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Thema: Der Meteoriteneinschlag

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Wie heißt die größte deutsche Insel?

 

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  • 18.01.19, 20:12
    aerolith

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Da hat jemand seinem Affen Zucker gegeben. Belangloses Geplapper, das eher an die Thematik "Schreiben als Therapie" erinnert denn künstlerisch genannt werden kann. Es fehlt an Verdichtung, der systematischen Entwicklung eines Erzählstranges und der Ausgestaltung.
  • 16.03.03, 01:56
    Patina

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Ich wälzte mich in dem Bett. Ein pfundschwerer Kopf auf meinem kleinen Körper. Ich lauschte der Stimme. Sie kam immer näher an mein Bewußtsein. Das war ihre Stimme. Sie sang und ich lag hier klebrig gehüllt in das dünne Laken. Sie sang, während ich hier lag und meinem Körper einen Peitschenhieb geben könnte. Mein Körper geschmolzen zu siedendem Blei.
    *Das kann nicht sein. Sie singt und du liegst hier. Ich habs ihr gegeben und nichts zurückbekommen. Sie ist einfach eingeschlafen. Und hat sich dann davongestohlen, ohne zu erwarten, daß ich erwache. Aber sei doch froh. Du willst sie doch gar nicht wirklich. Sie ist ein Phantom, dem du hinterher jagst. Sie ist ein Urtier. Ein Instinkt in dir. Irgendwo begraben in deiner Scheiß-Kindheit.*
    Ich hätte wimmern wollen, meinen Kopf in die Arme legen und mich weggeben wollen, aber es kam nur ein trockenes Etwas. Wie abgestorben. Ein toter Baum. So ein Art Kloß im Hals, der sich nicht lösen will. Ich schien ewig zu lauschen. Plötzlich erwischte sie einen falschen Ton. Ich schmiß mich in meine Hose, nahm die Türklinke, schoß in die Küche und sagte:
    "Der Ton war falsch."
    "Ich singe wegen meinem Rücken."
    *Welch nette Entschuldigung. Hast du verdammt nochmal keine nettere Ausrede parat? Ich werde mich solange an dir reiben, bis du gestehst, was das soll.*
    "Ach so, der Rücken, ich vergaß."
    *Ich hätte ihr am liebsten entgegengeschrien, daß das halbe Semester sie Rumpelstilzchen taufte.*
    Die Begleitmusik sang weiter, während sie sich die Beine rieb. Ich stand wie verhext im Türrahmen. Dann wandte ich mich ab, packte meine Tasch und ging, ohne ein weiteres Wort. Vielleicht hätte ich damals nicht so gehen sollen, aber mir war danach. Ich setzte mich in den Park und lauschte den Vögeln. Ich vermißte die Brotkrummen, die meine Mutter immer den Vögeln zuschmiß. Ich fühlte mich alleine.


    Als ich zuhause ankam, fand ich dieses weiße leere Blatt. Es starrte mich so an wie ein hohläugiges Kind, wenn Kinder überhaupt so schauen können. Vielleicht war es die unbefleckte Empfängnis Marias, die mich in jenem Moment berührte. Vielleicht war es auch die Hand von Gott, die mich leitete. Ich war sichtlich entrückt, als ich begann das Papier vollzuschreiben. Es handelte von Zerissensein, Zerwürfnissen, ewigem Kreisen von Gedanken. Ich könnte das nie jemandem zeigen. Wahrscheinlich würden sich die Leser den Bauch halten vor Lachen, wie viele Möwen dort am Himmel geflogen sind und dann abgestürzt sind. Immer sind sie abgestürzt in eine schwarze Masse, bis sich dann wieder ein neuer Vogel in den blauen Himmel erhob und erneut abzustürzte. Ich hatte mindestens 10 Seiten vollgeschrieben. Dann las ich das ganze nocheinmal. Mir wurde komisch zumute. Ich zeriss die Seiten und kippte sie in den Müll.


    Dann legte ich mich ins Bett. Ich war nicht müde, aber mir war klar, daß ich schlafen sollte. Ich dachte an ihr Herz. Ihr pulsierendes Etwas. Ich hatte es versäumt, die Hand an diese Stelle zu legen. Ich hatte versäumt, sie leben zu spüren. Ich konnte mich auch nicht an einen schweren Kopf erinnern, der im Schlaf auf meiner Brust lag. Ein schwerer Kopf, der einen selbst schwer machte und einen schlafen ließ. Ich war hellwach. Hatte meine Chance verpaßt. Schlaflosigkeit, das war das einzige, was die nächste Zeit zu überdauern schien.


    Ein kurzer Traum. Sie hatte einen einzigartigen Anzug an. Er ließ die Dinge dreidimensional sehen. Sie lieh in mir. Ich hatte ihn an, wollte ihn ihr zurückgeben. Ich fuhr mein Auto durch viele Straßen. Ich wußte nicht, wo ich vorher gewesen war. Ich konnte sie nicht mehr finden. Ich behielt den Anzug an. Dann schreckte ich aus dem Schlaf hoch.


    Erneut diese rote Brille. Frau Dr. Wagner schaute mich herausfordernd an.
    "Sie schlafen also schlecht. Können Sie mir den Grund sagen?"
    "Ich, ähh, ich weiß es nicht."
    *Das gab ihr Anlaß zu bohren. Ich war mir sicher. Ein anderer Therapeut hätte sich ausgelassen darüber, wie es war bockig zu sein. Aber sie, ja, sie würde beharren auf meine Schlaflosigkeit und versuchen den Grund herauszubekommen. Welch ekelhaftes Monster saß mir gegenüber.*
    "Sie hatten beim letzten Gespräch diesen verheirateten Mann erwähnt. Gibt es jemandem jetzt in Ihrem Leben, der ihm vergleichbar wäre?"
    *Sie hatte mich erwischt, die Alte. Sie wollte mir das Blut aus den Rippen saugen. Ich wurde rot wie ein verdammter Granatapfel. Auch wenn ich auf meinen rationalen Geist beharrte, ich war feuerrot.*
    "Sie sind ja rot geworden, Frau Wolf. Hat das einen Grund? Erzählen Sie mir jetzt endlich, wie es Ihnen geht?"
    *Niemals, niemals würde ich ihr ein Wort erzählen. Nicht dieser alten Giftspritze. Ich stellte mir vor, wie Prof. Hahn ihr gegenüber saß und was sie ihr erzählt hatte. Ich fragte mich, was Prof. Hahn an diesem Etwas gefunden haben mochte. Da mußte doch irgendwas sein. Aber wie kam ich jetzt aus dieser Situation heraus?*
    "Irgendwas hat meinen Kopf versengt. Ich weiß nicht was, da war irgendwas, aber das kann man nicht erzählen. Ich habe geschrieben."
    "Es interessiert mich nicht, was Sie geschrieben haben. Können Sie mir davon erzählen?"
    *Ich wand mich wie ein Gummi. Mein Kopf stand auf dem Schlauch.*
    "Erzählen, nein, vielleicht werde ich das irgendwann aufschreiben. Geben Sie mir noch etwas Zeit?"
    "Wir haben keine Zeit, wenn Sie nicht schlafen können."
    "Vielleicht sind es die Träume, die mich wachhalten. Sie, ja Sie haben mir die Aufgabe gegeben, meine Träume niederzuschreiben. Das Ganze kocht über. Merken Sie das nicht? Vielleicht sollte man lieber den Deckel auf den Topf setzen und ihm etwas Ruhe gönnen."
    "Das ist keine Therapie."
    "Ich scheiße auf Ihre Therapie!"
    Ich stand wutentbrannt auf und ging. Ich machte nichteinmal mehr den nächsten Termin aus.
  • 09.03.03, 11:58
    Patina

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Ich tauchte meine Hände in Spülwasser. Draußen im Vorraum herrschte Abschiedspoltern. Sie gingen alle und ließen mich mit diesen Geschirrbergen alleine. Ich wollte ihr unbedingt noch etwas gutes tun. Mein Kopf war benebelt von mindestens zwei Flaschen Wein. So konnte ich nicht mehr fahren. Kurz dachte ich, wie ich mich hinter das Lenkrad schwingen würde. Dann konzentrierte ich meinen krankes Gehirn wieder auf die Gläser, Tassen, Teller, die sich vor mir auftürmten. Das Wasser wurde immer ekliger. Je mehr ich darin eintauchte. Gerade als ich das Wasser abließ, betrat Andre die Küche. Er wankte leicht.
    "Und zufrieden? Sie sind am Gehen. Jetzt findest du doch noch etwas Schlaf."
    "Weißt du wie spät es ist, Lissy?"
    "Keine Ahnung."
    "Fünf Uhr morgens. Laß den Scheiß stehen. Den machen wir morgen."
    Aber nein, ich beharrte auf meine Spültätigkeit.
    "Willst du noch heim oder willst du hier schlafen?"
    "Ich glaube, ich kann nicht mehr fahren."
    "Ich mach dir ein Matratze zurecht."
    "Danke."
    Ich spülte weiter. Ich fragte mich, wo er die Matratze hinlegen würde. Es gab nur zwei Zimmer, seines und das von ihr. Sie kam herein und schaute entsetzt auf die Berge von Geschirr. Sie war blaß wie ein Rauhfasertapete. Im Gesicht herrschte Müdigkeit und eine Spur von Abgespanntheit.
    "Elisabeth, laß das. Wir machen das morgen."
    "Nein, ich zieh das jetzt durch."
    "Schläfst du hier?"
    "Ja, Andre macht mir eine Matratze zurecht."
    "Du kannst bei mir schlafen, wenn dich das nicht stört."
    Scheinbar arglos sagte ich:
    "Ja, warum nicht?"
    Sie ging hinaus und verhandelte mit Andre wegen der Matratze.
    Ich nahm einen Teller und tauchte ihn ein. Mein Blick verschwomm in dem Spülwasser.
    *Hör mal, Elisabeth, was willst du jetzt von ihr? Willst du dich mit ihr in ein Bett legen und mit ihr schlafen? Willst du das? Nein, will ich nicht. Aber was willst du dann? Sie streicheln. Sie über das kranke Bein streicheln. Aber sie hat doch gar kein verdammtes krankes Bein. Vielleicht der Rücken? Der kranke Rücken? Aber sie lebt doch verdammt gut damit.*
    Ich nahm den Teller und stellte ihn in den Geschirrkorb. Mechanisch wie in Trance spülte ich weiter und immer weiter, während meine Gedanken immer zu dieser verdammten Matratze huschten. Wie es wäre, wenn ich neben ihr läge. Ob sie auch nicht schlafen können würde? Schließlich war ich fertig. Ich hatte die Teller der gesamten beschissenen Party gespült. Dabei wollte ich das doch gar nicht. Ich haßte Küchenarbeiten. Ich trocknete meine Hände, dann ging ich hinaus in den Gang. Die beiden Türen. Ich wu?te, wo Andre schlief. Ich schaute kurz zu ihm hinein. Aber er schlief schon. Leise, wie ein Dieb, zog ich die Tür wieder hinter mir zu. Ich öffnete die andere Türe. Ein schwaches Licht.
    *War sie noch wach? Bitte, laß sie noch wach sein. Vielleicht könnten wir reden. Irgendwas, aber laß sie verdammt nochmal nicht eingeschlafen sein.*
    Ich sah das rote Haar auf den weißen Kissen. Wie ein Blutfleck, der sich langsam über einen Körper ausbreitete. Es war nicht ersichtlich, ob sie schon schlief. Ich tapste in das Zimmer auf leisen Sohlen. Dann zog ich mir die 501-Jeans aus, die Socken, den Rest ließ ich an. Ich haßte es zwar im BH zu schlafen, aber heute war sowieso alles anders. Dann drehte ich mich zu ihrem Bett um. Sie schaute mir zu. Ich biß mir auf die Lippen. Das war ja wie in einer billigen Peep-Show.
    *Mensch sag was. Ich hab sowas noch nie gemacht. Einen Ton von deinen Lippen. Ich habe verdammt nochmal noch nie mit einer Frau...*
    Sie schaute und schaute nur und sagte nichts.
    *Das kann nicht sein. Ich bin in einem schlechten Film. Was soll ich jetzt machen? Soll ich mich zu ihr legen? Oder soll ich meine dumme Matratze besteigen. Mensch, sag doch endlich was! Sonst bist du auch nie um ein Wort verlegen.*
    Kurz meinte ich, ich hätte ein Winken von ihrer rechten Hand vernommen. Aber da ich nicht mehr so ganz klar war, hätte es auch reine Einbildung gewesen sein können. Ich wußte auch nicht, wie ich sie hätte ansprechen sollen. Prof. Hahn wäre in jenem Moment wahrscheinlich falsch gewesen. Ich wußte zwar ihren Vornamen. Melanie. Ja, sie hieß Melanie. Aber sollte ich jetzt Melanie zu ihr sagen? Bloß weil wir zufälligerweise in einem Raum schliefen?


    Dann breitete sie ihre Arme aus und sagte:
    "Lissy, kommst du jetzt?"
    *Die war nun bestimmt keine Einbildung mehr. Das war real.*
    Ich trat auf das Bett zu in meinem schwarzen T-Shirt bekleidet und legte mich zu ihr. Und dann fing es an. Mein Herz pochte bis zum Anschlag. Ich wußte nicht, wie ich umgehen sollte mit dieser Situation. Sie begann, an meinem T-Shirt herumzufummeln. Ich konzentrierte mich auf ihr linkes Bein. Es war verdammt nochmal durchblutet. Ein normales Bein. Ich zwickte sie. Sie schrie:
    "Lissy, was machst du?"
    "Och, ich wollte nur dein Bein testen."
    "Warum machst du das?" raunte sie.
    "Ach nur so."
    Sie zog mir das T-Shirt aus und betastete meine Brüste.
    *Willst du das wirklich? Willst du, daß sie dir an die Brust geht? Soll ich sie jetzt ficken? Soll ich ihr meinen Finger reinstecken?*
    Ich tat es wirklich. Und sie kam auch.
    *Aber jetzt, laß mich verdammt nochmal in Ruhe. Ich will kein Getapse mehr auf meinem Körper. Andere haben schon zu viel kaputt gemacht.*
    Sie schlief auch tatsächlich ein. Und ich daneben pulsierte auf und ab.
    *Was war das? Ein geiler Fick? Was willst du von dem Menschen, der neben dir liegt. Das ist kein Mann, das ist eine Frau.*
    Ich strich ihr über die weiße Schulter. Aber mir fehlte jedes Gefühl von Zärtlichkeit. Es war nur eine Ausrede. Wie konnte ich nur? Ich sehnte mir den Morgen herbei und hoffte auf ein schales Etwas. Nur nicht das. Ich rollte mich weg von ihr und fiel auf meine Matratze.
    *Mensch Elisabeth, was ist mit dir los. Jetzt hast du es erreicht und nun das.*
    Ich schlug mich von einer Seite auf die andere, hoffte Schlaf zu finden, aber er war mir nicht vergönnt. Irgendwann gegen Morgen mußte ich doch eingedämmert sein. Denn als ich erwachte, war ihr Bett leer. Leiser Operngesang drang aus der Küche in das Zimmer.
  • 06.03.03, 21:43
    Patina

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    "Elisabeth"
    Sie hatte mich im Gang erwischt und am Ärmel gezupft. Mein Gehirn gefror unter ihrer Berührung, während mein Herz hüpfte. Ihre Hand auf meinem Ärmel! Die Berührung war nur kurz gewesen, ein Hauch, als ob jemand in jenem Moment eine Kerze ausgeblasen hatte. Dann der abgebrannte Docht. Eine Rauchsäule, die an die Zimmerdecke stieg. Ich spürte diesen Hauch ihrer Hand noch auf mir. Die Berührung hatte einen Abdruck auf meiner Haut hinterlassen. Ich war tätowiert. Tätowiert von ihr. Gebrandmarkt. Innerlich jauchzte ich.
    *Aber eigentlich will ich sie doch gar nicht. Ich mag ihren Hintern nicht. Aber doch. Nein. Ich will nicht.*
    Mein Lächeln wurde leblos.
    "Elisabeth, heute abend bei mir. Eine Party. Du kommst doch. Semesteranfangsparty."
    Ich starrte auf ihre vollen mit Lippenstift beschmierten Lippen.
    *Wie konnte heutzutage noch jemand Lippenstift auftragen? Das war doch völlig out.* Als sie lachte, zeigten sich rote Ränder auf ihren Zähnen. Das hatte sie davon. Die roten Ränder waren doch zu eklig. Verwirrt sagte ich:
    "Ja, ich komme. Wann?"
    "Ab acht?"
    Sie schaute mir mit diesem Grinsen, das so aufgesetzt wirkte, ins Gesicht.
    "Gut"
    Sie wandte mir ihren Buckel zu, darüber das lange dünne rote Haar. Ja, sie hatte einen Buckel, fast wie Rumpelstilzchen.
    *Herrgott Elisabeth, reiß dich zusammen, such dir jemand anderen. Hast du das nötig? Kannst du dir vorstellen, mit Rumpelstilzchen ins Bett zu gehen? Am liebsten hätte ich ihr hinterhergeschrien. "Dumme Sau, was fällt dir ein, dich in meine Gedanken einzuschleichen?"*


    Ich stand vor dem Spiegel, während mein Magen knurrte. Betrachtete mich von vorne. Meine dürren Beine in der beigen 501-Jeans. Oben meine große Brust. Sie war immer noch zu groß. Sie mußte noch kleiner werden. Aber wer weiß, vielleicht stand sie auf große Brüste. Ihre waren mittelgroß. Dann das Hinterteil. Mein Arsch winzig, ein kleiner Pflaumenhintern. Darüber die breiten Schultern. Fast männlich. Während ich mich betrachtete, schlürfte ich den ersten Weißwein. Dann ging ich nocheinmal in die Küche und starrte in den Vorratsschrank. All die Thunfischdosen. Ich hatte wirklich Hunger, aber ich klappte den Schrank wieder zu. Er schloß mit einem leichten Knarren.


    Als ich ankam, war die Party schon in vollem Gang. Ich kam immer zu spät. Ich haßte es, als erste aufzutauchen, zumal ich nie einen Salat oder sonstiges beisteuerte. Ich zahlte immer nur brav meinen Anteil. Ich haßte Küchenarbeiten. Das konnten die Anderen erledigen. Ich für meinen Teil fand es ok, daß ich nur bezahlte. Andre war gerade im Vorraum, als ich eintrat. Er jammerte mit entgegen:
    "Oh je, wo werde ich heute schlafen?"
    Ich strich ihm über die Schultern.
    "Keine Angst, irgendwann werden sie gehen."
    Ich stolperte zugleich über einen Haufen Mäntel und Taschen. Dann ging ich weiter, wollte sie sehen. Sie unterhielt sich mit den schwulen Brüdern aus Amsterdam. Bekannte Grafiker. Die roten Haare der Brüder leuchteten vor der weißen Wand. Wie oft hatte sie mir schon erzählt, daß sie es nicht in Deutschland aushalte und viel lieber in Amsterdam wohnen wolle?


    Natürlich traute ich mich nicht, zu ihr zu gehen. Statt dessen stellte ich mich mit einem Glas Weißwein bewaffnet in die Küche zwischen all die Leckereien. Was würde der Kalorienzahl einer Thunfischdose entsprechen? Vielleicht ein wenig Salat. Ich häufte auf meinen Teller ein paar Salatblätter. Das müßte reichen. Ich fraß sie gierig. Gerade als ich fertig war, tauchte sie in der Küche auf. Ich war froh, daß sie mich nicht Essen gesehen hatte. Ich fand es immer peinlich, wenn ich in jemand verliebt war und derjenige mich dann essen sah. Ich war schon leicht betrunken. Ich schaute ihr tief in die Augen, als ob ich darin etwas lesen könnte. Statt dessen stellte sie sich mit ihrem Rumpelstilzchenrücken hinter mich und begann, sich mit jemand anders zu unterhalten. Immer wieder stieß mich ihr Rücken an, wenn sie lachte. Und das tat sie oft. Ich hatte mir noch ein weiteres Glas eingeschenkt und genoß es, wie immer ihr Rücken mich anstieß. Haut an Haut. Nein, Pulli an Pulli.
    *Ich will deine Poren ermessen. Laß mich hinübergleiten in ein Land von Wärme. Bist du bereit?*


    Ich drehte mich um. Sie strich mir eine Haarsträhne aus meinem Gesicht.
    "Elisabeth, die stört."
    *Es war wieder nur ein kurzer Moment. Anhalten. Schreien. Seufzen.*
    Sie hatte sich schon wieder umgedreht. Einer der Amsterdambrüder war aufgetaucht. Auch ihm strich sie das Haar zurecht. Vielleicht machte sie das, wenn sie betrunken war! Dazu immer noch das Stoßen ihres Rückens, immer wenn sie lachte, immer gegen mich, gegen meinen Rücken.


    *Sie mit sechzig. Ein fauliger weiblicher Rücken an meinem, während wir uns das Bett teilten. Wollte ich das? Nein. Elisabeth besinne dich auf deine Reize und suche dir einen schönen Mann.*


    Gerade in jenem Moment trat einer ein. Das wärs doch. Trotzdem starrte ich zu ihr hinüber. Wie wärs, sie eifersüchtig zu machen? Tatsächlich, er kam auf mich zu. Er hatte elfenhafte lange blonde Haare. Wie Legolas in "Herr der Ringe". Ein richtiger Schönling. Er lächelte, als er auf mich zukam. Er verwickelte mich in ein tamtam. Tamtam. Ich konnte nur tamtam reden. Wir verschlossen in einem Raum, wo nur noch tamtam herrscht. Aber sie, sie dürfte zusehen. Kurz kam ein rosanes Wölkchen angeflogen, aber dann schaute ich wieder auf sie, ihr runder Rücken an meinen breiten Schultern geborgen.
    *Rumpelstilzchen reib mich, rob an meinem Rücken.*
  • 03.03.03, 10:12
    willieh

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    fehlt Zitrone, eindeutig..

    unne Knoblauch!!
  • 28.02.03, 23:41
    Pamina

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Original erstellt von Robert:
    Mir ist kein geistreicher Mensch bekannt, der sich nach heutigem Ermessen gesund ernährte, wohl aber weiß ich, daß Schiller faule Äpfel aß, Jean Paul Unmengen an Bier trank (wie überhaupt beinahe jeder große Dichter Alkoholiker war), Joyce nichts über sein Stew kommen ließ, Magdeburgs Guericke und Telemann nichts lieber aßen als faules, gepökeltes Fleisch (Bötel).

    Nicht zu vergessen La Mettrie, der nach dem Verzehr einer zu großen Trüffelpastete schlichtweg geplatzt ist...
  • 07.02.03, 13:57
    Achtpanther

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Robert, soll Pati etwa wie Du schreiben? Dann lieber schwatzhaft-amüsant
  • 07.02.03, 11:48
    Patina

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    So, ihr habt mich also als schwatzhaft bezeichnet. Aber solange es euch amüsiert, dann ist es doch gut. Das war ja schließlich mein einziges Ziel. Ich wollte mal einen lustigen Text schreiben.


    lg Patina
  • 07.02.03, 08:48
    rodbertus

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Das ist ja gerade ihr Naturell, Trist. Patina muß schwatzen. Und diese epische Breite, die nichts ausläßt, was ihr gerade in den Sinn kommt, die macht ihre Texte zuweilen amüsant, andererseits aber muß man viel Zeit mitbringen, sich ins Gesagte vertiefen, nicht zu sehr, schließlich will der flatterhafte Geist keine Vertiefung, sondern Bewegung. Und so zerstiebt, was gerade noch entstehen sollte.


    Vor dem Schreiben Plan machen. Dann Überschriften setzen, um sich selbst ein wenig zu zügeln. Das kann helfen. Viele kleine Überschriften, sozusagen Angelpunkte fürs Schreiben.
  • 06.02.03, 18:58
    Trist

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Liebe Patina,


    viel zu schwatzhaft, viel zu lang für zu wenig. Rein ins Bad, raus aus dem Bad, wieder rein, wieder raus, nochmal...


    Das Bild auf das es ankommt, ist dann wiederum zu flach geraten: Die Perücke sitzt perfekt, reicht nicht um mir Andre vorzustellen. Die Verwandlung wird zum Gerenne, statt sich bildhaft zu vollziehen.


    Lieben Gruß von
    Trist
  • 04.02.03, 19:48
    Patina

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Hab noch ein Stückchen weitergeschrieben...


    Gegen abend saß ich vor dem Rechner und stopfte mir meinen Thunfisch rein, immer mit dem Blick auf den Bildschirm. Einmal rammte ich mir die Gabel in die Wange. Welch garstiger Thunfisch! Gerade heute, wo ich mir den Luxus eines Tellers geleistet hatte. Plötzlich ging die Türklingel. Ich wurde panisch. Niemand durfte wissen, daß ich den Thunfisch massenweise in mich hineinfraß. Ich nahm den Aschenbecher und setzte ihn auf den leeren Teller. Darüber legte ich balancierend das Feuerzeug. Als ich aufstand segelte das Feuerzeug in das Thunfischöl. Langsam weiter balancierend ging ich zur Spüle. Ich stellte den Teller ab, fischte das Feuerzeug aus dem Öl und schleckte es ab. Hastig räumte ich den Teller in die Spülmaschine. Dann öffnete ich die Tür. Andre drückte sich im Türrahmen herum.
    "Darf ich reinkommen oder störe ich?"
    Nachdem die Thunfischreste beseitigt waren, konnte ich ihm eine Antwort geben.
    "Na klar, komm rein. Was hast du denn da für eine dicke Tasche dabei?"
    Er wand sich ein wenig.
    "Ist zum Verkleiden. Ich dachte, wir könnten heute ins Freibad gehen."
    "Was ist denn da drin?"
    "Zeig ich dir später."
    Er setzte sich mit einem Plumps auf den Küchenstuhl.
    "Hast du was zu trinken?"
    "Ich hätte einen Weißwein und einen Rotwein. Was ist dir lieber?"
    "Heute brauche ich was zum aufputschen. Weißwein?"
    Ich öffnete die Flasche und stellte zwei Gläser auf den Tisch. Eine etwas peinliche Stille trat ein. Ich hatte meinen Thunfisch noch nicht verdaut und Andres Verkleidungstasche lockte. Wir nippten bedachtvoll von dem Weißwein. Ich wußte, Andre würde die Stille beenden. Er meinte:
    "Mensch Lissy, hock nicht so verklemmt da. Ist dir eine Maus über die Leber gelaufen?"
    "Ne Maus wahrscheinlich nicht, eher ein Thunfisch. Zeigst du mir jetzt endlich, was du da in deiner Tasche hast?"
    Andre rückte auf seinem Stuhl hin und her. Dann nahm er noch einen Schluck Weißwein.
    "Weißt du, daß ich heute nicht aufs Klo gehen kann?"
    "Hähhh, wieso nicht?"
    "Erzähl ich dir später."
    Er nahm noch einen Schluck. Sein Glas war schon halbleer. Er drehte sich eine Zigarette und zündete sie sich an. Ich nahm mir eine aus meiner Schachtel. Wir schauten uns in die Augen, während wir rauchten. Andres Augen schauten belustigt. Ich bemerkte, daß seine Haare länger waren, als sonst. Um sein schmales Gesicht kringelten sich abartige Locken nach allen Seiten hin. In jenem Moment stellte ich mir vor, wie er wohl aussähe mit Haaren, die über die Schultern fielen.
    "Lissy, bist du noch da?"
    "Ich habe mich dir mit langen Haaren vorgestellt. Vielleicht würdest du mir dann gefallen."
    "Ich habe tatsächlich vor, mir die Haare wachsen zu lassen. Ich habe noch viel mehr vor. Wie wärs? Wir gehen jetzt deinen Kleiderschrank inspizieren."
    Wir standen auf und marschierten in mein Schlafzimmer. Andre riß die Türen des Schranks auf und begann zu wühlen. Er fand zuerst zehnmal die gleiche 501-Cordhose in unterschiedlichen Farben.
    "Fällt dir auch noch was anderes ein, als immer nur die gleiche Cordhose?" fragte er anklagend. Er wühlte weiter und fand das Blümchenkleid, das ich in Kombination mit Springerstiefeln und schwarz gefärbter Bundesjacke trug.
    "Das möchte ich anprobieren."
    "Tu dir keinen Zwang an, probier es."
    "Dreh dich weg. Das darfst du jetzt nicht sehen."
    Ich drehte mich weg.
    Als ich zurückschaute, sah ich die schmalen Schultern von Andre, darüber mein ärmelloses grünes Kleid mit dem weißen Margeritenaufdruck. Zuerst schaute er etwas hillfos in die Gegend. Dann blickte er in den Spiegel. Seine Schultern reckten sich. Wahrscheinlich kam er sich ziemlich gut dabei vor, wie er da in meinem Blümchenkleid stand. Ich schaute auf seine weißen dürren unbehaarten Schenkel in dem Minikleid. Dann sagte ich:
    "Andre, du bist zu dürr. Das Kleid steht dir nicht. Deine Schultern stechen hervor und deine Beine sind zu stacksig."
    "Magst du keine dünnen Frauen?"
    "Aber Andre, du bist ein Mann!"
    "Meinst du nicht, daß an mir eine gute Frau verloren gegangen ist?"
    Ich antwortete nicht und dachte nur, daß ich ein wenig eifersüchtig darauf war, daß er so dünn war.
    Er setzte sich in dem Minikleid wieder zurück an den Küchentisch.
    "Packen wir jetzt endlich deine Tasche aus?"
    "Noch einen Schluck Weißwein." Er trank das Glas in einem hastigen Zug. Dann ging er zu der Tasche. Das erste, was er hervorgrub, war eine schwarze Perücke, ganz in Suffragetenmanier. Sie hatte einen kurzen Pony und die Haare hingen halblang herab, als Andre sie auf seiner Hand balancierte.
    "Soll ich die jetzt aufsetzen?"
    "Ja, aber bitte. Das will ich jetzt sehen."
    "Aber meine Brille stört. Zuerst werde ich mir die Wegwerf-Kontaktlinsen einsetzen."
    Andre verschwand im Bad. Ich rauchte solange, nippte von meinem Weißwein und starrte in die Luft. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis er zurückkehrte. Als er schließlich ankam, tränten ihm die Augen.
    "Vielleicht war die Idee mit den Wegwerf-Kontaktlinsen doch nicht so gut. Die Dinger nerven."
    "Vielleicht mußt du dich zuerst an sie gewöhnen."
    Er setzte sich und goß sich das Glas voll.
    "Ok, ich trinke jetzt einen Schluck und warte ein wenig. Vielleicht wird es ja besser."
    Ich schaute ihm ins Gesicht. Ohne seine Brille kam er mir nackt vor. Wie ein glattrasierter Babypopo. Die tränenden Augen verbesserten sein Gesamtbild auch nicht gerade. Ich fragte mich, welche Frau sich in ihn jemals verlieben würde.
    Seine Augen hörten auf zu tränen. Und dann sagte ich:
    "So, jetzt möchte ich dich mit der Perücke sehen."
    Er stand auf wie ein Automat und verschwand im Bad. Da er ewig nicht herauskam, folgte ich ihm. Er stand vor dem Spiegel und zupfte sich das schwarze Haar zurecht.
    "Dieser Scheiß Pony. Der will nicht richtig sitzen."
    Ich fand, daß er schon ziemlich perfekt aussah. Vielleicht war er die Freundin, die ich mir immer schon gewünscht hatte.
    "Das ist gut so, Andre. Ist perfekt."
    Er zupfte weiter an dem Pony herum.
    "Das wird später sowieso wieder verrutschen. Laß es gut sein."
    "Ok, jetzt leihst du mir noch deinen Badeanzug. Meiner gefällt mir nicht."
    "Du willst meinen Badeanzug?"
    "Na und, was ist schon dabei. Komm rück ihn raus."
    Ich wandelte ins Schlafzimmer wie in einem schlechten Film und zog meinen Badeanzug aus der Schublade.
    "Hier, probier mal."
    "Jetzt mußt du rausgehen, Lissy. Ich präsentier dir das gleich. Einen Moment."
    Ich setzte mich wieder in die Küche und nippte an dem Weißwein. Kurz danach kehrte Andre zurück in meinen Badeanzug gekleidet.
    "Und, gehst du mit mir so ins Freibad?"
    Die Perücke saß perfekt auf seinem Kopf. Ich schaute auf seine Brust. Leichte Wölbungen zeigten sich. Und unten, wo sein Penis sein müßte war nichts.
    "Wo hast du die Brust her und wo ist dein Ding da unten?"
    "Die Brust ist Silicon und das Ding habe ich mir weggebunden. Gehen wir jetzt los?"
    "Ja, gut, das wird ein Spaß. Aber was ist mit deiner Stimme?"
    Er sang eine Tonleiter höher.
    "Ja, Lissy, sogar das kann ich."
    Wir setzten uns in mein Auto. Dazu hörten wir die "Farmer Boys". "Here comes the pain" dröhnte hölzern aus dem winzigen Lautsprecher. Als wir im Freibad ankamen, war schon Stille eingekehrt. Einige Schwimmer zogen ihre Bahnen. Wir setzten uns in die Kneipe am Rand des Pools.
    "Zuerst trinken wir was. Du kannst sowieso nicht schwimmen mit deinem hochgebundenen Ding und deinen Plastikbrüsten."
    "Ich könnte schon, aber das ist die Frage, ob ich das will", piepste er mit seiner angelernten weiblichen Stimme.
    Mir saß jemand anderers als sonst gegenüber. Das war kein Mann. Ich konnte mich schwer an den Anblick gewöhnen.
    "Ja, ja, immer souverän. Aber mal was anderes. Warum hast du eigentlich keine Freundin?" Er überlegte kurz und dann meinte ich, seine Kontaktlinsen stülpten sich ein Stück nach vorn. Ich dachte an einen Frosch, so sahen seine Augen jetzt aus. Er fing sich aber schnell und schlug dann zurück:
    "Die Frage könnte ich dir zurückgeben. Warum hast du keinen Freund?" Er hatte diesmal vergessen in seinen Singsang zu verfallen.
    Ich schluckte kurz und fühlte, daß ich mich aufs Glatteis begangen hatte.
    "Ddddas, das ist ein weiter Feld, ich will es hiermit nicht ausweiten."
    Glücklicherweise kam in jenem Moment der Kellner und wir bestellten zwei weitere Weißwein. Ich zupfte an dem Hacken der häßlichen Plastiktischdecke. Klammerte mich daran fest, als wollte ich ertrinken. Dieser dämliche Hacken war nur dazu da, daß das furchtbare Teil nicht davon entschwand. Ich zog mit einem Ruck. Dann hatte ich den Hacken in der Hand. Der Kellner entschwand und gab die Bestellung auf. Andre bohrte weiter.
    "So jetzt hast du den Haken in der Hand. Jetzt kannst du es mir sagen."
    "Erst, wenn du es sagst."
    "Bei mir gibt es nicht viel. Hatte immer Pech mit den Frauen."
    "Und jetzt, jetzt willst du es bei einem Mann versuchen?"
    "Das habe ich nicht gesagt."
    "Bei wem dann? Meinst du, du findest noch so einen Crossdresser, wie dich?"
    Er lachte. Seine winzigkleinen Zähne zeigten sich. Wahrscheinlich trug er noch die Milchzähne im Gebiß.
    "Nein, kein Mann, ich will eine Frau. Ich habe da auch schon eine im Auge."
    "Kenne ich sie?"
    "Aber nein, aber vielleicht wirst du sie demnächst kennenlernen."
    "Jetzt bin ich aber gespannt. Wie sieht sie aus?"
    Andres Stimme wurde verschwörerisch und er legte den rechten Zeigefinger an die Lippen.
    "Sie sieht aus wie Catherine Deneuve."
    Ich prustete los. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Andre eine Frau angeln sollte, die wie Catherine Deneuve aussah. Schon gar nicht, deswegen, weil er mir jetzt in Frauenkleidern gegenüber saß.
    "Weiß sie von deinen Verkleidungsspielereien?"
    "Nein, bis jetzt habe ich ihr nichts davon erzählt, aber ich bin mir sicher, sie wird es gut finden."
    "Warum glaubst du das?"
    "Sie ist hochintellektuell und treibt sich wie ich in der Kunstszene herum."
    Der Ober brachte unseren Weißwein und wir tranken in kräftigen Zügen. Der Wein lullte mich ein und das Geplätscher des Pools gaben mir Gelassenheit. Vielleicht sollte ich Andre doch von meinen Gedanken erzählen. Andre forderte mich erneut auf.
    "So, jetzt bist du dran."
    Ich starrte ihm entsetzt ins Gesicht. Dann prustete ich los.
    "Es ist Professor Hahn." Andre kannte sie, weil er mit ihr unter einem Dach wohnte. Professor Hahn hatte damals einem armen Kunststudenten, wie Andre einen Unterschlupf geboten.
    Andre faßte sich an den Kopf. Er kratzte so stark, daß die Perücke verrückte. Als die Perücke völlig schief saß, mußte ich laut lachen. Er schniefte und seine Froschaugen traten wieder hervor. Dann sagte er:
    "Das hättest du mir auch schon länger erzählen können. Dann hätte ich dir auch von meinen Verkleidungsstücken erzählt. Vielleicht bin ich jetzt auch ein wenig beleidigt."
    "Aber du hast mir von Catherine auch nichts erzählt", entgegnete ich.
    "Ok, was willst du von Professor Hahn?"
    "Ich habe keine Ahnung, sie macht mich nur an."
    "Wie macht sie dich an, kannst du dir vorstellen mit ihr zu schlafen?"
    Ich wand mich auf dem windigen Gartenstuhl und wäre fast heruntergefallen, da ich schon etwas angetrunken war, als ich antwortete:
    "Nein, irgendwie nicht, aber sie macht mich irgendwo doch an. Es ist so ein komisches Gefühl in meiner Magengegend, das ich nicht beschreiben kann. Ich weiß nicht, was es ist. Es ist etwas anderes. Ich habe das seither nur einmal erlebt, dieses Gefühl mit einer Frau."
    "Lissy, du siehst müde aus, sollen wir gehen?"
    Ich schaute ihm dankbar ihm die Augen. Ich hatte schon zu viel von mir preisgegeben. Wir zahlten und ich fuhr mein Auto vor meine Wohnung, wo Andres Auto parkte. Als wir ausstiegen, umarmte er mich ganz fest. Ich spürte kein hartes Ding. Und dann erinnerte ich mich:
    "Du warst immer noch nicht auf dem Klo? Schaffst du es bis nach Hause?"
    "Es drückt ein wenig, aber ich schaffe es."
    "Viel Glück mit Catherine."
    Er raunte, als er im Auto war:
    "Mach dir keinen Kopf wegen Professor Hahn und denke an Männer wie mich" Dabei grinste er. Ich wollte ihn noch anhalten, ihm hinterherschreien, aber da war er schon verschwunden.
  • 27.01.03, 20:22
    Achtpanther

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Vielleicht sollten wir die Sekundärdiskuusionen lieber im "Spruchreif" führen!?
  • 27.01.03, 08:48
    Patina

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Hallo allerleirau,
    danke für die Aufmunterung. Ich werde weiterschreiben. Fragt sich bloß, wann. Bin gerade noch in anderen Projekten verbuddelt.


    Hallo Hannemännchen,
    ja ich werde den letzten Absatz streichen und ihn anders verpacken irgendwann im Fortlauf der Geschichte.


    Hallo Robert,
    vielleicht könntest du auch einmal einen Standpunkt erörtern.


    lg Patina
  • 26.01.03, 19:22
    rodbertus

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Mir ist kein geistreicher Mensch bekannt, der sich nach heutigem Ermessen gesund ernährte, wohl aber weiß ich, daß Schiller faule Äpfel aß, Jean Paul Unmengen an Bier trank (wie überhaupt beinahe jeder große Dichter Alkoholiker war), Joyce nichts über sein Stew kommen ließ, Magdeburgs Guericke und Telemann nichts lieber aßen als faules, gepökeltes Fleisch (Bötel). Im Gegensatz dazu kenne ich eine ganze Menge junger Leute, die kein Fleisch essen, aber dafür mit allerlei Krankheiten gezeichnet sind - vor allem Haut- und Knochenkrankheiten -, von ihren eingefallenen Gesichtern ganz zu schweigen.
    Woran liegt's? An der Verleugnung ihrer Natur. Nichts ist für den Menschen gesünder als seiner Natur gemäß zu leben und zu essen; nichts ist ungesünder, als sich über den Verstand zu Kasteiungen zu zwingen und sich dann auch noch im Laufe der Jahre einzureden, daß dies okay sei.
    Wohlgemerkt, nur so. Wenn aber jemand Ekel angesichts von faulem Obst hat oder auch einen gut eingesalznes Stück Schweinearsch nicht essen möchte, so ist das immer noch seine Sache. (Ich mag beispielsweise keine Süßwasserfische.) Mir gehen diese Idioten auf den Geist, die das Rauchen und Fleischessen beinahe zu Verbrechen machen, dagegen in moralischen Dingen eine gepflegte Indifferenz an den Tag legen, die mir sehr zuwider ist.


    Nehmt alles nur in allem - ich bin ein Epikureer.


    Aber über den Text habe ich damit noch gar nichts gesagt.
  • 26.01.03, 18:59
    Hannemann

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Robert in Bezug auf Ernährung anzusprechen ist genauso wie einem Totengräber die Wiederbelebung zu lehren. Für ihn tut es ein Wochen alter, in leichter Verwesung befindlicher Bötel, wenn jener nur begleitet von reichlich Spülung mit Gerstensaft.
    Ihn allerdings zu fragen, in welchem Jahrhundert er lebt, ist völliger Schafscheiß! Dem Geist und Körper zuträgliche Nahrung hat es schon immer gegeben für die jenigen Jünger, welche verständigen und geschmackigen Gaumens.
    Soll aber auch eine Frage der Gene sein. Und einem Robert, dem das Gen gegeben, feste Manifeste zu verfassen, muß es einfach an einem anderen mangeln.

    Entschuldige, Angestaubte, wegen meiner Ehrenrettung unseres Genies. Tu Du aber schön schreiben, so wie zum Anfang dieser Geschichte, denn das war endlich mal gut. Kriegst auch von mir ein Gutti, irgendwann zur Birnbaumblüte.
  • 26.01.03, 15:59
    allerleirau

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Soso, unsere Ernährung hat keinen Einfluss auf unser Befinden, auf unser Fühlen, unser Denken ... Herr Robert, in welchem Jahrhundert leben Sie?
    http://www.dr-kroiss.at/Depression.htm


    Patina: Sie sollten diesen Text unbedingt weiterschreiben - und sei es nur als eine Form von Therapie.
  • 25.01.03, 21:56
    Patina

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Liebe Trist,
    deine Anmerkungen sind goldwert. Ich werde das ganze in ein Gespräch mit der Eule verknüpfen, damit es so komisch wirkt wie zuvor. Vielleicht können die Dinge so ihren Verlauf nehmen. Mal sehen, was daraus wird.


    In puncto Abschied habe ich noch keine Entscheidung getroffen. Mr. Jones hat versprochen, das Ganze mit mir zusammen zu überarbeiten. Vielleicht wird ja doch noch ein Goldstück daraus. Wer weiß? Man muß eben viel arbeiten.


    Demnächst geht's weiter. Weiß bloß noch nicht, wann ich die Zeit dafür habe.


    lg Patina
  • 25.01.03, 18:47
    Trist

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Liebe Patina,


    schön, dass du in Sachen Abschied eine Entscheidung getroffen hast. Ich hätte dir eh nicht raten können.


    Dieser dritte Teil hat gute Stellen, die an die Stimmung der ersten beiden anknüpfen können. Die Überlegung, ob sie in das Bein der Tante stechen soll, zum Beispiel. Grundsätzlich ist er jedoch in einer anderen Stimmung geschrieben, die mir nicht mehr so behagt, weil sie abweicht und damit unstimmig wird. Du schlüpfst hier in die Kinderrolle. Bleib die junge Frau. Auch sprachlich. Inhaltlich sowieso.


    Lieben Gruß von
    Trist




    [Diese Nachricht wurde von Trist am 26. Januar 2003 editiert.]
  • 25.01.03, 11:46
    Patina

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Ja, der letzte Teil ist noch am argen. Den werde ich vielleicht weglassen und woanders weiterschreiben. Mal sehen, wohin es mich trägt.


    Thunfisch schmeckt übrigens auch noch ganz gut mit Kapern, Radicchio und weißen Bohnen (auch aus der Dose, aber es müssen die ganz großen dicken sein.) Dazu ein Essig-Öl-Sößchen.
  • 25.01.03, 11:27
    rodbertus

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Das ist das Argument von allen Dickbäuchen, Peter.
    Ich las von einer Frau, die sich nur von Tee ernährt. Wahrscheinlich ist sie psychotisch. Und früher gab's Wasser und Brot. Nix mehr. Auch keine Psychosen, vielleicht ausfallende Zähne und Haare, aber keine Psychosen.

    Ich glaube, daß der Körper sich aus dem Zugeführten das nimmt, was er eben braucht. Zur Umwandlung in Lebensenergie. Bei normaler Ernährung, also eben dem, was einem schmeckt. Dieses bewußte Ernähren ist wohl Kokolores, ein Märchen, das man Kindern erzählt, um sie ruhig zu halten. Aber ich stimme Dir insofern zu, als daß wir mit dem "Woyzeck" eine literarische Figur haben, in der Beschränkung auf ein Nahrungsmittel böse Folgen hatte.

    Essen und Psychosen. Was für ein Thema! Maultiere und ihre Ausdünstungen. Fliegen und ihr Hang, Ellipsen zu fliegen. Das Balzverhalten von Rentieren in ihrem Sachbezug zum Blattfall um 1923. Ich kenn da noch mehr.
  • 25.01.03, 10:53
    Achtpanther

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Die Anfänge der Geschichte fand ich sehr, sehr interessant geschrieben, im letzten Teil läßt du nach. Schade.


    Ich frage mich schon länger, führt Mangelernährung in die Psychose, oder iss sie nur ein Symptom dafür!?


    Mein Vorredner vergaß- d.h., setzte wohl als selbstverständlich vorraus: frischen, tiefroten Nichtdosenthun. Wenn möglich roh.
  • 24.01.03, 22:30
    Hannemann

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Hhhmmmmmh, weiß nicht, fing irgendwie gut an, um nun nur das übliche Ichbinaußergewöhnlichweilichaußergewöhnlichese rlebt. Dabei hat jede Tussi son Koffer im Schrank


    Liebste Angestaubte, ich empfehle Dir den Thunfisch mit ein paar Tropfen von einer reifen Limone, bestem Olivenöl und frisch gemörsertem Pfeffer. Vielleicht hilft's.
  • 24.01.03, 20:10
    Patina

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Hallo liebe Trist,
    schön, daß es mir gelungen ist, dich an der Angel zu halten.
    Was meinst, soll ich meinen Abschied in den Müll kippen und nur hier dran weiterschreiben?
    Mit dem Abschied habe ich noch einen Haufen Arbeit, sodaß dieser Text zuerst einmal ein Weilchen ruhen müßte.
    Bitte sag mir ehrlich deine Meinung.


    Ganz liebe Grüße von Patina

    Hier noch ein Stückchen. Hoffe der Selbstzerstörungsfaktor ist noch drin. Vielleicht könnte Robert ein wenig Textarbeit wagen. Der Abschied ist vorbei. Ist nun in den Händen von Mr. Jones in einem Geheimforum. Vielleicht bekommt ihr hin und wieder ein Häppchen davon serviert.

    Meine Mutter verfrachtete mich oft zu Tante Myriam und Oma. Jedesmal, wenn sie genervt von mir war, mußte ich in das kleine Häuschen im Henkersgraben. Oma und Tante Myriam hatten die winzige Wohnung bezogen, nachdem sie jahrelang in einem Lager gelebt hatten. Trotz des Lagerlebens war die Wohnung sauber und aufgeräumt. Meine Oma bezog stets den Tisch mit einem weißen Leinentuch, so als ob sie einer Leiche das letzte Bett schenkte. Wenn ich auf dem noppigen hell gepolsterten Sofa saß, schaute ich zuerst nach hinten und begutachtete das kleine Foto von mir, wie ich als dürrer Hänftling am Meer in einem türkisgrünen Badeanzug gekleidet in den Wellen stand. Der Rahmen war mit Perlen bestückt. Tante Myriam und Oma hatten in ihrem Leben niemals das Meer gesehen. Das fand ich schade. Dann ging mein Blick zu dem wackligen Schallplattenspieler. Dort daneben hatte Tante Myriam die schönsten Singles verborgen. Ich kannte sie auswendig. Zuerst bat ich Tante Myriam, Nana Mouskouri aufzulegen. Tante Myriam humpelte heran und legte die Platte auf den Teller und setzte den Tonarm auf. Ich nahm derweil das ausgefranste Cover der Single in die Hand und begutachtete Nana Mouskouri. Das Porzellangesicht hinter der dicken schwarzen Brille trat mir entgegen. Und dann schmetterte Nana Mouskouri in ihrer durchdringenden Stimme: "Weiße Rosen aus Athen." Ich lauschte und war ergriffen von soviel Pathos, das in ihrer Stimme lag. Danach folgte das übliche Programm. Mireille Matthieu mit ihrem deutsch-französischem Akzent, Abba und Cindy und Bert, manchmal auch Udo Jürgens. Den fand ich nicht mehr so spannend. Männer lagen mir von Anfang nicht richtig. Ich fand nur Tante Myriam gut, obwohl sie humpelte und dieses Ungetüm von Schiene tragen mußte. Tante Myriam war dünn. So dünn, daß meine Mutter sie haßte. Wenn ich heute die beiden Gesichter in einer Computercollage nebeneinanderlegen würde, würde das Gesicht meiner Mutter zu einer Kugel anschwellen, während Tante Myriam nur als leichter tonloser Schatten der Unterwelt hervortreten würde. Tante Myriam sagte immer, sie dürfe nicht dick werden, da sie sonst das Gewicht auf der Schiene nicht mehr tragen könne. Deshalb aß sie vornehm wenig wie ein Spatz.

    Wenn Tante Myriam in ihr kleines Räumchen ging, um ihren Mittagsschlaf zu halten, folgte ich ihr und beobachtete aufmerksam, wie sie ihre Schiene aufband. Ich war jedesmal erschreckt darüber, wieviele Scharniere, Bänder und Knöpfe sie öffnen mußte, bis endlich das tote dünne Beinchen erschien. Es war leblos wie ein toter weißer Haifisch. Sie mußte immer beide Hände benützen, um das Bein auf das Bett zu hieven. Und dann lag es da, so weiß wie das Bett. Ein nutzloser Klumpen Fleisch. Manchmal fragte ich mich, ob in jenem Körperstück noch Blut floß, da es so hell war. Am liebsten hätte ich eine Nadel in die Hand genommen, hätte in das Bein gepiekst, um zu testen, ob dort Blut kam. Natürlich tat ich das nicht. Ich war ein überaus anständiges ruhiges Kind. Tante Myriam legte sich dann hin und las in einem kitschigen Liebesroman. Ich fragte mich immer, warum sie Liebesromane las, da ich nie in ihrem Leben einen Mann gesehen hatte. Wenn ich meine Mutter darauf ansprach, warum Tante Myriam keinen Mann hatte, sagte sie stets, daß das wegen ihres Beines sei. Dabei war Tante Myriam schön, so schön, daß ich mir gewünscht hätte, sie wäre meine Mutter.

    Bis Tante Myriam wieder aufstand mußte ich mich gedulden. Des öfteren holte Oma die Knopfsammlung hervor. Ich kippte den Inhalt der goldenen Dose mit den Verzierungen auf einmal auf die Tischdecke und begann in dem Meer der Knöpfe zu wühlen, als ob ich einen Schatz in den Händen hielte. Ein Knopf war farbenprächtiger als der andere. Die perlmuttfarbenen leuchteten, wenn man sie gegen das Licht hielt. Es gab winzigkleine und riesengroße. Wenn ich die dicken fetten aufnahm, malte ich mir aus, es sei ein Fünfmarkstück. Die kleinen zierlichen flutschten zwischen meinen ungeschickten Fingern davon. Und Oma wußte zu jedem Knopf eine neue Geschichte. An welcher Bluse, an welchem Kostüm er gehangen hatte. Ich war mir damals sicher. Oma würde, wenn ich groß wäre, die Geschichte des Knopfs schreiben. Leider hat sie es nie getan.
  • 22.01.03, 20:51
    Trist

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Ja, ich war ungeduldig, liebe Patina. Nun lese ich gerne weiter und bin gespannt worauf das Ganze hinaus läuft. Hast mich an der Angel, das gelang dir bisher noch nicht.

    Lieben Gruß von
    Trist
  • 22.01.03, 08:54
    Patina

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Hier noch ein Stück....


    "Was beißen Sie da auf Ihren Lippen herum? Erörtern Sie mir jetzt endlich Ihr Problem?" Ich ruderte wie ein Fisch unter Wasser, um langsam an die Oberfläche aufzutauchen. Dann schaute ich in ihre fiese Fresse.
    "Wissen Sie, ich hatte auch schon verdammt guten Sex. Leider war er verheiratet. Vielleicht war es auch deswegen umso besser."
    Frau Dr. Wagner wurde ernst, legte ihren Kuli zur Seite und fragte:
    "Beschreiben Sie mir diesen Mann genauer."
    "Er hatte schwarzes Haar, einen Schnauzer und war zwanzig Jahre älter als ich."
    "Zwanzig Jahre?" Die Eule kippte fast von ihrem Sessel.
    Ich ließ mich nicht beirren und fuhr fort:
    "Ich habe ihn damals, als ich 25 Jahre alt war, an meiner Arbeitsstelle kennengelernt. Ich lernte in einem großen Verlag Werbekauffrau."
    "Welcher Verlag?"
    "Das steht hier nicht zur Diskussion. Und das sollte Sie auch nicht interessieren, als mein Therapeut."
    Die Eule schnappte in der Luft nach dieser Bemerkung.
    "Ich hatte eine Miniwohnung, in der er mich regelmäßig immer nur für eine Stunde besuchte. Nach dem Sex hat er sich regelmäßig seine Hände mit Niveacreme eingeschmiert. Seine Frau sollte nichts riechen. Er hatte mir strengstens verboten, Parfüm zu tragen. Vielleicht kam der Sex auch doch nicht ganz so gut. Ich habe ihm immer nur sein Ding gelutscht. Danach raste ich mit meinem Fahrrad herum mit dem Walkman auf dem Kopf und hörte "What a feeling."
    "Hat das Ihnen Spaß gemacht? Ich meine, sein Ding zu lutschen."
    "Irgendwie schon, aber ich kam mir damals etwas erniedrigt vor. War schon etwas unbefriedigend. Schließlich sah er auch fast aus wie ein Zuhälter mit seinem fetten Goldring an der linken Hand."
    "Hatten Sie jemals einen Orgasmus, während Sie Sex hatten?"
    Ich mußte stark in meiner Erinnerung kramen und stieß dann stotternd hervor, es sei immer auto, ja autoerotisch gewesen. Am liebsten hätte ich mir jetzt eine Zigarette angezündet. Aber die Eule hatte, wie sie mir vor kurzem gestanden hatte, das Rauchen aufgehört. Ich schaute nur diesen Aschenbecher an auf ihrem Schreibtisch, in dem sich eine Zigarette befand, die noch die Reste des rosanen Lippenstifts der Eule trug. Ich wagte nicht zu fragen, ob ich rauchen durfte und schlug die Beine mit einer vehementen Bewegung übereinander, während ich meine rechte Hand, mit der ich normalerweise rauchte, unter dem rechten Schenkel begrub.
    "Was sitzen Sie so verklemmt da? Meinen Sie, daß mich dies schockt? Ich habe schon viel mehr erlebt. Soll ich Ihnen eine Spritze in den Hintern jagen, um Sie ruhig zu stellen?"
    "Wissen Sie was? Sie würgen mich ab! Sie sind eine Schlange. Sind Sie sicher, daß wir unsere Arbeit fortsetzen sollten?"
    "Es ist nicht meine Arbeit, es ist Ihre Arbeit."
    "Ich dachte immer, zwischen Therapeut und Patient findet etwas gemeinsames statt."
    "Ich lasse mich da nicht hineinziehen. Ihre Probleme sind Ihre Probleme. Ich kann sie analysieren. Aber ich werde sie nicht zu meinen Problemen machen."
    Meine Beine schwankten leicht, als ich entrüstet aufstand. Dr. Wagner fragte, ob sie mich wiedersehen würde. Ich sagte leicht von oben herab - ich hätte auf ihren kurzgeschorenen Kopf spucken können - ob sie das tatsächlich wolle.
    "Wissen Sie, Sie haben da einen schönen Pulli an."
    Ich kotzte auf diese Bemerkung und ließ mir bei der Sprechstundenhilfe den nächsten Termin geben. Die Krankenkasse würde den ganzen Spaß bezahlen. Was gab es mehr? Frau Dr. Wagner war mein Versuchskaninchen, nicht ich das von ihr. Ich würde sie solange reizen, bis sie genauso krank werden würde wie ich. Wahrscheinlich war ich therapieunfähig. Ich habe es später noch einmal bei einem Mann versucht. Dort drehte ich auch die Rollen um.


    Ich setzte mich mit einem leicht hämischen Grinsen ins Auto, nahm die Sonnenbrille und sah, daß an ihr immer noch der Kaugummi klebte. Ich würde die Brille nicht mehr brauchen. Der Abend war angebrochen. Ich flog einer Feuersbrunst entegen. Mein Magen hüpfte in Vorfreude auf die Thunfischdose. Als ich daheim ankam, stellte ich mich zuerst auf die Waage. Da sie zufriedenstellend ausschlug, fraß ich den Inhalt der Dose im Stehen, abgestützt auf das Sideboard in der Küche über der Spüle. Ich mußte ständig denken: Essen im Traum bedeutet immer Sexualität. Ich würgte. Der Fisch erschien mir noch trockener als sonst. Fast hätte ich mich erbrochen. Es war so, als ob ich mir meine Zahnbürste zu tief ins Maul gesteckt hatte, um an die hinteren Zähne dranzukommen. An jenem Abend beschloß ich, mir eine Zahnbürste mit Kurzkopf zu kaufen. Danach ließ ich fünfmal die gleiche CD laufen. Randy Crawford. Dazu hing ich in meinen Gedanken an Professor Hahn. Wahrscheinlich habe ichs mir auch noch gemacht. Ich weiß es nicht mehr.


    Das Schulgebäude lag in einem weitläufigen Park. Als ich es betrat, senkte sich unwillkürlich diese Krankenhausluft auf mich herab. Weite tote Gänge, aus denen sich hier und da ein schlurfender Student erhob. Meine Springerstiefel klackten auf dem Linoleumboden, als ich in Richtung Klassenzimmer steuerte. Ich sah Professor Hahn schon von weitem. Sie hatte ihre dünnen langen Haare knallrot gefärbt. Meine Schritte wurden etwas verhaltener. Mir fehlte der Atem, mit dem ich sonst immer durch die Gänge fegte. Jetzt konnte ich ihre Brille sehen. Diese Professorenbrille mit dem dicken schwarzen Gestell. Sie trug wie immer ihren Minirock, darüber ein schwarzes Jacket. Für meinen Geschmack hatte sie einen etwas zu breiten Hintern, aber vielleicht erinnerte mich ja gerade jener an das Hinterteil meiner Mutter. Mein Po war dagegen fast nicht zu sehen. Sie kam direkt auf mich zu und als wir stehenblieben, verwickelte sie mich in ein Gespräch über das bevorstehende Semester.
    "Frau Wolf, haben Sie schon ein Thema?" posaunte sie in ihrer Berliner Schnauze.
    "Ich, ähh, ja überlege mir, ein Frauenthema zu wählen."
    "Wissen Sie schon genaueres?"
    "Vielleicht wird es die Kunst und das Abjekte. Ich dachte, ich könnte Eva Hesse mit Joseph Beuys vergleichen."
    Sie lachte. Wenn sich ihr Mund zu diesem breiten Grinsen verzog, sah es immer so aus, als ob ihr das Lachen im Mund festgefror. Sie lachte immer über meine Arbeiten. Das gefiel mir. Und wenn ich einen Lacher hatte, war ich auf der sicheren Seite. Sie klopfte mir auf die Schulter und sagte, daß sie weitermüsse in ihr Zimmer.


    Als sich alle versammelt hatten, trat Professor Hahn in die Klasse. Neben mir zischte Thomas:
    "Ich verwette meinen Kopf darauf, sie ist eine Lesbe."
    Mein Kopf glühte wegen der Bemerkung. Trotzdem versuchte ich mich darauf zu konzentrieren, was Professor Hahn sagte. Sie schwallte etwas davon, daß sie in diesem Jahr strengere Seiten aufziehen wolle. Diesen Satz sagte sie mit ihrem breitesten Grinsen. Thomas raunte zu seinem Nachbarn:
    "Habt ihr dieses fiese Grinsen gesehen? Ich glaube, sie ist nicht ganz bei Trost. Der ist doch das Lachen im Mund festgepappt."
    Dann begann, Professor Hahn in die Runde zu fragen, ob wir uns schon ein Thema gesucht hätten. Als ich an die Reihe kam, mein Thema zu erläutern, lief ich rot an wie der vergiftete Apfel in Schneewittchen. Ich stotterte herum. Es war mir doch zu peinlich vor der Klasse mein Frauenthema zu erörtern. Deshalb sagte ich nur, daß ich Eva Hesse mit Joseph Beuys vergleichen wollte.
    Danach war Pause und ich verzog mich in die Cafeteria, um mir ein belegtes Brötchen zu ergattern. Wie immer hatte ich nichts gefrühstückt. Das letzte, was ich gegessen hatte war der Thunfisch gestern abend. Gerade als ich in meinen Wurstsemmel biß, sah ich im Augenwinkel, wie Professor Hahn sich eine Handvoll Erdnüsse in den Mund stopfte. Ich dachte nur, daß davon ihr Hintern auch nicht besser werden würde. Ich ließ meinen Ring zwischen dem Mittelknochen und dem Ende des Fingers hin- und herpendeln. Jedesmal, wenn mir dies gelang, hatte ich ein zufriedenstellendes Gewicht. Ich grinste innerlich. Eigentlich konnte mir doch Professor Hahn ziemlich egal sein, solange ich schlanker war als sie. Um mich noch richtig zu bestätigen, ging ins Schulklo und betrachtete mein Gesicht. Unter den kurzgeschorenen platinblond gefärbten Haaren lachte mir ein dunkelbraunes schmales Gesicht entgegen. Warum haßte ich Professor Hahn nicht, da sie so eine blasse Haut und einen dicken Hintern hatte?
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