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uisgeovid
03.09.01, 18:15
Interessant: Liz und Klammer posten grad jeweils eine Geschichte in Fortsetzungen. Ich sage erst einmal "Geschichte", weil ich noch nicht genau einschätzen kann, was es wird jeweils. Sollte es bei Liz ein Roman werden, kann das in dieser Häppchenform natürlich noch dauern. Egal. Wichtig ist, beim Lesen der Texte sich jeweils selbst zu beobachten, wie man erstens auf Fortsetzungen reagiert, was man noch memoriert usw. und zweitens, wie unterschiedliche Erzählweisen und Stile und plot-Entwicklungen ablaufen. Hat man selten so ein Phänomen hier live. Passiert natürlich auch, wenn ich zwei Bücher gleichzeitig lese über einen gewissen Zeitraum.

saul
21.05.17, 19:14
Mir stellen sich Fragen zu diesem Thema. War der erste allwissende Erzähler etwa der Verkünder des Wortes Gottes, der Erzähler des Gilgamesch Epos? Hat er deshalb vielleicht seinen Ursprung in den Religionen, auch vom Standpunkt der Epik, Prosa und Lyrik geschaut? Ist somit widerum ein Hang zum Fanatismus deutlich? Welche Eigenschaften braucht der Leser bzw. Zuhörer, um den Allwissenden Erzähler, als solchen zu erkennen? Muß er nicht etwa alles glauben, was er besagt, muß er nicht gehörig sein?
Hakenschlag: Wo ist die Grenze zwischen allwissendem Erzähler und indirekter Rede, wenn der Erzähler von der Gedankenwelt oder Phantasie einer seiner Charaktere berichtet? Ein fiktives Beispiel: "Er schlüge jedem ein Schnippchen, sagte er zu sich selbst,...".
Ausserdem hat der allwissende ein großes Problem, er macht nämlich Fehler. Dramaturgische, logische, und menschliche Fehler. Ich denke, er ist nichts weiter als ein Konstrukt unserer devoten Phantasie, unser Wunsch beherrscht zu werden und unser Wille zu gehorchen. Aber da er unserer Phantasie entspringt möchte ich ihn nicht negieren. Ich mag ihn, mit seinen Fehlern und Träumen.
Eine vorläufig abschließende Frage stellt sich noch: Was bewirkt die Hinnahme eines allwissenden Erzählers, ist seine Anwendung eine Gefahr oder ein Segen?

Gruß,
Saul

Willi Wamser
23.05.17, 14:10
(0) Sauls Überlegungen:

0.1 Fragliches

Mir stellen sich Fragen zu diesem Thema.

War der erste allwissende Erzähler etwa der Verkünder des Wortes Gottes, der Erzähler des Gilgamesch Epos?

Hat er deshalb vielleicht seinen Ursprung in den Religionen, auch vom Standpunkt der Epik, Prosa und Lyrik geschaut?

Ist somit widerum ein Hang zum Fanatismus deutlich?

Welche Eigenschaften braucht der Leser bzw. Zuhörer, um den Allwissenden Erzähler, als solchen zu erkennen?

Muß er nicht etwa alles glauben, was er besagt, muß er nicht gehörig sein?

Hakenschlag:

Wo ist die Grenze zwischen allwissendem Erzähler und indirekter Rede, wenn der Erzähler von der Gedankenwelt oder Phantasie einer seiner Charaktere berichtet? Ein fiktives Beispiel: "Er schlüge jedem ein Schnippchen, sagte er zu sich selbst,...".

Ausserdem hat der allwissende ein großes Problem, er macht nämlich Fehler. Dramaturgische, logische, und menschliche Fehler. Ich denke, er ist nichts weiter als ein Konstrukt unserer devoten Phantasie, unser Wunsch beherrscht zu werden und unser Wille zu gehorchen.

Aber da er unserer Phantasie entspringt möchte ich ihn nicht negieren. Ich mag ihn, mit seinen Fehlern und Träumen.

Eine vorläufig abschließende Frage stellt sich noch:

Was bewirkt die Hinnahme eines allwissenden Erzählers, ist seine Anwendung eine Gefahr oder ein Segen?

0.2 Kurz

Spannende Gedanken und Fragen, meine ich.
Kann man ein bisschen ausführlicher, sollte man ausführlicher kommentieren.
Auch auf die Gefahr hin, dass es zu lang und damit erschöpfend und damit ….

Also eine Kurzinformation, worum es geht:

Ein Gott, der alles weiß, ist wohl per se nichts,was man fürchten muss. Erst, wenn er aufgrund dieses Wissens in irgendeiner Weise reagiert oder wenn er bestimmte
Normen und deren Überwacher als machtvoll im Weltgeschehen und im individuellen Leben installiert haben sollte, dann wird es irgendwie gefährlich mit Befehl, Gehorsam, Strafe, Belohnung.
Also geht es zunächst einmal darum zu klären, welches Gottesbild sich wohl mit dem allwissenden Gott verbindet, wie dieses Gottesbild sich mit dem allwissenden Erzähler verbindet.
Und dann ist zu fragen, wie dieser Erzähler auf das Leserbewusstsein wirkt ..., also es geht um

- Das theistische Gottesmodell (drei Eigenschaften: mächtig, wissend, gütig in Potenz, rigide, Kultregeln setzend, Übertretungen strafend)
- Das Theodizee-problem mit den drei Eigenschaften
- Der allwissende Erzähler und seine Schnittmenge mit dem theistischen Gottesmodell: Rigidität? Nicht-Mythische Erzähler und ihre Offenheit, Der Einfluss des allwissenden Erzählers auf seine Geschöpfe, Attraktivität der durchbrochenen Erkenntnisgrenzen , unzuverlässiges Erzählen ...

Bei begrenzter Zeit gehe der dennoch interessierte Leser gleich zu Punkt 5.

(1) Die theologisch-theistische Zentralthese: Es existiert ein allmächtiger, allgütiger und allwissender Gott - als Alliierter der Rechtgläubigen

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1.1 Der mächtige Alliierte


In der Aufklärung – der Epoche nach den Glaubenskriegen – diskutiert man die Wundererzählungen der heiligen Schrift. (Erschaffung der Erde, Adam und Evas Vertreibung, Sintflut, Durchzug durch das Rote Meer, Wunder Jesu usw).

Die Wundergeschichten – so die Theologen – belegen die Allmacht Gottes und sie belegen die besondere Qualität der jeweiligen Konfession und ihrer Schriften. Wer sich dieser Konfession anvertraut, findet in Gott einen mächtigen Alliierten.

Insofern nun Konfessionen im Streit und oft auch im Kampf miteinander liegen, lässt sich das Echtheitsgerangel und damit eine Kampfursache dämpfen: Man muss nur die Wundererzählungen und ihre Glaubwürdigkeit auf Probleme untersuchen.

1.2 Theisten – der radikal eingreifende Gott

Diskutiert wird die theistische Zentralthese (Theismus: radikale Einflussnahme Gottes in das Weltgeschehen)

Ø Ein allmächtiger, allgütiger und allwissender Schöpfer und Erhalter der Erde existiert, nämlich Gott, der „Vater“.

Ø Das lässt sich belegen

durch punktuelles, übernatürliches Eingreifen eines strafenden oder rettenden oder
belohnenden Gottes (=Wunder1) – man vergleiche etwa die entsprechenden Bibelerzählungen.

durch eine durativ funktionierende, „wunderbare“ Ordnung in der Natur (=Wunder2), einer
Ordnung, die nicht durch Zufall entstanden sein kann und
durch „heilige Schriften“, in denen sich Gott einem
Auserwählten offenbart hat,
wobei Gott kultische und moralische Regeln mitgeteilt hat, die für das Zusammenleben der Gruppe und den Dienst gegenüber Gott wichtig sind.

Nicht zuletzt deswegen wichtig, weil religiöses und moralisches Wohlverhalten Gott gnädig stimmt und somit zu Wohlergehen (manchmal gar zu Wohlstand) der Menschen führt. Man vergleiche etwa das Vierte Gebot: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden.“

(2) Die zwei Wundertypen in der theologischen Argumentation

2.1 Wundertypen

Zwei Wundertypen werden unterschieden und als Beleg für die theistische These genutzt:



Der Wundertyp2 („wunderbares“, dauerndes Funktionieren) ist belegt vor allem

in der beobachtbaren Natur („natürliche Offenbarung“).



Der Wundertyp1, also die physikalische Gesetze brechende Einflussnahme auf irdisches Geschehen, ist belegt


· in der Bibel („übernatürliche Offenbarung“) und
· manchmal in der beobachtbaren Natur („natürliche Offenbarung zweiten Grades“) -
· insofern „zweiten Grades“, als solche Manifestationen nur punktuell und individuell
erlebt werden.
· Außerdem: Wunder1 ist zwar wohl prinzipiell beobachtbar. Es gibt ja einige Zeugen. Aber es hat nicht die Reproduzierbarkeit und die Beobachtungsqualität wie Wunder2 .



2.2 Das deistische Wunder

Deistische Argumentation mit Wunder2 - unter Vernachlässigung von Wunder1

Eine Doppel-Strategie bestimmt den Diskurs, den (in der Aufklärungszeit) die Deisten führen:

· Übernatürliche Wunder (Wunder1)) gelten als schwer beweisbar.

· Natürliche Wunder (Wunder2) (der Bau des Auges, das Sonnensystem, die Entwicklung des Kindes) rücken in den Vordergrund. Sie sind beobachtbar.

Das hat zwei sich überschneidende Folgen:

· Die wunderhaltigen wunderbeschreibenden Heiligen Schriften verlieren an Wichtigkeit, damit verliert dann auch der Auserwähltheitsgedanke und die daraus resultierende Missionierungs- und Kampfeslust an Kraft.

· Umgekehrt hat die Markierung der natürlichen Wunder, sie sind von allen Menschen zu beobachten, eine überkonfessionelle, versöhnende Valenz

· Alle Menschen sind gleichberechtigte Kinder einer Schöpfung und ihres väterlich-göttlichen Schöpfers.


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(3) Das Feld der fünf Ismen

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3.1 Haupttypen christlicher Modellbildung: Theismus und Deismus

(Christliche) Theologen sind Vertreter des Theismus oder des Deismus. Der Deismus ist die weichere Variante. Entstanden in der Aufklärung behauptet der Deismus (Abkehr vom harten Gottesbegriff/ vom Glauben an radikale Einflussnahme):

· Gott hat die Welt einmal geschaffen, er hat sie wunderbar (Wunder2) eingerichtet,
· er greift nicht durch übernatürliche Wunder (Wunder1) in das Weltgeschehen ein.
· Erst nach seinem Tod wird der Mensch für seine Sünden bestraft oder für seine guten Werke belohnt. Vielleicht gibt es aber auch nach dem Tod zwar ein ewiges Leben, aber keine Strafe und keine Belohnung….
· Die Heiligen Schriften aus Judentum, Islam, Christentum und ihre kultischen Gebote und ihr jeweiliger Alleinvertretungsanspruch sind nicht notwendigerweise oder gewiss nicht die Grundlage eines korrekten Gottesglaubens.


Der Theist glaubt an eine übernatürliche Intelligenz, die das staunenswerte wunderbare (W2) Universum erschaffen und in Details designt (D) hat. Der Gott des Theisten ist von Beginn der Schöpfung an darin aktiv, das weitere Schicksal der ursprünglichen Schöpfung zu beaufsichtigen, zu beeinflussen und überhaupt auf das jeweils aktuelle Geschehen Einfluss zu nehmen (E: Einfluss, Eingreifen). Es gibt einen übernatürlichen Beobachter und Kümmerer aller irdischen und menschlichen Angelegenheiten.

Der theistische Gott besitzt notwendig drei Eigenschaften: Er ist
- (all)gütig,
- allwissend,
- allmächtig.

Wie bereits anskizziert vertritt der Theist die Auffassung, Gott sei eng in die Angelegenheiten der Menschen eingebunden: Er erhört Gebete (G), vergibt oder bestraft Sünden, greift durch Wunder (W1) in die Welt ein, zürnt über gute oder schlechte Taten und weiß, wann wir sie begehen.
Belohnung oder Strafe kann im Diesseits bereits erfolgen, im Jenseits nach dem Tode erfolgt es sicherlich.


Der Deist glaubt auch an eine übernatürliche Intelligenz. Aber deren Tätigkeit beschränkt sich darauf, die Gesetze aufzustellen (W2), denen das Universum unterliegt. Der deistische Gott greift später nie mehr ein (–E) und interessiert sich nicht gezielt für die Angelegenheiten der Menschen. Immerhin mag er auch als übernatürlicher Beobachter eine Rolle spielen. Vielleicht bestraft und belohnt er die Menschen nach deren Tod je nach ihren Verdiensten.

3.2 Ein Nebentyp: Pantheismus

Pantheisten glauben überhaupt nicht an einen übernatürlichen Gott. Sie benutzen das Wort Gott als Synonym für die Natur und für die erstaunlichen Gesetzmäßigkeiten, nach denen das Universum funktioniert. Deisten glauben – anders als Theisten – nur selten, dass Gott Gebete (G) erhört. Er interessiert sich nicht für unsere Sünden oder die Beichte, er liest nicht unsere Gedanken. Und kommt dem Weltgeschehen nicht mit launischen Wundern in die Quere. Anders als die Pantheisten halten die Deisten aber Gott doch für eine kosmische Intelligenz. Der Pantheist würde es wohl für emotional unbefriedigend halten, zum Gravitationsgesetz zu beten. Der Theist (auch der Deist, sofern er betet) halten Gebete für emotional und erhörungstechnisch hilfreich.

Ein wenig flapsig formuliert: Pantheismus ist aufgepeppter Atheismus. Deismus ist verwässerter Theismus. (vgl. Dawkins, Gottesillusion, 2008, S. 31f.)


(4) Das Theodizee-Problem:

4.1 Epikurs Vorwurf - die "optimistische Antwort von Leibnitz

Der griechische Philosoph EPIKUR (341–270 v.Chr.), formulierte als einer der ersten, es sei schwierig, angesichts der Übel und Zweckwidrigkeiten dieser Welt einen Gott mit den Attributen Macht, Güte und Gerechtigkeit für existent zu halten. Epikur zit. nach: Laktantius (ca. 260–340 n.Chr.): De ira Dei, 13,9:

"Entweder will Gott die Übel abschaffen, und er kann es nicht; oder er kann es, will aber nicht; oder er kann es nicht und will es nicht; oder er kann und will es. Wenn er es will und nicht kann, ist er schwach, was im Widerspruch mit dem Charakter Gottes steht; wenn er es kann, aber nicht will, ist er missgünstig, was ebenfalls seinem Charakter widerspricht; wenn er es weder kann noch will, ist er missgünstig und schwach, und daher nicht Gott; wenn er es aber kann und will, was allein Gott zukommt, woher kommen dann die Übel und warum beseitigt er sie nicht?"

In der Wissenschaftsgeschichte und speziell in der Religionskritik taucht seither immer wieder dieses Problem auf. Besonders in der Epoche der Aufklärung fragte man sich intensiv, wie man die Tatsache des Moralischen Übels (böse Taten böser Menschen) und die Tatsache des Physikalischen, Natürlichen Übels (z.B. Erdbeben von Lissabon; Krebstod eines Kindes) mit der These vereinbaren kann, dass ein gütiger, allwissender und allmächtiger Gott die Welt geschaffen hat und sie nicht unbeachtet lässt.

Die Lösungsversuche dieses Dilemmas, genauer die Verteidigung Gottes gegen die Anklage (Das Übel belegt, dass „Gott“ mindestens eines der Attribute nicht aufweist. Er existiert also höchstens in einer Schwundform oder überhaupt nicht) nennt man Theodizee (engl. theodicy; frz. théodicée; ital. teodicea). Der Ausdruck ‹Th.› ist von G. W. LEIBNIZ gebildet worden,. „Ich hatte mir einsmahls vorgenommen, eine Theodicaeam zu schreiben, und darinnen Gottes Gütigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit, so wohl als höchste Macht und unverhinderliche Influentz zu vindiciren.“ („Influenz“: Einflussnahme; „vindicieren“ von „vindicare“: rechtfertigen, verteidigen).
Leibnitz hat eine Hauptthese, sie soll die Antwort sein: Gott sorgt für das «Glück der vernünftigen Geschöpfe, soweit es die Harmonie der Dinge zuläßt»: «

4.2 Kants ambivalente Antwort

Immanuel KANT hat wie viele andere diese „optimistische Auffassung“ auf ihre Gültigkeit untersucht („Versuch einiger Betrachtungen über den Optimismus“; 1759) und zunächst bejaht .
Später (1791) konstatiert er das ‹Misslingen aller philosophischen Versuche in der Theodicee›. Er gibt ähnlich wie Leibnitz unter Rückgriff auf die Gerichtssprache die klassisch gewordene Definition:

„Unter einer Theodicee
versteht man die Vertheidigung der höchsten Weisheit des Welturhebers
gegen die Anklage,
welche die Vernunft aus dem Zweckwidrigen in der Welt
gegen jene erhebt.“

Und er findet ein offenes (?) Fazit:

„Der Ausgang dieses Rechtshandels vor dem Gerichtshofe der Philosophie ist nun:

daß alle bisherige Theodicee das nicht leiste,
was sie verspricht,
nämlich die moralische Weisheit in der Weltregierung gegen die Zweifel,
die dagegen aus dem,
was die Erfahrung an dieser Welt zu erkennen giebt,
gemacht werden,
zu rechtfertigen;

obgleich freilich diese Zweifel als Einwürfe,
so weit unsre Einsicht in die Beschaffenheit unsrer Vernunft in Ansehung der letztern reicht,
auch das Gegentheil nicht beweisen können.“


Immanuel Kant: Über das Misslingen aller philosophischen Versuche in der Theodicee (1791). Akad.-A. 8, 263.




(5) Der allwissende (Er-)Erzähler

5.1 Erfahrungs- und Erkenntnisgrenzen

Herkömmlicherweise ist die menschliche Erfahrungs- und Erkenntnismöglichkeit beschränkt. Schematisch-vereinfacht: Dem Menschen ist der direkte Zugang zu Fremdörtlichem, Fremdzeitlichen und Fremdpsychischen verschlossen. Nur ein (allwissender) Gott hat all diese Erkenntnismöglichkeiten, so ein theologischer Glaube. Allenfalls kann man/Mensch indirekt über Zeugnisse, also verbale Aussagen in mündlicher oder schriftlicher Form oder Indizien… einen solchen Zugang annähernd finden. Manche Denker glauben sogar, der Zugang zu Eigenpsychischem sei schwierig usw. Aber lassen wir das als Spezialfall beiseite. Nehmen wir einmal eine prinzipielle Erkenntnissicherheit bei Selbsterlebtem als akzeptabel an.

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5.2 Das Aufbrechen der Erfahrungsgrenzen durch den Er-Erzähler

Nun findet sich allerdings in Erzählungen häufig Geschichten, in denen all diese Erfahrungsgrenzen nicht mehr existieren. Der Autor hat eine göttliche, auktoriale, allwissende Position eingenommen und lässt den Leser mal mehr, mal weniger ausführlich an diesen Erkenntnissen teilhaben.
"Karl hatte sie nur kurz gesehen. Was war sie schön. Wie war ihr Gang geschmeidig. Ach, wie gern hätte er sie angesprochen. Diese seine blöde Schüchternheit... Verflucht" ist ein Satz, der uns recht schnell klar macht: Wir sind in der fiktiven Welt. Hier weiß ein Er-Erzäjhler Bescheid über das, was uns normalerweise verschlossen ist. Er hat direkten Zugang zu der Psyche eines Akteurs. Der Erzähler-Typ ist meistens ein Er-Erzähler.

Seine erzählte Welt ist meist dadurch gekennzeichnet, dass seine Hauptfigur eben nicht eine frühere Existenz des Erzählers ist. Erlebendes und erzählendes Ich sind nicht zwei Rollen einer Figur. Der typische Ich-Erzähler blickt ja auf seine eigene Geschichte zurück und kann mit seinem Erinnerungswissen in der zeitlichen Folge der Ereignisse springen. Und dabei das erzählen, was er selbst in den temporalen, lokalen und psychischen Dimensionen seines Lebens erlebt hat. Der Er-Erzähler potenziert sozusagen dieses Erzählvermögen des Ich-Erzählers in die Unbegrenztheit göttlichen Wissens. Ob nun diese Allwissenheit auch mit der Allmacht gegenüber seinen Figuren und mit der Barmherzigkeit oder Unbarmherzigkeit des theistischen Gottes kombiniert ist, bleibt eher fraglich.
s.u.

In der indirekten Rede, besser der indirekten „stillen Rede“ findet sich so der Zugang zu Fremdpsychischem: "Er schlüge jedem ein Schnippchen, sagte er zu sich selbst...". Dazu noch in anderen Formaten, etwa dem Bewusstseinstrom, der konjunktivfreien erlebten Rede, der direkten (stillen) Gedankenrede. Also nichts irgendwie Verdächtiges in diesem "Hakenschlag".

Interessant, dass frühe mythische Erzählungen gern damit arbeiten, dass man von einer göttlichen Macht inspiriert ist, deren Erzählungen, deren unbegrenzte Erfahrungs- und Erkenntnismöglichkeiten man nutze und sie so an den Leser vermittle. Werden dann kultische Gebote, Übertretungen und Strafen usw präsentiert, dann kann das zur Einschüchterung des Lesers führen, aber es muss nicht so sein. Im Gilgamesch-Epos allerdings findet man einen Erzähler, der manchmal seinen Akteur mit "Du" anspricht, ihn aber meistens in der dritten Person präsentiert: "Zwei Drittel von ihm sind Gott. Ein Drittel menschlich." Eine ambivalente Figur, auch im Horizont der Erzählung. Die Götter müssen sein Treiben mildern und erschaffen eine Gegenfigur: Enkidu. Da ist dann wenig von der engen Führung zu spüren, welche das Verhältnis des theistischen Gottes zu seinem auserwählten Volk im AT kennzeichnet. Die museninspirierten Gesänge Homers zeichnen eine sehr menschliche Götterwelt mit allen möglichen charakterlichen Schwächen, Willkür und Streit. Eine Empfehlung rigiden Gehorsams ist da kaum herauszulesen, eher oft die Verzweiflung von Menschen, die sich den Launen der Überirdischen ausgesetzt fühlen ....

5.3 Der nichtmythische Erzähler und seine Normoffenheit

Der nichtmythische Er-Erzähler außerhalb religiöser "inspirierter" "Gründertexte" ist nun sicher wie der theistische Gott der Schöpfer seiner Figuren, aber keineswegs derjenige, welcher seine Figuren alttestamentarisch unterdrücken, strafen oder belohnen oder was immer muss. Und sie mit natürlichen und moralischen Übeln geduckt hält. Zum einen ist das ja eine fiktive Welt, ein belohnender und bestrafender, ein rigider Gott aber agiert, so unsere normalen Referenzen, in der wirklichen Welt. Mehr noch, der allwissende Erzähler des Romans geht sehr häufig mit einer erstaunlichen Offenheit und nicht verdammenden Gerechtigkeit gegenüber seinen Figuren (Madame Bovary) vor. Also anders als etwa der alttestamentarische Gott.

Mehr noch, Romane können geradezu rigide Moralvorstellungen und rigide Gottesbilder angreifen. Sie können das Theodizee-Problem skeptizistisch oder atheistisch nutzen. Das Erdbeben von Lissabon spielt etwa in Candide eine Rolle.

Von daher gesehen ist das Potential des allwissenden Erzählers sehr groß und weit. Unser Wunsch zu gehorchen und beherrscht zu werden wird – wenn er denn überhaupt so stark im psychischen Apparat existiert und nicht auch gegenläufige Kräfte neben sich akzeptieren muss – also nur sehr begrenzt durch einen allwissenden Erzähler instrumentalisiert.

Insofern ist – man verzeihe das abgedroschene Sentenzieren – zumindest soviel Segen wie Fluch zu verzeichnen, wenn man die Mündigkeit des Lesers als ein erstrebenswertes Ziel kultureller Übungen ansieht, der Kontakt mit einem allwissenden Erzähler ist offen für vieles.

Was vor allem übrig bleibt für den Leser: Es ist ein Genuss, aus der Perspektive eines Allwissenden mitzuerleben, was der allwissende Erzähler an normalerweise Verborgenem in seiner poetischen Wundertüte bereithält. Ein Mehrwert, der hinreichend die Attraktivität von allwissendem Erzählen erklärt, denke ich.

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5.4 Unzuverlässiges Erzählen


Und dann gibt es ja noch die durchaus spannende Auseinandersetzung mit dem unzuverlässigen Erzählen, sei es des Ich-Erzählers, sei es des Er-Erzählers.
Ob das eine Reaktion auf dominantes Erzählverhalten manches Er-Erzählers ist? Nicht unbedingt. Eines von vielen Motiven für diese Schreibart ist der Genuss,
den Leser hat, wenn er Täuschungs- und Schweigemanöver des Erzählers (langsam) durchschaut.

https://www.diegesis.uni-wuppertal.de/index.php/diegesis/article/view/190/271

Soweit...

aerolith
24.05.17, 10:59
Sehr interessante und umfängliche Ausführungen. Ein paar knappe von mir folgen...

Michael
24.05.17, 13:48
Könnte man zu 4.2 nicht auch einwenden, dass nur ein "behinderter Gott" seine eigene Schöpfung dadurch in Zweifel ziehen würde, indem er Zweifel darüber hegen könnte, sie würden IHN und sich nicht von selbst als SELBST erkennen?

Was wäre gewonnen, würden wir den Beweis erhalten, auf wahnsinnige Art (im Ego-Denkmodus) "gedacht" zu haben?

Dann könnte gesagt werden, Gott will uns nicht beleidigen, indem er uns die Fähigkeit abspricht, die wir von einem "nicht behinderten Gott" zu erwarten hätten:

Als Sohn wie der Vater sein zu können, werden die Möglichkeiten als möglich betrachtet, die daraus folgen würden.

Ebenso vielen Dank für die umfassende und weitreichenden Ausführungen.

Kants ambivalente Antwort könnte jedoch auch die Folgen "des vergangenen Lernens" beschreiben, die "fortgeschrieben" und gemeinsam "erlernt" wurden.

Nur ein "behinderter Gott" hätte es nötig, sich seiner Schöpfung zu beweisen. Und nur "ein behinderter Sohn" würde solche Beweise fordern, was durch die kausale "Identitätsverwirrung" im Ego-Denkmodus der Trennung bedingt ist, die doch gerade die Weisheit eines Welturhebers "unterschlägt".

Ob jetzt vorsätzliche oder fahrlässige Unterschlagung der Weisheit, jeder nicht behinderte Schöpfer würde sich freuen, könnten wir die "Unterschlagungsversuche" göttlicher Weisheit aufgeben und unser Selbst von selbst erkennen.

Will Gott uns diese eigene und freie Entscheidung für die Selbsterkenntnis, dessen, was wir schon sind, einfach selbst erfahren lassen? Gewiss, dass der Apfel nicht weit vom Stamm entfernt zu Boden fiel? Wenn wir dann später Apfelbäume aus den Kernen sprießen sehen, können wir auch glauben, vom gleichen Stamm "gefallen" zu sein.

Aber ich denke weiter darüber nach. Interessante Hinweise auf jeden Fall.

saul
24.05.17, 14:48
Herzlich willkommen ein diesem Ordner Herr Wammser, aerolith,

Vorab ein Dankeschön für aeroliths Versetzung des Beitrages aus der "Leiden schafft"-Werkstatt in das Forum für das geschrieben' Wort.

Deine Assoziationen sind ganz wunderbar. Denn sie lassen umgekehrt wieder welche zu, ausgehend von den Gedanken der Philosophen, die du angeführt hast.
Das ist ein bisschin wie Tischtennis.
Nein, der auktoriale Erzähler instrumentalisiert auch meines Erachtens nicht die Unterwürfigkeit des Menschen, sondern vielmehr vermute ich die Umkehrung, daß nämlich die große Schwäche der Menschen, ihre gegenseitige Unterwürfigkeit im Allmächtigen und Allwissenden gipfelt.

Willi Wamser
26.05.17, 15:46
Salute, wackerer Gitarrenmeister.
Nur nochmal:
In seltenen Fällen mag der allwissende Erzähler von seinen Figuren und von seinen Lesern Devotheit fordern.
In den meisten Fällen erfreut man sich als Leser daran, dass man auf dem Niveau eines allwissenden Erzählers all die Informationen bekommt, die man normalerweise nicht bekommen kann.

aerolith
26.05.17, 18:30
Die fordert er wohl öfter als gelegentlich. Der Allwissende ist ein Unsympath, will aber vor seinem Leser nicht so wirken. Das macht ihn noch unsympathischer, denn wer will schon am Gängelband der Liebedienerei hängen? Andererseits nimmt ihn der Leser wohl schon ernst, denn wer, wenn nicht der a.E.Schwingt auf den Flügeln der Weisheit, weiß also, was geschehen wird, warum es geschehen wird/ist oder auch, wie es weitergehen wird. Diese Kompetenz sollte er besitzen, und der geneigte Leser nimmt ihm diese Kompetenzen auch ab, weist sie ihm gar zu. Auf irgend etwas muß man sich ja heutzutage noch verlassen können!

In der Literaturwissenschaft ist der allwissende Erzähler meist in keiner Ich-Erzählsituation. Tritt er als Erzählfigur auf, ist er eine Figur des erzählten Geschehens, ein homo diegesis, eine perspektivisch-fokussierte Zentralfigur, der auch autodiegetischer Erzähler genannt wird. Der Olympier, ein Synonym für den allwissenden Erzähler, schwebt über den Dingen, die nach seinem gusto gestaltet werden. Problematisch daran ist nur eines: auch Zeus konnte nicht, wie er wollte; er hatte sich dem Schicksal unterzuordnen. Was für ein Allwissender kann der a.E.Schon sein?