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kassandra
01.05.00, 15:03
Herr K. hat Angst
Herr K. wartet. Er hat er einen Termin, aber noch hat ihn die Schwester nicht aufgerufen.
Nervös streicht er über den Knöchel seines linken Zeigefingers und spürt nichts. Mit diesem winzigen, empfindungslosen Hautareal hat es angefangen. Jetzt sitzt er hier und wartet darauf, daß die Maschine ihr Urteil fällt.
Herr K. schaut zur Uhr, schon halb zwölf. Für 11 Uhr war er bestellt. Als sich die Tür zum Schaltraum öffnet, hat Herr K. bereits einige Runden in dem kleinen Wartezimmer hinter sich.
Die Schwester bittet Herrn K., alle metallischen Gegenstände abzulegen: Uhr, Schlüsselbund und Geldbörse. Seinen Gürtel darf er trotz der Metallschnalle behalten.
Die Maschine ist nicht kleinlich.
Dennoch muß Herr K. unterschreiben, daß er keine Metallteile in seinem Körper verborgen hält. Danach erscheint der Radiologe und erklärt Herrn K., daß man für diese spezielle Untersuchung ein Kontrastmittel einspritzen müßte. Es sei aber leicht verträglich. Herr K. nickt tapfer und beobachtet teilnahmslos, wie sich die Kanäle in seine linke Armbeuge bohrt.
Die Schwester begleitet ihn in den Maschinenraum. Noch ist es still, wenn man vom rhythmischen Stampfen der Heliumpumpe absieht. Herr K. kennt sich aus, er hat die Verhandlungen mit dem Hersteller der Maschine geführt. Die Schwester breitet eine frische Lage Papier über die Liegefläche.
Die Maschine mag keinen Schmutz.
Herr K. darf sich hinlegen. Die Schwester bettet seinen Kopf in einer Halterung, die ihn an Hannibal Lecter im "Schweigen der Lämmer" erinnert. Dabei ist Herr K. weit davon entfernt, jemanden zu beißen. Noch ...
Leise summend transportiert die Maschine seinen Körper durch eine Art Tunnel in ihr Inneres. Außer lackiertem Metall kann Herr K. wenig erkennen. Jemand drückt ihm einen Gummiball in die rechte Hand und klärt ihn darüber auf, daß er den Taster nur im Notfall betätigen soll. Herr K. murmelt etwas Zustimmendes.
Mittlerweile hat er festgestellt, daß oberhalb seiner Augen eine Spiegeloptik angebracht ist, mit deren Hilfe er einen Teil des Maschinenraums überblicken kann.
Die Schwester hat den Raum verlassen, er ist mit der Maschine allein.
Herr K. starrt auf die blaue Linie über seinem Kopf und wartet auf den Beginn der Untersuchung.
Das Stampfen der Heliumpumpe wird lauter: "Welcome, my friend, welcome to machine ..."
Plötzlich schlägt unmittelbar neben ihm jemand, vielleicht ein Zwerg, mit einem Hämmerchen gegen die Verkleidung des Tunnels. Zehnmal, zwanzigmal, in kleinen Serien zu fünf, sechs Schlägen. Wenig später antwortet ihm ein Kollege von der anderen Seite, der offenbar einen größeren Hammer besitzt: bing - bing - bing ... bong - bong - bong ... Die Kommunikation zwischen den beiden scheint nicht besonders gut zu funktionieren, denn die Schlagfolgen wiederholen sich ein um das andere Mal.
Herr K. hat mittlerweile festgestellt, daß sich seine linke Hand direkt im Luftstrom der Klimaanlage befindet. Die Kälte kriecht von den Fingern in Richtung Unterarm.
Die beiden Zwerge haben offenbar beschlossen, das Werkzeug zu wechseln. Sie entscheiden sich für einen Preßlufthammer. Es wird laut, sehr laut: drrrrrhum - drrrrrhum.
Herr K. schließt die Augen und spürt die Vibrationen der Maschine. Er weiß, wie sie funktioniert, hat sogar Vorträge darüber gehalten. Im Moment kann er sich allerdings an nichts erinnern. So beschränkt er sich darauf, seine kalte, linke Hand zu öffnen und zu schließen, um die Blutzirkulation in Gang zu halten. Der Erfolg ist bescheiden.
Das Preßlufthammergeräusch verstummt ebenso abrupt wie es über ihn hereingebrochen ist. Es wird still, beängstigend still.
Das stampfende Geräusch der Pumpe ist Teil dieser Stille: "Where have you been - it's allright, we know, where you've been ..."
Herr K. hat keine Vorstellung, wie lange er schon hier liegt - im Bauch der Maschine. Seine Uhr liegt in der Umkleidekabine. Herr K. zählt zweimal bis sechzig und gibt dann auf. Wenn überhaupt, hätte er von Beginn an zählen müssen.
Mit der Stille kommt die Angst.
Sie haben etwas gefunden!
Herr K. weiß, was die Abkürzungen auf dem Überweisungsschein bedeuten, auch wenn das tröstliche Wort "Ausschluß" davorsteht. Nichts davon ist harmlos, darin sind sich Pschyrembel und MSD einig. Herr K. möchte nicht sterben, nicht jetzt. Der Tod ist etwas, das anderen widerfährt, nicht ihm. Tod bedeutet "Nichtsein" und liegt jenseits seines Vorstellungsvermögens. Manchmal beneidet er jene, die an ein danach glauben können. Es muß schön sein, Hoffnung zu haben. Doch Herr K. hat keine Hoffnung, nur Angst.
Die Kälte kriecht von den Füßen her aufwärts, er muß die Muskeln anspannen, um das Zittern seiner Beine zu unterdrücken. Das Dröhnen seines Herzschlags wird lauter, mischt sich in das Stampfen der Pumpe.
Warum machen sie nicht weiter?
Mit Hilfe der Spiegeloptik kann Herr K. zwar das Fenster zum Schaltraum sehen, doch die Gesichter hinter der Scheibe sind nur in Umrissen zu erkennen.
Seine linke Hand ist mittlerweile völlig gefühllos, die Bewegung der Finger kann die Kälte nicht vertreiben. Herr K. starrt auf seine Bauchdecke, die im Rhythmus seines Herzschlages pulsiert. Oder ist es der Rhythmus der Pumpe? "So, welcome to the machine ..."
Als die Kälte seinen Magen erreicht, beginnt der Preßlufthammer wieder zu dröhnen. Herr K. nimmt es beinahe mit Erleichterung zur Kenntnis.
Alles Routine, oder?
Das Dröhnen der Maschine erscheint ihm nicht mehr so laut wie beim ersten Mal, oder seine Ohren haben sich mittlerweile daran gewöhnt.
Lange kann es ohnehin nicht mehr dauern.
Das Kribbeln in der Magengegend wird plötzlich heftiger und verstärkt sich zu einem dumpfen Schwindelgefühl, das innerhalb von Sekundenbruchteilen seinen Körper überschwemmt. Saure Magenflüssigkeit bahnt sich ihren Weg speiseröhrenaufwärts in seine Kehle.
Das Kontrastmittel! Herr K. gerät in Panik und betätigt den Notfalltaster.
Als sich die Tür zum Schaltraum öffnet, läßt das Schwindelgefühl schlagartig nach, der Druck auf seinen Magen wird schwächer.
"Müssen Sie sich übergeben?" erkundigt sich die Schwester sachlich.
Herr K. verneint beschämt.
"Es dauert nicht mehr lange." sagt die Schwester verständnisvoll lächelnd und verläßt den Raum.
Wenig später verstummen die Preßlufthämmer. Doch die beiden Zwerge haben sich noch einiges mitzuteilen: bing - bing - bing ... bong - bong - bong ...
Herr K. starrt in Richtung Schaltraum und versucht, das Zittern in seinen Beinen zu unterdrücken. Es gelingt nur, solange er die Muskeln anspannt. Die Zwerge haben ihr polterndes Zwiegespräch beendet, einzig die Heliumpumpe stampft unermüdlich weiter: "What did you dream? It's allright, we told you what to dream ..."
Herr K. weiß, daß die Maschine recht hat. Seine Träume gehören ihm längst nicht mehr. Er fürchtet sich vor ihnen, sehnt das Erwachen herbei. Oder den Schlaf. Aber wenn sie nicht ihm gehören, wem dann? Er weiß es nicht, und eigentlich möchte er es auch gar nicht erfahren.
Endlich öffnet sich die Tür.
Herr K. sucht den Blick der Röntgenassistentin und registriert erleichtert, daß sie ihm nicht ausweicht.
Ohne Befund.
Herr K. weiß es, noch bevor er die Frage formulieren kann.
Ärgerlich summend gibt die Maschine ihre Beute frei. Die Assistentin klappt den Hannibal-Lecter-Käfig zur Seite und hilft Herrn K. beim Aufstehen.
Herr K. fragt nach dem Befund. Er möchte hören, daß seine Ängste unbegründet waren. Die Antwort entspricht seinen Erwartungen. Nur seine Knie scheinen die erfreuliche Botschaft noch nicht mitbekommen zu haben. Sie sind butterweich.
Herr K. ist froh, daß er sich nach ein paar Metern wieder setzen darf.
Der Radiologe kommt aus dem Befundungsraum und erklärt Herrn K., was dieser längst weiß. "Ohne Befund" bedeutet, daß mit seinem Gehirn alles in Ordnung ist. "Makroskopisch", wie der Arzt mit einem feinen Lächeln anmerkt.
Herr K. lächelt zurück. Er weiß, daß die Untersuchung nur ein erster Schritt ist. In vierzehn Tagen ist die Wirbelsäule an der Reihe, parallel dazu wird sein Blut auf neurotrope Viren untersucht. Und die tauben Stellen auf seiner Haut werden aller Wahrscheinlichkeit nach taub bleiben.
Dennoch läßt das Zittern in seinen Gliedmaßen nach, und Herr K. spürt, wie das Blut in seine erstarrten Finger zurückkehrt.
Den Weg in die Umkleidekabine kann er schon allein zurücklegen, auch wenn sein Gang noch ein wenig unsicher ist. Dennoch ist er froh, daß er nicht gleich ins Auto steigen muß, um nach Hause zu fahren.
Er hat erst in zwei Stunden Feierabend, Zeit genug, um sich auf andere Gedanken zu bringen.
In seinem Aktenkoffer liegt die Überweisung an das Reiseunternehmen, bei dem sie ihren diesjährigen Griechenlandurlaub gebucht haben. Herr K. trägt sie schon seit Tagen mit sich herum. Heute wird er ihn zur Sparkasse bringen.
Und auf der Heimfahrt über die Schnellstraße wird er zum ersten Mal seit Wochen nicht nach einer geeigneten Lücke in den Leitplanken Ausschau halten ...

© 2000 by Frank W. Haubold

aerolith
01.05.00, 16:06
Hallo Kassandra!

Freue mich auf Deine Beiträge.
Dieser erste hat Niveau, auch Stil.

Nur drei Anmerkungen, bevor ich mich weiter mit der Technik herumärgere:



Fachbegriffe tauchen wie selbstverständlich auf. Wie wäre es mit einigen Erklärungen? Was, keine? Dann umschreibe die Wirkungsweise oder erkläre, wieso Dein Held mit diesen Begriffen umgeht!
Du retardierst zuweilen. Alte Schwäche. Wenn Du Hannibal nennst, denkt heute jeder in diesem Zusammenhang an Das Schweigen der Lämmer. Das wiederum mußt Du dann nicht erläutern!
Seit wann fällen Maschinen Urteile? Was Du meinst, will ich wohl zu wissen meinen, aber Du schreibst es nicht hin und nicht mit.


Freundliche Grüße nach Sachsen,

Edjuschka.

kassandra
02.05.00, 15:18
So viele Fremdwörter sind mir gar nicht aufgefallen, "neurotrop" vielleicht, aber das war's auch schon.
Den Pschyrembel kennt sogar Sissy.
Und bei MSD weiß ich selber nicht mehr so genau, was es ausgeschrieben heißt, MSD halt.
Hannibal Lecter kennt vielleicht nicht jeder, deshalb die Erklärung, oder ist das jetzt schon Schulstoff?

Retardieren kenne ich nur vom "retardierenden Moment", und da ist keines drin.

Maschinen fällen ALLE Urteile, oder wie willst Du beweisen, daß Dein Bewußtsein und Deine Sinneswahrnehmungen NICHT in einem Computer gespeichert sind?

Freundliche Grüße ins Osterland
K.

it
02.05.00, 23:20
Einer der interessantesten Texte, die ich bisher von Dir gelesen habe.
Mich stört allerdings die häufige Verwendung von "Herrn K.".
Zeitweise in jedem Satz, und dazu in einem derart konventionellen Text (bitte wertfrei zu verstehen) einfach nicht sonderlich hilfreich.
Die Lücke in der Leitplanke mag ich sehr..
Gruss, it

Leon
03.05.00, 02:22
herr k. ist gut. ich könnte mich in dieses "k" verlieben. kkk, das ist wie ein pfahl im fleisch.
Leon

kassandra
03.05.00, 07:12
Hallo it,
Herr K. steht im Mittelpunkt der Geschichte. Außer der Verwendung von "er" gibt es m E. keine Alternative zu "Herrn K.". Beides wurde ungefähr gleich oft verwendet.
Zudem ist es ein ausschließlich auf eine einzige Person bezogener Text, der für Nebenfiguren keinen Raum hat.

Ich stehe zu Herrn K.!
K.

aerolith
03.05.00, 17:36
Ich stritt Jahre mit meinem Vater, weil der die Entscheidung darüber zu fällen hatte, ob bestimmte Maschinen, die bestimmbare Ergebnisse auswarfen, abgeschaltet werden sollten. An diesen Maschinen hingen Menschen, die ohne diese Maschinen nicht leben konnten.
Jetzt könnte man meinen, daß Maschinen die Urteilsfindung bestimmten, allein, es war doch immer noch mein Vater, der's eben tat. Und ich konnte es nie gutheißen, wenn er da sagte: Die wird abgeschaltet!
Ich sagte dann immer: "Und morgen gibt's ein Mittel!"

Ich glaube nicht an die Urteilsfähigkeit von Maschinen. Und was ist Urteilen (http://www.wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=urteilen)anderes als das Vermögen, das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken? Wie will eine Maschine da auseinanderhalten, dazu müßte sie reflektieren oder empfinden können?

kassandra
04.05.00, 20:41
Wölki, natürlich (ver-)urteilt die Maschine nicht selbst. Wohl aber präsentiert sie Resultate, die unter Umständen einem Urteil gleichkommen.
Daß da letztlich noch ein Mensch vor dem Monitor sitzt, mag zwar den Humanisten beruhigen, an den Tatsachen ändert es nur wenig.

Was das Reflektieren anbetrifft, so möchte ich hier keinen Exkurs über künstliche Intelligenzen unternehmen.
Grundsätzlich entziehen sich die unterschiedlichen Positionen hierzu der rationalen Beurteilung.
K.

Robert
12.05.00, 14:26
Ich kenne diese Geschichten um die Maschinen auf den Stationen.


Eben darum rankt sich der Streit: Inwiefern haben wir noch Urteilskraft?


An der Ausgangsfrage ändert aber das nichts: Maschinen können nicht urteilen. Sie können nur Eckpunkte eines Urteils anzeigen, selbst das aber ist ihnen nicht bewusst. Nun, Bewusstheit will ich jetzt nicht thematisieren, aber ich will sie mitsagen.

Ich glaube an die Urteilsnotwendigkeit des Menschen. Ich weiß aber, dass viele Menschen aus mangelnder Urteilsfähigkeit bzw. dem Glauben an ihre Unzulänglichkeiten sich auf Fakten berufen. Kassandra, du solltest dahinter schauen. Die Maschine wird von diesen Menschen nur vorgeschoben. Sie wird instrumentalisiert, aber in einem Bereich, in dem sie nicht instrumentalisiert werden darf. Wenn du jetzt fragst, ob es denn dazu kommen darf, dann sage ich nein.

Das ist Kassandras Passion, dieses betuliche Entwickeln aus dem Normalen ins Phantastische hinein. Manchmal jedoch setzt er das Phantastische (ich meine hier nicht fantasy!), um es in verwirbelten Passionen nicht zu Wort kommen zu lassen. Reiz aus dem normalen Wahnsinn.

Schwarzes Pferd
13.05.00, 14:07
um mit sangriaumwallten worten zu flöten,
endlisch widder normaale menschen...


danke in demuth

kassandra
03.06.00, 14:25
Vielleicht sollten wir eine Rubrik für die "Normaalen" aufmachen.
Schon allein, damit Andrea das "gesunde Volksempfinden" aus ihrem Schlagwortregister holen kann ...


K.

rodbertus
07.12.02, 09:25
Das ist Kassandras Passion, dieses betuliche Entwickeln aus dem Normalen ins Phantastische hinein. Manchmal jedoch setzt er das Phantastische (ich meine hier nicht fantasy!), um es in verwirbelten Passionen nicht zu Wort kommen zu lassen. Reiz aus dem normalen Wahnsinn.


Und leider hat K. einen krude-krummen Charakter, der nichts zuläßt. Ein Dogmatiker.

aerolith
16.06.05, 23:54
Erst einmal freue ich mich, daß Du den Mut fandest, hier einmal wieder etwas einzustellen: Wo ist bloß der verdammte Jubelfips hin? Egal.

Der Text besitzt eine wohltuende Orthographie. Bravo!
Außerdem ist zu loben: Stringenz der Ich-Perspektive bei wechselndem Auf und Ab, Taktgefühl.
Aber es ist auch zu tadeln:


zu häufiger Gebrauch von Daß-Konstruktionen, v.a. "..weiß, daß.."
technizide Sprache mit sehr vager Gefühlskomponente
übermäßiger Gebrauch von erweiterten Infinitiven
Perlenschnur ohne schwarze Perle, um es einmal so zu sagen - etwas kalt

kassandra
17.06.05, 18:25
Es gibt schon seit längerem eine etwas phantastischere Version des Eingangstextes, die vielleicht den einen oder anderen interessiert (oder eben auch nicht):

Welcome to the machine

Fabian wartet. Er hat er einen Termin, aber noch hat ihn die Maschine nicht rufen lassen.
Nervös streicht er über das Pflaster in seiner Armbeuge. Mit einem winzigen Einstich, der Blutentnahme für die monatliche Routineuntersuchung, hatte alles angefangen. Jetzt steht er hier und wartet darauf, daß die Maschine ihr Urteil fällt.
Fabian schaut zur Uhr: fünf vor halb zwölf. "11.30" steht auf dem Untersuchungsschein. Es kann also nicht mehr lange dauern.
"Bitte treten Sie ein."
Als sich die Tür zum Schaltraum öffnet, hat Fabian bereits einige Runden in dem kleinen Wartezimmer hinter sich. Draußen warten die beiden Beamten vom Gesundheitsamt, die ihn hergebracht haben.
Die Assistentin bittet ihn, alle metallischen Gegenstände abzulegen - Uhr, Schlüsselbund und Geldbörse. Seinen Gürtel darf er trotz der Metallschnalle behalten.
Die Maschine ist nicht kleinlich.
Dennoch muß Fabian unterschreiben, daß er keine Metallteile in seinem Körper verborgen h?lt. Danach erscheint der Radiologe und erklärt ihm, man müsse für diese spezielle Untersuchung ein Kontrastmittel einspritzen. Es sei aber leicht verträglich. Fabian nickt tapfer und beobachtet teilnahmslos, wie sich die Kanüle in seine linke Armbeuge bohrt.
Die Assistentin begleitet ihn in den Maschinenraum. Noch ist es still, wenn man vom rhythmischen Stampfen der Heliumpumpe absieht. Fabian kennt sich aus, schließlich ist er selbst Techniker. Die Assistentin breitet eine frische Lage Papier über die Liegefläche.
Die Maschine mag keinen Schmutz.
Fabian darf sich hinlegen. Die Assistentin bettet seinen Kopf in eine Halterung, die ihn an Hannibal Lecter im "Schweigen der Lämmer" erinnert.
Leise summend transportiert die Maschine seinen Körper durch eine Art Tunnel in ihr Inneres. Außer lackiertem Metall kann Fabian wenig erkennen. Jemand drückt ihm einen Gummiball in die rechte Hand und klärt ihn darüber auf, daß er den Taster nur im Notfall betätigen soll. Fabian murmelt etwas Zustimmendes.
Mittlerweile hat er festgestellt, daß oberhalb seiner Augen eine Spiegeloptik angebracht ist, mit deren Hilfe er einen Teil des Maschinenraums überblicken kann.
Die Assistentin hat den Raum verlassen, er ist mit der Maschine allein.
Fabian starrt auf die blaue Linie über seinem Kopf und wartet auf den Beginn der Untersuchung.
Das Stampfen der Heliumpumpe wird lauter: "Welcome, my son, welcome to the machine ..."
Plötzlich schlägt unmittelbar neben ihm jemand, vielleicht ein Zwerg, mit einem Hämmerchen gegen die Verkleidung des Tunnels. Zehnmal, zwanzigmal, in kleinen Serien zu fünf, sechs Schlägen. Wenig später antwortet ihm ein Kollege von der anderen Seite, der offenbar einen größeren Hammer besitzt: bing - bing - bing ... bong - bong - bong ... Die Kommunikation zwischen den beiden scheint nicht besonders gut zu funktionieren, denn die Schlagfolgen wiederholen sich ein um das andere Mal.
Fabian hat mittlerweile festgestellt, daß sich seine linke Hand direkt im Luftstrom der Klimaanlage befindet. Die Kälte kriecht von den Fingern in Richtung Unterarm.
Die beiden Zwerge haben offenbar beschlossen, das Werkzeug zu wechseln. Sie entscheiden sich für einen Preßlufthammer. Es wird laut - sehr laut: drrrrrhum - drrrrrhum.
Fabian schließt die Augen und spürt die Vibrationen der Maschine. Er weiß, wie sie funktioniert. Die Informationsschriften des Krisenstabes werden kostenlos verteilt. Im Moment kann er sich allerdings an nichts erinnern. So beschränkt er sich darauf, seine kalte linke Hand zu öffnen und zu schließen, um die Blutzirkulation in Gang zu halten. Der Erfolg ist bescheiden.
Das Preßlufthammergeräusch verstummt ebenso abrupt, wie es über ihn hereingebrochen ist. Es wird still, beängstigend still.
Das stampfende Geräusch der Pumpe ist Teil dieser Stille: "Where have you been - it's allright, we know, where you've been ..."
Fabian hat keine Vorstellung, wie lange er schon hier liegt - im Bauch der Maschine. Seine Uhr hat er in der Umkleidekabine zurückgelassen. Er zählt zweimal bis sechzig und gibt dann auf. Wenn überhaupt, hätte er von Beginn an zählen müssen.
Mit der Stille kommt die Angst.
Sie haben etwas gefunden!
Fabian weiß, was die Abkürzung auf dem Untersuchungsschein bedeutet, auch wenn das tröstliche Wort "Ausschluß" davorsteht. Zum Glück wird - statistisch gesehen - nur jeder vierte positive Test von der Maschine bestätigt.
Nur?
Fabian möchte nicht sterben, nicht jetzt. Der Tod ist etwas, das anderen widerfährt, nicht ihm. Tod bedeutet "Nichtsein" und liegt jenseits seines Vorstellungsvermögens. Manchmal beneidet er jene, die an ein Danach glauben können. Es muß schön sein, Hoffnung zu haben. Doch Fabian hat keine Hoffnung, nur Angst. Angst vor den Isolierlagern, Angst vor dem Tod. Er weiß, daß die Meldungen über ein Abklingen der Seuche falsch sind. Die staubblinden Fenster der leerstehenden Wohnungen sprechen ihre eigene Sprache ...
Die Kälte kriecht von den Füßen her aufwärts, er muß die Muskeln anspannen, um das Zittern seiner Beine unter Kontrolle zu bringen. Das Dröhnen seines Herzschlags wird lauter, mischt sich in das Stampfen der Pumpe.
Warum machen sie nicht weiter?
Mit Hilfe der Spiegeloptik kann Fabian zwar das Fenster zum Schaltraum sehen, doch die Gesichter hinter der Scheibe sind nur in Umrissen zu erkennen.
Seine linke Hand ist mittlerweile völlig gefühllos, die Bewegung der Finger kann die Kälte nicht vertreiben. Fabian starrt auf seine Bauchdecke, die im Rhythmus seines Herzschlages pulsiert. Oder ist es der Rhythmus der Pumpe? "So, welcome to the machine ..."
Als die Kälte seinen Magen erreicht, beginnt der Preßlufthammer wieder zu dröhnen. Fabian nimmt es beinahe mit Erleichterung zur Kenntnis.
Alles Routine, oder?
Das Dröhnen der Maschine erscheint ihm nicht mehr so laut wie beim ersten Mal, oder seine Ohren haben sich mittlerweile daran gewöhnt.
Lange kann es ohnehin nicht mehr dauern.
Das Kribbeln in der Magengegend wird plötzlich heftiger und verstärkt sich zu einem dumpfen Schwindelgefühl, das innerhalb von Sekundenbruchteilen seinen Körper überschwemmt. Saure Magenflüssigkeit bahnt sich ihren Weg speiseröhrenaufwärts in seine Kehle.
Das Kontrastmittel! Fabian gerät in Panik und betätigt den Notfalltaster.
Als sich die Tür zum Schaltraum öffnet, läßt das Schwindelgefühl schlagartig nach, der Druck auf seinen Magen wird schwächer.
"Müssen Sie sich übergeben?" erkundigt sich die Assistentin.
Fabian verneint beschämt.
"Es dauert nicht mehr lange", sagt die junge Frau verständnisvoll lächelnd und verläßt den Raum.
Wenig später verstummen die Preßlufthämmer. Doch die beiden Zwerge haben sich noch einiges mitzuteilen: bing - bing - bing ... bong - bong - bong ...
Fabian starrt in Richtung Schaltraum und versucht, das Zittern in seinen Beinen zu unterdrücken. Es gelingt nur, solange er die Muskeln anspannt. Die Zwerge haben ihr polterndes Zwiegespräch beendet, einzig die Heliumpumpe stampft unermüdlich weiter: "What did you dream? It's allright, we told you what to dream ..."
Fabian weiß, daß die Maschine recht hat. Seine Träume gehören ihm längst nicht mehr. Er fürchtet sich vor ihnen, sehnt das Erwachen herbei. Oder den Schlaf. Doch die Bilder haben sich in sein Bewußtsein eingebrannt, lassen ihn nicht mehr los. Man hätte die scheußlichen Aufnahmen aus den Lagern nie ausstrahlen dürfen.
Lieber Gott, bittet Fabian, laß es nicht so enden ...
Endlich öffnet sich die Tür.
Fabian sucht den Blick der Assistentin und registriert erleichtert, daß sie ihm nicht ausweicht.
Ohne Befund.
Fabian weiß es, noch bevor er die Frage formulieren kann.
?rgerlich summend gibt die Maschine ihre Beute frei. Die Assistentin klappt den Hannibal-Lecter-Käfig zur Seite und hilft ihm beim Aufstehen.
Fabian erkundigt sich nun doch nach dem Ergebnis der Untersuchung. Er möchte h?ren, daß seine Ängste unbegründet waren. Die Antwort entspricht seinen Erwartungen. Nur seine Knie scheinen die erfreuliche Botschaft nicht mitbekommen zu haben. Sie zittern noch immer.
Er ist froh, daß er sich nach ein paar Metern wieder setzen darf.
Der Radiologe kommt aus dem Computerraum und erklärt Fabian, was dieser längst weiß. "Ohne Befund" bedeutet, daß mit seinem Gehirn alles in Ordnung ist - keinerlei Anzeichen für eine Infektion.
Glück gehabt. Allmählich läßt das Zittern in seinen Gliedmaßen nach, und Fabian spürt, wie das Blut in seine erstarrten Finger zurückkehrt.
Der Arzt zwinkert ihm zum Abschied aufmunternd zu und verschwindet wieder in seinem Zimmer, in dem die Monitore flimmern.
Fabian zwinkert zurück. Den Weg in die Umkleidekabine kann er schon allein zurücklegen, auch wenn sein Gang noch ein wenig unsicher ist.
Das Telefon klingelt. Die Assistentin nimmt ab, bleibt einsilbig: "Ja ... natürlich ... geht in Ordnung ... bis dann."

ff.

kassandra
18.06.05, 10:48
Erst einmal freue ich mich, daß Du den Mut fandest, hier einmal wieder etwas einzustellen: Wo ist bloß der verdammte Jubelfips hin? Egal.

Der Text besitzt eine wohltuende Orthographie. Bravo!
Außerdem ist zu loben: Stringenz der Ich-Perspektive bei wechselndem Auf und Ab, Taktgefühl.
Aber es ist auch zu tadeln:


zu häufiger Gebrauch von Daß-Konstruktionen, v.a. "..weiß, daß.."
technizide Sprache mit sehr vager Gefühlskomponente
übermäßiger Gebrauch von erweiterten Infinitiven
Perlenschnur ohne schwarze Perle, um es einmal so zu sagen - etwas kalt



- Einen zu häufigen Gebrauch von "daß"-Konstruktionen kann ich nach nochmaliger Durchsicht des Textes nicht erkennen. Das scheint eine subjektive Wahrnehmung zu sein.

- "technizide Sprache" trifft zu, ist hier aber durchaus beabsichtigt, um den Kontrast zwischen den technischen Abläufen und dem fragilen Innnenleben des Untersuchten hervorzuheben.

- "erweiterte Infinitive" scheinen ein (natürlich unbewußt ausgeübtes) Hobby von mir zu sein. So richtig weiß ich allerdings nicht, wie das abzustellen wäre.

- "etwas kalt" - trifft m. E. nur auf den äußeren Rahmen zu. Das unterschwellige Grauen bedarf unter gewissen Umständen einer unterkühlten Erzählweise.

Danke für Deine Anmerkungen und Gruß aus der Provinz!

K.

aerolith
18.06.05, 17:56
Meine verliebte Ex-Frau meinte eben, daß man ostdeutsche Autoren daran erkenne, daß sie einen Hang zu Schachtelsätzen besäßen. Erweiterte Infinitive entstehen aus dem Wunsch, einen Sachverhalt zu objektivieren. (siehe letzter Satz) Man könnte das Stilistische üben. Aufschreiben von zehn erweiterten Infinitiven und Umwandlung in Saetze ohne ZU.


Üb!

kassandra
18.06.05, 19:58
Hang zu Schachtelsätzen mag stimmen. Beim vorliegenden Text vermag ich das jedoch nicht erkennen. Welchen letzten Satz meinst du?

Gruß

K.

aerolith
19.06.05, 20:00
ich meinte meinen eigenen diesbezüglich letzten satz. dort versuchte ich ebenfalls, etwas zu verallgemeinern, zu verobjektivieren.


dein text ist fein säuberlich (aeußerlich) von schachtelsätzen befreit. ganz richtig. doch sag selbst, ist es nicht so, daß wir (geübten) leser immer auch das mitlesen, was wir eben in den text hineinlesen wollen und sollen? und wenn du schon einen erweiterten infinitiv anbietest, dann denke ich mir als leser gleich noch (unterbewußt) einen dazu, schon ist das satzungetüm in meinem kopfe fertig. milzbrei.

also empfehle ich immer - außer Rhizinus vor dem schlafengehen - einfache s-p-o-S?tze. komplizierter und verschachtelter läßt es sich dann immer noch machen, auch gegebenenfalls strukturverändernd eingreifen.

aerolith
04.04.17, 19:28
Ordnerpflege


https://www.youtube.com/watch?v=lt-udg9zQSE

Marianne D.
05.04.17, 01:17
Herr Knorr,
das war eine gute Idee!

Cognac schwenkend..