aerolith

Notizen Juno 2015

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Man wagt Vermutungen, spekuliert, äußert Logisches, aber KANN es nicht erfassen, blickt man mit westlich-pragmatischen Augen auf das, was die Romantik ist. Was ist es? Einfach gesagt: ein Gegenentwurf gegen den respektablen Bürgergeist (Troeltsch), gegen die Postulate der Französischen Revolution, v.a. gegen ihr menschheitsnivellierendes Gleichheitspostulat, gegen die Vernunft der Pragmatiker, gegen mathematische Deduktion (Hegel faßte die Mathematik als irrationell!), gegen den britisch-kapitalistischen Utililitarismus und die naturrechtlich damit verschmelzende Moral eines Straßenköters. Menschen sind nicht gleich, sondern verschieden. Menschenrechte sind subjektiv und NIEMALS objektiv fixierbar. Die Idee von einer Menschheit, die auf EIN Ziel zustrebe, ist unsinnig.

Menschenbild des respektablen Bürgers: Vergleichende Völkerkunde war das zwangsläufige Ergebnis des weltumspannenden Kapitalismus. Das schloß religionsgeschichtliche Forschungen mit ein. Diese wurden, wie beinahe alles in dieser Zeit, evolutiv betrachtet. Das bedeutete einen Paradigmenwechsel für die Religionsauffassung: aus zeitüberlegener Unveränderlichkeit wurde zeitabhängige Gültigkeit. Die Religion war zum Ausleseobjekt geworden – wie eine Käfersorte. Das hatte schwerwiegende Folgen. Die pragmatische Auffassung des Lebens, der die der Technik und der Religion folgte, ließ neben dem individuellen Sicherheitsbedürfnis viele Leerstellen zurück. Relativismus. Die Faktizität äußerer Lebenssicherheit erfolgte auf Kosten größter innerer Leere und daraus folgender Angst. Zerrissene Menschen, die im täglichen Überlebenskampf ihre Lebenskraft ließen, frühzeitig ausmergelten und keinen Trost finden konnten, denn sie glaubten an nichts mehr. Götterdämmerung. Die vom Menschen geschaffenen Maschinen fraßen ihre Meister.
Am Ende des Jahrhunderts herrschte Endzeitstimmung vor. Zwar erfreute man sich an den neusten technischen Errungenschaften, aber in der Philosophie und Literatur herrschte keine Euphorie, sondern fin de siecle, Dekadenz und abstrakte Symbolik. Schwermut, Zweifel und übersteigerte Romantik (Kitsch) bedienten Instinkte, aber setzten die Menschen nicht in Freiheit. Der Roman wurde zur beherrschenden Dichtungsform. Zugleich wurde Seichteres und Unterhaltsameres geschrieben als zu irgendeiner Zeit zuvor, was Empfindungen versachlichte und einebnete und so den weichen Boden für Manipulationen bereitete, der gegebenenfalls durch die Presse benutzt werden könnte. Oberflächlichkeit und Ablenkung. Die Schauspieler wurden im Theater wichtiger als die Stücke, die Form wichtiger als der Inhalt. Ästhetizismus. Auf der anderen Seite gab es Nietzsche, der die Übel der Zeit erkannte und nannte.


Jage Deinen Schatten, Mensch, aber laß Dir nicht sagen, was Du willst!



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Notizen

Kommentare

  1. Avatar von aerolith
    Ich sehe schon, der national-konservative Flügel der AfD benötigt ein Konzept. Falls sie keines zustande bekommen, war's das mit der AfD, denn eine FDP 2.0, wie Henkel und Lucke sie planen, benötigt in der BRD niemand, diese Arbeit leistet die FDP schon allein. Ein politisches Meisterstück mit einem Potential von 15% der Wählerstimmen dagegen liegt in der Inauguration einer national-konservativen Partei, die das links-rechte Schablonendenken überwindet, eine Alternative (sic!) zum westlichen Unitarismus aus Vernunftsbrei und Liberalismus entwickelt und zugleich praktische Lösungen für nationale Lebensfragen entwickeln kann.
    Ein Bauer nennte das die Züchtung einer eierlegenden Wollmilchsau.
  2. Avatar von aerolith
    Ich muß mich schon sehr darüber wundern, daß bei aller Gleichschaltungsmetaphorik von Mann, Weib, Kind, Politik, Partei, alternativloser Vernünftelei und dergleichen mehr kein wichtiger Politiker daran denkt, die großen finanziellen Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Ich spreche vom erben. Wenn das Blut, die Rasse, die Nation, die Ehe keine Bedeutung mehr haben sollen, dann muß das Erben abgeschafft werden. Welche Berechtigung hat ein Zwanzigjähriger zur Nutzung der Millionen seines Vaters/Großvaters? Er sollte schlichtweg bei Null anfangen müssen.
  3. Avatar von aerolith
    Ich glaube, es ist eine verkannte Kunstform, Grabreden zu schreiben, v.a. solche, die den Verstorbenen nicht loben, sondern tadeln. Wie wäre es, ihm nicht seine Verfehlungen vorzurechnen, sondern vielmehr das, was er hätte leisten können? Das wäre doch eine bessere Mahnung an die Überlebenden, es besser zu machen als bisher.
  4. Avatar von aerolith
    Der stilistische Charme Nietzsches rührt wahrscheinlich aus seiner typisch deutschen, nämlich antithetischen Verbindung romantischer und zynischer (vulgärmaterialistischer) Denkansätze. Deshalb bekämpf(t)en ihn die aus der romantischen Schule stammenden Kommunisten mit dem gleichen Glaubenseifer wie die sachdienlichen Hinweisen folgenden Vulgärdemokraten liberazider Färbung. Nietzsche formulierte als Todfeind beider Halbgewalgten.
    Klingt das krude? Nach-denken, Leute!
    Marxismus ist v.a. materialistische Geschichtsphilosophie; der Begriff der historischen Mission der Arbeiterklasse kein Zufallsprodukt, sondern mit Bedacht gewählte Heilserwartung. Romantiker insoweit, als daß sie die dialektische Methode des Oberromantikers Hegel benutzen, um ihren aszendenten (unaufhaltsamen) Weg gewichtig zu exemplifizieren. Pure romantische Geschichtsklitterung mit Affinität fürs Künftige.
  5. Avatar von aerolith
    Die Digitalisierung alter Zeitschriften hat etwas sehr Angenehmes. Natürlich ist es etwas qualitativ ganz anderes, die alten Blätter in der Hand zu halten und darin zu blättern - es weckt schlichtweg Erinnerungen und bewirkt Verknüpfungen im Hirn, die durch das Digitalisieren niemals erreicht werden können -, aber es ist so allemal besser als das Nichtzuhandensein eines Digitalisats. Ha, habe ich wieder mal ein Wort erfunden: das Digitalisat. So werde ich die nächsten Wochen per Handy oder Rechner in der Zeitschrift "Das Gewissen" von 1919 lesen können. Ich freue mich darauf.

    Danke, Staatsbibliothek Bärlin!
  6. Avatar von aerolith
    Meint man es mit dem Genderismus ernst, dann darf die Sprachverhunzung nicht beim Menschen stehenbleiben, sondern muß sich auch auf die Tierwelt übertragen lassen. Von schwulen Affen war schon die Rede, auch Hunde und anderes Hausgetier soll zuweilen homoerotische Neigungen pflegen. Veranlagung, Lebensumstände, Natur aller Wesen?

    Die Spinne - der Spinner? Die Eule - Herr Euler? Weiß nicht. Vielleicht sollten man im Landwirtschaftsministerium mal eine Gleichstellungsbeauftragte für die Fauna inaugurieren - natürlich nur nach Promotion: "Wozu und zu welchem Ende gehen GankerInnen ihrer sexuellen Vielfalt nach?"

  7. Avatar von aerolith
    In heutigen Filmen scheut die Kameraführung nicht die hartlichtige Wiedergabe einer pickligen Haut, sei es im Gegenlicht, sei es frontal. Menschen haben immer Flecken, Unreinheiten, dunklere oder hellere Stellen, Wülste, Leberflecken etc. Es gab Zeiten, da wurde das übertüncht. Der plot war realit, aber die Figuren Kunstfiguren. Heutzutage ist es umgekehrt: Darsteller sollen möglichst authentisch wirken - deshalb die kaum geschminkte Haut (Oberfläche) -, währenddessen die Geschichte hanebüchen irreal bleibe: unter dem Weltuntergang geht da gar nichts.
  8. Avatar von aerolith
    Wer sich vor Augen führt, daß es zu Wilhelms Zeiten eine Dienstpflicht auch für Arbeiter gab, der versteht, warum seinerzeit Polizisten gegen Streikende eingesetzt worden sind, aber auch, warum nach 1918 so viele Streiks stattfanden. Die junge Weimarer Republik tat sich schwer mit der neuen Freiheit, dem Streikrecht, das aus der Selbstwehr der ausgebeuteten Arbeiter gegen unternehmerische Willkür, denselben zur Besserung der eigenen Lebenssituation zuließ. Allerdings setzten nur Krethi und Plethi den Streik wie ein erpresserisches MIttel ein, knebelten das öffentliches Leben: mal gab es kein Wasser, mal keine Kohlen, mal keine Elektrik, mal fuhren die Züge nicht, mal gab es keine Brotversorgung... Streik wurde zur Botokudenkeule (Prechtl), zu einem unmoralischen Mittel, das jeden betraf.
    Ist das nicht die Grundidee des Streikens: auf Kosten anderer eigennützige Ziele durchsetzen? Ich glaube, es wäre für die Allgemeinheit besser, wenn man statt des Streikrechts die Arbeitspflicht wieder einführte, das in einen schönen Gegensatz zum Recht auf Faulheit gestellt werden könnte. Aber ein Streikrecht sollte es nicht geben.
  9. Avatar von aerolith
    Lily Braun wurde eines schönen Tages um 1895 von einem Verehrer abgeholt. Sie fuhren in dessen Kutsche aus Bärlin heraus Richtung Grunewald und Wannsee, wobei sie auch an den "öden Feldern des Churfürstendamms" vorbei mußten.

    So was liest sich 2015 etwas bizarr. Man vergißt immer, daß Bärlin eigentlich ein märkisches Fischerdorf ist, jedenfalls westlich des Brandenburger Tores.
  10. Avatar von aerolith
    Sprache ändert zuweilen ihre Formen, aber die Inhalte bleiben die gleichen. Stritten die Deutschen vor zweihundert Jahren mit dem Westen darum, ob der Zweck die Mittel heilige, so bringt man dieses Begriffspaar heute nicht mehr in den Diskurs, sondern redet statt dessen von Dingen wie Alternativen oder Zwang.
    Für den freien Geistmenschen gibt es immer eine Alternative, für den sachbezogenen Gewaltmenschen gibt es nur Zwänge.
    In der Französischen Revolution begründeten die Jakobiner ihren revolutionären Terror damit, daß sie einen guten Zweck verfolgten und deshalb ihre Mittel heilig seien. Wenn heute Menschen bei militärischen Einsätzen bewußt getötet werden, spren die Amerikaner von Kollateralschäden, die eben nicht zu vermeiden seien, weil die ALternative so aussähe, daß alle Menschen getötet würden. Der € war die heilige Kuh der EU-Bonzen, deren Erhalt "alternativlos" sei. Und wenn der positive Held in einem amerikanischen Science-fiction-Film in den Krieg zieht, dann ist das Abschlachten des einen oder anderen seine einzige Alternative gewesen.
    Für mich ist das ganz einfach: Wer Böses tut, der ist böse. So blau ist meine Welt.
  11. Avatar von aerolith
    Ich fühle mich heute, wie ein Niemand sich wohl fühlen muß. Vielleicht zuviel im Fischer gelesen. So eine gesunde verdrehte Paralyse muß irgendwann aufs Gemüt schlagen.
  12. Avatar von aerolith
    Zur Zeit komme ich ein bißchen herum. Kürzlich besuchte ich eine Schule bei Leipzig. Auf dem Rückweg fuhr ich über Groß Görschen und Röcken, zwei Örtchen bei Lützen. Funktuationspunkte der Weltgeschichte. In Lützen kämpften Wallenstein und Gustav Adolf. Der Schwede bezahlte seinen Ausritt nach Süden mit dem Leben. Wallenstein fiel wenig später durch Verrat in Eger. In Röcken kam Friedrich Nietzsche zur Welt, im unweit entfernten Groß Görschen tobte die Völkerschlacht; nicht in Leipzig, wo das Denkmal steht. Dort gab es auch Kämpfe, aber der Kulminationspunkt war Groß Görschen mit dem Monarchenhügel. Hier entschied sich die Schlacht.
    Hundert Jahre später entstand ein Denkmal zu Ehren des genialen Organisators Scharnhorst:



    Ich verweise hiermit auf den historischen Text aus dem Schulbuch I Geschichte: Napoleons Niedergang. In seinem schlichten Jugendstil, nicht gigantisch, aber klobig, bleiben dem Nachdenker Glorifizierungen erspart. Das belegt auch die Gedenkplakette für die kämpfende Truppe auf Seiten Preußens:



    Badenser, Holsteiner, ein englisches Corps und ein russisches kämpften hier gegen Rheinbundtruppen, Polen, Italiener und Franzosen. Sachlich gehalten, kein Pathos. Das gefiel mir.
    Warum allerdings hier ein Schill genannt wird, ist mir schleierhaft. Meines Wissens nach fiel der bereits 1809 bei Stralsund. Vielleicht war es ein anderer?
  13. Avatar von aerolith

    Ein Bild sagt oft mehr als tausend Worte. Mein im Sommer täglicher Ausritt (Drahtesel) bringt mich bei Badewetter an den Ehlestrand, ein Habitat! (seit etwa fünfunddreißig Jahren) Es gab Zeiten, da nannte man solche Gebiete Schutzräume für Wildwuchs und Wildbret. Heute gibt es eine EU-Richtlinie, die das böse Wort "Lebensraum" aus dem Sprachschatz tilgte, wahrscheinlich zu verantworten von der Gleichstellungsbeauftragten für intersexuelle Pflanzen, Regenwürmer und Ringelnattern.
    Ich bin begeistert. Schönes Schild!