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aerolith
17.05.15, 11:19
Karl der Große lebte von ca. 740-814. Nachdem sein Haus [1] 687 die Macht im Hausmeierstatus zu erringen vermocht hatte, war die Macht der Karolinger, wie man die Nachfahren Karls später nannte, immer weiter gewachsen und hatte sich allmählich über Metz bis nach Aachen verlagert. Vor Karl gab es keine starke Hand, die nach dem Machtverlust der Merowinger das Frankenreich zusammenhielt. Seit etwa 710 drohte den Franken von Süden her Gefahr: der Islam griff auf Europa über. Das kann für die Entwicklung eines Gemeinwesens manchmal von entschiedener Bedeutung sein: der gemeinsame Feind, der die Grundfesten des Gemeinwesens zerstören möchte. Dagegen verblassen die hausgemachten Streitereien, die aber, dialektisch betrachtet, nicht unwesentlich zur Kräftigung des militärischen Geistes im karolingischen Imperium beigetragen haben werden.



„Ein König von Britaa, vielleicht auch von Kärling [Westfalen], will Pippin seine Tochter zur Frau geben und sendet ihm ein Bild von ihr zu. Pippin möchte sie heiraten und schickt seinen Hofmeister, sie holen zu lassen. Dieser böse rote Ritter jedoch schiebt Pippin seine eigene Tochter unter und befiehlt zwei Knechten, die echte Braut zu töten und zum Beweis ihre Zunge zu bringen. Die beiden töten statt dessen einen kleinen Hund, die Prinzessin geht zu einem Köhler und darauf zu einem Müller, für den sie aus ihrem Mantel Borten aus Gold und Silber stickt.
Nach sieben Jahren verirrt sich Pippin auf der Jagd in diese Gegend, und sein Sterndeuter sagt ihm voraus, daß er die kommende Nacht bei seiner Ehefrau schlafen und ein Degenkind, einen männlichen Erben, zeugen werde. Der Müller bietet dem König zuerst seine beiden eigenen Töchter an, die als die nicht Richtigen erkannt werden und wohnt endlich der Prinzessin bei. Sie erzählt ihm ihre Geschichte und zeigt ihm als Zeichen einen Ring. Pippin gelobt und gebietet Schweigen.
Frau Percht, wie die Prinzessin genannt wird, gebiert [nach der Zeit] ihren Sohn Karolus, der als Sohn des Müllers getauft wird. Pippin wird benachrichtigt, ist jedoch auf verschiedenen, Jahre dauernden Kriegszügen. Karl selbst hält sich für den Sohn des Müllers, wird später Page eines Edelmannes, kommt an den Hof Pippins und wird – endlich – als [dessen] Sohn erkannt.“ (Christian von Aretin: Älteste Sage über die Geburt und Jugend Karls des Großen. München 1803.)



Das katholische Christentum stand zu Beginn des 8. Jahrhunderts auch politisch auf dem Prüfstand. Von Süden her drückten die Araber, vom Osten heidnische Germanen und Slawen [2], vom Norden her brandschatzten heidnische Normannen den Nordwesten Europas und im Südosten und Süden hatten sich die Byzantiner Machtpositionen gesichert, die sie gegen die Araber auch zu verteidigen wußten. Ein schmaler Streifen zwischen Loire und Rhein war katholisch geblieben. Es gelang dem Karolinger Karl Martell, Karls Großvater, die Kräfte zu sammeln und zur Entscheidungsschlacht bei Poitiers gegen die Araber zu führen. 732. Germanische Reiter gegen arabische. Die Germanen gewannen, die Araber mußten sich hinter die Pyrenäen zurückziehen. Karl setzte nach und trieb sie so lange vor sich her, bis sie einen nur Karl Martell nützenden Frieden schlossen. Karl Martell nutzte die Gunst der Stunde, besiegte Aufständische im Burgund und tauschte die romanisch gewordene Herrscherschicht gegen germanische Franken aus. Allerdings begriff Karl Martell nicht die Bedeutung gesicherter Rechtsverhältnisse. Nach seinem Tode stritten seine Söhne Karlmann und Pippin ums Erbe, denen der Vater jeweils einen Teil seines Reiches hinterließ. Man hatte trotz merowingischer Erfahrung nichts dazugelernt: Teilung bedeutet meist den politischen Tod des Staates. Doch das Frankenreich hatte Glück: Karlmann zog sich ins Kloster zurück und wurde Mönch, Pippin übernahm das Imperium seines Vaters und rettete die militärische Macht der Franken in einer Hand und nutzte die Hilfe irischer Mönche zur Christianisierung der eroberten Gebiete. Bonifatius sei hier genannt, sein ursprünglicher Name lautete Winfried. Die Iren bekehrten England, dann Deutschland; von St. Gallen aus stießen am Rhein entlang nach Osten, nach Hessen, Thüringen und Friesland vor. Das seinerzeit zwischen Thüringen und Friesland liegende Sachsen blieb heidnisch.
Pippin entschied den Kampf mit Ostrom, indem er den Papst auf seine Seite zog und die Kräfte des Westens gegen den Osten bündelte. 751 gab er dem Papst Ravenna [3] und ermöglichte die Bildung eines von der weltlichen Macht unabhängigen Kirchenstaats, der bis 1870 bestand. Diese später als Pippinische Schenkung bekannte Vergabe von karolingischem Gebiet wird noch heute diskutiert, da viele Quellen gefälscht oder verschwunden sind, man also nicht weiß, ob es diese Schenkung jemals gab.



Bonifatius hatte sich einem Zug fränkischer Soldaten nach Thüringen angeschlossen. Als die Thüringer das erfuhren, flohen sie auf die Tretenburg, ein schwer zugängliches Gebiet nahe der Unstrut. Sie fürchteten, man wolle sie mit Waffengewalt dazu zwingen, den christlichen Glauben anzunehmen. Bonifatius unterhandelte mit den Führern der Thüringer. Mit bewegenden Worten versuchte er, sie für das Evangelium zu gewinnen.
Die Männer stellten die Bedingung, der Christengott möge seine Macht dazu benutzen, sie vom Zehnt zu befreien, den sie den heidnischen Ungarn zu zahlen hätten. Der heilige Mann erbat sich einen Tag Bedenkzeit. In der Nacht vernahm er im Traum Gottes Rat, den Thüringern Hilfe zuzusagen.
Als die Ungarn erfuhren, daß ihnen die Thüringer den Gehorsam verweigerten, zogen sie mit großer Heeresmacht heran. An der Unstrut, im Ried bei Nägelstedt, kam es zum Treffen. Dabei verloren so viele Ungarn ihr Leben, daß sich das Wasser vom Blute der Toten rot färbte. Nach diesem Sieg ließen sich zahlreiche Thüringer taufen. (Quelle)



Pippin hinterließ zwei Söhne: Karl erhielt den Norden, Karlmann den Süden. 768. Und wieder schien es das Schicksal gut mit dem Geschlecht der Karolinger zu meinen, denn Karlmann starb schon bald. Er hinterließ drei Söhne, für die die Witwe, Gerberga, mit Hilfe ihres Vaters, des Langobardenkönigs Desiderius und des Papstes Rechte geltend machte, die nach fränkischem Recht nicht haltbar waren: die Rechtsnachfolge unmündiger Kinder für den verstorbenen Vater. Was tat Karl? Es war das Jahr 770. Er hatte ein Problem, denn auch er war mit einer Tochter des Langobarden verheiratet. Er trennte sich zuerst von seiner Frau, die er Desiderius zurückschickte. War das klug? Eine unerwartete Wendung trat ein: Der Papst, Paul I., eigentlich Desiderius verpflichtet, weil der ihm seine Stellung verdankte, mochte den Gönner nicht und beschimpfte ihn als „stinkend“. Damals benutzte ein Papst noch dergleichen Worte. Nun hatte Karl eine Möglichkeit, den Papst für sich zu gewinnen. Er sattelte sein Pferd, sagte tausend Freunden (sehr viel größer wird sein Stammheer nicht gewesen sein) Bescheid und ritt über die Alpen, Desiderius zu mäßigen. Desiderius vermied die offene Feldschlacht und zog sich nach Pavia zurück, welches die Franken belagerten. Zwischenzeitlich starb der Papst und Hadrian I. wurde zum Nachfolger bestimmt. Der zeigte gleich sein Unabhängigkeitsbestreben, indem er Karl zwar zum Beschützer wählte, aber gleichzeitig von einer strikten antilangobardischen Politik abrückte. Karl reiste nach Rom, um dem Mann zu zeigen, daß er der Herr seI. Es entstand eine Männerfreundschaft, die bis zu Hadrians Tod 795 hielt. Hadrian ordnete sich Karl unter, konnte sich jedoch gelegentlich nicht einige Sentenzen verkneifen, die immer das Verhältnis zwischen Kaiser und Papst betrafen; Karl konterte und mischte sich in Fragen der Dogmatik ein, vor allem jedoch bestätigte er die Konstantinische Schenkung [4], die dem Papst die weltliche Herrschaft über das ehemalige westliche römische Imperium garantierte. Pavia fiel, Desiderius ins Kloster gesteckt. Karl rief sich zum Nachfolger aus und beherrschte jetzt Franken und die Langobarden, denen er jedoch weitgehende Autonomie zusicherte. 771.



„Als Aithulf [langobardischer König] nach der Einnahme von Ravenna die Unterwerfung Roms forderte, erklärte Pippin (König der Franken] sich auf den Hilferuf Papst Stephans II. bereit, einzuschreiten. Stephan erschien selbst in Frankreich, traf im Januar 754 […] mit dem König zusammen [zeigte ihm wahrscheinlich die gefälschte Konstantinische Schenkung] und schloß hier einen Vertrag, kraft dessen Pippin und seine Nachkommen [Karolinger, Ottonen, Salier, Staufer, Luxemburger, Habsburger] zum Dienst St. Peters [Papststuhl in Rom] sich verpflichteten und die Schutzherrschaft über Rom und die Römer übernahmen. Auf einem Reichstag in Quierzy an der Oise (April 754) wurde das von den Großen gutgeheißen und der Krieg gegen die Langobarden beschlossen, falls sie ihre Eroberungen nicht herausgäben. Zugleich versprach Pippin, den Papst in Besitz des bisher kaiserlichen Gebietes von Italien und der ganzen Südhälfte des Königreiches mit Einschluß der Herzogtümer von Spoleto und Benevent zu setzen. […] Die Urkunde der Schenkung wurde mit den Schlüsseln der abgetretenen Städte auf dem Grabe des heiligen Petrus niedergelegt, der nun Eigentümer der bisher kaiserlichen Gebiete war. Rückgabe an den Kaiser hatte Pippin abgelehnt, als ein byzantinischer [kaiserlicher] Gesandter sie forderte. Nur um St. Peters willen und zum Heil seiner Seele wollte er zweimal ins Felde gezogen sein. Das war es, was Stephan II. von ihm und den Franken gefordert hatte: im Namen St. Peters hatte er ihre Hilfe angerufen, ihnen das Paradies versprochen, wenn sie gehorchten, und mit ewiger Verdammnis gedroht, wenn sie sich säumig zeigten.“ (Johannes Haller: Entstehung der germanisch-romanischen Welt. Berlin 1935. S. 313.)



Ein Jahr später begann Karl, sein Imperium nach Nordosten auszudehnen. Die Sachsen siedelten die Elbe stromaufwärts bis zum Zufluß der Saale. Eine grobe Einteilung könnte sie als Falen (von Dortmund, Westfalen, bis nach Magdeburg, Ostfalen), Engern (Angrivarier, nördlich von Hannover) und Nordalbinger (zwischen Bremen und Hamburg) fassen. Sie waren keine Christen, sondern hielten an germanischen Traditionen fest, wozu nicht nur die alte Religion und ein eher loser Stammesverband ohne konsolidierte Herrschaftsräume und -strukturen gehörten, sondern auch regelmäßige Raubzüge auf fremdes, nicht nur fränkisches Gebiet. [5] Wir sind durch die Annales regni Francorum und die Vita Karoli Magni über den Verlauf der Sachsenkriege informiert. Aber wir haben keine archäologischen Beweise. Sie können also durch Tendenzschriftsteller konstruiert worden sein. Daß Karl allerdings im heutigen Schleswig-Holstein slawische Völker ansiedelte, bedeutet, daß zuvor die dort wohnenden Angeln und Sachsen vertrieben oder getötet wurden. Karl hielt in Paderborn einen Reichstag ab, auf dem er verkündete, die Sachsen zu christianisieren, heidnische Gebräuche dagegen unter Strafe zu stellen. Dazu wurden Missionare aus England und Irland angeworben, die von den Klöstern aus das Land missionierten. Klöster fungierten somit nicht nur als karolingische Verwaltungseinheiten, wo oftmals die einzigen des Schreibens Kundigen Verwaltungstätigkeit vollzogen, sondern waren zugleich militärische Operationsbasen. Der Burgenbau begann erst unter den Ottonen. Neue Klöster sollten sofort nach der militärischen Eroberung gegründet und durch Vögte geschützt werden. Auch erließ er Essenvorschriften: So war es den Sachsen fortan verboten, Pferdefleisch zu essen, die Fastenzeit zu brechen, Capitulatio de partibus Saxoniae. Und schließlich verfügte Karl eine Steuer, den Kirchenzehnt, den die Sachsen den Priestern in den neuen Kirchen entrichten sollten. Das war zuviel. Als Karl im Sommer 772 das sächsische Stammesheiligtum der Irminsul [6] zerstörte, kam es zum Aufstand. Eine fränkische Schar wurde bei Süntel überfallen und getötet. Viele Sachsen waren wütend und begriffen Karls Politik als einen Angriff auf ihre Verfassung, in der ein Kaiser nicht vorgesehen war. Sie spürten, daß Karl ihre Freiheit und politische Selbständigkeit bedrohte.
81
Ec forsacho allum dioboles uuercum and uuerdum, Thunaer ende Uuuoden ende Saxnote ende allum them unholdum, the hira genotas sint.

Karl nahm den Krieg an: Seine Heere stießen von linksrheinischen Basen aus in sächsisches Gebiet vor und eroberten unter anderem Dortmund und die Eresburg, wo die Irminsul gestanden haben soll, stießen bis zur Weser vor, hinter der die sächsischen Siedlungszentren lagen. Es soll den Sachsen nicht gelungen sein, hier eine organisierte Streitmacht aufzustellen; es gab den Quellen zufolge keine Entscheidungsschlacht.
Dann soll sich doch ein Anführer der Sachsen herauskristallisiert haben: Widukind. Er mußte sich gegen Verrat in den eigenen Reihen behaupten.
Trotz ihrer kämpferischen Einstellung gerieten die Sachsen in der Folge immer mehr in Bedrängnis. 785 ließ sich Widukind taufen und leistete den Treueeid auf Karl, der als Taufpate fungierte. Der Krieg war entschieden. Karl verfügte Verschleppungen und vergab erbeutetes sächsisches Land an Franken und slawische Verbündete. Die Verbannungsorte der Sachsen lassen sich noch heute an Ortsnamen erkennen, die ein Sachsen- im Namen tragen; fränkische Siedlungen auf sächsischem Gebiet erkennt man an den Endungen –hausen oder –sen. Ein Großteil der Sachsen unterwarf sich nun, doch noch bis ins Jahr 804 kam es immer wieder zu Unruhen. Karl wurde im Alter milder und war nicht länger an einer vollständigen Unterwerfung der Sachsen interessiert. Er strukturierte die eroberten Gebiete neu und bestimmte sächsische Adlige zu Grafen; außerdem verschwägerte er Sachsen und Franken. 802 wurde nach dem Muster der lex salica das sächsische Volksrecht (Lex Saxonum) festgeschrieben, das den Sachsen autonome Rechte zugestand. Aber Karl gab nicht nach, was die Christianisierung betraf. Alles Heidnische wurde aus den sächsischen Rechtskodifizierungen getilgt. Die Schaffung einer umfassenden kirchlichen Infrastruktur (Gründung von Bistümern in Paderborn, Münster, Bremen, Minden, Verden und Osnabrück) sicherte die grausam durchgesetzte Christianisierung der Sachsen.



Der Mythos der translatio imperii: „Der frühchristlichen Tradition folgend, die sich ihrerseits auf den Propheten Daniel berief, betrachteten sie [mittelalterliche Philosophen] das römische Reich als das vierte und letzte der Weltreiche. Vorausgegangen waren das babylonische, das medisch-persische und das mazedonische Weltreich: eine Abfolge, die räumlich eine Verlagerung des Weltgeschehens von Ost nach West, vom Sonnenaufgang zum Sonnenuntergang, bedeutete. Solange das Imperium Romanum bestand – das westlichste der Weltreiche, das sich schon im vierten Jahrhundert nach Christus zum Imperium Christianum gewandelt hatte –, solange würde der Antichrist nicht erscheinen. Der Antichrist war laut der Offenbarung des Johannes ein Tyrann und falscher Prophet, gemäß der mittelalterlichen Lesart, die auf den Kirchenvater Hieronymus zurückging, überdies ein Jude und das Haupt der Häretiker. Seine Herrschaft bedeutete nach der neutestamentlichen Prophezeiung das Ende aller weltlichen Geschichte: Christus würde wiederkehren, den Antichrist, der sich als Gott ausgab, besiegen und das Gottesreich errichten. Dem römischen Reich fiel aus dieser endzeitlichen Sicht die Rolle des 'Katechon' zu – der Kraft, die dem zweiten Kapitel des zweiten Briefes an die Thessaloniker zufolge den Widersacher Christi und damit den Weltuntergang noch aufhielt.“ (H.A. Winkler: Der lange Weg nach Westen. Bonn 2002. S. 6.)


Im Südosten seines Reiches mußte sich Karl 778 gegen romanisierte und räthisierte Bayern zur Wehr setzen, die die Heeresfolge (Herisliz) verweigerten. Er maßregelte den bayrischen Herzog Thassilo, steckte ihn ins Kloster und bestimmte thüringische, fränkische und (frisch christianisierte) sächsische Adlige als Grafen im neu strukturierten Land. Damit gab er dem slawisch-keltisch-romanischen Mischvolk der Bayern eine deutsche Oberschicht und stabilisierte die christlichen Missionare in ihrem Wirken. Außerdem bestimmte er östlich der Enns eine Mark, um die räuberischen Awaren (ein hunnisches Reitervolk) abzuhalten, die Karls Imperium brandschatzten, die Ostmark. Ein Kriegszug gegen die Awaren warf diese nieder und konfiszierte deren Kriegsschatz. Die Mark blieb als Verwaltungseinheit bestehen, die Christianisierung erfolgte erst hundert Jahre. Karl zog weiter nach Südwesten. Die Araber hatten die Pyrenäen überschritten und bedrohten die Christenheit. Karl zog ihnen bereits um 780 entgegen, verlor aber das erste Aufeinandertreffen. Dabei starb einer seiner Grafen, Graf Roland (Ruotland), dessen Treue und Gesetzesverbundenheit im Rolandslied sprichwörtlich wurden.
Doch Karl schlug zurück. 801 überschritt er die Pyrenäen und konnte Barcelona befreien. Er errichtete die spanische Mark, den Ursprung Kataloniens. Der übrige Teil der Pyrenäenhalbinsel blieb vorerst unter islamischer Herrschaft oder westgotisch.
795 wurde Leo III. Papst. Er versicherte sich umgehend der Unterstützung des Frankenkönigs und übersandte Karl I., dem Schutzherrn der Kirche (patricius romanorum), den Schlüssel zum Grab Petri sowie das Banner Roms. Das Papsttum war seit einiger Zeit unter den Einfluß des in diverse Fraktionen aufgesplitterten römischen Stadtadels geraten, der bei der Papstwahl ausschlaggebend war. 799 spitzte sich die Konfrontation mit dem Adel zu; das Kirchenoberhaupt war Ziel eines kriegerischen Absetzungsversuches. Leo III., dem Ehebruch und Meineid vorgeworfen wurde, flüchtete zu Karl nach Paderborn. Was dort und unter Umständen schon weit vorher abgemacht wurde, ist nicht geklärt: Möglicherweise wurde erst hier, vielleicht aber auch schon Jahre zuvor die Kaiserkrönung vereinbart. Karl jedenfalls zog im Sommer 800 nach Rom. Leo III. empfing ihn Ende November weit vor den Stadttoren und legte am 23. Dezember vor Karl einen Reinigungseid ab, um sich von den Vorwürfen der Verschwörer aus Kreisen des römischen Adels zu entlasten. Unter Karls Schutz zog der geschaßte Papst in Rom wieder ein.



Auszüge aus der Lex Salica, dem Rechtsbuch der Franken:



Wenn aber diese Hand dort gelähmt herabhängt, werde er zu 45 Solidi verurteilt.
Wenn jemand einem anderen Hand und Fuß abtrennt, werde er zu 100 Solidi verurteilt.
Wenn diese Hand durchhauen wird, werde er zu 62 ½ Solidi verurteilt.
Wenn jemand eines anderen Auge ausreißt, werde er zu 62 ½ Solidi verurteilt.
Wenn jemand den Daumen von der Hand oder die große Zehe vom Fuß abhaut, werde er zu 45 Solidi verurteilt.
Wenn aber dieser Daumen oder die Zehe dort gelähmt herabhängt, werde er zu 30 Solidi verurteilt.
Wenn er den zweiten Finger, mit dem man pfeilschießt, abhaut, werde er zu 35 Solidi verurteilt.
Wenn jemand die drei folgenden Finger mit einem Schlage zugleich abhaut, werde er zu 45 Solidi verurteilt.
Wenn jemand den Mittelfinger abhaut, werde er zu 15 Solidi verurteilt.
Wenn dieser aber durchhauen wird, werde er zu 62 ½ Solidi verurteilt.
Wenn ein Freier einen Freien kastriert oder ihm die Geschlechtsteile verstümmelt, so daß er zeugungsunfähig wird, werde er zu 100 Solidi verurteilt.
Wenn er eines anderen Zunge abschneidet, so daß er nicht sprechen kann, werde er zu 100 Solidi verurteilt.
Wenn er das Ohr abhaut, werde er zu 15 Solidi verurteilt.
Wenn er die Nase abhaut, werde er zu 45 Solidi verurteilt.
Wenn jemand den vierten Finger abhaut, werde er zu 15 Solidi verurteilt.
Wenn jemand den kleinsten Finger abhaut, werde er zu 15 Solidi verurteilt.
Wenn jemand eines anderen Fuß zerschlägt und dieser dort gelähmt hängen bleibt, werde er zu 45 Solidi verurteilt.
Wenn er einen Zahn ausschlägt, werde er zu 15 Solidi verurteilt.




In Rom wagte keiner den Aufstand. Damit wurden die Machtverhältnisse manifestiert; für die nächsten vierhundert Jahre sollte kein Papst ohne deutschen Schutz Papst in Rom sein können. Äußerlich wurde das am Weihnachtstag des Jahres 800 offenkundig: Karl wurde zum Kaiser gekrönt und übernahm damit die Verpflichtung, der Hüter der Welt zu sein und sie vor dem Antichristen [7] zu beschützen – translatio imperii. Ob der Papst ihn in die Kaiserrolle drängte oder Karl es genau so wollte, ändert nichts am Tatbestand, daß sein neuer Titel nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten beinhaltete. Wenn wir Karls Biographen Einhard glauben wollen, so erhielt der fränkische Fürst die Krone als Weihnachtsgeschenk, ohne vorher darüber informiert worden zu sein. Karls voller Titel seit 800 lautete: Karolus serenissimus Augustus a Deo coronatus magnus pacificus imperator Romanum gubernans imperium, qui et per misericordiam Dei rex Francorum atque Langobardorum („Karl, allergnädigster erhabener, von Gott gekrönter, großer Frieden stiftender Kaiser, das römische Imperium regierend, von Gottes Gnaden auch König der Franken und Langobarden“). Karl verstand sich als Augustus Imperator Renovati Imperii Romani (Kaiser des erneuerten Römischen Imperiums) und somit als direkter Rechts-Nachfolger der römischen Kaiser. Sein fränkisches Imperium war damit das Nachfolgereich des römischen Kaiserreiches, das er aufgrund seiner Legitimation durch die Kirche sanctus (heilig) nannte. Das Wort „deutsch“ wird man vergeblich suchen. Es kam erst sechshundert Jahre später als Attribut des Reiches zu politischen Ehren.
Die Einheit von Kirche und Imperium war nun Staatsdoktrin. Der größere Vorteil lag beim Papsttum, das sich mit dem Vergaberecht des Kaisertitels und damit verbundener Gegenleistungsansprüche eine Gewalt erzeugte, deren Machtzentrum weit entfernt von Rom lag, aber jederzeit zur Verfügung stand. Karl entstand daraus nicht mehr Macht über seine Grafen und Herzöge, allerdings eine höhere Verpflichtung gegenüber ausländischen christlichen Königen, die er gern annahm. Und wenn Karl vielleicht auch überrascht wurde, so kam ihm dieses Geschenk politisch doch sehr zupaß, denn von nun an vereinigte er mit dem Segen der Kirche die Christenheit unter seinem Szepter, alle anderen christlichen Könige, Herzöge oder Grafen waren ihm fortan untertan, denn genau das besagte der Titel „Kaiser“. Und noch etwas verband sich mit dem Titel „Kaiser“: Leo III. hatte damit die weltliche Schutzherrschaft der christlichen Kirche dem Westen übertragen. Das konnte nicht unbedingt im Sinne des fränkischen Königs liegen, denn nun waren Konflikte mit Byzanz unausbleibbar. Außerdem wird Karl der Anspruch des Papstes nicht gepaßt haben, ihm, dem Herrn der Welt, die Krone auf den Kopf setzen zu dürfen. Karl wußte, daß der Papst ohne ihn nichts wäre, er aber ohne den Papst sein konnte.
Seit 804 kam es vermehrt zu Auseinandersetzungen mit den Dänen, deren König Godfred nach Süden ausgriff und die slawischen Abodriten bekämpfte. 810 plünderten die Dänen Friesland. Den Abodriten gelang es jedoch, sich mit fränkischem Beistand von dänischer Oberhoheit freizuhalten; 811 kam es zu einem Friedensvertrag mit den Dänen. Allerdings blieb das Verhältnis von Franken und Abodriten ambivalent, wie die Umstände der Errichtung des Sachsenwalls (Limes Saxoniae) um 810 belegen.
Das Verhältnis zu den slawischen Stämmen östlich von Sachsen und Thüringen blieb ebenfalls zwiespältig: 789 kam es zu einem Feldzug der Franken gegen die Wilzen; nach der langwierigen Unterwerfung der Sachsen wurden auch die Sorben 806 von den Franken besiegt, nachdem deren Herzog Miliduoch getötet worden war. Zeitgenössischen Quellen zufolge versuchten sie in den darauf folgenden Jahrzehnten jedoch mehrfach abzufallen. Auch scheint es hier eine oder gar mehrere Marken gegeben zu haben; die Forschungslage hierzu ist jedoch unklar.
Böhmen geriet nach einer Kampagne in den Jahren 805 und 806 in fränkische Abhängigkeit und wurde tributpflichtig. In einer Urkunde von 817, in der die Provinzen und Völker des Frankenreiches aufgelistet werden, werden die Beheimi als eines der abhängigen Völker genannt. Auch sie wurden nach und nach offenbar erfolgreich christianisiert: 845 ließen sich vierzehn Herzöge aus Böhmen in Regensburg taufen; der vornehmlich aus Sachsen, Franken und Thüringern bestehende Klerus Bayerns war Hauptträger der Missionierung. Von der Mitte des 9. Jahrhunderts an – Karls Enkel Ludwig der Deutsche war seit 843 König – wurde Böhmen immer mehr zum Zankapfel zwischen dem Ostfrankenreich und dem Großmährischen Imperium des Sventopluk; nach 862 kamen auch die Ungarn als Problem dazu. Die Expansion der Franken in diesen Raum begründete – neben den Besiedlungswellen unter den Premysliden – den politisch wie kulturell nachhaltigen deutschen Einfluß im östlichen Mitteleuropa in den folgenden Jahrhunderten.


Aufgaben:



Welche Vorstellungen verbergen sich hinter dem Begriff „Irminsul“? (II)
Nenne Tendenzschriftsteller der Weltgeschichte! (I)
Warum könnten archäologische Beweise für den Sachsenkrieg fehlen? Vermute! (III)
Schreibe eine Biographie Widukinds! (II)
Liste die historischen Ereignisse unter Karl und seinen Nachfolgern! (I)
Erkläre das politische Verhältnis zwischen dem Kaiser und dem Papst für das frühe Mittelalter! Inwiefern überrumpelte Leo III. Karl mit der Krönung? (II)



[1] Als “Haus“ wird der Stammsitz eines Adelsgeschlechts, im übertragenen Sinne die gesamte Vorfahrenschaft bezeichnet.


[2] Die Slawen waren von Natur aus friedliebend, wie Herder zu berichten weiß: „In Deutschland trieben sie den Bergbau, verstanden das Schmelzen und Gießen der Metalle, bereiteten das Salz, brauten Met, pflanzten Fruchtbäume und führten nach ihrer Art ein fröhliches, musikalisches Leben. Sie waren mildtätig, bis zur Verschwendung gastfrei, Liebhaber der ländlichen Freiheit, aber unterwürfig und gehorsam, des Raubens und Plünderns Feinde. “ (Herder: Ideen zur Philosophie einer Geschichte der Menschheit, Bd. 4, Riga 1792. S. 6.)


[3] www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/geschichte/index,page=1213700.html - „Was da geschah, war mehr als ein Staatsstreich, es war eine Revolution, weil nicht nur ein Machtwechsel stattfand, sondern ein n eues Prinzip der Legitimität gültig wurde. Über ein Viertel Jahrtausend hatte das Geblütsrecht der Merowinger und der Glaube an ihre göttliche Abkunft Bestand gehabt, durch was für Wirrnisse, Schrecken und Verbrechen hindurch! Nun traten an ihre Stelle die Wahl durch die Großen [Aristokratie] und das Gottesgnadentum des gesalbten Königs.“ (Freyer II, S. 674.)


[4] Der römische Kaiser Konstantin wurde um 320 vom Aussatz befallen. Er überstand die Krankheit und soll sich zum Dank für die Gebete des Papstes Silvester von diesem haben taufen lassen, außerdem soll er dem Papst und seinen Nachfolgern das Westreich abgetreten und sich selbst aus Respekt vor der neuen Macht des Christentums nach Osten (Byzanz/Konstantinopel) zurückgezogen haben. – Diese allerdings nie vorgenommene Schenkung begründete den Anspruch des Papsttums auf weltliche Macht in Europa.


[5] Der Konflikt zwischen Franken und Sachsen läßt sich als welthistorischer begreifen: Die Franken unter Karl hatten mit dem Christentum auch die hierarchischen Staatsauffassungen übernommen, die wiederum römisches Erbgut sind. Die Sachsen dagegen lebten im alten Volkstum ihrer Vorfahren in flachen und ephemeren Hierarchien, aufgabenbestimmten Heerkönigtum. Mit dem Sieg der Franken setzte sich das römische Prinzip durch; die Sachsen übernahmen es und gaben ihm neue Kraft, was sie nur hundert Jahre später an die Spitze aller germanischen Stämem stellte, nunmehr christianisiert und mit einer relativ festen Führerschicht ausgestattet, dem christlichen Adel, der dem neuen Staat der Deutschen sein gepräge gab.


[6] Irminsul: althochdeutsch, v.a. altsächsisch „allumfassende Säule”, Irminsäule – Hauptheiligtum bei Detmold – Externsteine; benannt nach dem Kriegsgott Irmin
- symbolisierte die Verbindung des Himmels mit der Erde: falls diese Verbindung unterbrochen würde, geriete die Welt ins wanken; siehe Yggdrasill → deshalb mußten die Eroberer, hier die Franken, die Irminsul stürzen


[7] Erst das Ende des Reiches kann die Erstehung des Antichristen bewirken. Deshalb war jede Kaiserkrönung auch immer ein sakraler Akt, ein Akt des Friedens für den Erdball. Der Antichrist wiederum kann nur durch die Kraft Jesu besiegt werden, wie der Apostel Paulus sie beschreibt: „Denn es reget sich schon bereits das Geheimnis der Bosheit, allein daß, der es jetzt aufhält, muß hinweggetan werden; und alsdann wird der Boshaftige offenbaret werden, welchen der Herr umbringen wird mit dem Geist seines Mundes und wird fein ein Ende machen durch die Erscheinung seiner Zukunft, des, welches Zukunft geschieht nach der Wirkung des Satans mit allerlei lügenhaften Kräften und Zeichen und Wundern und mit allerlei Verführung zur Ungerechtigkeit unter denen, die verloren werden, dafür daß sie die Liebe zur Wahrheit nicht haben angenommen, auf daß sie selig würden." (2. Thess. 2, 7-10.) Der Antichrist wiederum wird an der Ergreifung der Macht durch die weltliche und geistliche Macht, wie sie auf den Kaiser-Titel bei der Krönung übertragen wurde, gehindert. Wer Kaiser ist, ist der Beschützer des Weltkreises, darum trägt er auch die Erdkugel in seiner Linken.

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