



Vergleiche das politische Selbstverständnis der römischen Republik mit den Intentionen des Pyrrhos und formuliere ein Ergebnis hinsichtlich der Effizienz und politischen Zukunftserwartung! (III)
Charakterisiere Pyrrhon! Benutze eine zweite Quelle! (I)
Wie lösten die Römer das Elefantenproblem? (I)
Gib wenigstens zwei Gründe für Pyrrhons Scheitern an! (II)





[1] Im Orient kam es zu einem Typus des politischen und sozialen Gemeinwesens, der sich nur in Einzelheiten unterscheidet, sonst aber überall gleich ist: am Anfang steht die Stammesorganisation, aus der die Stadt erwächst, die zum Staat wird. Im Unterschied zu Griechenland kann sich dieser Stadtstaat nicht behaupten und bringt auch keine Einrichtungen hervor, die auf Selbstregierung (Demokratie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=demokratie)) hinauslaufen, was zu Städtebünden führt, die ein gottähnlicher und selbstherrlicher König o. ä. anführt, der darauf bedacht sein muß, die Zahl der von ihm angeführten Stadtstaaten zu vergrößern und seine Autorität zu erhalten. Der König kann ausgetauscht werden, das Staatsgebäude bleibt unverändert erhalten. Das Volk spielt politisch keine Rolle. Wir hören nichts von Volkserhebungen oder Revolutionen, die eine Partizipation des einzelnen an der politischen Macht zum Ziele hatten. Die Untertanen respektierten die Obrigkeit als gottgewollt und folgten ihr, solange sie diese Aura der Gottähnlichkeit spürten. Spürten sie diese nicht mehr, wurde die Obrigkeit ausgetauscht, aber nicht mit Volkserhebungen, sondern mit Hofintrigen, Beamten- oder auch Priesterklüngel. Dieses Prinzip (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=prinzip)hat sich mehr oder weniger bis heute erhalten.

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