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hagen
18.05.01, 22:06
Gespaltene Ebene

Der Anfang einer jeden Geschichte ist ihr Titel. Es handelt sich dabei um eine kaum reflektierte Tatsache. Um so notwendiger ist es, den Titel, die Überschrift, in Frage zu stellen. Theoretisch betrachtet bleibt die Möglichkeit, den Text mit einer Überschrift zu versehen oder es zu unterlassen. Wählt man einen Titel, bleibt es den Autoren überlassen, ihn inhaltlich auf das zu Sagende abzustimmen, oder, egal aus welcher Motivation, ihn artfremd zu verwenden.

In der bildenden Kunst und in der Malerei, wo die betitelten Werke eine andere Dynamik entwickeln (Text und Nicht-Text = Einheit eines Werkes), ist eine höher Abstraktion erreicht. Ein eigenartiges Phänomen in diesem Zusammenhang ist der Titel Ohne Titel, ein sich selbst negierender Sachverhalt in Form einer notwendigen Darstellung - denn es ist ein fundamentaler Unterschied, ob kein Titel oder der Titel Ohne Titel vergeben wird. Ein anderer Gedanke stammt von K.R.H. Sonderborg: Er betitelte seine Werke auf eine besondere Art: 29.9.1958. Es handelt sich dabei um keinen Titel als Titel, sondern um eine Definition im raum-zeitlichen Kontinium. Mit Bestimmtheit hat diese Art, Titel zu vergeben, einen inhaltlichen Aspekt, denn die Zeit ist die Zeit des Kunstwerkes.

Ich möchte von einem Umweg sprechen!

Die Spuren im Sand sind ausgeprägt und lassen deshalb die Rekonstruktion zu. Spuren (menschliche Fußstapfen) sind in Regelmäßigkeit nebeneinander aufeinander ersichtlich. Die Konturen sind scharf. (Wir befinden uns im Prozeß der Spurensicherung. Dabei möchte ich annehmen, daß es eine gewisse Parallelität zwischen Kriminalistik und Kunst gibt. Die Phantasie eines Kriminalbeamten ist oft beachtlicher als die eines Künstlers.) Die Fußtritte sind nicht spiegel-, sondern achsensymmetrisch angeordnet. Es handelt sich um die Abdrücke zweier verliebter Menschen (=Schlußfolgerung, aufgrund der Enge, der Spurenführung). Nach einiger Zeit werden die Spuren durch natürliche Einflüsse (Wind und Wetter) verdeckt sein, doch SEIN werden sie immer.

Es gibt Wege, die zusammenführen und es gibt Wege, die auseinander führen. Beide (Wege) sind identisch. Different ist die Richtung, die subjektiv eingeschlagen wird. Überschreitend wäre überhaupt kein Weg.

Zeit ist jetzt mein Stichwort.
Es gibt Zeiten, an denen man meint (schließt ein Wissen nicht aus), sich versichern zu müssen, daß man noch geliebt wird. Dabei möchte ich von einer Begebenheit erzählen: Die tiefe Nacht drückt die Augenlider zu und läßt vermuten, daß die Schlafende (= Verursacherin der Spuren) an der Grenze zum Tod wandelt. Man darf dabei die Chance nicht versäumen, die Wahrheit zu ergründen. Ein scharfes Messer durchbohrt die nackte, linke Brust. Daraufhin, nachdem das Messer wieder herausgezogen wurde, stecke ich meine Hand in die Wunde, bis ich das pulsierende Herz mit meinen Fingern umfasse. Dabei spüre ich deutlich, daß ich darin lege. Voller Freude verläßt die Hand die tiefe Wunde. Mein Herz hat sich beruhigt.

Prosatexte sind die Realisierung des methodologischen Solipsismus (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=solipsismus), dem auch Wittgensteins Erkenntnistheorie im Tractatus logico-philosophicus verfallen ist. Philosophisch betrachtet, hat sich die Literatur noch nicht aus der positivistischen Anschauung befreit. Das liegt an dem Umstand, da? die Literatur und die Philosophie kein absolut identisches Subjekt findet. Es wäre zu fragen, wie Literatur aussehe, wenn die moderne Wissenschaftstheorie in ihr verwirklicht werden würde?

Eine explizite Untersuchung, was unter den Gattungsbegriff Literatur fällt und was nicht unter ihn fällt, ist durch die Literatur selbst nicht zu entscheiden. Ein eindeutiges Kriterium könnte nur die Philosophie liefern. Daraus folgt, daß die Philosophie keine Literatur ist und umgekehrt.

Der Leser entdeckt hinter jedem Text einen Schreibenden. Wenn jetzt das Ziel des Schreibenden wäre, daß der Lesende keinen Schreibenden entdecken soll, sondern den Lesenden selbst, dann ist da nur möglich, wenn der Lesende und der Schreibende identisch sind. Die Wahrheit würde in diesem Fall durch sich selbst begründet.

Jeder Text setzt voraus, daß der Leser in bezug auf den Text weniger weiß, als der Autor, ansonsten hätte der Text keinen inhaltlichen Wert. Die Ausnahme macht dabei die Ästhetik. Doch auch hier ist es unumgänglich, daß der Text eine Qualität beinhaltet, die über das Maß dessen, was der Lesende zustande bringt, hinausgeht oder doch zumindest anders ist. Mit dieser Erkenntnis verirren wir uns in ein Labyrinth des Paradoxen. Woher weiß der Autor, was der Leser nicht weiß? Es bleibt uns nichts anderen übrig, als auf die leidige Intuition des Schaffenden zu vertrauen und auf des Lesers Wissensdefizit. Damit ist Literatur (aber dies gilt selbstverständlich auch für andere Künste) ein abenteuerliches Unterfangen, das sich bei seiner Entfaltung den Tod (also die Überschreitung) holen kann, wenn es selbst das Niveau des Lesers unterläuft.

Jeder Schreibende hat implizit eine Intuition in seinem Text versteckt. In der Literatur ist die Motivsuche wesentlich schwieriger als in außerkünstlerischen Bereichen. (Ich betone hier nochmals die Parallelität zwischen Kunst und Kriminalistik!)

Man kann auch sagen: ...die Geistigkeit des Einen ist das Labyrinth des Unwissenden... Jedoch bin ich der Ansicht, daß man mit solchen Dingen nicht scherzen sollte. Man bewegt sich zu schnell auf das Glatteis und könnte zum Gespött werden, denn was ist lustiger als die schmerzverzerrte Grimasse eines Ausgerutschten? Das Kind lacht über seine Fratzen, die es vor dem Spiegel schneidet.

Der Autor fühlt nach, ob seine Worte pulsieren und ob dieses Pulsieren auch von anderen wahrgenommen wird. Spürt ein Leser das Pulsierende, erhält der Schreibende seine Bestätigung (wie der Liebende, der nach dem Herzen greift)!

Wenn Kerzen das unheimliche Dunkel erleuchten und wenn die Stille unüberwindbar erscheint, hat sich der Tod mit dem Orgasmus vereint. (Auch die Mystik haben sie gemein.) Wenn die Stille abnimmt, die Erschöpfung nachläßt, fühlt man sich unsterblich. (Die Kirche leugnet eine irdische Unsterblichkeit. Nur vereint mit Gott entsteht die Unsterblichkeit, die den Tod als Anfang definiert.)

Die Überschrift ist das Stigma des Textes. Verbrennt ein Buch, bleibt der Titel.

Es ist einfach zu lachen (oder vielleicht auch zum Lachen).

Robert
23.06.01, 08:50
Das ist ein gespaltener Text. Hab Dank dafür. Über Stärken und Schwächen wird sich geäußert werden: Dem Manne kann geholfen werden!

Einer meiner Professoren sagte gelegentlich - nach dem driten Glas Wein -, sein eigentlicher Berufswunsch sei es gewesen, headliner bei der BILD-Zeitung zu werden. Allgemeines Entsetzen unter der borniert-linkslastigen Studentenschar. Dann die Lösung seines Gewirks: Man habe da den meisten Einfluß auf die Menschen. Und tatsächlich: Kein Job wird besser bezahlt und hat mehr Einfluß aufs Denken als dieser.
Für einen Machtmenschen wie meinen einstigen Lehrer eine grandiose Vorstellung: Kein Beckmessen mit vorlauten Naseweisen, sondern direkter Draht ins Hirn der Masse. Wie könnte man die mit Kant-Zitaten traktieren!?
Ein anderer Professor meinte, er sammle seit zwanzig Jahren Adaptionen des Klassikers cogito ergo sum, mithin Sprüche wie Ich scheiße, also bin ich... Ja, der Mann lächelte dabei. So sind sie halt, die Herren Professoren. Und, Hagen, soll ich Dir mal was sagen: Dein Text erinnert mich in der Diktion doch sehr an dieses Professorengewäsch. Ich will Dir jetzt nicht scharfstrahlig ans Bein pinkeln, aber Du gehst da einen sehr intrinösen Weg. Das Drumherum ist doch aber ein bißchen wichtiger als die Leere in uns, oder? Denkst Du nicht auch, daß die Katze nur deshalb um den heißen Brei schleicht, weil sie weiß, daß das das Beste ist?! Und wie erst sollte der Dichter schleichen können!

Klären wir, ausnahmsweise einmal vor allem anderen, zuerst diesen inhaltlichen Sachverhalt, bevor wir zum rein textlichen Bestand Deiner Zeilen kommen.

[Diese Nachricht wurde von Robert am 23. Juni 2001 editiert.]

hagen
24.06.01, 23:06
Lieber Robert, deine Ausführungen zum Verhalten deiner Professoren in alle Ehren, doch es fällt mir schwer, den Zusammenhang mit dem von mir gelieferten Text herzustellen. Ich halte mich ungern mit Rätseln auf, so daß ich dir verbunden wäre, etwas weniger kryptisch deine Gedanken zu fassen.

Auch kann ich mit der Katze und dem Brei nicht viel anfangen, geschweige denn mit der inneren Leere.

Lies den Text als Satire, weniger als abgehalfterte Vorlesung eines skurrilen Gelehrten. Die im essayistischen Text eingebettete Liebesgeschichte soll nicht unbedingt die Leere im Menschen konstruieren, eher das Thema von einer gänzlich anderen Seite beleuchten. Wie kann man eine Liebesgeschichte betiteln. Das sind hier die Fragen - was kann über die Liebe gesagt werden: ein Zeitpunkt, die Eifersucht, die Ungewißheit, das Suchen das Sterben usw.


[Diese Nachricht wurde von hagen am 24. Juni 2001 editiert.]

Robert
30.06.01, 00:28
Es gibt eine berühmte Sentenz von Brecht: Will man wissen, wie gut eine Geschichte ist, so lese man den ersten und den letzten Satz. Schaffen sie der Phantasie die Möglichkeit, sich zu entfalten, so ist die Geschichte gelungen.
Eine andere Weisheit verkündete. glaube ich, Heidegger, als er feststellte, daß das Seyn letztlich nur das Nichts umkreise. Das Zentrum aller Weisheit ist also das Nichts.

Wenn wir jetzt schreiben, so kreisen wir. Wir suchen im Schreiben die Ausdrücklichkeit, aber umkreisen doch nur eine Leere. Ist das Leben in all seiner Buntheit nun nur Tand, so müssen wir uns dem stellen, um am Ende festzustellen, daß Buntheit vergeht, daß Wein treibt und Garnelen fischig schmecken. Und wenn wir ganz weit hinausschwimmen, dann sehen wir die Flossen kreisen, um uns kreisen.

Nun, in nuce: Jeder Text beginnt mit dem ersten Satz, aber dies ist nur der Versuch einer Annäherung an den Titel. Der Titel aber ist das Nichts. Und darin besteht sein Verhängnis; wir suchen uns dem Nichts zu nähern, aber der Text ist noch nicht das Nichts.

Versuchen wir es weiter, Hagen!

hagen
30.06.01, 00:54
Ich war noch nie ein Freund von Heidegger (http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=heidegger)! Er scheint mir zu kryptisch - und dort wo man ihn verstehen mußte, verstand man ihn - "Die Selbstbehauptung der deutschen Universität" und ich auch! Aber das ist nur eine Randbemerkung hierzu. Der Titel ein "Nichts", nein, da will ich nicht zustimmen. Der Titel ist der Aufhänger, an dem der Text hängt, wie das Bild am Nagel - eine Reflexion um den Aufhänger kann ich nicht falsch finden, zumal sich dadurch der Text nicht aufgibt. Ich liebe Erläuterungen und theoretische Erörterungen, deshalb die Verquickung von Erzählung und Essay. Warum nicht? Es soll ein Experiment sein - der Versuch das Liquide des Erzählerischen im Theoretischen zu festigen.

Mr. Jones
04.07.01, 10:14
hagen schrieb:
Jeder Text setzt voraus, daß der Leser in bezug auf den Text weniger weiß, als der Autor, ansonsten hätte der Text keinen inhaltlichen Wert. Die Ausnahme macht dabei die Ästhetik. Doch auch hier ist es unumgänglich, daß der Text eine Qualität beinhaltet, die ?ber das Maß dessen, was der Lesende zustande bringt, hinausgeht oder doch zumindest anders ist.

hmmm... ist das so? nicht ausschliesslich, denk ich. denn zuweilen - und häufiger (?) - kommt es vor, dass der leser eines textes darin eigene gedanken (sprich: sich selbst - was uns auf deine wahrheit, die sich durch sich selbst begründet, bringt) findet. dass der leser sogar überzeugt ist: mann, das hätt ich auch sagen können. hätt ich besser formulieren können. weil: in den zwischenräumen der worte ist all das, was sich im kopf des lesers abspielt, all das, was der schreibende verschwiegen hat, all das, worum es wirklich und wahrhaftig geht. sieh: wir bewundern nicht die form des marmors des davids michelangelos, sondern den ausschnitt der atmosphäre, welche dieser marmor einnimmt. hä??? - zugegeben, den letzten satz versteh ich selbst nicht mehr...

jedenfalls: ziemlich lehrreich, deine spaltung, war spannend und interessant zu lesen.

haste noch mehr solcher kluger gedanken, vielleicht zum thema "die kunst des gedichts"? dann schau doch mal vorbei in meinem ordner, ja?!?

Liebe Grüsse
Mr. Jones

ala
09.03.05, 13:35
also einen leser, der für sich nur mitnimmt, daß er das besser hätte selbst schreiben können - den brauch ich eigentlich nicht und er mich auch nicht, denn es geht dann nicht mehr um den text, nur um konkurrenz. um : ich!ich!ich! geschrei von beiden seiten. für mich gehts aber um: schau! komm mit, ich zeig dir was! und das mit dem ersten und dem letzten satz find ich ziemlich überzeugend, jetzt als leser gesprochen. ich will dazwischen was vermuten können, eine möglichkeit, die ich noch nicht sah, einen gedanken, den ich noch nicht dachte, eine spaltung in brüche zwischen o und 1, wo ich zuvor ein ganzes nur wahrnahm.

die titeldiskussion interessiert mich hier auch. ein guter titel ist denkich ebenfalls gespalten: er lächelt dem nichts zu, aber gibt ein kleines konkretes etwas zum anlaß, zum eigentlichen anlasser für den ganzen text. stottert der motor schon hier, stirbt erschon hier ab ists schlecht. gibt er ein datum, wirds autobiographisch für beide, leser und schreiber interessant. "ohne titel" ist schmarrn, weil luftblase. dann lieber die ersten drei textworte oder die letzten. oder, für alle faulen titelerfinder den generaltitel (hiermit ohne copyright freigegeben zur benutzung):

"kreisen um .....(erste drei worte) und ....(letzte drei worte)"
dann hätte man doch was zum lesen und könnte entscheiden, ob sich das hier lohnt. bei hagens text:

"kreisen um den anfang und das lachen"
find ich jetzt eigentlich ne gute methode, die ich da aus euren zeilen erfunden. doch, mit dem titel würd ich einen text lesen. bei dem gegebenen titel hatte ich etwas mehr ebene erwartet.

Klammer
10.03.05, 21:03
Hagen war kürzlich in München in einem Konzert des Alban-Berg-Quartetts. Berg mache genau seine Musik (wundert das jemanden?). "Das war absolut genial", beliebte er zu formulieren, während er mich wie üblich schachmattierte.
Ich denke, wer Hagens Texte liest, sollte das wissen.

Gruß, Klammer