PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Zwischentexte



it
24.04.00, 13:12
"Ich könnte ihnen stattdessen ein Optionsgeschäft auf einen Sonnenuntergang anbieten", sagte der Mann, während er sich einen Nadelstreifen aus den Zähnen zog. "Ich würde es allerdings nicht als langfristige Anlage empfehlen, es ist ein Risiko-Wert. Ich halte ihn noch nicht für überzeichnet."
"Sonnenuntergänge interessieren mich nicht", sagte sie.
"Ich dachte an ein Fest der Phantasie" sagte ich.
"Ein Fest?" sagte sie. "Ich weiss nicht." und biss sich ein Stück Fleisch aus der Unterlippe. "Donnestag ist schon die Party bei Werner, Sonntag Brunch, und am Samstag wollten wir ins Theater. Ein Fest der Phantasie. Was zieht man da überhaupt an?"
"Nimm das kleine Schwarze" sagte ich. "Damit macht man nie etwas falsch."


"Es tut mir leid, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Vielleicht gibt es nichts zu verstehen. Wir wollten ein Fenster in ihrem Kopf aufmachen. In unserem auch. Aber wie gesagt, es tut mir leid."
"Kein Problem", sagte er, "ich mag frische Luft. Nur nicht im Frühjahr, wegen meiner Birkenpollenallergie."
"Wir haben November." Sagte ich.


Herr Doktor, sagte die Zahnarzthelferin und brach in Tränen aus, als ihr Blatt voll war. Herr Doktor. Was soll ich jetzt machen?
Ich hatte es immer geahnt: ihr Lachen zeigte zu viele Zähne.
Komm, sagte die Frau, komm. Ich habe eine Phantasie für Dich.
Aber meine Mutter packte jeden Morgen Pausenbrote und Bleisohlen in meine Schuhe: ich sprang immer zu kurz.

it

aerolith
24.04.00, 18:02
Klingt nach abendfüllendem Programm.
Ich liebe Bruchstücke.

Suchst Du jetzt Verbindungen? Wenn nein, ich kann hier meine Ph. einsetzen, aber der Text wird dann nicht sehr spannend. Soll er spannend sein? Wenn nein, wohin soll er mich führen, welche Erwartungen darf ich beim Lesen haben, welche willst Du nicht erwecken?

andrea
03.05.00, 02:18
hallo it,
ja, sowas gefällt mir! gefällt mir, weil es sowas wie "offene blickwinkel" präsentiert, weil es mich nicht bevormundet beim schauen. weil es mir nichts erklärt, das ich mir nicht selber genausogut erklären kann.
nur eine, nein zwei ausnahmen: die sache mit der phantasie ist mir zu aufgesetzt (vorgekaut-interpretatorisch) und der schluss mit den bleischuhen. da mag ich das bild zwar sehr, aber es ist mir denn doch zu psychologisierend. vielleicht ließe es sich "luftiger" einbringen. mit mehr (er-lesens)spielraum.

ich sehe das als ziemlich unüblichen it-text. weil du ansonsten ja immer ganz konventionell schreibst. handwerklich sauber sozusagen, aber konventionell (was halt nur bedingt mein interesse ist).

und so ganz verstehe ich dann nicht dein unverständnis für meinen text hier. wo du dann plötzlich nach "inhalt" suchst. so ganz nach der alten schule: ich will mir die welt ersagen/erklären lassen. DAS wirst du kaum bei texten von mir finden. ich hab da einen anderen zugang - wie ich ihn eben zu diesem text von dir sehr wohl AUCH finden kann.

liebe grüße

sannasu

it
04.05.00, 16:54
vW, nein, ich suche keine Verbindungen, das SIND die Verbindungen. Zwischen was - na, mal sehen, was sich entwickelt. Ist alles noch nicht spruchreif. Du darfst die ERwartung haben, an Deinen alten Cockerspaniel zu denken, an Maschinenbau oder Sonnencreme (sehr wichtig bei diesem WEtter!) - was immer Du willst. Für mich ist es Campari Orange.
Sannasu, natürlich hast Du recht. Die Dir gestellte Frage trifft natürlich auch auf mich zu. Ich stelle sie mir selbst. Die Texte oben (und andere) habe ich in einer halben Stunde geschrieben. Das fliesst mir sozusagen aus dem Handgelenk. An einer Seite meines neuen! Romans! (ich bin bei Kapitel zwei und bitte darum, dieses Thema schweigend zu übergehen) - an einem langen Handlungsstrang mit allen psychologischen Tiefen - sitze ich dann allerdings gern mal zwei Stunden (und lasse sie mir vorher tagelang durch den Kopf gehen)
Insofern halte ich selbst meine Bruchstückchen und diversen (fake) Tagebuchtexte für eine Spielerei. Anderes Beispiel: Andrea (aus dem LC, ich gehe davon aus, dass ihr wisst, wovon ich spreche) Andreas Kurztexte finde ich zeitweise klasse. Ihre Geschichte (mit den vergessenen Armen) ermüdet mich dann allerdings schnell. Ich denke nicht, dass ich bei aller Liebe einen Text ohne "Haftung" länger als eine halbe Stunde lesen könnte.
Diese Texte sind nette Blender.

Zu Deinen konkreten Kritiken: die Phantasie hängt mit dem Kontext zusammen (s.o.), und die Bleisohlen sind meine Favoriten, die werde ich nicht ändern.
Ausserdem sind die Texte im Grunde nicht zum Selber- , sondern zum Vorlesen gedacht, dazu werden sie wahrscheinlich eher zu "lufitg". Hätte ich vorher sagen sollen.

Gräten und Sonnencreme, gemischt mit einem Duft aus Campari Orange wünscht: it

andrea
05.05.00, 02:24
ja. das ist schon eine interessante frage. ob nämlich arbeitsaufwand (linear) mit der qualität des ergebnisses zu tun hat. und was man nun zum arbeitsaufwand hinzurechnet.
ich stimme dir einerseits zu, dass schreiben arbeit ist. andererseits denke ich nicht, dass deren grad so unmittelbar mit der zeit korreliert.
das problem in dem zusammenhang ist, dass so mancher schreiber meint, eine jede aufgeschriebene seelenblähung sei "literatur". und ich komme (wie ganz offensichtlich auch du!) von der ecke, dass kunst schon auch was mit können zu tun hat. also durchaus auch mit handwerklichem. aber eben nicht nur.
weil kunst (wie ich sie sehe - und da hat sie immer was mit erkennen-wollen zu tun) immer so ein stück ins unbekannte sich bewegt. und fürs unbekannte gibts eben (noch?) kein so festgelegtes instrumentarium. ich bin der ansicht, dass man das "gängige" instrumentarium zumindest kennen und zumindest teilweise auch beherrschen sollte, um überhaupt den nächsten schritt tun zu können. Oder besser: um den anderen Schritt tun zu können.
ich hab halt den eindruck, dass du diesen "anderen" schritten sehr, sehr skeptisch gegenüberstehst. was eh auch angebracht ist, weil da (auch aus meiner sicht) tatsächlich viel geluftetes auch dabei ist. was aber eben nicht heißt, dass es nur "blenderei" gibt, wenn wo ein anderer weg beschritten wird.
was deinen text hier oben betrifft, hab ich dir meine kritik eh schon geschrieben. und er kommt mir schon noch unfertig vor. kommt mir aber als sehr interessanter schritt und als einer der eben: anderen schritte vor. wo ich das gefühl hab, dass du dich mal "was traust". ich finde es schade, dass du deinem "perfektionisten-roman" von der wertung her den vorzug gibst. kann ja beides gut sein. oder?
zu dem meinigen text hab ich mich eh dort geäußert - und hab (sogar! :) ) ein paar wegweiser durch ihn durch gelegt.

liebe grüße

san.

it
05.05.00, 16:04
sannasu, eigentlich stimme ich Dir absolut zu. Natürlich gibt es geniale Strichzeichnungen und grässliche Ölbilder, und eine Fleissarbeit hat noch lange nichts mit Kunst zu tun. Kann auch gut sein, dass mein "Roman" überlastet, verkopft und letztendlich schlechter ist.
Handwerk (ich habe es nie gelernt, reden wir also von Sprachgefühl?) halte ich für eine Grundvorraussetzung, nicht für mehr. Eben der Unterschied zwischen Kunsthandwerk und Kunst.
Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass eine ganze Gruppe von Menschen (und auch LC-Teilnehmern) "Ölbilder" grundsätzlich ablehnen und qualitätsunabh?ngig jeden "experimentellen" Text vorziehen. Die grammatikalisch richtige Verwendung von Verben halte ich in dem einen wie den anderen Fall für zweitrangig.
Zwei Punkte: diese Foren hier sind nicht objektiv. Da kommt der Ausschnitt aus einem längeren Text (oder Roman) langweilig, unpointiert und langatmig daher, während kürzere Text viel Interesse wecken. Aber wie viele Seiten davon verträgt der Leser in der Realität? Wieviel Inhalt "muss" ich transportieren, um Dritte bei der Stange zu halten?
Und zweitens: der entscheidende Satz ist für mich Deine Aussage, Kunst habe etwas mit Erkennen - Wollen zu tun. Wenn ich dann lese, ein Text sei nach dem Ansehen einer Video-Collage entstanden, gedacht habe man sich eigentlich weniger dabei - tja, da kann ich den Leuten eigentlich nur noch einen schönen Abend wünschen.
Was mich bei meinen langen Texten Zeit kostet, ist nämlich nicht die Stellung der Verben: sondern das Reiben an der Realität, die Recherche, besonders aber der Gehalt hinter dem Inhalt. Ich habe natürlich übertrieben, als ich meine Texte nur als reine Spielerei bezeichnet habe. Aber ich habe es mir mit ihnen sehr leicht gemacht - auch wenn das mitunter recht verführerisch ist.
(was das "trauen" angeht... da sage ich mal nix ;) )

Liebe Grüsse, it

buh
06.05.00, 13:30
it,
unvermittelt mich einklinkend aber ich las sowohl Deine Fragmente wie auch die anschließenden Erwägungen - Hallo Andrea! - angeregt, mit Blick auf Produktion, durch....

Also, zwei Fragestellungen von Dir, it, beschäftigen mich auch: kurzer, bzw. langer Text..oder intuitiv in einem Rutsch schreiben...und sich abmühen und sowohl sich als auch die Sätze hin- und herwälzen (Gertrude Stein erzählt, sie sei zu Fuß von Picassos Atelier in Montmartre nach Montparnasse gegangen und habe dabei um einen einzigen Satz herumplastiziert), und zum andern das Lesen bzw. Vorlesen. Gibts da mehr Erfahrungen von Euch? Ich lese meine Texte laut....und wenn sie dem standhalten, bin ich etwas beruhigter :wasgeht?:

Grüße

buh

Robert
14.05.00, 17:53
Das sind bestenfalls Einfälle für Einfälle. Und es klingt nach Muster Xxe5. Weil das keines ist. Das Ungeratene kann sich hier nicht aufraffen, es muß draußen bleiben. Das Schwarze ist nur ein Gedanke für Außenstehende, es weckt in ihnen Lüste. Aber kommt da noch etwas dazu?
Diese Texte, sie liegen wie Blei. Sie bluten nicht. Aber hübsch sind sie. Wie die Autorin.

aerolith
14.04.17, 06:38
Eine Antwort auf die brennende Frage, ob man sich ins Schreiben vertiefen sollte und letztlich verkopfte Texte erstellt oder aber, ob das leichtherzige Fließen aus der Feder erst den lesbaren Text erzeugt, wurde hier leider nicht gegeben.

Schön, daß wir drüber sprachen.

Lene
17.04.17, 20:40
Warum nicht beides? Ich schreibe immer zuerst mit leichtherziger Feder und mache mich dann ans Verschwurbeln. Die kleinen Korrekturen machen den Text meistens besser, sogar wesentlich besser, aber wenn etwas im Groben nicht passt, hilft das Rumfeilen auch nichts bis wenig.