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Thema: Israel von den Anfängen bis zum Jüdischen Krieg (um 70) - Jesus

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  • 15.05.15, 10:54
    aerolith

    Israel von den Anfängen bis zum Jüdischen Krieg (um 70) - Jesus

    In Palästina breiteten sich um 1050 v.Chr. die Philister aus. Dieser Stamm operierte von der Inselfestung Tyros (östliches Mittelmeer) aus, griff immer wieder israelische Siedlungen an und war von diesen nicht zu besiegen. Die Stämme Israels begriffen, daß sie etwas verändern mußten und nahmen eine Strategieänderung vor: Sie schlossen sich zusammen und wählten um 1010 v.Chr. Saul zu ihrem König. Saul konnte anfangs Erfolge erzielen, mußte dann aber nach einem Gegenangriff der Philister in der Schlacht am Berge Gilboa deren Übermacht anerkennen. Saul folgte David, der erfolgreicher blieb und das Gebiet Israels westlich und östlich vom Jordan ausdehnen konnte. Davids Sohn Salomo erntete die Früchte der Politik seines Vaters. Um 950 v.Chr. begann der Bau des Tempels [1], den Bauleute der Philister leiteten, was bedeutet, daß um 950 v.Chr. entweder die Stämme Israels die Philister beherrschten oder genug Geld besaßen, um sich diese teuren Fachleute leisten zu können. Beides deutet auf den Machtzuwachs Israels hin. Salomo gilt als weise, wohl auch, weil er Israel zwischen Philistern und Ägyptern nicht nur behaupten konnte, sondern auch regen diplomatischen und wirtschaftlichen Austausch mit diesen Großmächten pflegte. Nach etlichen Jahren Wohlstands müssen Salomo die Zügel entglitten sein, anders ist es kaum zu erklären, daß sich schon bald nach seinem Tod Israel in ein Nord- (Israel) und ein Südreich (Judäa) teilte. Um 930 v.Chr. zog der Pharao plündernd durch Israel. Die instabile politische Situation ließ auch die alten religiösen Kämpfe wieder aufflammen: Jahwe (Monotheismus) gegen Baal (Polytheismus). Als die Assyrer um 840 v.Chr. die Herrschaft an sich rissen, war der Kampf nicht entschieden, zumal die Assyrer eher zum Baal-Kult neigten. Unter König Josia (um 630 v.Chr.) wird das Deuteronomium (das 5. Buch Moses) als Gesetzbuch des Volkes Israel eingeführt, d.s. die Sagengeschichte, die Geschichte der Landnahme und der Königszeit. Damit einher ging die Mär der Erwähltheit des Volkes Israel (Kahal), das über alle anderen Völker gesetzt sei: „Denn du [Moses] kommst nicht herein, ihr Land einzunehmen, um deiner Gerechtigkeit und deines aufrichtigen Herzens willen; sondern der Herr, dein Gott, vertreibt diese Heiden um ihres gottlosen Wesens willen, daß er das Wort halte, das der Herr geschworen hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob.“ (5. Mose, 9.5)

    Stufe I: die Vergötterung von freundlichen oder feindlichen Naturkräften resp. Tieren, die besonders auf die Einbildungskraft wirken (Löwe, Adler, Maus, Katze, Hund, Falke...);

    Stufe II: der Glaube, daß es im Menschen und in Dingen etwas vom Stoff Verschiedenes gibt, das nicht zusammen mit dem Stoff untergeht und weiterlebt, entweder in anderem oder in einer Art Warteschleife auf einen passenden Wirt harrend.

    Das Jahr 586 v.Chr. bildet eine Zäsur, einen Fluchtpunkt [2] in der Geschichte Israels. Nebukadnezar zerstörte [nach Meinung vieler] den Tempel, tötete 200000 Juden und besiedelte das Land neu mit Völkern aus dem Osten. Ein paar reiche Juden nahm er mit nach Babylon; ein paar Versprengte verschlug es nach Ägypten, Karthago und Griechenland, wo sie politisches Asyl erhielten oder aufgrund familiärer oder geschäftlicher Bande aufgenommen wurden.
    Im Exil prägten die Juden nicht nur ihren Monotheismus vollends aus, sie erfanden auch eine Vielzahl von Regeln, um sich von den anderen zu unterscheiden. Hesekiel ist da zu nennen, einer aus dem Priestergeschlecht der Zadoks. Sabbat (keine jüdische Erfindung), Essenfolge, Beschneidung, Reinigungsvorschriften und Berührungsverbote (Tabus)... All das war an einen messianischen Gedanken gekoppelt. Im babylonischen Exil entwickelten die Juden ihre Eigentümlichkeit und zudem den Gedanken an eine Rettung durch einen Abgesandten Gottes, den Abgesandten Gottes, der sie heimführen würde in ihr gelobtes Land. Die Scheidung von den Nichtjuden war im Exil notwendig, um nicht unterzugehen. Andererseits spricht aus dieser Grundhaltung Dünkel, zumal die Juden diese Scheidewand zu den Nichtjuden konsequent durchhielten und es nicht zuließen, daß sich ein Nichtjude an ihren Tisch setzte und mit ihnen zusammen aß.
    Die Rückkehr nach Israel um 530 v.Chr. nahmen 30000 Männer und 12000 Frauen in Angriff. Der Perserkönig hatte Babylon unterworfen und den Juden die Rückkehr in ihre Heimat erlaubt. [3] Man siedelte um Jerusalem und nahm fremde Frauen, was gegen das mosaische Gesetz war und seit dem Propheten Esra (ab ca. 450 v.Chr.) auch zu vielen verstoßenen Kindern nichtjüdischer Frauen mit jüdischen Vätern führte. Esra und Nehemia, zwei persische Beamte jüdischer Herkunft, errichteten eine persische Provinz namens Israel, die als eine Art Kirchenstaat in Persien existierte. Im Laufe der Jahrhunderte verband sich das eindringende Griechentum mit den jüdischen Lehren. Es entstand das Aramäische, eine Sprache, die Jesus als Muttersprache lernte und die seinerzeit in Palästina als Hauptidiom gesprochen wurde. Mit der Erlernung dieser vermittelten Sprache erlernte Jesus die Vorstellungen jüdischer Rabbiner und griechischer Philosophen gleichermaßen kennen, allerdings ist es „sehr unwahrscheinlich, daß er durch die Schulen der Rabbinen gegangen ist; nirgendwo spricht er wie einer, der sich technisch-technologische Bildung und die Kunst gelehrter Exegese angeeignet hat“ (Harnack); besonders Platon wurde rezipiert, denn der hatte schließlich den Philosophen den ersten Platz im Staate eingeräumt und die Welt durch einen Demiurgen entstehen lassen. Ob aber Jesus dieses Denken annahm, ist zu bezweifeln: Schnittpunkte zum Griechentum gibt es nur im Punkte des religiösen Individualismus, im Betrachten des Spannungsfeldes aus Seele, Gott und Einzelwesen, in der Verantwortlichkeit des einzelnen, aber schon beim Zusammenhang von Politik und Religion trennt sich Jesus vom griechischen Denken, das hier einen wesenhaften Zusammenhang herstellte, während Jesus Religion und Politik strikt trennte. Jesu Besonderheit verwundert, denn das Griechentum durchwob Galiläa.
    Mit der Erlernung dieser vermittelten Sprache erlernte Jesus die Vorstellungen jüdischer Rabbiner und griechischer Philosophen gleichermaßen kennen; besonders Platon wurde rezipiert, denn der hatte schließlich den Philosophen den ersten Platz im Staate eingeräumt und die Welt durch einen Demiurgen entstehen lassen.
    Nichtsdestotrotz erstarrte das Judentum nach seiner Rückkehr aus Babylon: Erneuerung sollte eine Rückkehr zum Ursprung bedeuten; revidierte Texte sollten die historisch-sozialen Veränderungen tilgen, eine Rückkehr zum Ursprung ermöglichen, insbesondere nach der Rückkehr aus Babylon. Rituale. Diese Rituale verhinderten das Eindringen Zarathustras wie auch das pantheistischer Gedanken, die aus Griechenland kamen. Daß aber griechische Dämonenvorstellungen ein Thema für die Juden um 300 v.Chr. waren, erhellt uns das Buch Hiob, in dem der Teufel Gestalt erhält. Die Juden waren kein einheitlicher Block, weder politisch noch religiös. Sie besaßen verschiedene Auffassungen über das Leben, über Gott, über politische Systeme. Die Diaspora, die von vielen mit der Zerstörung des Tempels im Jahre 71 durch die Römer in einem Atemzug genannt wird, begann schon lange davor. Bereits im 3. Jahrhundert v.Chr. lebten etliche Juden außerhalb ihres heiligen Landes [4], so daß die viel älteren hebräischen Urtexte des Alten Testaments in die allgemeine Verkehrssprache im Mittelmeerraum übersetzt werden mußten, die Septuaginta.



    Der jüdische Jahwe-Gott (von den Juden als alleiniger und als erwählender Gott beschrieben) ist kein Naturgott, kein Baal, er steht nicht im Dienst der Natur, sondern ist ein ethischer Gott, der Regeln aufstellt, die befolgt werden müssen. Diese Regeln werden durch Propheten verkündet.
    Auf den Messias, der sie – und nur sie! – zu Gott führt, warten die Juden bis heute. Sie glauben daran, daß er ihnen erscheinen müsse, ihnen, dem „auserwählten Volk“. Die ins „verheißene Land“ (Palästina) aus dem Exil in Babylon heimkehrenden Juden blieben spätestens ab 450 v.Chr. (Esra!) unter sich, denn das mosaische Gesetz verbot eine Vermischung mit Nichtjuden. Dennoch muß schon wegen des normativen Bastardisierungsanteil von 5% je Generation, die der Biologe Neumann für die freie Natur feststellte, eine Totalvermischung der Bevölkerung in Palästina zur Zeitenwende ausgegangen werden. In Galiläa, einer gebirgigen Gegend nördlich vom jüdischen Kernland, Jesus‘ Heimat, lag der Anteil der bekennenden Juden zur Zeitenwende bei 3%, also weniger als im Durchschnitt des übrigen römischen Imperiums jener Zeit. Galiläa war für die Kernjuden ein Heidengau, wie der Name galib (hebräisch für Heide) schon sagt.
    166 v.Chr. begehrte Judas Makkabäus gegen die Seleukiden (Herrschergeschlecht in Nahost in der Nachfolge Alexanders des Großen) auf und machte in Jerusalem orthodoxes Judentum wieder möglich. Das bekämpfte die hellenisierten Oberpriester in Jerusalem. Judas Makkabäus unternahm einen Feldzug durch das nördlich Israels gelegene Galiläa, um es Israel zurückzugewinnen, was wohl insofern gelang, als daß er in Galiläa eigene Beamte einsetzen konnte. Doch auch das hielt nicht lange und mit der Ansiedlung von Juden ging das nicht einher. Galiläa fungierte vielmehr als Puffergebiet. Judas Makkabäus hatte erkannt, daß mit der Erringung der Religionsfreiheit innerhalb eines babylonischen Großreiches die Sicherheit der Juden nicht gewährleistet war und kämpfte für die politische Selbständigkeit. Nach langen Kämpfen siegte keiner. Die Makkabäer wollten ein selbständiges Israel, die Seleukiden zerstoben zwischen Parthern, Judäa und Rom. In Galiläa wechselte der Herrscher in den Jahren bis 60 v.Chr. zu oft, als daß von konsequenter jüdischer Missionierung die Rede sein könnte.

    Nicht wenige Forscher nehmen an, daß Galiläa seit Aristobul I. (104-103 v.Chr.) und zuletzt unter Pheroras durch Umsiedlungen und Zwangsbekehrungen judaisiert worden sei. (Reicke) Dagegen ließe sich behaupten, daß dafür erst einmal eine starke Verwaltung dagewesen sein müßte, dann müßte in Galiläa bei der nichtjüdischen Bevölkerung ein Drang dazu bestanden haben, eben das mosaische Glaubensbekenntnis anzunehmen. Wechselnde Herrscher mit unterschiedlichen religiösen Vorstellungen und die Tatsache, daß die Juden selbst Galiläa als „Heidengau“ bezeichneten und abschätzig von den wenigen Menschen dort dachten, werden das mosaische Glaubensbekenntnis nicht eben attraktiver für die Galiläer gemacht haben. [5] Ihr Landstrich bildete eine hervorragende Basis für alle Partisanen: es lag an Durchgangsstraßen, war schwer einzunehmen, bot Unterschlupfe, war fruchtbar und waldreich, dünn besiedelt, die Bewohner waren argwöhnisch und hitzköpfig.
    In wirtschaftlicher Hinsicht ging es unter Herodes und seinem Sohn Herodes Antipas in Galiläa voran. Die beiden organisierten den Bau vieler öffentlicher Gebäude zwischen 40 v.Chr. und 30 n.Chr., auch das wurden keine Gebäude, die jüdischer Tradition, sondern eher welche, die dem hellenistischen Zivilisationsverständnis ihrer Bauherren entsprachen. Galiläa blieb Provinz, ohne wirtschaftliche oder politische Bedeutung; zudem lebten dort bestenfalls 30000 Menschen, einige Freischärler in den Bergen, sonst Bauern und ein paar Handwerker, deren zwein auch Jesus' Vater und er selbst waren: es ist wahrscheinlich, daß sie keine Juden waren, sondern wie die allermeisten der Galiläer, ein Gemisch aus allen möglichen durchziehenden Völkern: Syrern, Babyloniern, Griechen, Römern, Hethitern, Ägyptern, Juden…, was zweierlei erklären würde:


    1. daß Jesus in Jerusalem als Ausländer erkannt wurde, also einer, der nicht in der Lage war, die hebräischen Laute zu bilden, was wiederum darauf schließen läßt, daß er sie nicht muttersprachlich erlernte, wie es einem Juden gemäß gewesen wäre, der die Gebete hebräisch aussprechen muß, nicht aramäisch und
    2. daß Jesus sich wiederholt als „Menschensohn“ bezeichnete.


    Zurück zu historischen Umständen: Fünf Kilometer von Nazareth befand sich die hellenistische Stadt Sepphoris (diese für den Alltag des Jesuskindes wichtige Stadt wird im Neuen Testament nicht erwähnt, was bezeichnend für die Interpolation des Lebens Jesu ist), in der es Banken und Bäder, Theater, ein Gericht, Schulen und allerlei Lustbarkeiten gab. Wahrscheinlich wuchs Jesus in dieser Stadt auf, besuchte dort die Schule und lernte das zivilisierte Leben kennen, zu dem auch der Umgang mit Geld gehörte. Daß Jesus praktische Kenntnisse mit dem Rechtssystem hatte, ist in Lk. 12, 58 nachzulesen. In dieser Stelle wird das Gericht einer Stadt beschrieben, wenn von einem Richter, einem Gerichtsdiener und einem angeschlossenen Gefängnis die Rede ist. Das kann Jesus in Sepphoris erfahren haben, muß aber nicht, denn es ist nicht unbedingt nur hellenistische Rechtspraxis.
    Die galiläischen Juden waren in der Zeit nach Jesu Tod patriotische Freischärler, fester im Glauben und freiheitsliebender als die südlicher lebenden Kernjuden. Sie wurden von diesen verachtet; es gab nicht wenige, die von den Kernjuden aus Dünkel getötet wurden, hingerichtet oder verraten. Ezekia, Menahem, Johannes von Gischala sind Namen damals berühmter galiläischer Freischärler, die samt und sonders an die römischen Besatzer verraten oder von kernjüdischen Prokuratoren hingerichtet wurden. Das Verbrechen dieser Galiläer? „Gott allein ist der Herr, der Tod gleichgültig, die Freiheit eines und alles“, ist von Ezekia überliefert. Es paßte den Kernjuden (Sadduzäern, Essenern, Pharisäern) nicht, daß die Heiden aus dem Norden ihnen hier erklärten, was an Gott zu glauben bedeutet, was Freiheit ist... Sie waren Ausländer, Gojim, keine Auserwählten. Die weit verbreitete Meinung, daß in Galiläa vor allem Zeloten westen, ist sicherlich dadurch naheliegend, daß ein Galiläer namens Judas und ein Kernjude namens Zadok in Galiläa ihre Basislager besaßen; allerdings wollte Jesus nichts mit den Zeloten zu tun haben, die eine kleine Randgruppe bildeten und mit Gewalt messianische Erwartungen zur Wirklichkeit bringen wollten. Das lehnte Jesus ab. In Galiläa fanden sie dennoch Unterstützung, v.a. deshalb, weil hier pharisäische und sadduzäische, auch essenische Bewegungen nicht existierten, da die Kernjuden Galiläa als Ausland betrachteten und aufgrund ritueller Vorschriften dort nicht leben konnten.

    Der Gott, den Jesus lehrt, weil er ihn hat, hat nichts gemein mit den semitischen Göttern, die um ihrer Ehre willen die Feinde ihres Volks und manchmal auch dieses selbst züchtigen, aber auch nichts mit den universellen Mächten, die der fromme Sinn der indogermanischen Völker in der Natur und in sich selbst verspürte, nichts mit den genialen Gestalten des griechischen Glaubens, erst recht nichts mit den weltschaffenden Geistwesen der Philosophen. Er ist einer und Person, fern und nah, offen und unbegreiflich wie der Mensch sich selbst - nur ihm gegenübergestellt als der Hohe, wo der Mensch niedrig, als der Reine, wo der Mensch sündig ist. Erst nun ist Gott der, vor dem der Mensch sich nicht verstecken kann, ohne daß er doch durch diese Offenheit die Würde seiner Seele verlöre. (Freyer II, S. 567.)
    Das Verhältnis zwischen Galiläern und Kernjuden läßt sich mit dem früheren Verhältnis von Deutschen und Franzosen vergleichen: man stelle sich vor, ein Franzose würde sich als Franke bezeichnen und den Deutschen erklären, was deutsch sei. Das würden die Deutschen nicht ernst nehmen. Es würde schon ein wenig bizarr wirken, wenn ein Deutscher im umgekehrten Falle nach Frankreich ginge, in Paris ein Sauerkraut-und Bötel-Restaurant aufmachte und die Franzosen in seinem deutschen Akzent darüber belehrte, wie man kochen und essen müsse. Die Franzosen würden wahrscheinlich unfreundlich reagieren.

    Das Aramäische der Galiläer ist eine dem Hebräischen der Thora (Altes Testament) ähnliche Sprache und war auch seinerzeit Verkehrssprache in Palästina. Altjüdische Rabbiner aber betrachteten das Aramäische als Sprache der Heiden und bedachten diejenigen, die es sprachen, mit der entsprechend abfälligen Achtung. In Judäa erkannte man den Galiläer an seiner Aussprache als Fremden. Mosaische Galiläer wurden beim Vorbeten nicht zugelassen, weil ihre Aussprache Lachen erregte. Man stelle sich einen Chinesen in einer deutschen Kirche vor, der sagen müßte: HERR, GROßE KRÄFTE TRAGE HIER MIT MIR. Das hörte sich folgendermaßen an: Hell, gloße Kläfte tlage hiel mit mil. In der Bibel liest sich das so: „Nach unserem Gesetz können wir keinen verurteilen, ohne daß wir ihn verhört haben. Erst muß festgestellt werden, ob er sich strafbar gemacht hat. – Du kommst anscheinend auch aus Galiläa“, erwiderten sie. „Lies die heiligen Schriften genauer, dann wirst du sehen, daß aus Galiläa niemals ein Prophet kommen kann.“ (Johannes 7, 52) Andernorts wird es noch deutlicher, wie strenggläubige Juden das Erscheinen Jesu bewerteten: „Der Retter kommt doch nicht aus Galiläa! In den heiligen Schriften steht, daß er von David abstammt und in Bethlehem geboren wird, wo David lebte.“ (Johannes 7, 42)
    Der Galiläer war in der Lage, sieben verschiedene Zungenlaute zu bilden, aber nur sechs echte Gutturale (Gaumenlaute). Der Judäer dagegen konnte zehn Gutturale bilden. Der Galiläer konnte nur einen Hauchlaut bilden, der Judäer dagegen fünf. Als Jesus in Jerusalem vor den Kernjuden sprach, erkannten sie an seiner Aussprache, daß er kein Prophet sein dürfe, und wir wissen, daß in den meisten Fällen nicht sein kann, was nicht sein darf. Sie verstanden nicht alles, was Jesus sagte, weder phonetisch noch semantisch. Jesus galt ihnen nicht als einer der ihren. Sie schlossen ihn aus.
    Jesus reagierte mit der Selbstbezeichnung „Menschensohn“ auf seine Ausschließung. Er nahm schlichtweg einen Paradigmenwechsel vor. Gottes Wort war fortan nicht für ein erwähltes Volk, wie das noch im Alten Testament behauptet wurde, sondern konnte von allen Menschen gehört werden. Die Juden konnten und wollten das nicht akzeptieren und opferten ihn, als sie die Möglichkeit hatten, ihn, den Fremden, um den eigenen, den Kernjuden Barnarbas, zu retten, der ihnen eine sehr viel verständlichere Version des kommenden Reichs versprach: Tod den Römern!
    Aber Jesus griff den Kern des Judentums nicht nur durch den Entzug der Exklusivität an, sondern traf es auch dadurch bis ins Mark, daß er rituelle Gewohnheiten hinterfragte. Er lehnte es ab, eine bestimmte Fastenordnung aufzustellen: Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn der Lappen reißet doch wieder vom Kleid, und der Riß wird ärger. (Matth. 9,16) Das bezieht sich auf die Frage der Jünger, warum sie nicht wie die Juden fasteten und sich nicht des Fleisches enthielten.

    Die neue Lehre verträgt die alten Rituale eben nicht, das Fasten gehört zum alten Glauben. Ähnlich Lukas 5, 33. Das Fasten ist nicht dazu angetan, ein gutes Werk abzugeben; allerdings verbietet Jesus das Fasten auch nicht. Das soll jeder mit sich und seinen Stimmungen ausmachen; wenn einer glaubt, durch Fasten die Welt besser zu machen, auch sich selbst gesundheitlich zu reinigen, dann solle er es tun.
    Jesus kennt die Geheimnisse unserer Seele, weiß, daß es hartnäckige Geister, Wünsche, Zynismen im Menschen gibt, die durch Übungen und Beschwörungen, Konzentrationen im Wort, ausgetrieben werden können. Wer die Macht über das Wort hat, hat die Macht über die Welt, heute wie damals. Das gesprochene Wort wird zur Macht: Politiker, Ärzte, Lehrer, Werbefachleute, Schriftsteller...
    Jesus nun hat für Ostern, Pfingsten, Weihnachten keine Fastenzeit angeordnet, das war fürderhin Angelegenheit der Kirche, die hier soziale und hygienische Aspekte benutzte. Zu festgelegten Zeiten mußte auf etwas verzichtet werden, gefastet werden. Das reinigt den Körper und führt zu einem höheren Lebensgenuß – wenn die Fastenzeit mit einem Fest beendet wird. Man nimmt hierfür Jesu Aufenthalt in der Wüste zum Anlaß. Auch glauben viele, da manche der urchristlichen Gemeinden – Satorniler, Mareiten oder Ebioniten seien genannt – zumeist vegetarisch orientiert waren, daß Jesus das auch gewesen sein muß.
    Die sexuelle Enthaltsamkeit dagegen wird von allen betont, wenngleich es hierbei auch Differenzierungen gibt, wohl auch allerlei Wunschdenken. semnothz und agneia wird es beschrieben. Das bedeutet: ehrenvoll handeln, Würde ausstrahlen; agneia bedeutet „ohne Weib sein“, „ledig sein“. Aber bedeutet das auch, sexuell enthaltsam gelebt zu haben, fleischliche Genüsse gemieden zu haben?
    Verstiegene Evangelisten wie der Apokryphiker Julius Cassianus behaupteten, Jesus habe die Selbstkastrierten selig gepriesen. (Klemens von Alexandria; III 13,91) Das hätte Jesus, sofern er in die Gelegenheit gekommen wäre, sicherlich getan, aber in diesem Falle tat er es nicht, weil sie sich selbstbestimmt durch Kastration der Fortpflanzung entzogen, sondern weil Jesus alle Menschen als Kinder Gottes pries, auch Ausgestoßene und Entwurzelte, auch körperlich Versehrte; gerade die! Andererseits soll Jesus Salome auf deren Frage nach dem Ende der Herrschaft des Todes geantwortet haben, daß erst das Ende des Gebärens das Ende des Todes mit sich bringe.

    „Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: 'So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen.' Da antworteten sie ihm: 'Wir sind Abrahams [Stammvater der Juden] Samen, sind nie keinmal jemandes Knechte gewesen; wie sprichst du denn: '“Ihr sollt frei werden?“' Jesus antwortete ihnen und sprach: 'Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. Der Knecht aber bleibet nicht ewiglich im Hause; der Sohn bleibet ewiglich. So euch nun der Sohn freimachet, so seid ihr recht frei. Ich weiß wohl, daß ihr Abrahams Samen [Nachfahren] seid; aber ihr suchet mich zu töten, denn meine Rede sähet nicht unter euch. ich rede, was ich von meinem Vater gesehen habe; so tut ihr, was ihr von eurem Vater gesehen habt.' Sie antworteten und sprachen zu ihm: 'Abraham ist unser Vater.' Spricht Jesus zu ihnen: 'Wenn ihr Abrahams Kinder wäret, so tätet ihr Abrahams Werke. Nun aber suchet ihr mich zu töten, einen solchen Menschen, der ich euch die Wahrheit gesagt habe, die ich von Gott gehört habe. Das hat Abraham nicht getan. Ihr tut eures Vaters Werke.' Da sprachen sie zu ihm: 'Wir sind nicht unehelich geboren [Anspielung darauf, daß Jesus der Sohn Marias ist, die für die Juden eine Hure war]; wir haben einen Vater, Gott.' Jesus sprach zu ihnen: Wäre Gott euer Vater, so liebetet ihr mich; denn ich bin ausgegangen und komme von Gott; denn ich bin nicht von mir selber gekommen, sondern er hat mich gesandt. Warum kennet ihr meine Sprache nicht? Denn ihr könnt ja mein Wort nicht hören. Ihr seid von einem anderen Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun. Derselbe ist ein Mörder von Anfang und ist nicht bestanden in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und ein Vater derselben. Ich aber, weil ich die Wahrheit sage, so glaubet ihr mir nicht. Welcher unter euch kann mich einer Sünde zeihen? So ich euch aber die Wahrheit sage, warum glaubet ihr mir nicht? Wer von Gott ist, der höret Gottes Worte; darum höret ihr nicht, denn ihr seid nicht von Gott.'... Da hoben sie Steine auf, daß sie auf ihn würfen. Aber Jesus verbarg sich und ging zum Tempel hinaus.“ (Johannes 8, 31-59.)

    Nun ist das auch nicht weiter verwunderlich, wie die ersten Christen (bis ins dritte Jahrhundert hinein meist Gnostiker) ihren Heiland beschrieben: er müßte schlichtweg nach ihren Vorstellungen ohne Schuld und Sünde sein, ein reiner und unbefleckter Licht-Mensch, eben das, was sie darunter verstehen zu müssen glaubten. Aber wir wollen und müssen das nicht für bare Münze nehmen, was hier als Jesusbild durch die Jahrhunderte geisterte. Wir wollen statt dessen aus dem Munde des Meisters hören, ob er diesem Bild entsprach: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.“ (Markus 10,18 resp. Lukas 18,19) Jesus ist kein sündenfreier Gott, sondern ein Menschensohn, ein Mensch, der erst nach der Taufe im Jordan seine Mission erfüllt, aber nicht ohne Sünde oder sexuelle Freuden (was nicht das gleiche ist!) lebt, jedenfalls nach dem, was gnostische oder keuschheitsgeile Epigonen der Lehre Jesu nach seinem Tode dazu erklärten oder was in der Vorstellung der jüdischen Tradition als Reinheitskredo galt.
    Aus all dem erhellt, daß viele Juden eher ein Interesse daran haben konnten, Jesus aus dem Wege zu räumen als daran, ihn als das anzusehen, was er eigenem Ermessen nach zu sein vorgab: der Messias, der Erwählte zur Rettung der Welt. Und das bringt uns zu weitreichenden welthistorischen Fragen um den Tod des Messias: Sind die Juden schuld am Tode Jesus'? – Im Mittelalter wurden sie ganz eindeutig als Tätervolk gebrandmarkt. Heute tut man sich schwer damit, Juden als ursächlich Schuldige an der Anzeige und Verurteilung Jesus' zu benennen. Eine Kollektivschuld ist hier aber nicht von der Hand zu weisen; zwar waren es einzelne Juden, die anzeigten, aber eine vieltausendstimmige Entscheidung zugunsten Barrabas' belegt, daß die Kirchenoberen ihre Leute diesbezüglich eingeschworen hatten, kann aber auch so gedeutet werden, daß der gemeine Jude in Jesus eher eine Bedrohung als einen Heilsbringer sah. Das bedeutete für Jesus den Tod, den die Masse forderte, das Kollektiv.

    Thesen:


    1. Jesus mußte als Konkurrent ausgeschaltet werden, denn er kündigte sein Kommen als das desjenigen an, der gekommen sei, das Wort zu erfüllen. Das war eine klare Kampfansage an die obwaltende Auslegung der Schrift durch die Oberpriester in Jerusalem.
    2. Die Römer hatten kein Interesse an einer Tötung Jesus' (er war einer von vielen Propheten, den sie als Gefahr für ihre politische Macht nicht ernst nahmen), was dadurch belegt werden kann, daß sie ihn aus ihrem Amtsbezirk zu Herodes schicken ließen. Erst die Androhung eines Aufstandes, den die Oberpriester bei Weigerung der Römer, Jesus zu kreuzigen, androhten, ließ sie umschwenken.


    Einige Aspekte gegen die These einer jüdischen Kollektivschuld: Die Anklage, das jüdische Volk habe Gott ermordet, entstammt frühchristlicher Tradition. Sie ist nachweisbar bei Bischof Melito von Sardes aus der Mitte des 2. Jahrhunderts („Gott ist getötet worden, der König Israels beseitigt worden von Israels Hand“) und gehört zum festen Arsenal christlicher Judenfeindschaft.

    Das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils „über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“ von 1965, nostra aetate, nahm die im Vorwurf des Gottesmordes geäußerte These der jüdischen Kollektivschuld zurück, hielt aber weiter an der Aussage fest, die jüdischen Obrigkeiten hätten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen.

    Im Wortlaut liest sich das so: Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben (Joh. 19, 6), kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen. Gewiß ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht. Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben. Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen.

    Der Inhalt der vier neutestamentlichen Evangelien bestätigt, daß das von der jüdischen Führung aufgepeitschte Volk den Tod Christi verlangte. Allerdings sind die Evangelien zuerst Werbeschriften für das Christentum und keine auf Exaktheit bedachte historische Berichte. Zudem bestand für die Frühchristen ein Abgrenzungsverdikt gegenüber den Juden. Als Historiker interessiert uns der Ursprung: welches Evangelium ist das älteste? Hierfür ergab die Forschung: Matthäus, Lukas und in einem geringeren Maße Johannes benutzten das Markusevangelium.
    Die Leidensgeschichte des Markus wird vorbereitet aufgrund dreier Leidensweissagungen Jesu, die das Evangelium strukturieren. Ihr antijüdischer Inhalt: Jesus zieht nach Jerusalem, um (!) von den Juden zu Tode gebracht zu werden. Die Hohepriester verweigern Jesus die Gefolgschaft und liefern ihn der weltlichen Macht aus, Rom. Pilatus, der Arm der weltlichen Macht, will Jesus loswerden und sich nicht von den Hohepriestern vereinnahmen lassen, zumal er „erkannte, daß ihn die Hohepriester aus Neid überstellt hatten“ (Markus 15, 10). Pilatus kann sich nicht durchsetzen. Als er erkennt, daß das jüdische Volk die Kreuzigung Jesu verlangt, nimmt er Wasser, wäscht sich vor dem Volk die Hände und sagt: „Ich bin unschuldig an diesem Blut; seht ihr zu!“ Aber die aufgeputschte Menge läßt nicht locker. Die Hohepriester drohen Pilatus nicht nur mit Aufstand, sondern bezweifeln Pilatus‘ Treue zum Kaiser, solange er in Palästina einen selbsternannten König dulde. Um Jesus loszuwerden, schrecken sie nicht einmal davor zurück, den messianischen Anspruch der Juden preiszugeben. Sie unterwerfen sich dem heidnischen Kaiser: „Wir haben keinen König außer dem Kaiser.“ (Joh. 19, 15) Pilatus muß sich geschlagen geben, denn täte er das nicht, würde er die Macht seines Herrn, des Kaisers, anzweifeln. Also tut er, was die Hohepriester und das jüdische Volk ihn heißen - anders hier erklärt.
    Die Juden bildeten wie eh und je keine homogene politische Einheit. Das mit dem Hochkommen der Makkabäer aufkommende jüdische Staatsbewußtsein trat in den Gegensatz zum geistlichen Wesen der jüdischen Gemeinde. Die Sadduzäer regierten und vertraten pragmatische Grundsätze: sie arrangierten sich mit der Macht resp. den Mächtigen. Dagegen traten die Pharisäer auf, die eine strikte Trennung von Religion und Alltäglichem forderten, die Macht des Wortes der Macht politischer Willensbekundung vorzogen. Die Pharisäer wollten nur dem mosaischen Gesetz leben, die regierenden Sadduzäer dagegen die politische Macht sichern/erringen, um dann erst den jüdischen Staat aufbauen zu können. Die Römer schlugen sich auf die Seite der Sadduzäer, die in Gestalt des Herodes aus dem Hause der Idumäer mit ihnen paktierten. Herodes versuchte, klug zu sein und verband sich nicht nur mit den Römern, sondern auch ehelich mit der pharisäischen Hasmonäerin Mariamme. Die Römer ihrerseits betrieben keine konsequente Politik. Mal bestimmten sie einen König, dann wieder nahmen sie ihm die Verwaltung weg und ließen einen Statthalter mit weitgehenden Befugnissen walten, dem sie dann doch wieder die Flügel stutzten.
    Die Juden trugen im Schatten der politisch Mächtigen ihre Grabenkämpfe aus, ein Opfer davon war Jesus Christus. Die Römer waren generös genug, den Juden die Kaiserverehrung als Gott zu dispensieren, allerdings zeigt sich hier wieder das Phänomen, daß das Reichen des kleinen Fingers meist zum Greifen nach der ganzen Hand führt. Die Spannungen im Land stiegen, die Juden waren nicht bereit, sich der römischen Herrschaft zu beugen, wahrscheinlich ist, daß sie den Dispens für ein Zeichen der Schwäche gegenüber ihrem einzigen Gott sahen, der ihnen im Falle einer Auflehnung gegen die heidnische Herrschaft beistehen würde. Der Aufstand war somit religiös motiviert, aber richtete sich nicht gegen die Praxis der römischen Verwaltung. Die Juden wollten sich nach langen Jahren politischer Unselbständigkeit von der Fremdherrschaft befreien. Sie erhoben sich in Palästina, vereinzelt auftretende Scharmützel weiteten sich aus, bis ganz Palästina ein einziger Brandherd war, und erschlugen die Heiden, wo sie ihrer habhaft werden konnten. Die Heiden wehrten sich und erschlugen dort, wo sie die Mehrheit bildeten, die Juden. Im Jahre 70 drangen die Römer unter ihrem Feldherrn Titus bis Jerusalem vor, verbrannten den Tempel und lösten die jüdischen Gemeinden in Palästina auf.
    Es entspricht allerdings einer heute gängigen Legendenbildung ums Judentum, wenn behauptet wird, daß mit der Zerstörung des Tempels der Anfang der Diaspora zu sehen sei. Bereits vor der Zerstörung des Tempels lebten weit mehr als 5/6 Anhänger des mosaischen Glaubensbekenntnisses außerhalb Palästinas.


    Aufgaben:


    1. Fasse die wichtigsten Daten der Geschichte Israels bis zur Zeitenwende zusammen! (I)
    2. Setze dich mit der Auffassung im Text auseinander, daß Galiläa ein Heidengau gewesen sei! Welche religionshistorischen Folgerungen müßten aus dieser These gezogen werden? (III)
    3. Beschreibe das Verhältnis zwischen Juden und Galiläern! (I)
    4. Setze dich mit der These der jüdischen Kollektivschuld am Tode Jesus auseinander! (III)
    5. Stelle Sadduzäer den Pharisäern gegenüber und vergleiche ihre Ziele und Methoden! (II)
    6. Nenne die Ursachen der Erhebung der Juden gegen Rom! (II)




    [1] Dieser Tempel war der religiöse Mittelpunkt des Judentums, der einzige Ort, wo die Juden religiöse Zeremonien durchführen durften. Erst Nehemia und Esra ließen den Bau von Synagogen zu: „Unter König Josia [judäischer König um 640 v.Chr.] war es ein Glaubensartikel der Judäer gewesen, daß die gottesdienstliche Verehrung Jahwes nirgendwo anders als im Tempel von Jeruslaem vorgenommen werden durfte. Die Zerstörung dieses Tempels [durch die Babylonier] und die Verbannung der jüdischen Oberschicht nach Babylonien hatte die Erbpriesterschaft bis zum Wiederaufbau des Tempels und die Wiederaufnahme des Gottesdienstes darin ihrer Funktion beraubt. Die Synagoge war die neue Institution, die diese Lücke füllte, und wenn es sie nicht gegeben hätte, wären die 4600 Exilierten und ihre Nachkommen ihrer Einheit und Eigenheit so unwiederbringlich beraubt worden wie die Nachkommen der 27290 Israeliten, die nach Medien verbannt worden waren. Die Synagoge war ein wöchentlicher Treffpunkt, wo die Gesetzesbücher (die Thora) und die Bücher der Propheten gelesen und diskutiert wurden.“ (Toynbee, S. 175.)

    [2] Ein Fluchtpunkt markiert einen historischen Augenblick, der zu einer Wende für einen Staat, ein Volk oder eine Region führte, die unumkehrbar war. Ab diesem Augenblick wird die Welt mit anderen Augen zu betrachten sein. Fluchtpunkte der Weltgeschichte: die Erscheinung Jesu, die Entdeckung Amerikas, der Sturm auf die Bastille, die Machtergreifung der Nationalsozialisten, der Fall der Berliner Mauer. . .

    [3] „Die religiöse Toleranz und der politsiche Liberalismus der persischen Könige versöhnten die Völker von Syrien, die erst den assyrischen und dann den babylonischen Eroberern so tapfer standgehalten hatten: den Phöniziern, Samaritanern und Juden erschienen die Perser als Befreier.“ (Toynbee, S. 171.)

    [4] Man rechnet etwa 7% Juden im Römischen Reich, zu Zeiten Jesus also 5 Millionen, davon höchstens eine Million in Palästina.

    [5] Der Theologe Bauer wies nach, daß in Galiläa auch zu Jesu Zeiten die meisten Bewohner Heiden waren.




  • 16.08.14, 19:54
    aerolith

    41 Meter täglich

    Der Zug des Moses aus Ägypten, wie er im AT dargestellt wird (600000 Mann plus Troß plus fremdes Volk etc.pp., im ganzen umme drei Millionen Menschen), soll aus logistischen Gründen so nicht stattgefunden haben können.
    Meint zumindest der Logistiker Jürgen von Strauwitz jüngst in der Zeitschrift Zeitensprünge. (1/2014 im www.mantis-verlag.de) Er meint, es seien so umme 600 Zöglinge gewesen, die die 600 Kilometer bis Palästina in den vierzig Jahren schafften, also 41 meter am Tag zurücklegten.

    Immerhin!
  • 26.06.07, 18:32
    aerolith

    Diaspora

    Die Diaspora begann nicht, wie es in vielen Geschichtsbüchern vermittelt wird, mit der Zerstörung des Tempels im Jüdischen Krieg (um 70), sondern bereits mit dem Ende der babylonischen Gefangenschaft. Zahlreiche vor allem reiche Juden zogen es vor, in Babylon wohnen zu bleiben, statt ins umkämpfte und sehr viel zivilisationsärmere palästinische Mutterland zurückzukehren. Auch wanderten lange vor der Zerstörung des Tempels sehr viele Juden aus Israel aus und siedelten sich u.a. in Rom an. Noch im Jahre 1 bat eine Gruppe einflußreicher jüdischer Geschäftsleute den römischen Imperator, mit dem politischen System in Judäa Schluß zu machen und dort römische Verhältnisse einzuführen. Zu dieser Zeit lebte bereits eine Million Juden im Gebiet um Alexandria, ausgestattet mit allerlei Rechten: unter anderem befreit vom Militärdienst und außerdem befreit von religiösen Pflichten.

    Das Bild, das uns in vielen Filmen von dem religiösen Zwang unter Tiberius mitgeteilt wird, steht auf einer Lüge.

    Die Christenverfolgung, die erst eigentlich die christliche Gemeinde von den Juden schied, war von Juden initiiert worden; wer will das heute schon noch glauben oder wahrhaben? Das ist politisch nicht korrekt. Statt dessen wird das Nero in die Schuhe geschoben, der hier bloß ausübendes Organ war, benutzt wurde. Nero besaß einen Lieblingsschauspieler, den Juden Alityrus, der wollte wie seine Glaubensgenossen in der jüdischen Gemeinde die unliebsamen Christen loswerden und bediente sich der Gemahlin Neros, Poppäa, die selbst Mitglied der jüdischen Gemeinde Roms, obwohl keine Jüdin, war, aber die Mitgliedsbestimmungen waren damals lockerer. Beide, Alityrus und Poppäa, sind die Urheber der grausamen Christenverfolgungen, die Nero vornehmen ließ, aber Nero wäre wohl kaum auf die Idee gekommen, die Christen zu benutzen. (siehe auch: Neumann: Der römische Staat und die allgemeine Kirche. 1890)

    Doch zurück zum Anfangsgedanken der Diaspora: Spätestens seit der Gründung Israels nach dem letzten Weltkrieg sollte klargeworden sein, daß kein Jude notgedrungen außerhalb seiner Heimat leben muß; die meisten Auswärtigen wollen das und ziehen ein Leben im Westen dem in Israel vor.

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