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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Städte und Wirtschaftsformen im Mittelalter



aerolith
18.05.15, 17:31
Wir wissen bereits, daß die Gründung des Reiches (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=reich), 800, Stadtbildungen beförderte. Wenn man von ca. vier oder fünf Millionen Menschen im nördlichen Reich, Deutschland, ausgeht, ist das nicht zu hoch gegriffen. In Italien oder Frankreich lebten zur gleichen Zeit jeweils mehr als doppelt, vielleicht sogar dreimal so viele Menschen. Der Großteil Mitteleuropas war bewaldet und versumpft. Die landwirtschaftlich erschlossenen Gebiete befanden sich am Rhein und Main, ein wenig an Saale und Unstrut, hier und da ein paar Enklaven mit Bewirtschaftung, meist in Klosternähe. Mit der Gründung des Reiches durch Karl (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=karl)und weiter mit dem Machtausbau der Ottonen (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=ottonen)vollzog sich die Kolonisation des eigenen Landes: Rodung von Wäldern, Entwässerung sumpfiger Gebiete, Stadtgründungen.
Mit den Stadtgründungen vollzog sich ein sozialer und wirtschaftlicher Wandel, den Karl Bücher beschrieb: Aus der Hauswirtschaft im frühen Mittelalter (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=mittelalter), die Güter (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=güter)im Haus fürs Haus herstellte, entwickelte sich die Stadtwirtschaft mit direktem Austausch von Produzent und Konsument auf städtischen Märkten. Ihr folgte im Spätmittelalter die Volkswirtschaft, die die mehrproduzierten Güter in Lagernhäusern zwischenlagerte, bevor sie zu Geld gemacht wurden, mithin das mittelalterliche autarke (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=autarkie)Wirtschaften völlig depravierte und so zerstörte. Das Geschehen verlagerte sich also immer mehr in die Städte.
Neben die Drei-Stände-Ordnung aus Adel (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=adel), Geistlichkeit und Bauern traten die Bürger (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=bürger)der Städte mit einer neuen Lebensweise und neuen Bedürfnissen, aber eben auch neuen Leistungen, die in Deutschland bis dahin nicht bekannt waren. In den Städten (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=stadt)organisierte sich die Wirtschaft neu, fanden sich reich und alt zusammen, lebte man anders als auf dem Lande, wo der Tagesablauf von den Bedürfnissen der Tiere und des Bodens abhing. In der Stadt sammelten sich die Taugenichtse, die Gefolgschaft der Adligen, Abenteurer und diejenigen, denen das Land gehörte, auf dem die meisten Deutschen arbeiten mußten.
„Stadtluft macht frei!“ Wer in Abhängigkeit gekommen war, floh manchmal und konnte, wenn er Jahr und Tag in einer Stadt überlebt hatte, zum Bürger werden. Solange er sich innerhalb der Stadtmauern aufhielt, war er sicher und konnte nicht belangt werden. Findige Herren allerdings werden sich schon zu helfen gewußt haben. Außerhalb der Städte regierten die Kleinadligen, zunehmend als Raubritter und Wegelagerer, die auf diese Weise ihren Lebensunterhalt verdienten, wenn sie nicht in kriegerische Händel mit ihren Nachbarn verwickelt waren. Das Raubritter(un)wesen, das Fehdewesen (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=fehde), war usus, abusus darf der dagegen verkündete Landfrieden (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=landfrieden)genannt werden, der kurze Unterbrechungen im Fehdewesen bewirkte.
Da wundert es nicht, daß sich die Städter immer stärker darum bemühten, eigene Rechtsbezirke zu schaffen und erworbene Rechte auch schriftlich fixieren zu lassen.
Die Grundstruktur des Mittelalters: ein System (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=system)gegenseitiger Abhängigkeiten in einer klar strukturierten Gesellschaftsform, nach oben und unten offen. Die jeweilige Abhängigkeit definierte sich über den Besitz von Land: wer es besaß, konnte es verpachten; wer es pachtete, mußte Abgaben zahlen. Wer etwas besaß, benötigte Schutz, der bezahlt werden mußte. Wer etwas pachtete, verdiente Schutz, damit er in Ruhe arbeiten konnte. Wer seine Schulden nicht bezahlen konnte, verlor seine soziale Stellung und die damit verbundenen Rechte. Er konnte fliehen, womit die Schuld getilgt war, manchmal auf die Familie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=familie)übertragen wurde. Er konnte aber auch durch Tüchtigkeit aufsteigen; es gab nicht wenige Adlige, die aus einfachsten Verhältnissen stammten und nicht wenige Bettler, die einst (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=einst) Adlige waren.
In Deutschland organisierten sich alle nur denkbaren politischen Zustände: Demokratie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=demokratie), Monarchie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=monarchie)oder Aristokratie (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=aristokratie)in vielen Spielarten. Die vorherrschende Form (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=form)war jedoch die Aristokratie, die Herrschaftsform, in der die Besten herrschen: Die Städte wurden meist von einem Rat regiert, der sich aus den fähigsten Köpfen der angesehensten Familien der Stadt bildete. Wer dies war, bestimmte der Erfolg wie die Dauer des Erfolgs. In der Bürgerversammlung wurden Entscheidungen darüber getroffen, wer zu diesem Rat gehören sollte. Es gab vereinzelt Städte, die von Grafen- oder Fürstenbeamten geführt wurden. Das hatte auch etwas mit den Abhängigkeitsverhältnissen zu tun: Reichsstädte waren fast immer aristokratisch, Städte örtlicher Herren (Grafen, Herzöge) dagegen hatten noch aus karolingischen Zeiten Schulzen (Schultheiße, centenarien, Hunni, Tungini) oder auch Vögte, wenn sie einen Bischof als Herrn hatten. Schulzen oder Vögte (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=vogt)konnten mitunter tyrannische Verhältnisse durchsetzen, was nicht immer zum Nachteil der Bürger war. Auf dem Lande dagegen gab es nicht selten und meist in abgelegenen Gebieten demokratizide Gebilde, bei denen die selten üppigen Erträge basisdemokratisch verteilt wurden, was nicht bedeutet, daß es in diesen Gebieten gerechter zuging. Wie gesagt, im Reich funktionierte über Jahrhunderte eine multikulturelle und politisch uneinheitliche Gesellschaft, letztlich war das auch seine politische Idee.
Reichtum war zwar wichtig, aber nicht ausschlaggebend. Die Wirtschaft in der Stadt war nicht auf Gewinnmaximierung fixiert, sondern auf Versorgung und Auskommen, was angesichts geringer Bodenertragslage und fehlender Rücklagen von größerer Wichtigkeit war als der eine oder andere Pfennig mehr im Beutel.
Wir sprachen vom Recht: In Deutschland stritten während des Mittelalters das kanonische (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=kanonik)oder römische gegen das Recht des Volkes, das der Gewohnheit. Uralte germanische Rechtsvorstellung war das Recht der Dorfgemeinschaft und eignete sich für Städter nicht, allerdings für Klostergemeinschaften, denn das deutsche Recht, wie wir es fortan der Kürze halber nennen wollen, war auf überschaubare Beziehungsgeflechte orientiert, das römische dagegen auf das Ganze, den Staat. Beides zielte auf eine funktionierende Gemeinschaft, auf Rechtssicherheit, wobei das römische Recht eine Totalität des Staatsganzen zu regeln beanspruchte, was dem Deutschen des Mittelalters völlig abging. Wenn der Deutsche stritt, regelten drei Prinzipien (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=prinzip)die Entscheidung:



das Gottesurteil (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=gottesurteil)
der Eid
der Zweikampf.


Nun sind Gottesurteile im Geld-Waren-Verkehr hinderlich, was bereits Ludwig der Fromme erkannte und daraufhin die Kaufleute davon befreite. Statt dessen galt hier der Eineid, also eine einfache Bekräftigung auf die Bibel (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=bibel), daß etwas so und nicht anders sei. Es ist nicht darzustellen, wie die Rechtswirklichkeit aussah; sie war von Ort zu Ort verschieden. Entscheidend ist, daß die Person, die das Richteramt ausübte, letztlich über Sein und Nichtsein entschied. Ob sie das nun nach dem Gewohnheitsrecht, das zum erstenmal von Eike von Repgow 1235 fixiert wurde (was nichts anderes bedeutet, als daß mindestens bis dahin Recht überwiegend nach Gefühl resp. Gewohnheit gesprochen wurde), vollzog oder nach persönlichem Empfinden, ob nach römischen Rechtsvorschriften oder nach Ordensvorschriften, Königswillen oder örtlicher Gegebenheit: eine Dienstanweisung oder Prozeßordnung gab es nicht. War der König anwesend, entschied er. Das tat er nicht nach irgendeinem Gesetzestext, sondern nach seinem Gefühl. Ähnlich verfuhren die vom König eingesetzten Grafen und Bischöfe (obrigkeitliche Gewalt), später auch die Schultheiße (die von diesen eingesetzten Unterbeamten) oder wer auch immer. Hunderte Jahre lang. Diese Beamten setzten fest, wann Markt sein sollte, welche Waage das Richtmaß vorgab, beriefen Schöffen für Streitfälle, setzten gegebenenfalls auch Preise fest... Daß aus diesen berufenen Schöffen manchmal auch Schöffen-Kollegia entstanden, die mehr als Rechtspflege betrieben, sei auch erwähnt. Im Mittelalter trennte man Politik und Recht weniger als heute: Oft saßen in den Gemeinderatssitzungen die selben Leute wie im Schöffenkolleg.


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Die Freigrafenwürde vererbte sich ebenso wie der Besitz, an dem sie hing. Sie wurde von der Kirche anerkannt, aber auch von den weltlichen Machthabern, obwohl die Männer, die sich mit ihr schmückten, einfache Bauern sein konnten. Als Freischöffe wiederum war jeder unbescholtene, nichtleibeigene Mann zugelassen, er brauchte weder Amt noch größeres Vermögen, noch Rechtskenntnisse zu haben, Man setzte einfach voraus, daß alle gestandenen Erwachsenen die Normen kannten, nach denen geurteilt wurde. Auf dem Tisch des vorsitzenden Freigrafen lagen während der Verhandlung ein Schwert (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=schwert)und ein Strick. Auf das Schwert mußten die Eide abgelegt werden, der Strick diente dem Vollzug der Strafe. Ein Femegericht fällte nur zwei Urteile: Freispruch oder Tod, gehängt wurde an Ort und Stelle.
Hatte sich aber ein Angeklagter geweigert, vor dem ‚offenen Thing (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=thing)‘ zu erscheinen, dann kam er vor die ‚heimliche Acht‘, die ihn, ob anwesend oder nicht, für ‚unwürdig, echtlos, rechtlos, siegellos, ehrlos, friedlos iund unteilhaftig allen Rechts‘ erklärte. Er war danach vogelfrei, er wurde gejagt, wo immer er sich aufhalten möchte, die Feme hatte einen langen Arm. Viel schneller als ein königliches Urteil gelangten ihre Briefe von einem Ende des Landes zum anderen. ‚Wissende‘, in deren Hand sie gerieten, durften ihr Siegel erbrechen. ‚Nichtwissende’ wurden durch den Vermerk abgeschreckt: ‚Diesen Brief soll niemand öffnen, niemand lesen oder lesen hören, es sei denn ein echter, rechter Freischöffe‘. Keiner hätte es je gewagt, diesen Warnspruch zu mißachten, denn jedem brannte das unheimliche Papier derart in der Hand, daß er es so schnell wie möglich weitergab. Der Vogelfreie wurde irgendwo, irgendwann gefangen, vor drei Freischöffen gestellt und hingerichtet. Im Stamm des Baumes, an dem er hing, steckte ein Messer. (Gerhard Herm: Der Aufstieg der Habsburger. Düsseldorf 1994. S. 24.)

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Auf die vielfältigen Formen der feudalen Ausbeutung soll hier nicht eingegangen werden. Was und wer frei genannt werden kann, ist nie deutlich zu trennen. Fakt ist, daß die Über- und Unterordnung über Landbesitz geregelt wurde. Persönlich Unfreie und dinglich Unfreie, Stadtfreie und Landfreie, Landfremde, Heiden, Wechselbälger, hörige Bauern, Fronbauern... Die Liste der Begriffe ist lang und oft sind sich die Gelehrten nicht einig, wer welche Rechte besaß – oder eben nicht. Die Gesellschaftspyramide war nach oben und unten durchlässig. Es war durchaus möglich, daß ein aus höriger Familie Stammender zum Stadtrat aufstieg oder Ministeriale wurde, eine Generation später geadelt und dann Graf bis zum König... Auch die Hohenstaufen [1], Karolinger (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=karolinger)oder Wettiner waren einst Bauern gewesen.
Städte und Gemeinden sind rechtsgeschichtlich nicht zu trennen. Stadtverfassungen entstanden wie Gemeindeverfassungen aus dem Bewußtsein einer Verantwortung (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=verantwortung)für das Ganze. Gebiete verschmolzen miteinander, wer eine Stadt gründete, mußte den ihr zuströmenden kommenden Bürgern eine Sicherheit resp. einen Anlaß bieten, damit sie auch kamen. In der Stadt vollzog sich im verfassungstechnischen Sinne im größeren und freieren Sinne das, was auch auf dem Land stattfand: eine Form der praktischen Aneignung der Verhältnisse. Der König resp. Oberbeamte regelte den Rechtsverkehr, aber er steuerte ihn selten genug. Es gab keine durchgehende Rechtsidee im Reich, sondern Vielfalt.
Fakt ist auch, daß sich in den Städten Kapital (http://www.vonwolkenstein.de/Datenbank/doku.php?id=kapital)sammelte, was zu Wohlstand und künstlerischen Interessen führte, auch zu einem Standesbewußtsein und zu neuen Dienstverhältnissen, die durch Geld bestimmt wurden. Patrizier bildeten sich, d.s. Adlige, die ihre Familien in die Stadt schickten, sich dort mit Emporgekommenen verschwägerten und in den Rat drängten. Wer handelte, benötigte Schutz. Seide und Gewürze kamen von weit her. Entweder schlossen sich mehrere Kaufleute zu einer Art Gemeinschaftsreiseunternehmen zusammen oder sie ließen Söldner kommen – aber Obacht: Zünfte oder Gilden bildeten sich erst zweihundert, dreihundert Jahre später.
Oft waren die Städte königstreu, denn der König ließ sie in Ruhe und schenkte ihnen Schutz. Daß er dafür Geld wollte, machte die Städte nicht wütend. Eher ergrimmte sie dauernde Herrschaft, z.B. eines Bischofs. Oft genug geschah es, daß sich die Bürgerschaft gegen ihre Geistlichkeit aussprach und den König um Hilfe bat.


Aufgaben:



Nenne die Gründe der Städte für ihre Königstreue! (I)
Charakterisiere und vergleiche die Wirtschaftsauffassung des Mittelalters mit der heutigen! (II)



[1] Der von vielen Historikern als einer der bedeutendsten Herrscher gefeierte Friedrich II. von Hohenstaufen schien dieses Herkommen vergessen zu haben, denn seine Politik war darauf orientiert, einen zentralistischen Staat zu schaffen. Während seiner Herrschaft von 1220-1250 zielten Verordnungen (besonders seit 1231) auf die völlige Vernichtung des Lehnstaates, „auf die Verwandlung des Volkes in eine willenlose, unbewaffnete, im höchsten Grade steuerbare Masse hinaus. Er zentralisierte die ganze richterliche Gewalt und die Verwaltung in einer bisher für das Abendland unerhörten Weise; kein Amt mehr durfte durchs Volkswahl besetzt werden, bei Strafe der Verwüstung des betreffenden Ortes und Degradation der Bürger zu Hörigen.“ (Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien. Wien 1860. S. 2.)

http://vg06.met.vgwort.de/na/2f4c4461c94c4c9985bf06d8ac8727eb