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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die Germanen treten ins Weltgeschehen



aerolith
15.05.15, 18:06
Zwischentief und letzte Höhe Roms

Rom war unter Gallienus um 260 kein Staat, der eine Zukunft zu haben schien. Von Osten her bedrängten es die Perser unter Schapur I., der mit seinem Hofphilosophen Mani (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=mani)das Reich (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=reich)des Guten gegen das des Bösen (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=böse), Rom nämlich, führte und den Weltkampf für sich zu entscheiden trachtete. Gallienus wußte als Stachel im Fleisch des Bösen (nämlich als römischen Staatsphilosophen jener Tage) den griechischen Philosophen Plotin (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=plotin)auf seiner Seite, dessen Fragestellung im Kontext der Wirklichkeit schwindender römischer Macht lautete: Welches ist die Beziehung zwischen der unvollkommenen Welt des Menschen und der Welt hinter den Erscheinungen, der göttlichen Welt? Der Kampf tobte, der auf dem Feld, der in den Köpfen. Während die Perser mit Mani an die Ewigkeit (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=ewigkeit)der Prinzipien glaubten, also an die Unbesiegbarkeit des Guten/Bösen, war das bei den christlich affizierten Römern schon anders geworden: Neben etlichen heidnischen Gottesvorstellungen war da da apokalyptische (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=apokalypse)Heilserwartung in jedem Kampf zuhanden. Das ewige Licht würde die ewige Finsternis besiegen, das Positive sich durchsetzen und Rom ewig leben.
Gallienus konnte sich auf dem Felde nicht durchsetzen, aber am Ende besaß die Idee Plotins mehr Virulenz als die Manis: Wenn die Prinzipien ewig sind, spielen Einzelereignisse eine geringere Rolle; wenn man dagegen an einen Endkampf von Gut gegen Böse glaubt, kann das die letzten Kräfte freimachen.
Unter den Soldatenkaisern Aurelian, Diokletian und dann Konstantin konnte sich Rom festigen. Das neue bewegliche Heer war nicht mehr an die Garnision gebunden, sondern konnte schnell an die Brennpunkte gebracht werden. Die durch Silber- und Golderhöhung in die neugeprägten Münzen erreichte stabilisierte Währung schuf Sicherheit bei den Finanzen, gestützt von einem neu vermessenen Reich, das systematisch besiedelt werden konnte. Es flossen sichere Steuern, eingebundene Obere aller Völkerschaften des Riesenreiches erhielten eine (bezahlte) Aufgabe im Staatsdienst, damit entstand ein Beamtentum, das nicht gegen den Staat arbeitete, sondern seine Einnahmen aus den sprudelnden Steuereinnahmen bezog. Statt selbstverwalteter Stadtstaaten, die noch bis ins 3. Jahrhundert die wirtschaftliche Basis des Reiches bildeten, setzte nun der Zensus das Steueraufkommen fest, das wiederum zur Bezahlung der örtlichen und hierarchisierten Beamtenschaft diente.
Konstantin setzte Byzanz als neue Hauptsadt durch, aus strategischen Gründen, denn es war leichter zu verteidigen und befand sich näher am reichen und gefährlichen Osten. Er war kein Christ, das ist wichtig zu betonen. Er war zwar Anhänger Jesu, blieb aber dem Sonnengott Aurelians und Constantius‘ ergeben, war also Polytheist. Anders gesagt, er hatte die monotheistische Präferenz des Christentums nicht verinnerlicht. Zudem blieb er Pontifex Maximus, also oberste Instanz der heidnischen römischen Götterwelt. Entweder war er durch und durch Politiker, also zynisch, oder er nahm religiöse Bekenntnisse nicht ernst, war also Skeptiker und wollte es sich schlichtweg, pragmatisch gedacht, mit keinem verderben. In jedem Falle aber gab es unter Konstantin KEINE Christenverfolgung. In seiner Nachfolge tobte ein über zwanzigjähriger Kampf mit den Persern, der unentschieden blieb. Als man sich 360 einigte, blieben 80% Armeniens im Persischen Reich, das bald mit einer Christenverfolgung begann, da man die christlichen Armenier als römische Spione betrachtete. Doch, wie gesagt, mit Persien konnte sich Rom noch einigen, nicht aber mit den an seinen Grenzen siedelnden Germanen.


Die Germanen

Bis auf Finnen, Esten, Basken (Iberer) und Ungarn sind die europäischen Völker indogermanischen Ursprungs. Das bedeutet, ca. 85% (die nichteuropäischen Zuwanderer sind hier verrechnet) aller heutigen Europäer stammen von einem Urvolk ab, das im mittelasiatischen Vorland saß und nach Westen strömte, wobei es immer mehr verzweigte. Das reine Urvolk existiert nicht mehr, obgleich Theorien wie die des russischen Arztes Dr. Muldaschew uns glauben machen möchten, es gäbe dieses Urvolk noch. Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, daß dieses indogermanische Urvolk vor über 4000 Jahren seinen Samen über die Erde verstreute und nicht mehr existiert. Kein Volk sollte behaupten, daß es die meisten Anteile dieses Urvolks in sich trage, weder der sprachlichen noch der genetischen Abstammung nach.
Das Wesen der Germanen, um die es in diesem Kapitel geht, war die Bewegung, die Aufnahme des Fremden, die Assimilation, die manchmal bei Aufgabe eigener Ursprünge bis zur völligen Unterwerfung unter fremde Lebensmuster führte. Im steten Wechsel zwischen Seßhaftigkeit und Vertreibung bildeten die Germanen ihr besonders Naturell heraus, das sie Europa von grundauf verändern ließ. Sie besiedelten Amerika, Australien und Rußland und fanden erst kürzlich zur Ruhe.
Die Wissenschaft sucht nach dem Gemeinsamen, was bestimmte Völker unter einen Sammelbegriff subsumiert. Sprache, Kultus, Kriegshandwerk, Sozialverhältnisse, Viehzucht und Ackerbau, die Benutzung des Rades sind Kriterien, die benutzt werden, um ein Volk mit einem anderen zu vergleichen und dann zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu kommen.

Die Indogermanen besaßen Pfeil und Bogen und kannten Begriffe wie Eigentum und Diebstahl. Staatsformen wurden nicht reflektiert. Es fehlte das Priestertum, anfangs auch der Adel und zählten nur die Wehrfähigen, die das Volk bildeten. Der Stärkste führte an. Er mußte diesen Status stets beweisen. Die Frau stand niedrig. Das wurde deutlich, als sie spätestens um 1500 v.Chr. nach Griechenland kamen, wo das Matriarchat [1] herrschte. Sie zerstörten es. Seitdem herrschte das Patriarchat. Nach Mitteleuropa kamen sie bereits um 2000 v.Chr., wo sie die Ureinwohner vertrieben, töteten oder sich einverleibten. Der Differenzierungsprozeß setzte sich fort. Aus den Indogermanen schälten sich viele Völker: Kelten, Italiker, Skythen, Slawen...
Wir bezeichnen als „Germanen“ heute Völker, die nördlich und nordöstlich der Kelten lebten und unterscheiden seit ca. 300 v.Chr. drei Gruppen:



Nordgermanen – Skandi
Ostgermanen – östlich der Elbe: Vandalen, Burgunder, Goten
Westgermanen – Rhein- und Wesergebiete, Atve.


Sie lebten etwas nordöstlicher, als es die heutigen deutschen Grenzen markieren. Böhmen war keltisch, wurde erst zur Zeitenwende von Markomannen germanisiert. Das heutige Bayern ist ebenfalls eine späte Eroberung [2], denn die Germanen hatten kein Interesse an den damals vorherrschenden Nadelholzgebieten südlich des Mains, die keine Nahrung für ihre Schweine abwerfen würden, so daß Bayern und Baden-Württemberg seinerzeit weitgehend ohne germanische Besiedlung blieben. Aus Kelten, Römern, Slawen (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=slawen)und Germanen wurden dort Bajuwaren und Alamannen. Auch das Alpengebiet war nicht germanisch, sondern keltisch oder räthisch oder einfach unbewohnt. Man kann die heutigen Grenzen zum Maßstab nehmen, Österreich einmal ausgenommen, das erst um 1000 deutsch besiedelt wurde.


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Kriterium

Germanen
Kelten


Zusammensetzung der Armee

- ein Jahr zieht die eine Hälfte des Stammes in den Krieg, die andere bebaut die Felder, um im darauffolgenden Jahr zu wechseln
- keine soziale Trennung zwischen Krieger und Bauer
- es existiert keine breite bäuerliche Unterschicht, sondern nur sklavenähnlich gehaltene Ackerknechte, die wohl auch Kriegsdienst versahen, aber nicht gleichberechtigt mit den freien Kelten waren


Flurzwang
- es fehlt Privatbesitz an Feldern → statt dessen Feldgemeinschaft mit Flurzwang; gemeinsame Sorge für die Beackrung
- selten Ackerbau und wenn, dann ohne Gemeinschaftssinn, sondern in Privatbesitz, wobei jeder selbst für die Bebauung sorgen mußte


Ernährung
- weniger Getreide, dafür Milch und Fleisch, Wildbret; kein Wein; Bier und Met
- Früchte, Fisch, Wildbret, Vogeleier; Bier


Verhältnis zur Pferdenutzung
- trainieren die Ausdauer und den Gehorsam
- es gelang 800 Germanen, 5000 römische Kavalleristen zu besiegen → sie stiegen ab und stachen von unten in die Bäuche der feindlichen Pferde
- entscheidend ist die Pracht des Pferdes → die Gallier geben sehr viel Geld für die Pferde aus und steigen selten ab, um zu Fuß zu kämpfen


Priestertum
- existiert nicht
- als Druiden (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=druide)gesetzt und wichtiger Bestandteil der Gesellschaft

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Die vorchristlichen Germanen hafteten nicht am Boden, Privateigentum daran war ihnen nicht bekannt. [3] Der Boden diente, er wurde gemeinschaftlich bewirtschaftet, die Erträge entsprechend geteilt. Es gab kaum Ackerflächen, die Besiedlung Germaniens war dünn. Man jagte, fischte oder sammelte. Das reichte aus, das Dorf zu ernähren. Man war nicht auf Expansion aus, benötigte nicht Jahr für Jahr neue Siedlungsräume. Der Ackerbau war nicht das Wichtigste. Höher im Ansehen stand der Krieger. Also erfüllten die germanischen Männer ihre Versorgungspflichten eher mürrisch, überließen das den Frauen oder Knechten. Der Herr des Hauses jagte, wenn er nicht im Krieg war.
Vielleicht haben zwei Millionen Menschen in Germanien gelebt, viel mehr sicherlich nicht. In Italien lebten zeitgleich etwa zwanzig Millionen Menschen, im gesamten Imperium nach Angaben Belochs um die Zeitenwende ca. 54 Millionen Menschen, es können gut und gern auch 70 Millionen gewesen sein. Es ist kaum anzunehmen, daß die Germanen in auch nur einer Schlacht eine numerische Überlegenheit besaßen, wie dies Tacitus u.a. weismachen wollen. Die Germanen bewirtschafteten ihren Grund und Boden nach dem Prinzip der Feldgraswirtschaft. Am Anfang des Jahres wurde zugeteilt; jeder mochte nehmen, soviel er wollte, solange er nur seinen Anteil für die Gemeinschaft beisteuerte. Nach Caesar sollen sogar die Wohnungen jährlich in den großräumigen Dorfgemeinschaften gewechselt worden sein.


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Die konkurrierenden Heilbringer [in der Kaiserzeit] waren Horus, der Besieger des Osirtismörders Seth und Mithras, ein iranischer Gott, den Zarathustra zum Teufel degradiert hatte, der jedoch, von Iran nach Kleinasien gewandert, seine Gottheit in Verbindung mit der Sonne und den schicksalbestimmenden Sternen erneut behauptete. [..] Mithras wetteiferte mit Jesus in der Strenge seiner ethischen Forderungen, doch war er in mindestens zwei Punkten im Nachteil.Er war nicht das Lamm, das sich selbst opfert, sondern ein bösartiger Totschläger (vielleicht ist er sogar das Urtier, das Mithras tötet, sein Duplikat). Zweitens war Mithras ein Weiberfeind: er war mutterlos und unbeweibt, sein Kult war nur Männern zugänglich. Auch Jesus war ohne Frau, aber er hatte eine der Isis ähnliche Mutter; es gab weibliche Heilige im engsten Kreis seiner Anhänger und ein Betätigungsfeld für Frauen in der christlichen Kirche. (Toynbee, S. 266.)

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Die germanischen Dörfer sind im Gegensatz zu römischen Stadtsiedlungen oder den slawischen Haufendörfern weitflächiger, an einer Straße stehen die schnell aufbaubaren Häuser, meist einfach unterkellert, nach hinten offen, wo Feld und Weide anschließen. Es gab keinen Verteidigungsgrund gegenüber Feinden; Städte sind keine germanische Erfindung, ebensowenig Burgen oder Kastelle. Das bedeutet nicht, daß die Germanen unkriegerisch waren und untereinander keine Auseinandersetzungen hatten. Das Fehlen von Städten bedeutet eine verminderte Binnenwanderung. Es bedeutet, daß die Germanen unter sich blieben, großteils. Es bedeutet Inzest und Degeneration. Dagegen spricht die Größe und Kraft der Germanen, die ihre italischen Feinde um Haupteshöhe überragten und kräftiger waren. Vielleicht lag das aber auch nur an ihrer ausgewogeneren Ernährung und dem höheren Stoffwechsel, den nordische Völker gegenüber südlicheren nun einmal aufgrund des Klimaunterschiedes haben müssen.
Den einzelnen Dörfern standen Dorfälteste vor, mitunter gab es auch Dorfverbände, die einen Gaufürsten wählten. Eine Völkerschaft umfaßte ca. 30 Gaue, danach wurden die sprachlichen und verwandtschaftlichen Unterschiede zu groß, als daß man noch von einem Stamm sprechen könnte. Die Germanen kannten keine staatlichen Verbindungen, kein Königtum; auch der Fürst war anfangs nur ein primus inter pares. Die Germanen bildeten unter ihrer Dorf-Eiche oder einer Walstatt (daher Wahl (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=wahl)) einen Kreis und beratschlagten Probleme so lange, bis alle einem Entschluß zustimmten. Mehrheiten entschieden nicht. Einzelmeinungen zählten, aber Entscheidungen mußten von allen Versammelten getragen werden. Für den Fall der Uneinigkeit drohte entweder langes Verhandeln oder Teilung der Dorfgemeinschaft, meist wurde jedoch ein Zweikampf bemüht. [4] Ein unpolitisches, unzivilisiertes und daran auch wenig interessiertes Volk (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=volk)! Sie besaßen keine Schrift (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=schrift); im ersten christlichen Jahrhundert wurden die Runen entwickelt, die aber keine Verwendung im Diplomaten- oder Wirtschaftsverkehr fanden, sondern heilige Zeichen waren, die der Götter Wort verkündeten. Eine stabförmige Schrift mit wenigen Rundungen, die in Buchen geritzt wurde: Buch-Stab-en.
Dennoch bildeten sich in den drei vorchristlichen Jahrhunderten allmählich Fürstengeschlechter heraus, besonders begabte Familien, die die Römer Adel nannten. Diese übten besonders bei Streitfällen Gerichtsbarkeit aus, wobei immer auch Schöffen hinzugezogen wurden. Das Recht wurde gefunden, nicht statuierten Büchern entnommen. Eine Übertragung eigener Rechtsfälle von und für Berufsjuristen existierte nicht. Es soll vorkommen sein, daß Adlige durchs Land reisten und die Rechtspflege ausübten. Zeugen- und Aktenbeweise existieren nicht. Es galt das Wort, es galt das Gottesurteil. Wer Zeugnis ablegen konnte, Freunde hatte, die bürgten, gewann. Wer allein stand, verlor. Das Gottesurteil ermittelte ein Zweikampf. Es galt ebenso das Fehderecht (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=fehde). Der Übeltäter konnte sich freikaufen. Geld gab es allerdings nicht, also Vieh. Später nannte man das Wehrgeld. Selbst Morde konnten mit Vieh entgolten werden, wenn der Ankläger das annahm. Wer nicht zahlen konnte oder wollte, wurde rechtlos, ein Vogelfreier, den jeder erschlagen durfte. Treue war für die Germanen entscheidend. Eide und Bündnisse zwischen Männern, die nur der Tod endigte. Doch wer als Gefolgsmann eines gefallenen Fürsten aus der Schlacht heimkehrte, der verlor die Achtung seiner Stammesbrüder.
Ob es ein Kolonat gab, ist nicht erwiesen. Es ist aber anzunehmen, daß nach der Bekanntschaft mit den Römern ähnliche Verhältnisse entstanden.

Gesellschaft:




Adel – Geschlechter der Nachkommen der Götter, nobiles
Freie – Masse der wehrfähigen Bevölkerung, ingenuiles
Minderfreie – Freigelassene; Liten (Gefangene)
Unfreie – abhängig Gewordene (nach Insolvenz), serviles


Die Frau stand zwar unter dem Mann, aber sie besaß das Heilige, Prophetische, so daß ihnen religiöse Verbindungskraft zugeschrieben wurde. Da es keinen Priesterstand gab, nahmen oft verwitwete Frauen diese Funktion innerhalb des Stammesverbandes an. Zudem herrschte Monogamie (Einehe) vor, Treue auch hier bis in den Tod, was aber nicht so viel bedeutet, da die wenigsten Frauen das dreißigste Lebensjahr erreichten. Erbsicherung und Bewahrung des Überkommenen, dafür war die Frau verantwortlich.
Es gab keine Tempel, keine Götterbildnisse. Rituale fanden unter offenem Himmel statt, manchmal in eigens dafür angelegten Hainen (Orte der Götter). Die Beziehung zu Gott stellte nicht die Liturgie her, sondern das individuell ausgeprägte Gemüt. Der Germane wollte seinen Gott nicht in einen geschlossenen Raum sperren. Anders sah es beim Kampf aus, da war die geschlossene Ordnung von größerer Bedeutung, allerdings nach einem anderen Muster als bei Griechen und Römern. Der Germane kämpfte nicht in einer Linearaufstellung, sondern mit dem Fürsten an der Spitze, hinter dem sich die Getreuen und dann deren Getreue usw. reihten. Der Germane kämpfte tiefstehend, nicht breitstehend; er schlug einen Keil in die Phalanx der römischen Kohorten, zersprengte deren Ordnung und schlug dann von innen heraus den Feind auseinander. Es kam auf Schnelligkeit und den Anführer an; wenn der Fürst versagte, dann war die Schlacht verloren, weil kein Keil in die Phalanx geschlagen werden konnte. Darum bevorzugten die Germanen auch nicht die offene Feldschlacht, in der die quadratischen Manipel der Römer sehr viel besser zum tragen gekommen wären, sondern die versteckte im Wald, Gebüsch, im Tal... Er kam schnell, schlug zu und verschwand wieder: Guerilla-Taktik. Er ließ der gedrillten und disziplinierten römischen Phalanx so keine Chance, sich zu entfalten. Zudem war die Durchschlagskraft der germanischen Reiterei gefürchtet. Der einzelne Germane war tapfer und treu, aber es fehlte ihm an Disziplin. Eine Autorität mußte sich ihm immer wieder erweisen, behaupten. Militärische Ränge waren ihm fremd.
Um so höher ist die historische Leistung von Siegfried-Arminius (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=arminius)einzuschätzen, dem es gelang, zerstrittene germanische Stämme gemeinsam in eine Schlacht gegen expansionslüsterne Römer zu führen. Dabei war den germanischen Fürsten besonders die Verlockung Roms zu nehmen, daß nämlich deren überlegene Zivilisation die Kampfkraft der Germanen aushöhlte und es den Germanen ähnlich erginge wie den Galliern, die dem Glanz Roms nicht widerstanden und im Römischen Imperium aufgingen. Armin einte die Germanen und erklärte ihnen, daß Freiheit wichtiger als der Glanz Roms seI. Daß er dann wenig später nach dem Sieg im Jahre 9 von Familienangehörigen erschlagen wurde, machte ihn zu Siegfried und zum Nationalhelden der Deutschen: Freiheit statt Geld!
Nach der strategischen Entscheidung Roms, nicht weiter nach Norden zu expandieren, sickerten allmählich auch christliche Vorstellungen in Germanien ein. Viele Germanen verdangen sich Rom (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=rom), kämpften allerdings selten gegen ihre Landsleute. Das Christentum dagegen besaß eine Kraft, die bei den Germanen stark wirkte, besonders durch Arius, dessen Lehre seit dem 4. Jahrhundert das Scharnier bildete, um die Germanen (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=germanen)dem Christentum zu gewinnen. Das Hin und Her zwischen athanasischen und arianischen Vorstellungen bekam der Ausbreitung des Christentums allerdings nicht. Letztlich lief diese Politik der Kaiser auf die Teilung der Kirche hinaus. Sie vollendete sich unter Kaiser Theodosius, der die arianische Politik der Nachfolger Konstantins aufgab und sich ganz für die Trinitätslehre entschied. Die Arianer waren im Osten des Imperiums stark, im Westen beinahe auf die Germanen beschränkt. Theodosius bestimmte 380 das Christentum in der athanasischen Lesart zur Staatsreligion. So wurde die Trinität Dogma, die Germanen aber gerieten verstärkt in den Gegensatz zu Rom.
Halten wir fest, was in den vierhundert Jahren bis zur Herrschaft der christlichen Kirche im Römischen Imperium geschehen war:




Bekämpfung des Judentums (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=judentum), aus dem das Christentum entstand → wie bei Jesus
Bekämpfung der griechischen Philosophie, besonders des Pantheismus → kein Bezug zu Jesus
Bekämpfung der Gnostik mit eigenen Mysterien → kein Bezug zu Jesus
Verbindung eigener Heiliger mit polytheistischen Vorstellungen. Austreibung von Dämonen → wie bei Jesus
Trennung von Glauben und Wissenschaft → kein Bezug zu Jesus
Einverleibung des römischen Staates → Gegenteil von Jesu Forderung einer Trennung von Staat und Kirche


Das Christentum setzte sich gegen die Kontrahenten durch: Mithras-Kult, Manichäismus, Gnosis, Jupiter-Dolichenus, Horus. Als der römische Staat spätestens mit Konstantin begriff, daß die von Petrus auf Untertänigkeit eingeschworenen Christen nicht seine Feinde waren und er seine Macht mit Hilfe des Stuhles Petri befestigen konnte, kamen die anderen ausschließlich auf Erlösung fixierten Alternativen ins Hintertreffen. Es sei hier kurz erklärt: Religionen stehen sich in ihren Absichten immer sehr nahe, sie wollen das gequälte Einzelwesen erlösen, ihm Hoffnung und es selbst übergreifende Erkenntnis geben. Aber welche Religion akzeptiert, ja nutzt schon die Staatsmacht und kritisiert sie zugleich als ein Übel? Daß die Lehre Jesu dazu passend gemacht werden mußte, liegt auf der Hand.
Theodosius verzichtete in seiner Regierungszeit (379-95) auf eine strikte Vormundschaft des Kaisertums gegenüber der Kirche. Seine Herrschaft ruhte auf der Kraft (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=kraft)germanischer Soldaten, die unter ihren Obristen eigene Machtträume entwickelten. Der Geist des römischen Staates war zerstört. Rom aber war vor allem Staat, war Ordnung und Macht, das war der Zweck, die Ordnung. Nun aber war es schon längst nicht mehr das Rom, das in den Punischen Kriegen ein Heer nach dem anderen aufstellen konnte, sondern lediglich ein lose zusammengebundener Flickenteppich, dem es an Perspektive und innerem Zusammenhalt fehlte. Vielleicht ist das das Schicksal aller Großreiche. Und dann kamen sie, die Germanen...


Aufgaben:




Definiere den Begriff „Germanen“ und gehe auf ihr Herkommen, ihre Gewohnheiten, ihre Staatlichkeit ein! (II)
Versuche dich an einer Erklärung der im AT aufgestellten These, daß die Germanen seßhaft und friedlich gewesen seien! (III)
Differenziere die Lebensweise und die Lebenswahrnehmung der Germanen von Griechen und Römern! Erkläre, warum in Germanen die Schrift keine Bedeutung wie im Mittelmeerraum erlangte und staatliche und religiöse Organisationsformen rudimentär blieben! (II)
Formuliere das zentrale Wort, um das Lebensgefühl der Germanen und frühen Deutschen zu erfassen! Worum dreht sich alles bei den Germanen? (I)
Verfolge den Gedanken, daß die Germanen die Totengräber des Römischen Imperiums bildeten, nicht aber die Ursache für seinen Untergang? (II)




[1] Müttermacht ist älter als Vätermacht. Die Erkenntnis, daß vor Geburt eines Kindes ein Mann zwecks Eizellenbefruchtung notwendig war, ist nicht primordial (ursprünglich): „Ursprünglich überschattete die Mutter das Kind, und der Vater war entweder nicht vorhanden oder höchstens eine schemenhafte Figur.“ (Toynbee, S. 258.) Daraus kann geschlußfolgert werden, daß die Frauen auch das Sagen im Familienverband hatten, denn sie besaßen offenbar die Macht über das Leben.


[2] Die Bayern sind Nachfahren der Markomannen, die am Ende des 5. Jahrhunderts aus Böhmen ins römische Noricum einwanderten und aus ihrer Heimat Bojohaim (Böhmen) den Namen mitbrachten und zu Bojovari (Bayern) modelten. Sie erkannten die fränkische Oberhoheit an und durften südlich und an der Donau bis nach Pannonien (südliches Bayern, Österreich, Ungarn) siedeln.


[3] Dieses Selbstverständnis gemeinschaftlichen Nutzens retteten die Germanen weitgehend bis ins 19. Jahrhundert. Erst die preußische Bodenreform und die Auflösung gemeinschaftlicher Nutzungs- und Ordnungsbestimmungen zugunsten privatrechtlicher (kapitalistisch-liberaler) löste das uralte Netz aus Eigentum, Ordnung, Reichtum und Verantwortung, wogegen schon im 19. Jahrhundert anarchische, sozialistische und romantisch-konservative Argumente formuliert wurden: „…also reicht ein einzelnes Menschenleben dazu [zur Mehrung des Reichtums] nicht hin; folglich muß durch strenge Erbfolgegesetze der einzelne Besitzer an das durch Jahrtausende fortlebende Grundstück geknüpft werden, und in dem Verhältnisse der einzelnen Person zu der mit ihr zusammenhangenden Sache muß das Gesetz seinen Akzent auf diese Sache setzen und nur dafür sorgen, daß das Leben des zeitigen Besitzers an seine Vorfahren und Nachkommen so eng und innig geknüpft werde als möglich, was denn durch Erbfolgegesetze geschieht. “ (Müller, S. 99.)


[4] Der Verzicht auf das Mehrheitsprinzip scheint sich bis heute beim Geheimdienst durchgesetzt zu haben. Es nennt sich Unwiderruflichkeit.




http://vg06.met.vgwort.de/na/1d3321c1ba88437ab4ea3c2fd7269f36